Das „zutiefst korrupte System“ der Ratingagenturen

Zu zwei neuen Büchern über die Macht der Bewertungsfirmen:

  • Werner Rügemer: Rating Agenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart. transcript Verlag, Bielefeld 2012
  • Christoph Prager: Ratingagenturen. Funktionsweisen eines neuen politischen Herrschaftsinstruments.

Beide Autoren konstatieren und belegen, dass die Rolle der Ratingagenturen mit der stürmischen Entwicklung der Finanzmärkte seit Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ebenso stürmisch gewachsen ist. Es ist logisch, dass, je gewaltiger Volumen und Einfluss von Geld und Vermögen, von Kredit und Schulden sich aufblähen, umso größere Bedeutung den Agenturen zuwächst, die die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen bei Unternehmen und Staaten bewerten und Gütesiegel für die Vielzahl neuer und immer komplizierterer Finanzprodukte ausstellen. Vor allem Werner Rügemer zeichnet minutiös nach, wie die „Politik“ den privaten Agenturen zu ihrem Gewicht als quasi-hoheitliche Schiedsrichter und Bewerter der Finanzmärkte verhalf. Schon im Rooseveltschen New Deal der Dreißiger Jahre mit seiner offensiven Geldpolitik wurde an die Ratingagenturen die Lizenz vergeben, zu unterscheiden in Papiere mit „investment grade“ und „non investment grade“. Diese fundamentale Richtschnur für Investoren wurde 1975 in den USA für noch verbindlicher erklärt, da Börsenmakler nun ihre Kapitalrückstellungen danach zu richten haben, ob ihre Wertpapiere „investment grade“ oder nicht aufweisen. Anleihen und verbriefte Hypotheken-Kredite kommen im vereinfachten Verfahren auf den Markt, wenn zwei Ratingagenturen ihnen „investment grade“ zuerkennen. Pensionsfonds, ein schnell wachsender institutioneller Investor, dürfen nur Wertpapiere kaufen, die mindestens mit A bewertet werden. Investment- und andere Fonds dürfen nur begrenzt in spekulative Anleihen investieren. Unternehmen müssen höhere Zinsen zahlen, je schlechter ihr Rating ausfällt. Diese gewaltige, staatlich abgesicherte und für alle Finanzmarktakteure existentielle Macht verlieh die US-Börsenaufsicht 1975 an zunächst sieben Ratingagenturen, die schnell zu den „Großen Drei“ fusionierten: Standard & Poor´s mit einem Marktanteil von 44 %, Moody`s mit 38 % und Fitch mit 15 % ( so bei Rügemer; Prager hat leicht veränderte Daten, beide sind sich mit der allgemeinen Publizistik aber einig, dass die Drei auf gut 95 % des Gesamtmarktes kommen). Prager zitiert Thomas Friedman von der New York Times, der schon 1996 feststellte, dass es „zwei Supermächte“ gibt: „Einerseits die USA, andrerseits `Moody´s Bond Rating Service`. Die USA können dich zerstören, indem sie Bomben auf dich abwerfen, Moody´s kann dich zerstören, indem sie deine Staatsanleihen abwerten. Und glauben Sie mir, es ist nicht klar, wer von beiden mächtiger ist.“ (Prager, S. 15)

Die Deutungsmacht auf den Finanzmärkten liegt bei bloß drei global wirksamen Agenturen, deren „zutiefst korruptes System“ schon in ihrem Bezahlmodus steckt: Seit 1971 zahlen bei Moody´s wie mittlerweile bei allen nicht mehr die Anleger, sondern die Verkäufer der Wertpapiere für die Ratings. Was bedeutet, dass sich diese Verkäufer die Agenturen aussuchen, die ihnen die gewünschten Gütesiegel auch verleihen, wofür dann allerdings höhere Gebühren fällig werden. Hoch bezahlte Ratings werden freundlicher benotet als niedrig bezahlte, allerdings liegen sie dann auch öfter weit daneben. So erwies sich ein Drittel aller Ratings für strukturierte Wertpapiere innerhalb von fünf Jahren als zu positiv (Rügemer, S. 96). 93% aller auf Hypotheken bezogenen Sicherheiten in den USA, die 2006 ein AAA-Siegel, also die oberste Kategorie, erhalten hatten, zählen heute zu den Schrottpapieren (Prager, S. 12).

