Der Gutmensch und das Gut Mensch

Siemens-Chef Pierer verabschiedet sich mit Rekordprofit

Er wäre so gern ein Gutmensch. „Ich würde lieber weniger Menschen weh tun, das ist schon wahr“, gestand Siemens-Chef von Pierer im ‚Stern‘-Interview. Doch die Verhältnisse, sie sind eben nicht so: „Ich muss ja Kapitalist sein, ich muss mich für den Shareholder-Value einsetzen, ich muss die Aktionäre befriedigen – aber ich will mich ebenso um das wichtigste Gut des Unternehmens kümmern: um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Tut er auch. Vornehmlich in der Weise, aus diesem Gut Mensch noch mehr an verwertbaren Gütern herauszuholen. Das ist dem scheidenden Konzernchef – ab Januar sitzt er dem Aufsichtsrat vor – im vergangenen Geschäftsjahr vortrefflich gelungen. Um satte 40 Prozent trimmte er den „Gewinn nach Steuern“ in die Höhe. Mit 3,4 Milliarden Euro der größte Profit in der Siemens-Geschichte. Jedes „Gut MitarbeiterIn“ erbrachte im Durchschnitt 35 Prozent mehr-Wert (Value). Die Shareholder (Aktionäre) dürften zufrieden sein. Sie erhalten 14 Prozent mehr Dividende. Der Kurs der Siemens-Aktie stieg bereits in den Tagen davor – der Super-Gewinn war „eingepreist“, wie es im börsendeutsch heißt.

Bemerkenswert an dem Siemens-Rekordergebnis: Es wurde bei stagnierendem Umsatz erzielt. Die Umsatzerlöse nahmen um ein mattes Prozent zu. Typisch für die jetzige Phase des neoliberalen Kapitalismus. Globales Lohndumping, vorrangig der Multis, hat eine stagnierende globale Kaufkraft und Nachfrage zur Folge. Lediglich das Boom-Land China und die US-amerikanische Schuldenwirtschaft sind da noch Ausnahmen. Nur noch durch Kauf von Marktanteilen – Fusionen, Übernahmen – nehmen die Umsätze der Großkonzerne in der Regel noch zu. Der Königsausweg für die transnationalen Konzerne in dieser Situation: Profitsteigerung durch radikale Kostensenkung und Personalabbau. Ein Aktionärsvertreter formulierte die neue Marschrichtung auf einer Siemens-Hauptversammlung so: „Wenn die Märkte nichts mehr hergeben, dann muss man die Rendite aus den Kosten holen“. Nun haben diese „Kosten“ in der Regel in Gestalt der Lohnempfänger zwei Beine. Also muss man ihnen Beine machen, sei es durch Rauswurf oder durch Antreiben zu schnellerer Gangart. „Go for Profit and Growth“, vorwärts für Profit und Wachstum lautet die einschlägige Parole des aktuellen Siemens-Managementprogramms. Beim Profit hat es ja gut geklappt. Für Deutschland sehen die Folgen dieses Antreiberkonzepts so aus: Fast 4.000 Arbeitsplätze wurden bei Siemens-Inland allein im abgelaufenen Geschäftsjahr vernichtet. Gekündigte Kolleginnen und Kollegen von Siemens-Hofmannstraße demonstrierten vor der Aktionärsversammlung in der Münchner Olympiahalle u.a. mit dem Schild: „Mein Arbeitsplatzverlust ist euer Aktiengewinn“. Andere titulierten Siemens-Pierer: „Arbeitszeitrambo mit Lizenz zum Jobkillen“.

Gladiatoren-Kapitalismus

Denn in der Lohnsenkungs- und Arbeitszeitverlängerungs-Strategie der Konzerne und Unternehmerverbände fungierte der Rambo zudem als Rammbock, der die Bresche zu unbezahlter Mehrarbeit schlug. Entweder 40-Stunden-Woche bei niedrigerem Lohn oder Verlagerung der Handy-Produktion nach Debrecen in Ungarn, lautete die schlichte Erpressungsformel in den Siemens-Werken Kamp Lintfort und Bocholt. Gewerkschaft und Betriebsräte ließen sich erpressen. Die Belegschaften arbeiten heute 40 Stunden und „jeder von uns bekommt heute im Schnitt etwa 15 Prozent brutto weniger“, erklärte Michael Schmeink, einer von 2.300 Beschäftigten im Bocholter Siemens-Werk.

