Wird Siemens zerschlagen?

Das gab´s noch nie. Ein Dax-30-Boss legt glänzende Geschäftszahlen vor und wird am gleichen Tag gefeuert – ohne, dass ein Nachfolger fest steht.

So geschehen bei Siemens in diesen Tagen. Vorstandschef Klaus Kleinfeld präsentierte einen der besten Quartalsberichte in der Konzerngeschichte. Das Geschäft brummt, der Umsatz stieg um zehn Prozent, das operative Ergebnis um knapp 50 Prozent, der Gewinn nach Steuern um 36 Prozent. Alle Geschäftsbereiche haben ihre Margenziele erreicht oder übertroffen und Kleinfeld prophezeite, im Verlauf des Geschäftsjahres noch bessere Renditezahlen aus den Beschäftigten herauszupressen. Der Kurs der Siemensaktie stieg seit Beginn des Jahres um 22 Prozent, der Shareholder-Value hatte sich also binnen vier Monaten um fast ein Viertel erhöht, die Anleger waren zufrieden. Und dennoch war die Rolex-Uhr von Kleinfeld abgelaufen, er mußte seinen Rücktritt erklären.

An den Siemens-Korruptionsaffären und Schmiergeldern zum Einkauf der AUB (Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Betriebsangehöriger) und deren Chef Schelsky kann es kaum gelegen haben. Die Verstrickungen in diesen Sumpf brachten den bisherigen Aufsichtsratsvorsitzenden und langjährigen Siemensboss Heinrich von Pierer zu Fall. Er mußte wenige Tage vor Kleinfeld seinen Stuhl als Aufsichtsratschef räumen. Seinen Posten übernahm ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, seit 2003 Mitglied des Siemens-Aufsichtsrats. Er leitet den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates in Sachen Korruptionsaffäre und gilt als Vorsitzender der Regierungskommission für transparente Unternehmensführung als „Mister Corporate Governance“, als „Saubermann der deutschen Wirtschaft“. Cromme lobte noch in der Aufsichtsratssitzung, in der Kleinfeld hinschmiß, die „entschlossene und erfolgreiche Führung“ des Konzerns, den „konsequenten Einsatz Kleinfelds“ bei der Aufarbeitung der Korruptionsaffäre. Entlastung für Kleinfeld kam zudem aus den USA. Zwar ermittelt die allmächtige US-Börsenaufsicht SEC gegen Siemens wegen der Bestechungsaffären. Im Verurteilungsfall droht Siemens eine Geldstrafe bis zu zwei Milliarden US-Dollar, was auch die „Bank mit angeschlossener Elektroabteilung“ nicht mehr als peanuts wegstecken könnte. Doch einen Tag vor besagter AR-Sitzung gaben die von Siemens beauftragten externen Ermittler, die US-Kanzlei Debevois& Plimpton bekannt, dass bislang nichts Belastendes gegen Kleinfeld gefunden worden sei. Eine Vertragsverlängerung für Kleinfeld hätte zudem eine Schutzklausel enthalten können. Falls Kleinfeld tatsächlich in die Korruptionsaffäre verstrickt ist, müsste er vorzeitig und ohne Abfindung gehen.

Türöffner für die Heuschrecken

Wer und was steckt also hinter dem Rücktritt von Kleinfeld? Wer, das steht fest. Kleinfeld-Lobpreiser Cromme führte zugleich den Dolch im Gewand. Er hatte auch den Sturz Pierers betrieben, sich ein wenig geziert, dann aber schnell den Aufsischtsratsvorsitz bei Siemens übernommen. In dieser Funktion betrieb er sofort den Abtritt Kleinfelds. Cromme war dabei nicht allein. Als maßgebliche Strippenzieher des Kleinfeldsturzes gelten die Herren der Hochfinanz, die SiemensAufsichtsratsmitglieder Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank und Henning Schulte-Noelle, Aufsichtsratsvorsitzender des Versicherungsgiganten Allianz und deren früherer Chef. Der vierte im Bunde der Königsmörder war angeblich der stellvertretende IG-Metallvorsitzende und SiemensAufsichtsrat Berthold Huber. Siemens brauche „Klarheit“ meinte dieser, damit sich das Unternehmen auf seine eigentlichen Aufgaben konzentrieren könne. Möglicherweise sieht diese „Klarheit“ bald anders aus, als sich das Huber erträumt. Cromme und die Vertreter der führenden deutschen Finanzkonzerne bereiten offenbar unter der Devise „Neuanfang“ eine totale Neuausrichtung der Siemens-Konzernstrategie vor. Siemens verlor praktisch mit einem Schlag seine gesamte Führungsspitze. Das sich auftuende Führungschaos und Machtvakuum aber könnte gewollt sein, um Spekulationen und Spekulanten Tür und Tor zu öffnen. Ein Quereinsteiger an der Führungsspitze, wie vorgesehen, wäre wohl kaum in der Lage das hochkomplexe Siemens-Imperium und -Konglomerat in Kurzer Zeit so zu führen, dass der Konzern in seiner Gesamtheit mehr wert ist als die Summe seiner Einzelteile. Zumal die Zeit auch weiterer Vorstandsmitglieder abgelaufen ist. Er müßte Siemens deshalb rasch zerlegen. Ein solches Szenario wurde von Analysten und Investmentfonds immer gefordert und auf mehreren Hauptversammlungen vorgetragen. Wortführer war jeweils die Deutsche Bank bzw. deren Investmentfonds DWS.

