Sinkende Lohnquote oder warum vom Binnenmarkt keine Impulse ausgehen

Die seit Jahren stattfindende Umverteilung von unten nach oben in der BRD dokumentiert sich vor allem in der rückläufigen Brutto-Lohnquote am Volkseinkommen. Nach den jüngsten Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Fachserie 18, Reihe 1.1) betrug im vergangenen Jahr der Anteil der aggregierten Arbeitnehmerentgelte (Bruttolöhne + Sozialbeiträge der Arbeitgeber) am Volkseinkommen 65,2 Prozent. Er war damit um exakt sieben Prozentpunkte niedriger als im Jahr 2000 mit 72,2 %. Ensprechend höher war der Anteil der Unternehmens- (Gewinn-) und Vermögenseinkommen; er stieg von 27,8 % auf 34,8 %.

Nach Berechnungen des isw ergibt sich daraus für die Arbeitnehmer, bezogen auf das Jahr 2008, ein Verteilungsverlust von 131,9 Mrd. Euro – mit anderen Worten: Wären die Verteilungsrelationen im Jahr 2008 die gleichen wie im Jahr 2000 – also 72,2 % zu 27,8 % – dann wären die Arbeitnehmerentgelte um 131,9 Mrd. Euro höher ausgefallen. Der daraus resultierende Nachfrageschub wäre weit wirkungsvoller als der Stimulus, der von den beiden „Konjunkturprogrammen“ der Bundesregierung ausgeht, deren Umfang gerade mal 80 Milliarden ausmacht – bezogen auf zwei Jahre.

Der Verteilungsverlust lässt sich noch weiter aufgliedern: Entsprechend den Relationen des Jahres 2000 hätten die Arbeitgeber 37,2 Mrd. Euro mehr an Sozialabgaben abführen müssen; das macht zugleich deutlich, wie einseitig die Unternehmer und Konzerne seitens der Bundesregierung bei den Sozialbeiträgen entlastet wurden: der Anteil der Arbeitgeberbeiträge am Volkseinkommen ist 2008 um zwei Prozentpunkte niedriger als im Jahr 2000. Die Arbeitnehmer hätten um 94,7 Mrd. Euro höhere Bruttolöhne erhalten und daraus 4,8 Mrd. Euro zusäszlig;che Sozialabgaben und 29,1 Mrd. Euro mehr Lohnsteuer zahlen müssen. Es wären ihnen dann immer noch 60,8 Mrd. zusäszlig;che Nettolöhne geblieben, was eine Erhöhung der Nettolöhne um fast zehn Prozent bedeutet hätte. Aus den um 42 Milliarden Euro (37,2 + 4,8) höheren Sozialabgaben ließe sich locker eine Erhöhung der Renten um zehn Prozent und die Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze auf 435 Euro finanzieren. Der Staat hätte 29 Milliarden Euro mehr an Lohnsteuereinnahmen und könnte zusäszlig;che Gelder für Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen ausgeben, ohne sich verschulden zu müssen. Alle hätten profitiert: Beschäftigte, Rentner, Arbeitslose und das Gemeinwesen. Alle? Fast alle! Verloren hätten die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkommen, die dann eben jene 131,9 Mrd. Euro weniger eingesackt hätten. Ihre Einkünfte wären dennoch um fast 100 Milliarden Euro höher gewesen als im Jahr 2000.

Das isw hat die Verteilungsverluste auch für die gesamte Periode 2001 bis 2008 berechnet, in der ein Sinken des Arbeitnehmerentgelts zu verzeichnen ist. (Im Jahr 2008 ist die Lohnquote minimal um 0,4 % gestiegen, was vor allem auf den überproportionalen Anstieg der Arbeitnehmer-Beschäftigten zurückzuführen ist, lag aber noch immer – wie oben ausgeführt – um 7 Prozentpunkte unter dem Wert von 2000).

Danach addieren sich die Verteilungsverluste in der Primärverteilung für die vergangenen acht Jahre auf fast 600 Milliarden Euro (596,8 Mrd. Euro). Dies bedeutet einen krassen Nachfrageausfall auf der einen Seite und einen gewaltigen Antrieb der Finanzspekulation auf der anderen Seite. Denn die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkommen investierten diese zusätzlichen Gelder entsprechend ihren hohen Sparquoten größtenteils in die Finanzmärkte zur Zins- und Renditeerzielung.