Interview mit Conrad Schuhler (isw e.V.) zum Thema offshoring

15.07.2004 | Conrad Schuhler

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de.internet.com: Welche Folge hat das Outsourcen der IT-Branche im Zielgebiet, in den sogenannten Billiglohnländern China und Indien?

Conrad Schuhler, isw-Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, München: In China und Indien und anderen IT-Billiglohnländern entsteht in diesen Bereichen eine wachsende Produktion, die das Bruttoinlandsprodukt und auch das private Einkommen der dort Beschäftigten erhöht. Es handelt sich aber in der Regel nicht um die Erweiterung des dortigen Marktes, sondern um Teile einer Produktion für den Weltmarkt, die eben in China oder Indien besonders kostengünstig hergestellt werden können. Wir haben es mit globalen Wertschöpfungsketten zu tun, globalen Fabriken, deren einzelne Bestandteile kostenoptimal quer durch die Welt zusammengesetzt werden. Ein Inder in der IT-Industrie bekommt 7 Euro die Stunde. Ein Chinese 14 Euro. Also ein Zehntel bis ein Fünftel des deutschen IT-Fachmanns.

Für die regionalen Verhältnisse in diesen Ländern ist das natürlich viel, die IT-Fachleute sind die Fürsten der Einkommensbezieher. Für das Land insgesamt ist es negativ, weil es bei diesen Investitionen nicht um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes geht, sondern die Investitionen nach den Bedürfnissen der Global Players für deren globalen Strategien vorgenommen werden. Diese selektiven Investitionen ruinieren die traditionelle Wirtschaft und lassen kein Wirtschaftswachstum aufkommen, das von den Interessen der Bevölkerung ausgeht.

de.internet.com: Können Sie das konkret belegen?

Conrad Schuhler: Die von mir genannten Zahlen stammen aus Expertisen der Firma Siemens. In ihren Welteinkommensberichten dokumentiert die UNCTAD die jeweilige Entwicklung in den einzelnen Ländern. Allgemein bilanziert, hat die Globalisierung die weniger entwickelten Länder enorm beschädigt. Im letzten Jahrzehnt, der Periode der schärfsten Globalisierung, ist das Einkommen des ärmsten Fünftels der Menschheit am Welteinkommen von 2,3 auf 1,4 Prozent gefallen. In den IT-Billiglohnländern ist das Missverhältnis grotesk. Durch die Orientierung auf diese Art von ausländischen Investitionen lässt man z.B. in China Hunderte Millionen, die vom Agrarsektor in die Industrie oder in Dienstleistungen überführt werden müssten, herausfallen aus dem Wirtschaftsleben. Dasselbe gilt für Indien oder osteuropäische Länder. Diese Länder brauchten eine behutsame Politik des Aufbaus nach den inneren Notwendigkeiten ihrer Gesellschaften, sie liefern sich aber dem globalen Kapital aus. Die IT-Gesellschaften sind hier die Vorreiter.

de.internet.com: Wie sind die Arbeitsbedingungen dort?

Conrad Schuhler: Es gibt dort keine Tarifverträge oder Arbeitsgesetze wie bei uns. Dies ist ja gerade das Motiv der Global Players, die Produktion dorthin zu verlagern, weil die Beschäftigten rund um die Uhr zur Verfügung stehen und zu jeder Zusatzleistung bereit sind. Siemens rechnet vor, dass der Konzern mit seiner neuen Softwareoffensive mehr als die Hälfte der Softwareproduktion in den Billiglohnländern herstellen wird, aber nur 30 Prozent der Personalkosten dafür aufbringt. Das geht natürlich nur unter Verletzung unserer Normen des Arbeitslebens.

de.internet.com: In der Gewerkschaft taucht immer wieder die Forderung nach „Gleichem Lohn für gleiche Arbeit weltweit“ auf, was angesichts der Tatsache, das die in der internationalisierten Produktion geschaffenen Produkte ja weltweit ein fast einheitliches Preisniveau haben, auch Sinn macht. Was meinen Sie dazu?

Conrad Schuhler: Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man fordern muss, dass die globalen Konzerne überall auf der Welt die selben sozialen, ökologischen- und sonstigen Standards einzuhalten haben, wozu natürlich auch gehört, dass für die selbe Qualität an Arbeit auch das selbe gezahlt wird. Wenn man die selben Löhne verlangt zwischen Shanghai und Hamburg, dann muss die internationale Arbeiterbewegung dafür sorgen, dass die Standards bei dem Hamburger Niveau liegt und nicht bei dem von Shanghai. Das ist aber keine Frage der Moral oder der Statistik, sondern des politischen Kampfes. Dass man ein gemeinsames Niveau der Ausbeutung erreicht, kann allerdings nicht das letzte Ziel sein. Schon deshalb, weil der Großteil der Menschheit nicht profitabel genug ist für die Global Players. Schon heute ist jeder dritte Erwerbsfähige auf der Welt ohne Arbeit.

de.internet.com: Wie knüpft der Entwickler bei Siemens München nun aber Verbindungen zu seiner jungen chinesischen Kollegin in Peking?

Conrad Schuhler: Das, glaube ich, wird den IT-Spezialisten nicht so schwer fallen. Sie sind ja Fachleute des telekommunikativen Dialogs. Dem chinesischen Kollegen bzw. der Kollegin würde ich diese Internet-Adresse empfehlen: nci.migm.de. Dies ist ein Netz von über 700 Kolleginnen und Kollegen von Siemens, die im Zuge des Offshoring entlassen werden sollen und sich bislang erfolgreich gegen ihre Kündigung zur Wehr setzen.

de.internet.com: Herr Schuhler, wir danken ihnen wirklich sehr für das informative Gespräch. (Interview: Achim Sawall)