1. Die Klimazerstörung schreitet fort, offensichtlich unaufhaltsam

Grafik 1 zeigt die weltweite Entwicklung der CO2-Emissionen aus der Verbrennung von fossiler Energie und aus industriellen Prozessen (v.a. Zementproduktion) in der langen Frist seit 1850 bis heute.

Grafik 1: Dramatische Entwicklung der CO2-Emissionen

Eine Erwärmung um 1,1 °C haben wir nach den aktuellen (diesjährigen) Berichten des IPCC [1] schon erreicht, drei Viertel des Weges bis zu den 1,5 °C [2] also in jahrzehntelanger Emission zurück gelegt. Es geht jetzt immer schneller. Da die Emissionen träge und verzögert wirken, haben wir jetzt schon mehr als die 1,1 °C bewirkt. Die 1,5 °C sind uns sicher.

Es ist nicht so, dass wir mit unverminderter Geschwindigkeit auf die Klimakatastrophe zurasen, sondern wir erhöhen diese Geschwindigkeit noch. Spätestens seit 1990 wissen wir von den ungeheuren Risiken, die da auf uns zukommen. Aber auch in den Jahrzehnten danach und bis heute emittieren wir, ganz kurz nur unterbrochen durch die schwersten Wirtschaftskrisen, immer noch mehr Treibhausgase, jedes Jahr eine höhere Menge. Es ist dümmer, als mit Vollgas auf der Autobahn in eine Nebelwand hineinzurasen – das könnte ja noch gut ausgehen.

Schon das Konstant-halten, das Nicht-weiter-ansteigen-lassen der Treibhausgasmengen schaffen wir nicht: All die großartigen Klimaschutzversprechen der Länder auf der Pariser Konferenz 2016 und danach würden nichts weiter bewirken als nur kein zusätzliches Ansteigen. Aber sogar das Einhalten dieser Versprechungen für die Zukunft besitzt nach allgemeiner Einschätzung nur eine geringe Eintritts-Wahrscheinlichkeit.

Und erst recht die tatsächliche Änderungsnotwendigkeit unseres weltweiten Emissionsverhaltens, wenn wir die 1,5 °C bis zum Ende dieses Jahrhunderts wahren wollen. Wie an der Grafik 1 zu sehen ist, erfordert das eine derart fundamentale Umkehr unseres Verhaltens, dass das unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen schlicht nicht vorstellbar ist (zugrunde liegend: Modellrechnungen des IPCC, S. 56). Künftig immer unter der 1,5-°C-Linie bleiben, das ist sowieso passé: Keine Studie hält das für möglich, jede Studie geht davon aus, dass die 1,5-°C-Linie zwischenzeitlich definitiv überschritten wird, und nur anschließend per "negative Emissionen" [3]) eventuell wieder erreicht werden könnte. Und niemand weiß wirklich, was genau passiert, wenn wir die 1,5 °C überschreiten: um 0,2 °C oder um 0,5 °C oder um 1,5 °C? Aber sie sind eine wunderbare Ausrede, die "negativen Emissionen": Ist ja so einfach und geht bestimmt gut, weil wir ja alle Emissionen irgendwann später leicht wieder zurückholen können.

Wasserstoff ist momentan der Hype schlechthin, der gefeierte Gamechanger, der zukünftig einfach alles möglich macht und daher jedes heutige Versagen heilt. Und "Technologieoffenheit" heißt das Zauberwort, das erlaubt, die Hände weiter in den Schoß zu legen und die Zukunft einfach dem Markt anzuvertrauen.

Dabei ist die Klimageschichte ja noch nicht alles, womöglich nicht mal das Schlimmste. Die fortdauernde Erosion des Bodens, die laufende Verschlechterung der Bodenqualität, das Ende der Bodenschätze von Metallen und Mineralien: das könnte die Menschheit womöglich noch viel ärger treffen.