Beide Autoren machen deshalb die Ratingagenturen mitverantwortlich für die Finanzkrise. Doch ist ihre Erklärung für das Wirken der Agenturen grundverschieden. Prager kommt zwar auch der Verdacht, „dass sich hinter der Hervorhebung von Objektivität und Unabhängigkeit Interessen des Finanzmarktes verstecken.“ Doch er meint, „diese Frage ist mit dem vorgegebenen Material und theoretischem Rahmen nicht zu beantworten“. (Prager, S. 20) Deshalb formuliert er eine andere Frage, nämlich „woher ergibt sich die Akzeptanz für die Beurteilungen dieser Institution“. Und fängt mit Pierre Bourdieus Frage an: Wie kommt soziales Handeln zustande, um dann zu dessen Theorie von Habitus und Feld, von symbolischer Macht überzugehen. Die Ratingagenturen sind ihm nach Bourdieu „symbolisches Kapital“ als Form, die Herrschaftsformen absichert, die die Abhängigkeit jener einschließt, „die es zu beherrschen erlaubt“, eine Machtform, die so ausschließlich in der reinen Anerkennung besteht. (Prager, S. 30) Was Prager nicht sieht, ist, dass das reale Finanzkapital der Märkte sich das symbolische, das sein Finanzmarkt-Wirken absichert, selbst organisiert. Diesen Nachweis zu führen, ist der große Vorzug der Arbeit von Rügemer. Er geht der Frage nach, „wem gehören die drei großen Ratingagenturen“, und er belegt: „Es sind dieselben Eigentümer, die auch Miteigentümer der großen Banken und multinationalen Konzerne sind… Sie handeln nicht selbständig, wie die veröffentlichte Meinung unterstellt, sondern sie sind der verlängerte Arm ihrer Eigentümer.“

So gehört Standard & Poor´s seit 1966 dem Konzern McGraw Hill, der aber seinerseits überwiegend den Hedgefonds Capital World, Blackrock, State Street, T. Rowe Price, Washington Mutual, Fidelity, Oppenheimer Funds. Morgan Standely und Allianz Global Investors gehört. Die Vorstände von Moody´s kommen von der Chase Manhattan Bank, von der Federal Reserve Bank of New York, von der Citiygroup, von Dow Jones & Company (erstellt den Börsenindex der Wall Street), von Bankers Trust, vom Wirtschaftsprüfer Ernst & Young, von American Express und von Lehman Brothers. Fitch gehört zwei Eigentümern: der französischen Finanzholdung Fimalac und dem US-Medienkonzern Hearst. Fimalac-Chef de Lacharriere war Mitglied des Beirats der französischen Nationalbank Banque de France und gehört dem Leitungsgremium der Nationalstiftung für die Politischen Wissenschaften an. Die Vizepräsidentin Morali wechselte von der staatlichen Finanzaufsicht Frankreichs zu Fimalac, zudem ist sie Mitglied der französischen Investmentbank Rothschild und von Coca Cola in Atlanta/USA.

Doch nicht nur als Teilhaber der Eigentümer der Agenturen üben die Finanzmarkt-Institutionen ihren Einfluss aus, sie sind auch selbständige Mit-Eigentümer der Ratingagenturen. Sechs Hedgefonds sind bei Moody´s mit 41,5 % und bei Standard & Poor´s mit 27,9 % beteiligt. Rügemers Fazit, dass die Rating-Agenturen keine selbständigen und ´objektiven´ Bewerter sind, sondern ausführendes Organ ihrer Eigentümer, ist angesichts dieser Sachlage zwingend. Allerdings ist auch seine düstere Zukunftssicht einleuchtend. Von einem Wendepunkt im Umgang mit Ratingagenturen könne nicht die Rede sein. Sie, die an vorderster Stelle geholfen haben, die Kultur der Verantwortungs- und Haftungslosigkeit zum handlungsleitenden Prinzip in Wirtschaft und Politik werden zu lassen, seien heute mächtiger als vor der Finanzkrise.