Und die Rolle von Saubermann Cromme, dem jetzigen Siemens-Aufsichtsratschef? Der ExThyssenKrupp-Chef hat keine Skrupel, wenn es um die Zerschlagung von Konzernteilen im Interesse des Profits geht. Als damaliger Krupp-Chef räumte er ohne Hemmungen im Konzern auf und ganze Belegschaften weg, walzte gegen den Willen und Widerstand einer ganzen Stadt das Stahlwerk Rheinhausen platt. Gerhard Cromme ist eine Schlüsselfigur der internationalen Finanzoligarchie. Er sitzt in neun Aufsichtsräten. Neben ThyssenKrupp und Siemens in solchen strategischen Konzernen wie Allianz, E.on und Springer. Er ist aber auch mit dem französischen Kapital eng verfilzt und dort in den Aufsichtsgremien der Großbank BNP Paribas, dem Versorger Suez und dem Traditionskonzern Saint-Gobain präsent. Vier Jahre lang war er zudem der Deutsche Vorsitzende des European Round Table (ERT), eines Elite- und Lobbyclubs europäischer Konzernlenker, das die politischen Vorgaben und Vorlagen für die EU-Kommission ausarbeitet. Dass er etwa bis 2005 drei Jahre lang auch den Finanzinvestor KKR beraten hat, hat Cromme nie öffentlich gemacht. „In dieser Zeit soll er dem Private-Equity-Haus zahlreiche Türen geöffnet haben“, schreibt die Financial Times Deutschland. „Ein Dienst, für den KKR kaum einen besseren Berater hätte finden können“. Möglicherweise dient sich Cromme jetzt wieder als Türöffner für die US-Heuschrecke an. Auch der frühere Finanzvorstand von Siemens, Hans-Joachim Neubürger, hat nach seinem überraschenden Abgang bei Siemens Anfang 2006 einige Monate später als Berater bei Kohlberg Krawis Roberts (KKR) angeheuert. „Alles nur Zufall?“ fragt die Kommentatorin des Bayerischen Rundfunks. „Nein, das klingt nach Strategie. Es wäre nicht das erste Mal, dass Banker einen Vorstandschef abservieren. Und dass Heuschrecken und Investmentbanker einen Konzern gewinnbringend zerlegen wollen“.

Modernes Finanzkapital in Aktion

In diese Strategie passt auch Ackermanns und Crommes Wunsch-Nachfolgekandidat, der jetzige Linde-Vorstandschef Reitzle. Reitzle hat zwar keine Ahnung vom Siemens-Geschäft, um so mehr aber versteht er sich auf die Zusammenarbeit von Finanzkonzernen und Private Equity Fonds bei der Zerlegung und Umbau von Konzernen. Die Umorganisation des Linde-Gemischtwarenladens zum größten Industriegaskonzern der Welt, u.a. durch die Abspaltung der Gabelstapler-Sparte (Kion) und Zukäufe (britische BOC) geschah im Schulterschluss und Auftrag der Linde-Großaktionäre Deutsche Bank und der Allianz Versicherung aber auch im Zusammenspiel mit den der US-Investmentbank Goldman Sachs und dem Private-Equity-Fonds KKR. Alle Beteiligten verdienten prächtig dabei. Eine totale Zerlegung des Siemens-Konglomerats in kerngeschäftorientierte Einzelteile im Zusammenspiel von Investmentbanken und Finanzinvestoren wäre für diese neue Form des internationalen Finanzkapitals auf Jahre hinaus eine gigantische Profitquelle (siehe dazu Leo Mayer, Das moderne Finanzkapital, Plenarvortrag auf der Marxismus-Konferenz in Berlin). Die Investmentbanken, in diesem Fall vorrangig die Deutsche Bank würde als Beraterin des Umbaus mit den damit verbundenen Börsengängen, Fusionen, Übernahmen Milliarden an Provisionen einstecken, für die Allianz als Institutioneller Anleger würden deren Siemens-Finanzinvest an Wert zulegen und Heuschrecken wie KKR, Cerberus (in deren Diensten der zweite gehandelte Nachfolgekandidat, ExVW-Sanierer Wolfgang Bernhard steht) und andere Finanzinvestoren würden sich in die Einzelteile einkaufen, diese in die Verschuldung treiben, ausschlachten und wiederverkaufen. Mag sein, dass Kleinfeld für ein solches Konzept der Total-Zerschlagung nicht mittragen wollte. Er hatte zwar keine Hemmungen, Konzernsparten samt Belegschaften abzuspalten, wenn sie nicht die vorgegebene EVARendite erbrachten, verfolgte für den Gesamtkonzern aber eher das Holding-Konzept; wie z.B. im Falle VDO, die zwar eigenständig an die Börse gebracht werden soll, wobei Siemens aber die Aktienmehrheit oder zumindest -parität, wie z.B. auch bei NokiaSiemens oder SiemensFuijitsu behalten will.

Ackermann-Cromme verfolgen offenbar das Konzept der schnellen und Totalzerschlagung. Möglicherweise gehört nach dem Verschwinden traditionsreicher Konzernnamen wie AEG, Hoechst, Mannesmann auch der Firmenname Siemens bald der Wirtschaftsgeschichte an.