Das Kohlenstoffbudget und seine schnelle Ausschöpfung

Naheliegenderweise steigt die Temperatur umso schneller, je mehr Treibhausgase emittiert werden. Für das konkrete Ausmaß dieser Beziehung sind

  • die sehr unterschiedlichen Wirkungen der verschiedenen Treibhausgase nach Stärke und zeitlicher Ausdehnung zu beachten,
  • sowie die schwer überblickbare Fülle an Nebenwirkungen, Rückwirkungen, Verstärkungen (Kipppunkte, etwa der auftauende Permafrost).

Nachdem wir und auch der Planet Erde noch nie Erfahrungen sammeln mussten mit einer derart extrem rasanten Klimaänderung [4], sind die Folgen unserer Emissionstätigkeit, vor allem der zeitliche Eintritt der Zweitwirkungen, nur schwer abzuschätzen. Das IPCC trägt der Unsicherheit dadurch Rechnung, dass es Wahrscheinlichkeiten dafür schätzt, dass bestimmte Temperaturmaxima bei bestimmten künftigen Emissionsmengen noch eingehalten werden können.

Das Kernergebnis des IPCC: Wenn ab Jahresanfang 2020 nicht mehr als 500 Mrd. Tonnen CO2 ausgestoßen werden, dann wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % langfristig eine Temperaturerhöhung um 1,5 °C nicht überschritten (IPCC, S. 46). Diese Menge von 500 Mrd. Tonnen nennt das IPCC das noch verbleibende Kohlenstoffbudget.

Diese Budgetaussage hängt an zwei Umständen:

  • Neben den in Grafik 1 aufgeführten CO2-Emissionen aus fossiler Verbrennung und aus industriellen Prozessen gibt es noch eine zweite wichtige Quelle für CO2-Emissionen: die Nutzung von Land und die Nutzungsänderung von Land (englische IPCC-Bezeichnung: LULUCF). Das sind erhöhte oder verminderte Emissionen oder auch negative, also der Luft entzogenes CO2 durch Entwaldung oder Wiederaufforstung oder durch Raubbau-Bodennutzung oder durch die Trockenlegung von Mooren oder durch ihre Wiedervernässung usw. Bis vor etwa 100 Jahren war das sogar die Hauptursache anthropogener Emissionen. In den letzten Jahrzehnten betrugen sie etwa 5 Mrd. Tonnen jährlich mit geringen Schwankungen (in den letzten Jahren Rückgang auf knapp 4 Mrd. Tonnen in 2021; Emissionsschwerpunkte sind Lateinamerika, Südostasien, Afrika, IPCC S. 9). Diese Emissionen müssen für das verbleibende Kohlenstoff-Budget von 500 Mrd. Tonnen mitberücksichtigt werden. 2021 betrugen die CO2-Emissionen insgesamt und weltweit 41,1 Mrd. Tonnen, 2022 nach vorläufigen Schätzungen etwa 1 % mehr (IEA, März 2023).
  • Neben dem CO2 existiert eine Reihe weiterer Treibhausgase, vor allem Methan und Distickstoffoxid. Ihr Anteil an der Klimaänderung beläuft sich auf etwa ein Viertel, das CO2 ist also für drei Viertel verantwortlich. Anders als die vorgenannten LULUCF sind diese Treibhausgase im Zeitverlauf wichtiger geworden, allerdings nicht in so rasantem Tempo wie das CO2 aus der Verbrennung. Diese Gase rechnet das IPCC nicht in sein Kohlenstoff-Budget mit rein; es unterstellt, dass die Emission dieser Gase parallel zu den CO2-Emissionen und in ähnlicher Geschwindigkeit zurück geht [5].

