Thesen zum Krieg/Wirtschaftliche Grundlagen bewaffneter Konflikte

  1. Jeder bewaffnete Großkonflikt hat eine materielle, wirtschaftliche Basis. Es geht um Jagdgründe, Weideland, Menschen, Rohstoffe, Waren. Auch psychologische Erklärungen gehen – bewusst oder unbewusst – von solchen materiellen Grundlagen des Konflikts aus. Bei Freud z.B. entsteht der Aggressionstrieb aus dem Selbsterhaltungstrieb. Die eigene Person sieht sich in ihrer materiellen und geistigen Grundlage von anderen gefährdet. Dabei können sich die Motive der direkt am Konflikt Beteiligten von dieser materiellen Grundlage lösen. Rom brauchte Tunis als Kornkammer und die Sklaven aus aller Welt, um für den Reichtum von Roms Oligarchie zu arbeiten. Die Legionäre Roms brauchten den Krieg wegen des Solds und der Plünderungen. Die jungen Offiziere, um sich in der römischen Gesellschaft hervor zu tun. Im feudalen Mittelalter sorgten die Eroberungen für Land und unfreie Bauern, die Ritter selbst – die damaligen Berufssoldaten – brauchten den Krieg als Lebenserwerb, aber auch als ihre Lebensart. Ohne Krieg galten sie in der Gesellschaft nichts. So war es auch bei den Offizieren der preußischen Armee. Die Junker brauchten Land und Landarbeiter östlich der Elbe, die Offiziere konnten wegen der ständigen Kriege in Staat und Gesellschaft den Ton angeben. Kolumbus wollte als Seefahrer seinen Beweis von der Beschaffenheit der Erde als Kugel antreten, Geld für seine Expeditionen und die folgenden Kriege bekam er von Isabell und Ferdinand nur, weil die sich Gold und andere Schätze in der Neuen Welt erhofften. Der Erste Weltkrieg kam zustande, weil Deutschland die bestehende imperialistische Weltordnung zu seinen Gunsten umstürzen wollte, selbst Kolonien haben wollte – aber die Abiturienten, die mit dem Deutschlandlied auf den Lippen und dem „Faust“ im Tornister in den Tod zogen, hatten Vorstellungen von Heldentum und Patriotismus in Kopf und Seele. Die Nazis haben ziemlich offen erklärt, dass das deutsche Volk Raum brauche und die Slawen als Arbeitssklaven vorgesehen seien. Für SS und SA und das deutsche Offizierskorps waren Krieg und Kriegsvorbereitung das Feld, der eigenen Existenz eine höhere Berechtigung im Kampf gegen „bolschewistisches Weltjudentum“ und „Untermenschentum“ anzudichten. Dass Menschen sich in kriegerischen Konflikten andere Vorstellungen über ihre Motive und die Grundlage des Konflikts machen, darf einen nicht darüber hinweg täuschen, dass der Kern des Ganzen im Materiellen, im Ökonomischen liegt.
  2. Worum es in den Kriegen geht, und wie sie geführt werden, hängt von der jeweiligen Wirtschaftsweise bzw. vom Stand der Produktivkräfte ab. Jäger- und Sammlergesellschaften brauchen Land, die Gebiete der Tiere, die sie jagen bzw. der Früchte, die sie sammeln. Kommt es z.B. zu Dürreperioden, genügen die bisherigen Regionen den Stämmen nicht mehr zum Überleben, es entstehen Kämpfe um den „Lebensraum“. Haben die Menschen Werkzeuge entwickelt, kann ein Mensch mit seiner Arbeit mehr produzieren, als er selber verbraucht, drehen sich die Kriege bereits um Rohstoffe für die Warenproduktion und um Menschen, die als Sklaven die Arbeit verrichten. Im Imperium Romanum wurden fremde Länder wie Tunis als Rohstofflieferant benutzt – Tunis war Roms Kornkammer – seine Menschen wurden als Sklaven in Tunis wie in Rom und seinen Provinzen eingesetzt. Die Germanen wurden als Söldner-Sklaven gebraucht, die Griechen waren Lehrer-Sklaven, die Nubier Haus- und Lustsklaven usw. Im Feudalismus geboten die Lehnsherren über unfreie Bauern, die ihren Zehnten zu entrichten und zu Hand- und Spanndiensten den Herren zur Verfügung zu stehen hatten. Im Krieg ging es also darum, fruchtbare Regionen mit produktiver bäuerlicher Bevölkerung zu unterwerfen. In den Städten entstanden Manufakturen, größere, aus Handwerksbetrieben hervorgehende Fabriken und v.a. Händler und Handelshäuser, die den Austausch der anschwellenden Warenströme organisierten. Dies war die ökonomische Basis der erstarkenden Bourgeoisie, die sich schließlich kümmern musste um die Sicherung der Rohstoffe und der Märkte in der ganzen Welt. Die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts waren zurückzuführen auf die Tatsache, dass Deutschland bei der Aufteilung der Welt unter die Kolonialmächte im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert nicht vorkam, weil es Deutschland damals nicht gab, sondern nur eine Vielzahl von Kleinstaaten. 1871 kam es zur Gründung des Deutschen Reiches und mit der beschleunigten Entwicklung des deutschen Kapitalismus folgerichtig zum Ersten Weltkrieg. Dieser „Griff nach der Weltmacht“ ging schief. Nazi-Deutschland machte den zweiten Anlauf, auch hier ging es erklärtermaßen um die Öl- und sonstigen Rohstoffe der Sowjetunion und die Menschen Osteuropas, die zu „Arbeitssklaven“ der Herrenrasse werden sollten.
