Die Neonazis bemühen sich zur Zeit nach Kräften, den wachsenden Protest gegen die globale Kriegspolitik der US-Regierung umzudeuten und zu missbrauchen als Votum für "nationale Selbständigkeit" und die Bekämpfung Israels. Den Neonazis an die Seite treten selbsternannte Verteidiger der Werte des Westens und Israels, denen Widerstand gegen die Politik der Bush-Regierung immer auch Anti-Amerikanismus und ineins Antidemokratismus und Antisemitismus bedeutet. Wer gegen die Bush-Regierung ist, erweist sich damit eo ipso als Antisemit - so der Versuch einer exemplarischen Beweisführung des Berliner Politologen Lars Rensmann. ("Alte" und "neue" Formen des Antisemitismus. In: Gruppe Offene Rechnungen: The Final Insult. Münster 2003, S. 159ff)
Rensmann hält die "Annäherungen und Wahrnehmungsformen ... der neo-nationalsozialistischen ... und der anti-imperialistischen Teile der radikalen Linken" für "frappierend - bisweilen bis zur Ununterscheidbarkeit". Der Beleg: "Wie Horst Mahler auf seiner website wähnt sich auch Conrad Schuhler in der linken Monatsschrift 'Konkret' bereits inmitten eines 'Dritte-Welt-Krieges', den die USA und Israel begonnen hätten (Mahler) respektive, so Schuhler in dessen apokalyptischer Phantasie, die USA gegen die 'Dritte Welt' führten." Das zierliche "respektive" hat es in sich. Ob die USA und Israel einen Krieg gegen die Welt begonnen haben, oder die USA mit ihrem "Krieg gegen den Terror" den armen Ländern den permanenten Waffengang androhen - das ist "respektive" das selbe. Da der Kritiker bei Schuhler nicht nur hier "apokalyptische Phantasie", sondern an anderer Stelle gar ein "topologisches Wahnsystem" ausmacht, sei ihm das Studium der amtlichen Dokumente der US-Regierung und der Reden seiner führenden Repräsentanten empfohlen. "Der liebe Gott", sagt Vizepräsident Dick Cheney, "hielt es nicht für angebracht, Erdöl und Erdgas nur dort hinzutun, wo es demokratisch gewählte, den USA freundlich gesinnte Regierungen gibt. Gelegentlich müssen wir in Gegenden operieren, wohin man bei Lichte besehen normalerweise nicht freiwillig gehen würde. Aber wir gehen dorthin, wo es Geschäfte zu machen gibt." Im "US National Energy Policy Report" wird empfohlen, "dass der Präsident der Sicherung der Energievorräte in unserer Wirtschafts- und Außenpolitik Vorrang einräumt". In der Nationalen Sicherheitsstrategie der Bush-Regierung wird dies als strategische Aufgabe begriffen, die im Zweifel den präventiven Einsatz auch von Atomwaffen "in jeder dunklen Ecke der Welt" (Bush) verlangt.
Um Mahler und Schuhler auf eine Stufe zu stellen, scheut Rensmann keine Unredlichkeit oder Fälschung. "Der 'linke' antiimperialistische Volksgruppen-Theoretiker Schuhler, der sich selbst wie Horst Mahler für 'sozialistisch-nationalrevolutionäre Alternativen' einsetzt oder deren Wegfall bedauert.." (Rensmann, a.a.O., S. 185) Im gesamten Schuhler-Artikel findet sich weder der Begriff vom "Volk" noch der von "Volksgruppen". Er wird hier nur zum "Volksgruppen-Theoretiker" ernannt, um eine Nähe zum Neonazi Mahler zu suggerieren. Ebenso miserabel ist die Lüge von der gemeinsamen Vorliebe für "sozialistisch-nationalrevolutionäre Alternativen". Im Original bei Schuhler liest es sich so: "Der Wegfall des Realsozialismus, die Diskreditierung sozialistisch-nationalrevolutionärer Alternativen und die Verriegelung der politischen Arena in den überwiegend autoritär geführten Ländern bringt die Opposition dazu, sich andere Wege zu suchen." Hier wird der Wegfall der angeführten Faktoren nicht "bedauert", sondern das Fehlen "politischer Ventile" konstatiert, wodurch sich eine Hinwendung oppositioneller Kräfte zum Terror verstärkt.