Noch 500 Mrd. Tonnen CO2 emittierbar ab 2020: ist das beruhigend viel? Grafik 2 gibt die Antwort: Hier habe ich, ausgehend von den 500 Mrd. Tonnen ab 2020, mit den jährlichen Emissionswerten (Verbrennung plus LULUCF) das Budget bis 1850 zurück gerechnet. Die Leerung des verfügbaren Budgets ergibt dann eine gebogene Kurve, die anfangs nur geringfügig sinkt, dann aber immer stärker nach unten abbiegt und in den letzten Jahrzehnten rasant der Budget-Ausschöpfung (und -Überschreitung!) zustrebt. Wenn wir weiter so emittieren wie in 2021, dann ist das Budget in 9 Jahren, in 2032 ausgeschöpft.

Grafik 2: Ausschöpfung des Kohlenstoff-Budgets

Hinzu kommt: Eine 50-%-Wahrscheinlichkeit auf Vermeidung einer langfristigen 1,5-°C-Überschreitung (eine kurzfristige und mit viel Anstrengung eventuell rückgängig machbare Überschreitung ist laut IPCC eh schon nicht mehr vermeidbar), das ist ein gewagtes Hasardspiel: Sich mit fifty-fifty bei der Abwehr einer weltweiten Klimakatastrophe zufrieden zu geben, das ist eigentlich eher Dummheit als Mut. Aber es geht wohl schon nicht mehr günstiger: Fordert man eine Vermeidens-Wahrscheinlichkeit von 80 % oder 90 %, dann ist das noch verfügbare Kohlenstoffbudget ab 2020 natürlich geringer, es dürfte nach den IPCC-Angaben auf die Größenordnung von 100 Mrd. Tonnen CO2 fallen. Das ist ein Wert, den wir in den drei Jahren 2020, 2021, 2022 schon ausgeschöpft haben.

Anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir, auch wenn wir ab sofort weltweit jegliche Emission einstellen (auch LULUCF), die 1,5-°C-Grenze auf Dauer und langfristig trotzdem reißen, dürfte heute schon an die 20 % reichen. Und sie steigt mit jeder Tonne Emission. 2032 wird sie bei 50 % liegen und einige Jahre später wird es dann höchstwahrscheinlich sein, dass wir die 1,5 °C auf Dauer überschreiten – es sei denn, wir ändern schnellstmöglich und fundamental unser Emissionsverhalten weltweit, so wie es die blau gestrichelte Linie in Grafik 1 vorgibt. Darauf deutet aber nichts hin. Laut IPCC (S. 25) führen die derzeitigen tatsächlich wirksamen Emissionsverpflichtungen, also die reale Klimaschutzpolitik in den Ländern zu einem Anstieg der derzeitigen weltweiten Emissionen um etwa 10 % bis 2030. Sie erfüllen nicht einmal die eh schon viel zu niedrigen Klimaschutzverpflichtungen, die jedes Land für die Pariser Konferenz 2016 abgegeben und seither fortgeschrieben hat. Die reale Klimaschutzpolitik geht klar in Richtung plus 3 °C.

Und was ist mit der 2-°C-Grenze, also der Erhöhung, die nach dem Pariser Abkommen 2016 keinesfalls überschritten werden darf? Hier beziffert das IPCC das Budget auf 1350 Mrd. Tonnen CO2, ebenfalls ab 2020 und mit Wahrscheinlichkeit 50 %. In Grafik 2 wird das mit derselben Systematik in der oberen Kurve verdeutlicht. Danach ist, wenn wir mit derselben Emission wie derzeit weiter machen, auch dieses Budget in 2052 ausgeschöpft. Rund 30 Jahre noch, also noch lange hin? Eher nein: Nach den Klimawissenschaftlern sind die Folgen bei 2 °C Erwärmung nicht nur etwas, oder um ein Drittel, sondern sehr viel gravierender und schlimmer als bei 1,5 °C. Mit jedem Zehntelgrad schreitet die Klimazerstörung progressiv, also mit immer größeren Wirkungsschritten voran. Jedes weitere Zehntelgrad zeitigt zunehmend schlimmere Klimazerstörungen als die bisherigen Zehntelgrad-Erwärmungen. Wir müssen das Reißen der 2-°C-Grenze also nicht mit 50 %, sondern mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit vermeiden. Also müssen wir sicherheitshalber sofort massiv reduzieren. Auch hier läuft es letztlich wieder auf die gestrichelte Linie in Grafik 1 als den Pfad zur Orientierung hinaus. Es holt uns jetzt ein, dass wir – weltweit – seit 1990, drei Jahrzehnte lang, eine völlig unzulängliche "Klimaschutzpolitik" betrieben haben. 30 Jahre Marktwirken und marktfromme Klimapolitik haben uns immer tiefer in den Schlamassel hinein statt, wie versprochen, herausgeführt.