  3. Der Zweite Weltkrieg wurde von der Anti-Hitler-Koalition gewonnen, einer in sich sehr widersprüchlichen Allianz. Da waren einmal die kapitalistischen Westmächte, die den deutschen Konkurrenten niederringen wollten; zum anderen gehörte die Sowjetunion dazu, die sich einem lebensgefährlichen Angriffs seitens des deutschen Kapitalismus ausgesetzt sah. Das kurzfristige Anti-Hitler-Bündnis wurde abgelöst vom „Kalten Krieg“ zwischen dem westlichen Kapitalismus und dem sozialistischen Lager. Dieser „kalte Krieg“ drehte sich um die Grundfrage der Wirtschaftspolitik: Soll der „freie Markt“ herrschen, das Privateigentum an den Produktionsmitteln also und die Verfügungsgewalt der Unternehmer über die Wirtschaft und damit über die Lebenschancen der Menschen; oder soll Eigentum vergesellschaftet und die ganze Gesellschaft vom Lebensinteresse der Arbeitenden bestimmt werden. Alle „lokalen“ Konflikte dieser Epoche wurden von diesem Gegensatz der beiden Weltsysteme überlagert. Zu diesen Konflikten zählen v.a. die antikolonialistischen Kriege. Die Völker in den Kolonien erhoben sich gegen die Fremdherrschaft. Der britische König war bis 1948 auch König von Indien. Die Franzosen herrschten bis in die fünfziger Jahre in Indochina. Dann wurden sie durch den Befreiungskrieg der Vietcong hinausgeworfen. Die USA übernahmen das Banner der alten Kolonialmächte. Schon in den fünfziger Jahren erklärten sie, sie müssten in Vietnam, Laos, Kambodscha usw. die freie Welt verteidigen, indem sie dort die nationalen Befreiungsbewegungen bekämpften. Im Mittleren Osten, wo England seine Kolonien aufgeben musste, übernahmen die USA die Rolle der „Schutzmacht“, d.h. sie stützten die Eliten, die mit ihnen zusammen die Rohstoffe vor Ort, vor allem das Erdöl, ausbeuteten. Viele nationale Befreiungsbewegungen konnten sich in Zusammenarbeit mit dem sozialistischen Lager gegen den Imperialismus des Westens durchsetzen. So in Cuba, in Vietnam, in Algerien, in Chile, in Angola, in Mozambique, in Nicaragua. In manchen Ländern blieb der Sieg kurzfristig – in Chile z.B. wie auch in Nicaragua organisierte der Westen, v.a. die USA, erfolgreiche Konter-revolutionen. Jedes Mal ging es um wirtschaftliche Fragen. In Chile um Kupfer u.a., in Nicaragua um das Bananenreich der United Fruit, der größten Gesellschaft der Welt für exotische Früchte, die natürlich in den USA ihren Hauptsitz hat. In Cuba organisierten die USA eine Invasion gegen die Revolution, mit Hilfe der Sowjetunion konnte sie abgewehrt werden.