Einen einzigen Satz zitiert Rensmann korrekt: "Osama Bin Laden hatte seiner Terrorbotschaft bekanntlich zwei Ziele mitgegeben: staatliche Autonomie für die Palästinenser und die Nutzung des arabischen Öls für und durch die Araber selbst." Die "wirklichen eigenen Aussagen" Bin Ladens aber, sagt der Kritiker, seien, "jeden Juden oder Amerikaner auf der Welt zu töten". Dies würde als "falscher Schein" abgetan, dem die "wahren, guten Motive" entgegen gestellt würden. Keineswegs - der Terror wird ausdrücklich festgestellt und hinzugefügt, dass dieser Terror der genannten politischen Zielsetzung zugeordnet ist, die übrigens genauso "wirklichen eigenen Aussagen" Bin Ladens entspricht wie die terroristischen Drohungen gegen Juden und Amerikaner. Den Hinweis auf die politischen Zwecke für eine Leugnung - oder eine Rechtfertigung - der terroristischen Mittel zu halten, ist absurd.
Nach dem Ausflug ins bloß Unbegriffene kehrt Rensmann schnell zurück zur Methode der unverschämten Fälschung. Die "bürgerliche Demokratie (Plutokratie)" erscheine in Schuhlers Weltbild immer als großes Übel. "Die Propaganda der westlichen Medien ist laut Schuhler sogar so böse, dass sie den friedliebenden 'islamischen Fundamentalismus unter Generalverdacht' stellt; dabei will der doch nur ein bisschen Scharia und ein paar tote Juden." Es ist aber weder von bürgerlicher Demokratie noch von Plutokratie noch von der Propaganda der westlichen Medien die Rede, sondern vom militärischen und ideologischen Konzept des "Kriegs gegen den Terror". Dass die Ideologen dieses Konzepts den islamischen Fundamentalismus unter Generalverdacht stellen, sollte sogar ein Politologe wissen. Der Begriff "friedliebend" ist von Rensmann zum "islamischen Fundamentalismus" hinzu gedichtet, ebenso wie der Zusatz, der wolle doch nur ein bisschen Scharia und ein paar tote Juden. Da der wissenschaftliche Kritiker in dem gesamten Absatz nur Schuhlers Konkret-Artikel als Quelle angibt und ständig so tut, als zitiere er direkt oder indirekt aus diesem Machwerk, muss der Leser auch diese Dichtungen als die rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Wesenszüge des "linken Antiimperialisten" auffassen.
Dieses Fälschertum findet seinen Höhepunkt in der Schlussapotheose, die zu der Folgerung gelangt, der alle vorherigen Tricks und Unwahrheiten den Weg ebnen sollten: "Die Verharmlosung des Al-Kaida-Terrors und das Verleugnen seines antisemitischen Kerns verrät die eigene antisemitische Disposition, die Morde an Juden für ein legitimes Mittel im Kampf für 'Autonomie' und 'arabisches Öl' hält." Zuvor hat der Analytiker noch die smoking gun, den schlagenden Beweis des Antisemitismus des Antiimperialisten entdeckt. Schuhler spreche nämlich davon, die USA wollten "die ganze Welt" vernichten, "die USA wollten nur vernichten, sie sind der Aktor eines 'Vernichtungskriegs' im Nahen Osten, im Iran, Syrien, Libyen.." Und daraus ergibt sich der endgültige Befund des psychoanalytischen Sachverständigen: "Die Vokabel der Vernichtung verrät unzweideutig das erinnerungsabwehrende Motive des anti-imperialistisch räsonnierenden Autors."
Alles gelogen. Die das Unzweideutige verratende Vokabel Vernichtung kommt im Text Schuhlers überhaupt nicht vor, auch nicht der "Vernichtungskrieg", ebenso wenig, dass die USA die ganze Welt vernichten wollten. Vielmehr zitiert Schuhler aus der Nuclear Posture Review (NPR - die aktualisierte Atomkriegsstrategie der US-Regierung), worin ausdrücklich als potenzielle Ziele von US-Atomschlägen Lybien, Syrien, der Irak und Iran wie auch Russland und China genannt werden. Weiter heißt es dann: "Da zur NPR auch der Aufbau eines Schutzschildes um die USA gegen angreifende Nuklearraketen gehört, lautet die allgemeine und glaubwürdige Botschaft der Supermacht, die das Wort führt für den globalen Kapitalismus: Fügt euch oder wir vernichten euch - wir selbst sind unverwundbar."
Mr. Bush würde mir zustimmen, dass dies die Botschaft ist. Und jeder nachdenkliche Israeli würde sich verbitten, dass sein und seines Landes Schicksal gekoppelt werden an die Bush-Strategie der globalen Kontrolle durch die US-Militärpolizei.
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