Unter Brüdern: Die USA, Europa und die Neuordnung der Welt

Die Wogen schlugen hoch, als sich nicht nur Rußland und China, sondern auch Deutschland und Frankreich gegen den Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf den Irak wandten. Dies war zugleich eine Absage an den Anspruch Washingtons, nach eigenem Gutdünken, ohne Rücksicht auf das Völkerrecht und wo auch immer präventiv zuzuschlagen und die Welt mithilfe des „langdauernden Krieges gegen den Terror“ militärisch unter Kuratel zu stellen. Die Aufregung hat sich vorerst gelegt, doch der Konflikt schwelt weiter. Was liegt ihm zugrunde und woraus speist sich die sichtbar gewordene Rivalität? Wer verfolgt dabei welche Absichten, Ziele und Interessen? Welche Rolle spielt die Bundesrepublik und was ist die Friedensliebe der rotgrünen Bundesregierung wert? Muß Europa aufrüsten, um mit den USA mithalten zu können? Um welches Europa geht es überhaupt? Wie könnte der vielbeschworene eigenständige europäische Weg aussehen?

Conrad Schuhler: *1940, Diplom-Volkswirt. Hat an den Universitäten München und Manchester sowie an der Yale University und in Berkeley/USA studiert. Mitarbeiter beim Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (ISW) in München. Schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, GEO und konkret.

Neue Kleine Bibliothek 89, 165 Seiten, EUR 11,- / Papyrossa-Verlag, ISBN 3-89438-268-6 / Erschienen im Oktober 2003

Buchbesprechung in der elektronischen Zeitschrift SCHATTENBLICK

Conrad Schuhler „Unter Brüdern“ Die USA, Europa und die Neuordnung der Welt PapyRossa Verlag – Köln

15. Dezember 2003: Im Zuge der Vorbereitungen auf den jüngsten Irakkrieg ist es in der zweiten Hälfte 2002 und der ersten Hälfte 2003 zwischen den transatlantischen Partnern USA und Deutschland zu den schwersten diplomatischen Spannungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges gekommen. Erstmals hat sich ein deutscher Bundeskanzler demonstrativ quer zur Politik Washingtons gestellt und damit die Bundestagswahl gewonnen. Die damalige Antikriegsposition von Berlin und Paris – und in der Folge auch von Moskau – hat bei vielen Menschen weltweit die Hoffnung geweckt, im sogenannten „alten Europa“ entstehe eine zivile Friedensmacht, welche den selbstherrlich und „unilateralistisch“ agierenden Militärkoloß Amerika in seine Schranken weist und die jahrzehntelangen Bemühungen um multilaterale Konfliktverhütung, einschließlich des bisherigen Völkerrechts, rettet.

Angesichts des gigantischen Ausmaßes der Friedensdemonstrationen – am globalen Aktionstag am 15. Februar gingen allein in London, immerhin der Hauptstadt von Washingtons engstem Verbündeten, rund zwei Millionen Menschen auf die Straße – waren es die wenigsten, die den scharadenhaften Charakter der Antikriegspositionierung von Jacques Chirac und Gerhard Schröder erkannten. Die späteren Ereignisse wie die rückwirkende Mandatierung der völkerrechtlich illegalen Irakinvasion der Angloamerikaner durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und die damit einhergehende Delegitimierung jeglichen Widerstands der einheimischen Bevölkerung gegen die neue ausländische Besatzung sollten den Skeptikern jedoch Recht geben.

Warum diese deprimierende Entwicklung abzusehen war und weshalb das Hoffen auf die „zivile Gegenmacht“ Europa völlig fehl am Platz ist, erklärt Conrad Schuhler in seinem Buch „Unter Brüdern – Die USA, Europa und die Neuordnung der Welt“. Für den seit dem Einzug des Republikaners George W. Bush ins Weiße Haus zu verzeichnenden Übergang von der „konsensualen“ zur „imperialen“ Regulation der zahlreichen Probleme dieser Welt macht Schuhler die in letzter Zeit immer deutlicher hervortretende Krise des globalen kapitalistischen Systems verantwortlich. Seine Analyse ist nicht nur stichhaltig, sondern auch schlicht: „Für den globalen Kapitalismus existiert kein Rezept, die eigene Profitlogik mit dem Streben der Menschen nach einem Leben in Würde, Kreativität und sozialer Sicherheit zu versöhnen. Die globale Expansion des Kapitalismus verdankt sich (neben der Informations- und Rüstungstechnologie) der Minimierung von Löhnen und Beschäftigung, der Herrichtung menschlicher Arbeit und der Umwelt ausschließlich zum Zweck möglichst profitabler Verwertung. Die Entwürdigung und Zerstörung von Menschen und die Beschädigung der Natur gehören zum Wesen des globalen Kapitalismus. Da er Löhne und Beschäftigung global minimiert, die damit als Nachfrage ebenfalls minimiert werden, schafft er sich eine sich ständig vertiefende Überproduktionskrise. Die Existenzvernichtung ‚überschüssiger‘ Beschäftigter gehört ebenso zum Programm wie die ‚überschüssiger‘ Produktionsanlagen und Unternehmen. Vorschläge, ihm ’systemimmanent‘ unter Vermeidung der Ressourcenvernichtung aus der Krise zu helfen, sind illusionär.“