  4. Nach dem Zusammenbruch des Weltsozialismus hat sich die globale Situation grundsätzlich verändert. Ohne die Kooperation mit dem sozialistischen Lager sind alle früheren Kolonien, die sich befreien konnten, wieder eingespannt in das internationale kapitalistische System, ebenso wie die früheren sozialistischen Länder. Einzige Ausnahme sind bis jetzt China, Cuba und Nordkorea. Das Grundprinzip der kapitalistischen Ausplünderung der Welt bestand in der Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Prinzipien in allen Ländern sowie der Zusammenarbeit der reichen Länder und großen Konzerne mit den einheimischen Eliten, die an der Ausbeutung ihrer Völker und Ressourcen teilhaben dürfen. Die Globalisierung hat nicht der Verbreitung uinversaler Werte als Antrieb, sondern sie ist in erster Linie eine ökonomische Angelegenheit. Die großen Konzerne haben die „globale Fabrik“ entwickelt. Teile für ein Produkt werden jeweils dort entwickelt, wo sie am kostengünstigsten sind. In einem Auto können Fertigungsteile aus mehr als 30 Ländern stecken. Ein Viertel des gesamten Welthandels entfällt auf den Handel, der innerhalb der einzelnen Firmen selbst stattfindet. Die gesamte Welt, die Luft- und Seewege, die Menschen in allen Ländern und ihre Regierungen müssen also den großen Konzernen gefügig sein, oder das System bricht zusammen. Dies wird von dem wichtigsten aller Faktoren noch gebieterischer gefordert: der globalen Rohstofflage und vor allem der Frage des Nachschubs von Erdöl und Erdgas. Dies ist der Kern alles modernen Wirtschaftens. Energie ist die Voraussetzung für jede moderne Produktion – kein Computer, kein Fahrband, keine Fertigungslinie, kein Auto, kein Flugzeug, kein Zug, kein Fernsehen, kein Telefon, keine Beleuchtung, nichts kann laufen ohne Energie. Und die Energieträger werden knapp. Die bisher entscheidende Größe, Erdöl, wird in zehn Jahren im gesamten Westen nicht mehr produziert. Man ist angewiesen auf Zentralasien – Stichwort Afghanistan – und Mittlerer Osten – Stichworte Irak und Saudi-Arabien. Der Westen hat um die gesamte Erde ein Netz von politischen Allianzen und von militärischen Stützpunkten eingerichtet, die ihm die Ausbeutung des wichtigsten aller Rohstoffe sichern sollen.
  5. Die neue Lage ist gekennzeichnet dadurch, dass die politische Dominanz der Reichen Welt über die Arme nicht mehr durch die bloß „politische“ Regelung über WTO, IWF u.ä. und durch die bloße Androhung des militärischen Knüppels gewährleistet ist. In den arabischen Ländern ist ein „Fundamentalismus“ entstanden, der sich gegen die USA wendet und auch gegen die arabischen Eliten, die bisher gemeinsame Sache mit den USA machen. Iran und Irak halten sich außerhalb des US-Einflusses. Die Taliban in Afghanistan, entscheidendes Durchgangsland für die Pipelines aus Zentralasien, wandten sich gegen die USA. In Venezuela, einem wichtigen Ölland, entwickelte sich die Regierung Chavez, ein Freund Cubas. In Saudi-Arabien, dem größten Ölproduzenten der Welt, geht der regierungsoffizielle islamische Fundamentalismus bei den Massen in offenen Anti-Amerikanismus über. Gleichzeitig nehmen die Proteste gegen die globale Ausbeutung durch die Transnationalen Konzerne auch im Westen selbst zu. Alle WTO/IWF/G7-Konferenzen geraten zu Kampfstätten immer härterer Konfrontationen. Die globale Ausbeutung trifft auf immer größeren Widerstand der Ausgebeuteten und derer, die im Westen nicht zu Komplizen der Konzerne werden wollen oder selbst Opfer dieser Globalisierung sind.

Dies ist der Ausgangspunkt für den Krieg, dessen Zeuge wir derzeit werden. Der Imperialismus hat den Dritten Weltkrieg begonnen, und er richtet sich gegen die Dritte Welt. Man hat ihm den Namen „Krieg gegen den Terror“ gegeben. Wer sich gegen die Ausbeutung durch die Transnationalen Konzerne wehrt, wer sich gegen den Zugriff des Westens auf die Öl- und Gasquellen, auf Pipelines und See- und Luftwege wehrt, ist ein Terrorist. Dass die Menschen diesen Krieg bisher nicht als „Dritten Weltkrieg“ wahrnehmen, liegt u.a. daran, dass er „scheibchenweise“ geführt wird; heute Afghanistan, morgen vielleicht der Irak, übermorgen die „Achse des Bösen“ und im übrigen behält sich der Westen vor, wer als nächstes dran ist. Die ganze Welt soll in Furcht erstarren vor der Drohung und der weiteren neoliberalen Globalisierung willfahren.