Abgang mit Rekordprofit – Einstieg mit Arbeitsplatzvernichtung

Vorstandswechsel bei Siemens-Hauptversammlung. Erneut Gewinnsprung angepeilt

Die Hauptversammlung des Siemens-Konzerns offenbarte die Kluft zwischen Beschäftigten und Aktionären gleich zu Beginn. Draußen vor dem Eingang zur Münchner Olympiahalle, protestierten Beschäftigte von Sinitec und Siemens-Hofmannstraße gegen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze – drinnen eröffnete der Aufsichtsratsvorsitzende Baumann das Hochamt des Kapitals mit den Worten: „Siemens ist ein wunderbares Unternehmen“. In der Tat, für Aufsichtsrat, Vorstand und Aktionäre ist Siemens ein wunderschönes Unternehmen. Über 33 Mio. Euro kassierte der 12-köpfige Vorstand im abgelaufenen Geschäftsjahr an Bezügen, 8,8% mehr als im Vorjahr. Mit einem Jahresinkommen von 4,6 Mio. Euro zählt der Vorstandsvorsitzende von Pierer zu den Spitzenverdienern unter Europas Vorstandschefs. Stolz verwies Baumann darauf, dass in seiner siebenjährigen Amtszeit die Vorstandsbezüge von 12 Mio. auf 33,4 Mio. gestiegen seien. Dies spiegele den Erfolg des Unternehmens wider, meinte er.

Für Heinrich von Pierer war es die letzte Hauptversammlung als Vorstandschef. Mit einem Gewinnsprung von satten 39 Prozent auf ein Rekordgewinn von 3,4 Mrd. Euro (nach Steuern) verabschiedet er sich. Der Höhenflug des Gewinns geht weiter. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres ist der Gewinn um weitere 38 Prozent gestiegen. „Go for Profit and Growth“, vorwärts für Profit und Wachstum lautet die einschlägige Einpeitscher-Parole bei Siemens. Da es mit dem Wachstum nicht so recht klappt – das Bemerkenswerte an dem Ergebnis: Es wurde bei stagnierendem Umsatz erzielt – müssen Finanzamt und Belegschaft verstärkt ran. So hat Siemens fast ein Viertel weniger an Ertragssteuern abgeführt, als im Jahr davor: magere 661 Mio. Euro. Steueranteil am Gewinn: 15 Prozent. Mit mehr Stress, Lohnsenkung, unbezahlter Verlängerung der Arbeitszeit und der Vernichtung von fast 4000 Arbeitsplätzen im Inland wurde der Supergewinn aus der Belegschaft herausgepresst.

Kein Wunder, dass die Vertreter der Banken und Institutionellen Anleger voll des Lobes für Pierer waren. Schließlich hat die Siemens-Aktie während Pierers Amtszeit um 300 Prozent zugelegt, während der DAX nur um 175 Prozent gestiegen ist. Hatte die Vertreterin der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz noch vor ein paar Jahren Pierer aufgefordert, „die Brücke zu verlassen“, so lobte sie jetzt, dass Siemens „inzwischen vorbildlich für die Anleger“ sei. Bei dieser Leistung hatten sie auch kein Problem damit, dass Pierer auf den Stuhl des Vorsitzenden des Aufsichtsrates wechselt, auch wenn sie „im Prinzip“ dagegen seien. Unzufrieden zeigten sich die Vertreter der Couponschneider allerdings mit der Dividende: sie wurde „nur“ um 13 Prozent erhöht. Sie sorgten sich, dass Siemens die flüssigen Mittel von über 12 Mrd. Euro für überteuerte Firmenaufkäufe verwendet, anstatt die Dividende zu erhöhen und den Aktienkurs durch Aktienrückkäufe aufzuwerten.

Für die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger ist Pierer gar ein „Weltverbesserer“, weil er sich gegen die „tariflichen und staatlichen Verkrustungen“ einsetze. Die 40-Stundenwoche mit zusätzlicher Lohnsenkung in der Handy-Fertigung habe Modellcharakter für Deutschland. Besonderes Lob erntete er für den Abschluss des Ergänzungstarifvertrages für Vertrieb, Montage und Service. Gerade noch rechtzeitig zur Hauptversammlung hatten sich IG Metall und Siemens darauf geeinigt, für 20.000 Siemens-Beschäftigte die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu verlängern und feste Lohnbestandteile in ergebnisorientierte Prämien umzuwandeln. Immerhin gestand Pierer ein, dass „den Menschen ein Opfer abverlangt“ werde. Aber der „Weltverbesserer“ „kämpft um die Arbeitsplätze in Deutschland“ und da müssen eben Opfer gebracht werden.