2. Die Emissionsexzesse der Reichen zerstören uns das Klima

Die Klimazerstörung ist menschengemacht, wir sind alle schuld?

Ja und nein. Jeder Mensch ist mit seinem Beitrag dabei, aber die einzelnen Beiträge könnten nicht krasser unterschiedlich sein. Nach neuen Untersuchungen der IEA (22. 2. 2023) [6] emittiert ein Mensch, der den 10 % am meisten emittierenden Menschen der Weltbevölkerung angehört (das sind 782 Mio. Menschen), mehr als 200mal so viel CO2 wie ein Mensch, der Teil der 10 % am wenigsten Emittierenden ist [7]). Einer aus dieser exzessiven Verschwendergruppe verbraucht also alle etwa drei Monate die Mengen CO2, die bei einem sparsamen Menschen das ganze Leben reichen muss. Wobei man dazu noch sagen muss:

  • Innerhalb der Gruppe der 10 % Emissionsintensivsten geht die Spreizung der Emissionsintensität nochmal sehr weit auseinander: Einer aus der Gruppe der Top 1 % dürfte noch etwa viermal so viel emittieren wie jemand, der am Ende der Top 10 % steht, wobei dieser Letztere immer noch um mehr als das Hundertfache höher liegt als ein Mensch aus den untersten 10 %.
  • Die Emissionssparsamsten sind nicht aus freiem Willen so sparsam, sondern weil sie so extremst bitterarm sind und gar nicht mehr Möglichkeiten haben. Und auf der anderen Seite ist die Gruppe der Emissionsintensivsten so ziemlich dieselbe wie die Gruppe der Reichsten.
  • Die technische Ausstattung der Reichen ist immer weitaus höherwertiger als die der Armen: Sie fahren Autos mit effizienten Motoren statt alte Diesel, heizen mit Gas oder Wärmepumpe statt mit einfachen Kohle- oder Holzöfen, haben dichte statt zugige Fenster und besser gedämmte Mauern, haben eventuell eine PV-Anlage, was die Armen selten vorweisen können. Und dennoch emittieren sie ein riesiges Vielfaches an Treibhausgasen im Vergleich zu den Armen. Was nur den Schluss lässt, dass der Konsum der Reichen exorbitant über dem der Armen liegt, eigentlich unfassbar exorbitant. Das ist aber auch ein vertrautes Bild der kapitalistischen Weltwirtschaft, die von sich behauptet, dass jeder, der will, arbeiten und in Wohlstand leben kann.

In Grafik 3 ist die Weltbevölkerung angeordnet nach ihrer Emissionsintensität. Es wird deutlich, dass etwa 3 Milliarden Menschen so gut wie keinen Anteil an den Emissionen haben. Eine riesige Mehrheit von zwei Dritteln der Weltbevölkerung liegt deutlich unter dem weltweiten Emissionsdurchschnitt von 4,7 Tonnen CO2 pro Kopf, ungefähr 10 % der Weltbevölkerung liegt rund um und in der Nähe des Durchschnittes, und nur ein Viertel liegt darüber, und zwar weit darüber.

