Silvio Gesells reaktionäre Läuterung der „Marktwirtschaft“

sdsd

1931 | NN | Zeitschrift Wirtschaft und Freiheit. Zentralblatt für Wirtschaftsreform. Mitteilungsblatt der D.W.G., Heft Juli 1931

Weg mit dem „raffenden Kapital“, hoch dem „schaffenden Kapital“?

Als Volksbeauftragter für das Finanzwesen war Silvio Gesell während der Münchner Räterepublik nur sechs Tage im Amt. Dann wurde die „Räterepublik der Schwabinger Literaten“ von den Kommunisten abgelöst. Wie immer man zum Vorgehen der Kommunisten 1918/1919 in München stehen mag, dass sie Gesell daran gehindert haben, seine Ideen in die Tat umzusetzen, kann man nur gutheißen.

In „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“ hat Gesell als Ausgangspunkt seiner Theorie dargelegt:

„Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen des Menschen in erster Linie davon ab, dass die Auslese nach den Naturgesetzen sich vollzieht. Diese Gesetze aber wollen den Wettstreit. Nur auf dem Wege des Wettbewerbs, der sich überwiegend auf wirtschaftlichem Gebiete abspielt, kann es zur förderlichen Entwicklung, zur Hochzucht kommen. Wer darum die Zuchtgesetze der Natur in ihrer vollen, wundertätigen Wirksamkeit erhalten will, muss die Wirtschaftsordnung darauf anlegen, dass sich der Wettbewerb auch wirklich so abspielt, wie die Natur es will, d.h. mit der von ihr gelieferten Ausrüstung unter gänzlicher Ausschaltung von Vorrechten. Der Erfolg des Wettstreites muss ausschließlich von angeborenen Eigenschaften bedingt sein, denn nur so wird die Ursache des Erfolges auf die Nachkommen vererbt und zur allgemeinen Menscheneigenschaft … Dann darf man hoffen, dass mit der Zeit die Menschheit von all dem Minderwertigen erlöst werden wird, mit dem die seit Jahrtausenden von Geld und Vorrecht geleitete Fehlzucht sie belastet hat, dass die Herrschaft den Händen der Bevorrechteten entrissen werden und die Menschheit unter der Führung der Edelsten den schon lange unterbrochenen Aufstieg zu göttlichen Zielen wieder aufnehmen wird.“[1]

Da hier von „göttlichen Zielen“ die Rede ist und Gesells Geldtheorie gerade auch in links-religiösen Kreisen eine Rolle spielt, sei daran erinnert, dass Gesell sich jede Einführung religiöser Forderungen und Motive in das Wirtschaftsgeschehen strikt verbat: „Die natürliche Wirtschaftsordnung … braucht darum starke Triebkräfte, und keine andere Anlage vermag diese in der nötigen Stärke und Regelmäßigkeit zu liefern als der Eigennutz. Die religiösen Forderungen des Christentums dürfen wir darum nicht auf die Wirtschaft übertragen; sie versagen hier und schaffen nur Heuchler.“[2]

Gesells Ziel war also die Errichtung einer radikalen Marktwirtschaft. Sein Credo würde jeder Neoliberale unterschreiben: „Diese natürliche Wirtschaftsordnung könnte man auch als „Manchestertum“ bezeichnen, jene Ordnung, die den wahrhaft freien Geistern immer als Ziel vorgeschwebt hat – eine Ordnung, die von selber, ohne fremdes Zutun steht und nur dem freien Spiel der Kräfte überlassen zu werden braucht, um alles das, was durch amtliche Eingriffe, durch Staatssozialismus und behördliche Kurzsichtigkeit verdorben wurde, wieder ins richtige Lot zu bringen[3]. Und noch deutlicher, die Stoßrichtung gegen jede sozialistische Regung bekräftigend: „Genossenschaften, Gemeinwesen, Vergesellschaftung usw. – sie können die Tatsache nicht verschleiern, dass es sich im Grunde immer um denselben Schrecken, um den Tod der persönlichen Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstverantwortung, d.h. um Behördenherrschaft handelt.“[4]

Sein Ziel ist es, dass der freie Wettbewerb nicht länger mehr durch die Privilegien von Geburt und Geld behindert wird, dass jeder mit demselben Rüstzeug zum unerbittlichen Wettbewerb antreten kann. „Doch steht außerhalb jeden Zweifels, dass der freie Wettbewerb den Tüchtigen begünstigt und seine stärkere Fortpflanzung zur Folge hat. Das aber genügt, um die Fortpflanzung der Menschheit in aufsteigender Linie zu verbürgen.“[5]