„Der Standort Deutschland ist nicht abgeschrieben, aber in einem globalen Unternehmen muss die Wertschöpfung global verteilt werden“, bekräftigte Pierer. Dieses Ziel hat er in seiner 12-jährigen Amtszeit konsequent verfolgt. Er hat den Konzern von Grund auf umstrukturiert, internationalisiert und auf Shareholder-Value-Kurs getrimmt. Nur noch 164.000 Arbeitsplätze zählt der Konzern in Deutschland. Auf 266.000 ist die Zahl der Beschäftigten im Ausland gewachsen. Dieser Trend soll weiter beschleunigt werden. Denn in Deutschland werden nur noch gut 20 Prozent des Umsatzes gemacht, aber 38 Prozent der Belegschaft sind hier noch beschäftigt. Finanzchef Neubürger sagte, dass die Dollarschwäche genutzt werden solle, um Produktion und Entwicklung „in den Dollar-Raum zu verschieben“. Investitionen werden vorzugsweise in den USA, Osteuropa und China getätigt. Vor allem China und Indien bieten neue Möglichkeiten. Mit 30.000 Beschäftigten, 50 joint ventures und zwei Entwicklungszentren partizipiert Siemens am chinesischen Wachstum und nutzt die Niedriglöhne für den Kampf um größere Anteile am Weltelektromarkt. „Durch Wien wird der Osten erschlossen“, begründete von Pierer die geplante Übernahme der österreichischen VA Tech, die einen Auftragsbestand von 4,6 Mrd. Euro aufweist; vorwiegend Aufträge aus den EU-Beitrittsländern in Osteuropa.

Aber nicht nur die Belegschaft ist international, auch die Eigentümerstruktur. Waren im Jahr 2001 noch mehr als 52 Prozent des Aktienkapitals in deutschem Besitz, so sind die ausländischen Anleger jetzt mit 57 Prozent in der Mehrheit. Zufrieden damit, dass das Management inzwischen internationalisiert ist, forderten deren Vertreter auf der Hauptversammlung, nun auch den Vorstand international zu besetzen.

Henning Gebhardt von Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS (Deutsche Bank) kritisierte die komplexe Konzernstruktur und verlangte eine Verschlankung. Im Handy-Geschäft sei Siemens gescheitert, der Bereich Telekommunikation sei zu wenig profitabel und gehöre nicht mehr zu den Stärken von Siemens. Eine Ausgliederung müsse geprüft werden. Pierer versicherte, damit es mit „Profit and Growth“ weitergeht, würden auch in Zukunft alle Möglichkeiten genutzt: Firmenaufkäufe, Joint Venture, Ausgliederungen und Schließung von Bereichen. Die angekündigte Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Handy-Sparte blieb er allerdings schuldig. „Fix it, sell or close“ (sanieren, verkaufen oder schließen), verlangte Daniela Bergdoldt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz – und zwar „schnell und ohne weiteres Zögern“.

Diese Aufgabe liegt jetzt beim neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld. Als Chef von Siemens USA hat er sich den Ruf des knallharten Sanierers erworben. 10.000 Arbeitsplätze sind dabei bei den US-Töchtern auf der Strecke geblieben. Auf der Hauptversammlung ist er trotz mehrfacher Fragen schweigsam geblieben. Er wollte wohl die gute Stimmung nicht trüben. Schließlich waren unter den 11.000 Besuchern der Hauptversammlung viele Beschäftigte. Aber bereits an seinem ersten Arbeitstag hat er seinem Hardliner-Ruf alle Ehre erwiesen. Seine Ära beginnt mit einer drastischen Streichung von Arbeitsplätzen. Nur einen Tag nach seinem Amtsantritt teilte er dem Betriebsrat mit, dass 1.250 Arbeitsplätze im Bereich für Kommunikations-Festnetze gestrichen werden, davon 300 im Betrieb München Hofmannstraße und 200 im Betrieb München Perlach. In Berlin ist der Abbau von 200 Stellen vorgesehen. Schlechte Aussichten für die Beschäftigten im Handy-Bereich, die weiter im Ungewissen über ihre Zukunft bleiben.

Allerdings muss sich Kleinfeld auf Widerstand einstellen. Insbesondere die Belegschaft in der Hofmannstraße hat die Abbaupläne bereits einmal durchkreuzt. Sie hat sich dabei einen so guten Ruf erworben, dass die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger auf der Hauptversammlung extra betonte, dass Siemens-Vorstandsmitglied Radomski „mit seinem Einsatz in der Hofmannstraße Zivilcourage gezeigt“ hatte. Noch größeren Mut und Ausdauer wird die Siemens-Belegschaft in Zukunft bei der Verteidigung ihrer Arbeitsplätze benötigen.