Grafik 3: Ordnung der Weltbevölkerung nach ihrer Emissionsintensität

Dieses emissionsintensivste Viertel der Weltbevölkerung umfasst den Großteil der Nordamerikaner (mehr als 80 % von ihnen), rund 60 % der Bevölkerung der EU und schon rund die Hälfte der Chinesen. Auch ein Zehntel der Inder sind hier mit dabei, ansonsten aus den armen Ländern nur Vereinzelte, nur die reichste Land- und Finanzelite, die Oligarchen, minimale Prozentanteile an der Bevölkerung. Was arm und was reich ist, wird hier aus der weltweiten Sicht definiert, damit also zwangsläufig aus der Sicht der riesigen Mehrheit armer Menschen in armen Ländern.

Grafik 4 stellt diese ungeheure Spreizung der Emissionsverantwortlichkeit konzentriert dar. Die Weltbevölkerung ist in Dezile (= 10 Gruppen von jeweils 10 % der Bevölkerung) unterteilt, und zwar geordnet nach auf- bzw. absteigender Emissionsintensität, also quasi eine Zusammenfassung der Grafik 3. Hier wird deutlich, dass die emissionssparendste Hälfte der Weltbevölkerung nur auf 7 % aller Emissionen kommt, was noch deutlich weniger ist als die Emissionen allein der Top 1 % der Bevölkerung (etwa 9 % aller Emissionen nach den Angaben in Grafik 3). Und sogar 90 % der Weltbevölkerung sind nötig, um so viele Emissionen zu erreichen wie die Top 10 %.

Grafik 4: Anteile der Dezile der Weltbevölkerung an den Emissionen

Die Verursacher der Klimazerstörung und die darunter Leidenden: Nicht dieselben Gruppen von Menschen

Nehmen wir zunächst mal an, dass unter der – mittlerweile nur noch theoretisch verhinderbaren und praktisch vielleicht noch etwas einzudämmenden – Klimakatastrophe jeder Mensch gleichermaßen zu leiden hat. Dann bedeutet das, dass das emissionsärmste Dezil (siehe Grafik 4) zwar 0,2 % der Katastrophe verursacht (mal angenommen, dass die aktuellen Dezilanteile in früheren Jahrzehnten nicht wesentlich anders waren), aber – wie jeweils auch die anderen Dezile – 10 % der Katastrophenschäden erleidet. Das ist gleichbedeutend damit, dass diese Bevölkerungsgruppe an 98 % der auf sie herabstürzenden Leiden schuldlos ist, sie nicht mit verursacht hat; nur 2 % (0,2 / 10) ihrer klimatischen Probleme und Katastrophen haben sie eigenverursacht.

Auf der anderen Seite die Top 10-%-Gruppe: Sie verursacht 48 % der Klimaprobleme und leidet, annahmegemäß, nur an 10 % der katastrophalen Entwicklung. Sie kommt in der Verursacher-Betroffenen-Bilanz also ausgesprochen günstig weg: Etwa vier Fünftel der von ihr bewirkten Klimazerstörungs-Auswirkungen kann sie auf Andere, auf Fremde abschieben.

Betrachtet man Grafik 4, dann kann man das so zusammenfassen: Die obersten, am meisten emittierenden 20 % der Weltbevölkerung verursachen ein Vielfaches der Zerstörung, unter der sie dann auch leiden müssen [8] (wenn man eine Gleichverteilung der Leiden annimmt). Bei den folgenden 20 % der Weltbevölkerung (Dezile 7 und 8) ist das Verhältnis in etwa ausgeglichen. Dagegen bei den ärmsten 60 %: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wird unter der Klimakatastrophe stärker, und zwar vielfach stärker leiden als es ihrem Verursacheranteil entspricht. Die reichen, fremden Emittenten sind ihr Unglück bzw. sind die Verursacher ihrer jetzigen und künftigen klimabedingten Probleme. Probleme, die wie nicht abwendbare und schicksalhafte Katastrophen über sie hereinbrechen, die aber dennoch menschengemacht sind, aber halt von fremden, weit entfernten, und vor allem von hinsichtlich ihrer Zerstörungstätigkeit nicht im Geringsten beeinflussbaren Menschen.

