Der „eingepreiste“ Krieg

„Es klingt zynisch, aber es ist wahr“, schreibt das „Capital“: „Der Krieg könnte die Weltwirtschaft ankurbeln“. Nicht nur zynisch, sondern zutiefst menschenverachtend ist das Ein Massensterben – die WHO geht von 260.000 Toten und einer weiteren viertel Million Folgetoten aus – zur Belebung der flauen Weltwirtschaft. Ein „sauberer Krieg“ quasi als Aufschwungprogramm und Börsenanreiz. „Wenn die Kanonen donnern – kaufen“, lautet eine alte Börsenregel. Der Fortschritt in der „Aktienkultur“ besteht darin, dass die „Analysten“ bereits vor der Schlacht ihre perversen Prognosen und Kaufempfehlungen abgeben. Rüstungswerte?! Sie gehören spätestens seit dem Bush-„Krieg gegen den Terror“ ins Portefeuille eines Anlegers und Spekulanten. Denn sie haben den Krisen der vergangenen Monate getrotzt – wegen der Krisen. Entgegen der allgemeinen Börsenbaisse haben sie seit dem 11. September zugelegt. Richtig in die Höhe werden sie allerdings erst schießen, wenn die ersten Soldaten fallen. Jede Bombe, die in Bagdad explodiert, verstärkt die Bombenstimmung bei den Fabrikanten des Todes. Jede abgefeuerte Lockheed-Martin-Rakete mit dem bezeichnenden Namen „Hellfire“ wird nachgerüstet – für 7,5 Millionen Dollar das Stück. Die US-Rüstungsindustrie boomt seit Bush den „Kreuzzug gegen das Böse“ ausrief. Im Haushaltsjahr 2001/2002 lagen die Pentagon-Aufträge bei Lockheed Martin um 16 Prozent, bei Boeing und Raytheon jeweils um 25 Prozent, bei General Dynamics um 43 Prozent und bei Northrop Grumman gar um 67 Prozent über dem Vorjahr. Im laufenden Haushaltsjahr kommt es noch fetter: Die Entwicklung und der Kauf neuer Waffen steigt um 16 Prozent – der Auftragsboom bei einem Krieg noch nicht eingerechnet.

Ein Irakkrieg mit einem kurzzeitigen Anstieg des Ölpreises von 5 bis 6 Dollar sei in den „Märkten bereits eingepreist“, erfahren wir aus der Wirtschaftspresse. Danach werde der Ölpreis schnell fallen; vor allem wenn mit dem Öl des Irak der Weltmarkt überschwemmt und das OPEC-Kartell geknackt werde. Balsam für die Weltkonjunktur! Trotz tendenziell fallender Ölpreise empfiehlt der Chefstratege der Commerzbank für Europa in London, auf Öltitel zu setzen. Denn die Ölmultis kämen im Irak mit dem lukrativen Upstream-Geschäft zum Zuge; nirgends lässt sich das Öl so billig fördern wie dort. Also endlich losschlagen. Denn, „Unsicherheit belastet die Börse mehr als Krieg“ (Handelsblatt). Und nach Kriegsbeginn prophezeit die Kapital-Presse eine „Erleichterungsrally“ bei den Aktienkursen.

Allerdings, so die Szenarien der Analysten: „Kurz und sauber“ müsse der Krieg sein. Möglichst ohne brennende Ölfelder; von brennenden Städten spricht niemand. Die „Risikoprämie“ für einen langen Krieg sei in den Kalkulationen nicht „eingepreist“. Schließlich habe Bush in seiner Rede an die Nation einen „kurzen und billigen Krieg“ versprochen – notfalls durch Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Der Einsatz von „Mini-Nucs“ gilt bereits als beschlossen; sie verursachten geringe Kollateralschäden, verlautet aus dem Pentagon. Und ein zeitraubender Straßen- und Häuserkampf? Kein Problem! Rumsfeld hat bereits den Einsatz von Chemiewaffen, wie Betäubungsgas angekündigt (SZ, 11.2.03). Man erinnert sich. Derartiges Betäubungsgas hat bei der „Befreiung“ des Moskauer Musical-Theaters über hundert Geiseln das Leben gekostet. Im Straßenkampf muss man natürlich die Dosierung etwas erhöhen…

Im „Kapital“ – diesmal mit K – ist eine kurze Abhandlung über die kriminellen Energien eben jenes Untersuchungsobjekts zu lesen. Karl Marx zitiert einen englischen Ökonomen, der mit der Feststellung endet: „300 Prozent Profit, es existiert kein Verbrechen, das es (das Kapital – F.S.) nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens“. Nun ja, auf die heutigen Kapital-Verbrecher müsste ja nicht gerade der Galgen warten. Doch die Trümmerhaufen, die sie mit ihren politisch-medialen Kriegstreibereien und militärischen Kriegsverbrechen auftürmen, sollten sie zur Strafe eigenhändig wieder abtragen müssen. Zu Essensrationen, wie sie die Millionen zu erwartender irakischer Flüchtlinge erhalten.