„Globaler“, „profitabler“ – unsozialer

„Sie setzen einen glanzvollen Schlusspunkt“, lobpreiste Aktionärsvertreterin Daniela Bergdolt den Abgang von Pierers als Siemens-Vorstandsboss. „Das Unternehmen ist globaler, wettbewerbsfähiger und profitabler geworden“.

  • Wettbewerbsfähiger: Der Umsatz pro Beschäftigten stieg in Pierers 13-jähriger Amtszeit um 80 Prozent; bei relativ stabilen Preisen ein gewaltiger Produktivitätssprung.
  • Globaler: 1992 wurden 53 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielt – 2004 bereits 77 Prozent. 38 Prozent der Beschäftigten waren damals im Ausland tätig – heute ist es gerade umgekehrt: 38 Prozent sind noch im Inland beschäftigt. Tendenz fallend.
  • Profitabler: Der „Gewinn nach Steuern“ betrug 1992 0,99 Milliarden Euro; im abgelaufenen Geschäftsjahr waren es 3,4 Milliarden Euro: plus 240%
  • Profiteure: Die Shareholder (Aktionäre): Dividendenausschüttung 1992: 372 Mio. Euro – 2004: 1.114 Mio. Euro: + 200%;
  • Der Vorstand: Gesamte Vorstandsbezüge: 1992: 10,7 Mio Euro – 2004: 33,4 Mio. (+ 212%);
  • pro Vorstand (Durchschnitt): 1992: 0,85 Mio. Euro – 2004: 2,78 Mio = + 227 Prozent (von Pierer: 1,42 Mio. Euro – 4,64 Mio Euro);
  • Verlierer: Die Belegschaft: Zehntausende von Arbeitsplätzen wurden vernichtet (allein zwischen 1997 und 2003: 30.000). Löhne und Gehälter/Beschäftigten: + 43% brutto (netto und real: nahe Null).
  • Die Allgemeinheit: Ertragssteuern: 1992: 635 Mio Euro (Steueranteil am Gewinn: 39%) – 2004: 661 Mio. Euro (Anteil am Gewinn: 15,6%).

Der „glanzvolle Schlusspunkt“ (aus Sicht der Shareholder): Gewinnsprung im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres: + 38%; über 2000 Arbeitsplätze allein bei Siemens-Communications (einschließlich Sinitec) stehen im Feuer.

Deutsche Bank, Siemens,… – Arbeitsplatzvernichtung als Rendite-Treibsatz

Prägnanter als das „Handelsblatt“ bereits zu Jahresbeginn (7.1.05) kann man es nicht formulieren: „Konzernchef Ackermann visiert für dieses Jahr eine Rendite vor Steuern von 25 Prozent an. Zur Zeit sind es 18 Prozent. Um das Ziel noch zu erreichen, bastelt das Management an einem drastischen Sparprogramm, dem nach Schätzung von Analysten 6.000 der konzernweit 65.000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten“.

„Smart Sourcing“ nennt Ackermann sein Programm zur Steigerung der Eigenkapital-Rendite. „Go for Profit and Growth“ heißt das vergleichbare Siemens-Programm.

Hier die Programme im Vergleich:

Deutsche Bank: „Smart Sourcing“
Ergebnisse 2004:
Gewinn vor Steuern: 4,146 Mrd. Euro =+ 50%
Gewinn nach Steuern: 2,546 Mrd. Euro= + 87%
Eigenkapital-Rendite (vor Steuern): 16,7 % (Vorjahr 10,1%)
Mitarbeiter (Deutschland): minus 2.680
Ziel 2005:
Eigenkapital-Rendite: 25%
Mitarbeiter (weltweit): minus 6.400

Siemens: „Go for Profit and Growth“
Ergebnisse 2004:
Gewinn vor Steuern: 4,232 Mrd. Euro = + 26 %
Gewinn nach Steuern: 3,405 Mrd. Euro = + 39 %
Eigenkapital-Rendite (vor Steuern): 15,8 % (Vorjahr 14,2 %)
Mitarbeiter (Deutschland): minus 4.000
Ziel 2005: „Kräftige“ Gewinnerhöhung
Mitarbeiter: Siemens-Com: minus 1.350 (verkündet einen Tag nach HV) + Abbau 670 Mitarbeiter Sinitec

Zur Beachtung: Bei beiden Konzernen wesentlich höherer Anstieg des Gewinns nach Steuern; d.h. wegen der positiven Wirkungen der Unternehmenssteuerreform zahlen sie relativ weniger Steuern (Gewinne werden geringer besteuert). SZ (8.2.05): „Clement will Steuern für Betriebe senken“.