Aber die Realität ist noch viel schlimmer als hier dargestellt. Denn zum einen kann die Natur nach den Einschätzungen der Klimawissenschaftler ein gewisses – niedriges – Ausmaß an Treibhausgas-Emissionen absorbieren, aufnehmen und kompensieren ohne Klimaänderung. Demzufolge haben die untersten Dezile überhaupt keinen Anteil an der Klimazerstörung.

Und zum anderen gehören die Hauptverursacher zu den eindeutig nur unter-durchschnittlich Betroffenen der Klimazerstörung:

  • Die Klimazerstörer leben hauptsächlich in den gemäßigten Breiten, das sind die Weltgegenden, die von Klimaänderungen weniger schlimm (für menschliche Lebensmöglichkeiten) betroffen sein werden als die tropischen und subtropischen Gebiete.
  • Reiche können sich vor Katastrophen ungeheuer viel besser schützen als Arme: sie können eine überschwemmungsgeschützte Villa auf dem Hügel bauen lassen; sie können eine umfassende Schadensversicherung bezahlen; sie können leichter mit Auto oder Hubschrauber aus einer aktuellen Katastrophengegend abhauen; sie können einer gerade anstrengenden Witterung per Flugzeug in eine gerade günstigere Urlaubsgegend ausweichen; sie können ihren Lebensmittelpunkt notfalls leichter wechseln als die Armen, die durch die Wüste wandern und per Schlauchboot über das Mittelmeer müssen.

Grafik 5, die aus dem IPCC-Bericht stammt (S. 14), bringt das Auseinanderklaffen von Emissionsintensität und Klimaverwundbarkeit fast plastisch deutlich zum Ausdruck. Es gibt da nicht viele Überschneidungen.

Grafik 5: Emissionen und Verwundbarkeit

Fazit: Die Menge der Verursacher der Klimazerstörung und die Menge der durch sie Betroffenen und an ihr Leidenden sind beinahe disjunkte Mengen. 
Das ist der Ausdruck der Mathematiker für Mengen, die keinerlei Überschneidung haben, keinerlei Berührpunkte, die völlig getrennt sind. Hier die Reichen, die das Klima durch ihre Konsumexzesse in erster Linie zerstören, dort die Armen, die auf die einbrechende Katastrophe warten. Ihnen bleibt nur die Hoffnung; den ersteren bleiben viele Möglichkeiten zur Abwehr und Eindämmung der Bedrohungen, die aber das Manko haben, dass sie Geld kosten.

Was wäre, wenn die Reichen ein bisschen weniger Emissionsexzesse betrieben hätten?

Wir können zum Schluss überlegen, wie denn die Perspektive auf Klimazerstörung aussähe, wenn es die Reichen-Emissionsexzesse nicht gäbe, nicht gegeben hätte. Dazu greife ich den Kohlenstoffbudget-Gedanken von Grafik 2 wieder auf und frage, wie lange das Budget eigentlich noch reichen würde, wenn es diese Emissionsexzesse nach 1990 nicht mehr gegeben hätte, also seit in Öffentlichkeit und Politik eindeutig klar wurde, dass der Konsum der Menschen das Klima verändert.

