Occupy Production (Übernehmt die Produktion)

Die Occupy-Bewegung entwickelt sich weiter und sie sucht dabei Lösungen für die ökonomischen und politischen Fehlfunktionen, die sie bloßstellt und denen sie entgegen tritt. Für viele ist das kapitalistische Wirtschaftssystem selbst das grundsätzliche Problem. Sie wollen den Wechsel in ein anderes System, aber nicht die traditionelle sozialistische Alternative (wie in der UdSSR oder in China). Auch dieses System braucht, wie es scheint, einen grundsätzlichen Wandel. Die gemeinsame Lösung, die von diesen Aktivisten vorgeschlagen wird, ist ein Wandel der Produktionsverhältnisse in beiden Systemen von Grund auf. Jedes Unternehmen sollte demokratisiert werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollten ihren Betrieb übernehmen und kollektiv als Vorstand und Management tätig werden. Das würde das kapitalistische Ausbeutungssystem (Unternehmer versus Beschäftigte) abschaffen, wie unsere historischen Vorfahren die parallelen Ausbeutungssysteme der Sklaverei (Sklavenhalter versus Sklave) und des Feudalismus (Herr versus Knecht) abgeschafft haben.

In von den Arbeitern selbstbestimmten Unternehmen organisieren und dirigieren diejenigen die Arbeit, die die Arbeit auch machen, und sie bestimmen auch über die Verwendung der Profite: keine Ausbeutung von Arbeitern durch andere Arbeiter. Die Arbeiter nehmen gleichberechtigt teil an allen Unternehmensentscheidungen. Die alte kapitalistische Elite – die größeren Investoren und die von ihnen bestimmten Vorstände – würde nicht länger mehr entscheiden, was, wie und wo produziert wird und wie die Gewinne des Unternehmens genutzt werden. Stattdessen würden die Arbeiter – in Partnerschaft mit den Gemeinden, die mit den Unternehmen zusammenhängen – alle diese Entscheidungen demokratisch treffen.

Nur dann könnten wir verhindern, noch einmal den kapitalistischen Zyklus zu wiederholen: 1) der wirtschaftliche Boom, der sich in der Krise entlädt, gefolgt von 2) Massenbewegungen, die für Sozialstaatsreformen und wirtschaftliche Regulierungen eintreten, gefolgt von 3) Kapitalisten, die ihre Profite nutzen, um Reformen und Regulierungen zurückzudrehen, gefolgt wieder von 1), dem nächsten kapitalistischen Boom, dem Platzen und der Krise. Der US-Kapitalismus weist seit der Krise von 1929 diesen 3-Schitt-Zyklus auf.

In demokratisierten Unternehmen würden die Arbeiter, die am dringendsten Reformen brauchen und von ihnen am meisten profitieren würden, aus den Gewinnen der Unternehmen versorgt. Keine abgesonderte Klasse von Unternehmern würde existieren und die Unternehmensprofite einsetzen, um von den Arbeitern durchgesetzte Reformen und Regulierungen wieder rückgängig zu machen. Ganz im Gegenteil, selbstbestimmte Arbeiter würden nur Steuern zahlen, wenn der Staat diese Reformen und Regulierungen absichert. Demokratisierte Unternehmen würden Ungleichheiten von Einkommen und Reichtum (und mit ihnen von Macht und Zugang zur Kultur) nicht dulden, wie sie jetzt in der ganzen kapitalistischen Welt typisch sind.

Die sozialistischen Systeme, wie wir sie heute und in der bisherigen Geschichte antreffen, brauchen ebenfalls die Demokratisierung der Unternehmen. Die Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln plus die zentrale Planung (das Modell, das gegen das kapitalistische Privateigentum und die Märkte steht) ließ viel zu viel unkontrollierte Macht bei der staatlichen Zentrale. Zusätzlich erwiesen sich Reformen, die von sozialistischen Revolutionen durchgesetzt wurden (Beschäftigungsgarantie und Grundsicherung der sozialen Bedürfnisse, viel weniger

Ungleichheit von Einkommen und Reichtum usw.), als unsicher. Private Unternehmen und Märkte kehrten schließlich zurück und zerstörten viele dieser Reformen.

Die Probleme des traditionellen Sozialismus rührten auch von der undemokratischen Organisation der Produktion. Die Arbeiter in vergesellschafteten Staatsbetrieben waren nicht selbstbestimmt, sie entschieden nicht kollektiv, was, wie und wo sie produzierten und wie sie die Profite verwenden wollten. Stattdessen entschieden Staats-Offizielle was, wie und wo produziert wurde und wie mit den Profiten umzugehen war. Wenn sozialistische Unternehmen demokratisiert wären, dann würde der Staat mit seinen Steuern abhängen von kollektiv selbstbestimmten Arbeitern. Das würde die reale, konkrete Kontrolle von unten institutionalisieren, um die Macht des Staates von oben auszubalancieren.

Von den Arbeitern selbstbestimmte Unternehmen sind eine Lösung, wie sie in den Erfahrungen von Kapitalismus und Sozialismus gleichermaßen begründet liegt. Indem wir von den Arbeitern selbstbestimmte Betriebe einrichten, vervollständigen wir, was vergangene demokratische Revolutionen begonnen haben, als sie die Gesellschaften über Monarchien und Autokratien hinaus transformiert haben. Die Produktion zu demokratisieren, kann die Demokratie über den Punkt hinaus bringen, wo sie bloß ein Wahl-Ritual ist, das die Herrschaft des 1 % über die übrigen 99 % ermöglicht.

Richard Wolff, Professor Emeritus der University of Massachusetts, Amherst, und zur Zeit Gastprofessor an der New School in New York, sprach am 18.11.2011 bei der Aktion „„Occupy Harvard“, die Eliteuniversität Nr. 1 der USA. Bei dem Text handelt es sich um eine gekürzte Version seiner Rede, die „Occupy Production“ zum Thema hatte – übernehmt die Produktion, um zu einer wirklichen Demokratie zu kommen.