Bisher wird nach Gesell der freie Wettbewerb dadurch behindert, dass die einen Geld haben und die anderen nicht. Die Geldbesitzer haben den Vorzug, Tauschgeschäfte abzuschließen oder aber zu verweigern, denn mit ihrem Geldschatz können sie auch auf den Tausch verzichten und dennoch mit ihrem Geschäfts- und Privatleben fortfahren. Aufgrund dieser Überlegenheit erheben sie „unmittelbar aus dem Kreislauf von Ware und Geld“[6] ihren geldlosen „Partnern“ gegenüber einen „Urzins“, und dieser ist der Kern allen Übels. Die den Urzins erhebenden Geldbesitzer, die Wucherer, stellen die unproduktive Schmarotzerklasse dar, die auf allen produktiv Arbeitenden, den Unternehmern wie den Arbeitern und Bauern gleichermaßen, lastet. „Der Urzins war kein Darlehenszins … Es war ein Tauschgeschäft, und der Urzins wurde dabei erhoben, weil der Geldinhaber den Tausch gestatten oder untersagen konnte … Beim Zins der Sachgüter handelte es sich hingegen nicht um einen Tausch, sondern um ein Darlehen. Der Grundbesitzer verleiht den Boden an den Pächter, der Hausbesitzer verleiht das Haus an den Mieter, der Fabrikant verleiht die Fabrik an die Arbeiter, der Bankmann verleiht das Geld an den Schuldner; – aber der Kaufmann, der den Zins von den Waren erhebt, verleiht nichts, – er tauscht. Pächter, Mieter, Arbeiter, Schuldner geben zurück, was sie erhalten haben.“[7]

Von diesem Gesellschen Gedankengebäude war es nicht einmal ein Schritt zum Konstrukt der Nazis vom raffenden gegen das schaffende Kapital. Der „theoretische Kopf“, der auch die eingängigen Vokabeln erfand, hieß Gottfried Feder, der mit Gesell in losem Kontakt stand, den er gerne verfestigt hätte, was Gesell aber nicht zuließ. Feder war Dozent bei Kursen an der Universität München, die die bayerische Reichswehr nach dem Triumph über die Räterepublik seit Mai 1919 für redebegabte Kriegsveteranen veranstaltete. Einer der Absolventen war Adolf Hitler, der in „Mein Kampf“ beschreibt, wie er anhand dieser Kurse zu einem neuen Verständnis des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft kam: „Dieses wurde nun auf das gründlichste besorgt von einem der verschiedenen in dem schon erwähnten Kurse vortragenden Herren: Gottfried Feder. Zum ersten Male in meinem Leben vernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem internationalen Börsen- und Leihkapital. Nachdem ich den ersten Vortrag Feders angehört hatte, zuckte mir auch sofort der Gedanke durch den Kopf, nun zu einer der wesentlichsten Voraussetzungen zur Gründung einer neuen Partei gefunden zu haben. Das Verdienst Feders beruhte in meinen Augen darin, mit rücksichtsloser Brutalität den ebenso spekulativen wie volkswirtschaftlichen Charakter des Börsen- und Leihkapitals festgelegt, seine urewige Voraussetzung des Zinses aber bloßgelegt zu haben.“ Für Feder geht es um die „Brechung der Zinsknechtschaft“, für Gesell um die Liquidation des „Urzinses“, indem alle Privatgeldvorräte durch behördlich verordneten Umlaufzwang „selbsttätig“ aufgelöst werden. „Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen.“[8]. Es wird „Schwundgeld“ oder „Freigeld“ eingeführt, die ausgegebenen Banknoten verlieren jede Woche, jeden Monat an Wert, weshalb die Geldbesitzer sich schnell von ihrem Gelde trennen würden, die Geldschätze würden aufgelöst, die überlegene Stellung der Geldbesitzer beim Warentausch wäre dahin. Nun also könne die radikale Marktwirtschaft, der freie Wettbewerb aller gegen alle ohne die verzerrenden Privilegien des Geldbesitzes und die natürliche Auslese der Besten stattfinden, die Menschheit gerate endlich unter die „Führung der Edelsten“. Neben dem Freigeld will Gesell auch das „Freiland“ einführen. Das in Gemeineigentum überführte Land soll den Meistbietenden zur privaten Nutzung verpachtet werden, wodurch nach Gesell der Produktionsfaktor Boden seiner optimalen Verwendung zugeführt würde. Wir konzentrieren uns hier auf den „Urzins“ und das „Freigeld“.

So chauvinistisch die primitiven sozialdarwinistischen Fortschrittsphantasien der Hochzucht durch radikalen Wettbewerb, so platt und falsch die geldtheoretischen Behauptungen. Gesells „Königsgedanke“ ist, dass der behördlich verordnete ständige Wertverlust des Geldes einen Umlaufszwang des Geldes bedeute mit der Folge: „Alle Privatgeldvorräte lösen sich … selbsttätig auf.“[9] Damit büße das Geld seine zinstragende Eigenschaft ein und würde auf die Rangstufe von Ware und Arbeit herabgesetzt. Alle erzielten Geldüberschüsse würden unaufhaltsam in Produktionsmittel, Wohnungen usw., „ohne Rücksicht auf die Einträglichkeit (Mehrwert, Rentabilität)“ umgewandelt. Der Kapitalzins, den er mit dem Mehrwert gleichsetzt, würde nach und nach ganz verschwinden. Wäre die Arbeiterbewegung solchen Überlegungen, wie sie J.P. Proudhon schon zwei Generationen früher entwickelt habe, gefolgt anstatt den absurden Theorien von Marx und anderen Ausbeutungstheoretikern, dann wäre das Problem des vom Geld dominierten Kapitalismus vielleicht schon gelöst.