Die Bresche walzten DaimlerChrysler, KarstadtQuelle, Opel, VW und andere Konzerne zur breiten Schneise in Sachen Lohnkürzungen und unentgeltliche Mehrarbeit aus. Kostensenkungsblöcke von 500 Millionen bis zwei Milliarden Euro (VW) wurden auf die Belegschaften abgewälzt. Bocholt und Kamp Lintfort sind heute überall. Zu einer Art Gladiatoren-Showdown hetzen die Konzernvorstände in der Arena „Weltmarkt“ ganze Belegschaften verschiedener Werke aufeinander – es geht auf Leben und Tod. Wer es am billigsten macht, hat eine zeitweilige Überlebenschance. Für ihn hebt sich der Daumen der Konzern-Cäsaren.

Die jammernden Konzerne mit den vorgeblichen „Kostenproblemen“ aber legen jetzt Jubel-Geschäftsergebnisse vor. Der Reihe nach. Am gleichen Tag wie Siemens – 11. November 2004 – hielten weitere sieben Großkonzerne ihre Belegschaften zum Narren: Telekom meldete eine Verdoppelung des Gewinns in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres, Linde ebenfalls. MAN + 80 Prozent, Rheinmetall + 72 Prozent (vor Steuern), Lufthansa 164 Mio. Gewinn (im Vorjahr Verlust), BASF + 68 Prozent. „Schon jetzt ist sicher, dass die Dax-30-Unternehmen in diesem Jahr so viel wie noch nie verdienen“, schrieb das ‚Handelsblatt‘. Nach übereinstimmenden Berechnungen der international führenden Finanzanbieter JCF und Ibes steigern die Dax-30-Unternehmen ihre Gewinne im Vergleich zu 2003 um rund 60 Prozent. Im Vorjahr waren diese bereits um 30 Prozent gestiegen. Im nächsten Jahr sollen den gleichen Prognosen zufolge nochmals 20 Prozent Zugewinn drauf gesattelt werden.

„Gewinne durch niedrigere Kosten gibt es nicht ewig“, meint Ifo-Konjunkturexperte Nerb. Im kapitalistischen Verwertungskreislauf tut sich ein Problem auf. Die „Kostenfaktoren“ auf zwei Beinen, sollen ja zugleich die alles schluckenden Konsum-Roboter sein. Je erfolgreicher jedoch die Kostenauszehrung, um so schwächer der Kaufkraftantrieb der Konsum-Maschinen. Es fehlt an Saft. In Deutschland spürt das auch Siemens: „Aus allen Regionen der Welt kommt der erfreuliche Auftragszuwachs, aber leider nicht aus Deutschland“, jammert der Siemens-Boss. Auch die Vorwärtsstrategie zu mehr Auslandsgeschäft könnte sich bald totlaufen. Die Exporte brechen ein, der Exportboom scheint zu Ende. Der Weltkonjunktur fehlt es an Schwung. Die Profitgier der Konzernvorstände und Shareholder würgt weltweit die Kaufkraft ab.

Letzte Meldung: Vorstandsbezüge

Siemens-Boss verabschiedet sich mit Rekord-Gehalt

Mit der Einstellung des Geschäftberichts 2004 ins Internet am 26. November, machte der Siemens-Vorstand der Geheimnistuerei um seine Bezüge endlich ein Ende. Erstmals gewährte der Konzern Einblick in das Gehaltsgefüge seiner Top-Manager. Sie kassierten mächtig ab. Der scheidende Konzernboss von Pierer strich sich im abgelaufenen Geschäftsjahr ein Gesamtgehalt (Barkomponente und aktienbasierte Vergütung) von insgesamt 4,64 Millionen Euro ein. Eine Million (+ 30%) mehr als im Jahr davor, wie die Münchner Abendzeitung berichtet. Die weiteren 11 Vorstandsmitglieder kassierten zwischen 3,32 Mio. und 1,79 Mio. Euro. Insgesamt kostete der 12-köpfige Vorstand 33,4 Millionen Euro – 8,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

„Kultur der Zurückhaltung“

Auf die Millionengehälter der Top-Manager angesprochen, erklärte von Pierer im Interview: „Wir bei Siemens haben in dieser Beziehung ohnehin eine Kultur der Zurückhaltung“. So zurückhaltend, dass die 12 Vorstandsapostel im Durchschnitt 2,78 Mio. Euro einstreichen – exakt das Doppelte wie der Durchschnitt der restlichen Dax-30-Vorstände (1,42 Mio. Euro).

Dabei sind die deutschen Vorstände bereits Europas Spitzenverdiener. Laut einer Studie der Vergütungsberatung Hay, die auf einer Umfrage unter 303 börsennotierten Aktiengesellschaften mit einem Mindestumsatz von einer Milliarde Euro basiert, liegt das Einkommen deutscher Unternehmensführer um 30 Prozent über dem von Vorständen in Ländern wie Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden oder Italien. Allerdings liegen sie noch knapp ein Drittel unter dem Niveau US-amerikanischer Spitzenmanager. Je schneller die Löhne der Belegschaften auf chinesische Standards gedrückt werden, umso schneller wird die Aufholjagd gelingen.