Das ist natürlich eine total abstrakte hypothetische Frage. Die Klimabewegung hat auch heute bei weitem nicht die Kraft, reichen Menschen ihre zerstörerischen Emissionen zu verwehren. Es ist also ein reiner Was-wäre-wenn-Ansatz. Grafik 6 nimmt an, dass die prozentualen Anteilsverhältnisse der Bevölkerungs-Dezile laut Grafik 4 unverändert seit 1990 gelten (eine zeitliche Entwicklung dieser Anteile ist mir nicht bekannt). Grafik 6 zeigt dann folgende Verläufe der Budget-Ausschöpfung für den schon bekannten Fall, dass eine Erwärmung um mehr als 1,5 °C mit 50 % Wahrscheinlichkeit vermieden werden soll:

1. der Istverlauf plus die Perspektive, wenn künftig genauso viel emittiert wird wie 2022, also die identische Kurve wie in Grafik 2 abgebildet. Das Budget ist dann 2032 ausgeschöpft.

2. den Verlauf, wenn seit 1990 die Gruppe der 10 % Höchstemittierenden "nur" noch so viel emittieren würde wie es der niedrigste Wert in dieser Gruppe angibt (etwa 11 Tonnen CO2 pro Kopf). Das ist gleichzeitig der höchste Emissionswert in der Gruppe der verbleibenden 90 %. Das heißt, 10 % der Weltbevölkerung emittieren 11 Tonnen CO2 pro Kopf [9], 90 % emittieren weniger. Das Budget reicht dann 10 Jahre länger, bis 2042.

3. den Verlauf, wenn seit 1990 die Gruppe der 20 % Höchstemittierenden "nur" noch so viel emittieren würde wie es der niedrigste Wert in dieser Gruppe angibt (etwa 7 Tonnen CO2 pro Kopf). Das ist gleichzeitig der höchste Emissionswert in der Gruppe der verbleibenden 80 %. Das heißt, 20 % der Weltbevölkerung emittieren 7 Tonnen CO2 pro Kopf, 80 % emittieren weniger. Das Budget reicht dann 18 Jahre länger, bis 2050.

4. den Verlauf, wenn seit 1990 die Gruppe der 30 % Höchstemittierenden "nur" noch so viel emittieren würde wie es der niedrigste Wert in dieser Gruppe angibt (etwa 4,8 Tonnen CO2 pro Kopf). Das ist gleichzeitig der höchste Emissionswert in der Gruppe der verbleibenden 70 %. Das heißt, 30 % der Weltbevölkerung emittieren 4,8 Tonnen CO2 pro Kopf, 70 % emittieren weniger. Das Budget reicht dann fast 30 Jahre länger, bis 2061.

Ohne die Emissionsexzesse der Reichen – darunterfallen, notabene, jedenfalls bei weiterer Abgrenzung, auch der Großteil der Deutschen, sicherlich auch ein beträchtlicher Teil der LeserInnen dieses Textes – müssten Politik und Gesellschaft sich trotzdem dringend um Klimaschutz und Eindämmung der Risiken kümmern. Aber es wäre bei weitem weniger aussichtslos, die Klimakatastrophe noch abzuwehren.

Grafik 6: Ausschöpfung des Kohlenstoff-Budgets mit und ohne die Exzesse der Höchstemittierenden

Zwei Schlussbemerkungen:

1. Noch viel schlimmer als der Konsum der Reichen ist die Verfügungsgewalt der Kapitalisten über die Produktionsmittel. Sie bestimmen, wo, in welchen Anlagen, in welchen Produkten investiert wird und dementsprechend Marketing und Lobbyarbeit geleistet wird.

2. Die weltweit um sich greifende Zeitenwende forciert Hochrüstung, Abgrenzung, Blockdenken, Kriegserwartung, Kriegsbereitschaft. Parallel dazu die ausdrücklichen Bestrebungen, eine Kriegswirtschaft aufzubauen und Vorrang und Dominanz des Militärischen festzuschreiben. Die bizarr hohen Kosten hierfür – die bisherigen 2000 Mrd. Dollar Militärkosten werden mit riesigen Schritten gesteigert – lassen kein Geld mehr übrig für Klimaschutz und andere dringendste Probleme. Das Zurückdrängen von Entspannung und Verständigung zugunsten einer totalitären Freund-Feind-Mentalität erschwert die wichtige gemeinsame und solidarische internationale Klimaschutztätigkeit ungemein.