Jenes Fazit zieht Schuhler auf Seite 150, also gegen Ende des vorliegenden Buchs. So verkürzt seine Diagnose in diesem Zitat erscheinen mag, bis dahin hatte sie der 1940 geborene Diplom- Volkswirt, der an den Universitäten München, Manchester in Großbritannien sowie Yale und Berkeley in den USA studierte und Mitarbeiter des Münchner Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsförderung (isw) ist, mit sich dem Leser leicht erschließenden Fakten und Statistiken des politökonomischen Weltgeschehens der letzten Jahre untermauert. Eine Auflistung der Titel der acht Kapitel des Buchs vermittelt einen Eindruck nicht nur von der Argumentationslinie Schuhlers, sondern auch von seinem präzisen, zugleich bildhaften Schreibstil: „Pax Americana – Mission und Geschäft“; „Imperiale Überdehnung oder: Reichen die Ressourcen der USA zur Weltherrschaft?“ [Diese Frage wird mit ja beantwortet.]; „Sprengladung USA – Armut, Angst und Paranoia“; „‚Zivile Gegenmacht‘ Europa?“ [Die Antwort Schuhlers lautet nein]; „Die globale Struktur des Kapitals und die Herausbildung des Transatlantischen Wirtschaftsraums“; „Das Regulationssystem des globalen Kapitalismus und die Regulierung innerkapitalistischer Widersprüche“; „Supermacht USA als politischer Gesamtleister des globalen Kapitals“; „Wege zu einer anderen Welt“.

Unter Verweis auf die engen wirtschaftlichen Verflechtungen der Alten und Neuen Welt zeigt Schuhler auf, wie sehr die unter dem Stichwort Globalisierung subsummierten Interessen der transnationalen Konzerne mit dem Führungs- und Gewaltanspruch Washingtons übereinstimmen. Wie er richtig feststellt, haben die Eliten des Auslands bei allem zur Schau getragenen Widerspruch kein wirkliches Interesse an einer prinzipiellen Beschädigung der Supermacht USA. Die aktuelle bereitwillige Aufgabe jener „sozialen“ Errungenschaften, welche die Andersartigkeit Westeuropas bislang ausgemacht haben, beweist die Richtigkeit dieser These. Schröders Agenda 2010 läßt grüßen. Vor diesem Hintergrund ist leider mit keinem baldigen Ende des gesellschaftlichen Zerfalls und angsteinflößenden Aufklaffens der Schere zwischen Arm und Reich bei gleichzeitigen Ausbau polizeistaatlicher Strukturen auf beiden Seiten des Atlantiks zu rechnen.

Recht erfrischend ist die Feststellung Schuhlers, daß der sogenannte „Antiterrorkrieg“ lediglich den durchsichtigen Vorwand für innenpolitische Repression und außenpolitischen Imperialismus des Netter-Cop-böser-Cop-Gespanns EU/USA liefert. Laut Schuhler handelt es sich beim „Krieg gegen den Terror“ um „keine absurde Mißgeburt aus der Ehe zwischen bigotten christlichen Fundamentalisten und neokonservativen Weltverschwörern, sondern um eine systemlogische Antwort auf die Funktions- und Akzeptanzkrise der neoliberalen Globalisierung“. Das Urteil des Autors, wonach die Globalisierung nur im entschiedenen politischen Kampf zu überwinden sein dürfte, ist folglich nur konsequent. Dem, der sich über die Dimensionen dieses Kampfes klar werden oder sich eventuell sogar – in welcher Form auch immer – einbringen will, sei das Buch „Unter Brüdern“ empfohlen.

Conrad Schuhler, Unter Brüdern – Die USA, Europa und die Neuordnung der Welt, 2003, PapyRossa Verlag (www.papyrossa.de) Köln, 165 Seiten, 11,00 Euro, ISBN 3-89438-268-6.