Da Gesell Marx direkt seinem eigenen Lehrmeister Proudhon gegenüberstellt, mag uns die Kritik weiterhelfen, die Marx im „Kapital“ an Proudhon übt. Proudhon scheine das auf Zins Leihen deshalb zu kritisieren, weil es nicht Verkaufen sei. Es sei, so zitiert er den Widersacher, „die Fähigkeit, denselben Gegenstand stets von neuem zu verkaufen und dafür stets von neuem den Preis zu erhalten, ohne jemals das Eigentum an dem Gegenstand, den man verkauft, abzutreten“. Dies geht nach Proudhon zu Lasten des produktiven Kapitalisten, der für seine Produkte am Markt nur deren Wert zurückerhält, während der „verleihende Kapitalist … nicht nur sein Kapital unverkürzt zurück (empfängt); er empfängt mehr als das Kapital, mehr als er in den Austausch wirft; er empfängt über das Kapital hinaus seinen Zins.“. Auch für den Arbeiter sei der Zins das entscheidende Problem. „Da sich im Handel der Zins des Kapitals dem Lohn des Arbeiters hinzufügt, um den Preis der Ware zusammenzusetzen, so ist es unmöglich, dass der Arbeiter das Produkt seiner eigenen Arbeit zurückkaufen kann. Von eigener Arbeit leben ist ein Prinzip, das, unter der Herrschaft des Zinses, einen Widerspruch einschließt.“

Zu diesen Trugschlüssen kommt Proudhon und mit ihm Gesell, weil sie nicht begreifen, dass Geld Leihen und Geld Verleihen in der Tat ein Akt des Warenaustauschs ist. „Der Geldbesitzer“, heißt es bei Marx, „der sein Geld als zinstragendes Kapital verwerten will, veräußert es an einen dritten, wirft es in die Zirkulation, macht es zur Ware als Kapital; nicht nur als Kapital für ihn selbst, sondern auch für andere; es ist nicht bloß Kapital für den, der es veräußert, sondern es wird dem dritten von vornherein als Kapital ausgehändigt, als Wert, der den Gebrauchswert besitzt, Mehrwert, Profit zu schaffen.“ Der Geldverleiher tritt also eine Ware ab, nämlich Geld/Kapital, das den Gebrauchswert besitzt, Mehrwert zu schaffen. Er verkauft diese Ware aber nicht, er leiht sie nur aus „unter der Bedingung, nach einer bestimmten Frist erstens zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren, zweitens aber als realisiertes Kapital zurückzukehren, so dass es seinen Gebrauchswert, Mehrwert zu produzieren, realisiert hat.“

Die Ware Kapital, die dem „fungierenden Kapitalisten“ (so nennt Marx den kapitalistischen Unternehmer im Produktionsprozess) geliehen wird, wird von diesem also unter dem Gesichtspunkt erworben, dass er den Gebrauchswert dieser Ware, nämlich „Geld zu hecken“, Mehrwert zu schaffen, nutzen kann. Kann er die mit Hilfe des geliehenen Kapitals entstandenen Waren am Markt über den Produktionskosten absetzen, macht der Unternehmer Profit. Der Preis für die Ware Leihkapital, der Zins, den der Unternehmer zurückzuzahlen hat, ist ein Teil des erzielten Profits. Nach den Prämissen von Proudhon und Gesell dürfte es zu gar keinem Profit kommen, im Gegenteil. Die Produkte werden zu ihrem wahren Wert verkauft, die Arbeiter zahlen mit ihrer Arbeit, wie Gesell sagt, nur das zurück, was sie erhalten haben. Wo eigentlich sollen da Profite herkommen? Das Geheimnis von Mehrwert und Profit, dass nämlich die Ware Arbeitskraft mehr Wert produziert als ihr selbst zugemessen wird und sie im Lohn erhält, blieb Proudhon/Gesell verschlossen. Und mit ihm die Wahrheit, dass der Zins keine von außen auf die Wirtschaft drückende „Urbelastung“ ist, sondern ein Bestandteil des in der realen Wirtschaft erzielten Profits. Gäbe es in der Realwirtschaft keine Profite, wäre es mit Zinsleistungen vorbei, sobald die Vermögens- und Kapitalreserven aufgebraucht sind. Der Zins ist aus dem Urproblem des Kapitalismus abgeleitet. Das Urproblem selbst steckt in der auf der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft beruhenden Profitwirtschaft.


[1] Silvio Gesell (Lauf 1984) – Die Natürliche Wirtschaftsordnung, S. 12
[2] Ebd., S. 13
[3] Ebd., S. 14
[4] Ebd., S. 16
[5] Ebd., S. 17
[6] Ebd., S. 324
[7] Ebd., S. 343
[8] Ebd., S. 37
[9] Ebd., S. 239