 Nur rotes Grün ist richtiges Grün.

 

Quellen:

Garnreiter Franz: Klimazerstörung in Zeiten zunehmender sozialer Spaltung und zügelloser Militarisierung, in: isw-report 129, Juli 2022

Garnreiter Franz: Die nationale Wasserstoffstrategie – ein guter Beitrag zum Klimaschutz? isw-Homepage, 28.7.2020

Garnreiter Franz: Der Markt. Theorie – Ideologie – Wirklichkeit, isw-forschungshefte 4, Juli 2010

IEA: The world’s top 1% of emitters produce over 1000 times more CO2 than the bottom 1%, 22.2.2023

IEA: CO2 Emissions in 2022, March 2023

IPCC: SYNTHESIS REPORT OF THE IPCC SIXTH ASSESSMENT REPORT (AR6), Longer Report, ohne Datum (2023)

Our World in Data, Datenbank

 
[1]) Das IPCC ist ein wissenschaftliches Gremium auf UNO-Ebene, das regelmäßig zu Ursachen, Stand und Folgen des Klimawandels berichtet.
[2]) Im Klimaabkommen in Paris 2016 wurde beschlossen, die Erwärmung definitiv auf 2 °C und möglichst auf 1,5 °C zu begrenzen.
[3]) Negative Emissionen: CO2 aus der Luft herausfiltern (vorzugsweise aus Kraftwerks-Abgasen mit hoher CO2-Konzentration) und für Produktionszwecke nutzen oder langfristig tief unterirdisch einpressen (ausgeförderte Öl- und Gasvorkommen; unter dem Meeresboden).
[4]) Die drastischen Klimaänderungen entwickeln sich in Jahrzehnten. Schnelle Entwicklungen gab es öfters in der Erdgeschichte, sagt man, aber in einer nach vielen Hunderten Millionen Jahren zählenden Zeit heißt "schnell" eine Periode von vielen, vielen Jahrtausenden mindestens, also eine Schnelligkeit, die absolut langsam ist im Vergleich zur Schnelligkeit der heute ablaufenden anthropogenen Veränderungen. Die heutigen Abläufe sind also unvergleichbar viel dynamischer und daher risikobehafteter als die "schnellen" Abläufe in anderen Erdzeitaltern.
[5]) Bei schneller Reduzierung von Methan & Co könnte noch ein Budget von 600 Mrd. Tonnen CO2 verfügbar sein, bei langsamer Reduzierung würde es auf etwa 300 Mrd. Tonnen schrumpfen (IPCC, S. 46).
[6]) Die IEA ist ein Gremium der OECD-Länder, also der reichen Staaten, zur Analyse und Beratung der Energiepolitik und zunehmend auch der Klima- und Energiewendepolitik.
[7]) CO2 aus Verbrennung und Industrieprozessen.
[8]) Externe Effekte benennen die Ökonomen diesen Sachverhalt: In einer tatsächlichen, realen Marktwirtschaft werden nicht alle Auswirkungen von Produktionen und Marktaktionen in den Kosten des Austausches, also in den Marktpreisen, mit einbezogen. Vor allem die Umweltauswirkungen, also die Umweltschäden – sie werden von der Gesellschaft wieder gut gemacht. Oder quasi stillschweigend von den Geschädigten, der Allgemeinheit getragen. Externe Effekte sind in der Theorie der Marktwirtschaft vollkommen unmöglich, in der realen Marktwirtschaft völlig üblich.
[9]) Zum Vergleich: Die durchschnittliche Emission von CO2 aus der Verbrennung und aus industriellen Prozessen beträgt in Deutschland 2021 etwa 8,1 Tonnen pro Kopf. Auch hier in diesem Land liegt weit mehr als die Hälfte der Menschen unter diesem Wert, dafür einige sehr viel darüber.