Die weltweite Einkommensverteilung: Eine Welt voll Ungleichheit und Risiken

Das weltweite Einkommen steigt – seit 1980 ist es auf das Zweieinhalbfache angestiegen – und dennoch schafft es eine riesige Zahl von Menschen nicht, am wachsenden Wohlstand auch nur in einem bescheidenen Maß teilzuhaben. Fast 40 % aller Menschen weltweit müssen von weniger als 2 Dollar am Tag leben. In den einzelnen Gesellschaften reißt die Kluft zwischen Reich und Arm immer weiter auf. Innerhalb der einzelnen Länder ist seit 1980 fast durchgängig eine Verschärfung der Verteilung festzustellen:

  • eine kontinuierliche Verschärfung bei den reichen Ländern, von denen viele 1980 noch eine ziemlich gemäßigte Verteilung aufwiesen,
  • sehr sprunghaft in Osteuropa, wo der Systemwechsel 1990 zu einer schlagartigen und enormen Konzentration der Verteilung führte, und das bei einem Rückgang der Durchschnittseinkommen,
  • besonders stark ansteigend in China, dem bevölkerungsmäßig größten Land der Erde (dort liegt die Ungleichheit heute auf dem Niveau von Nigeria oder der Türkei),
  • während leichte Milderungen der Verteilungsungleichheit in einigen afrikanischen Ländern und neuerdings in Lateinamerika vorzufinden sind, wobei beide Regionen nach wie vor diejenigen mit den höchsten Verteilungskonzentrationen sind.

Die große Mehrheit der Menschen lebt also in Gesellschaften, deren Wohlstandsverteilung laufend ungleichmäßiger wird, in denen gesellschaftliche Ausgrenzungen immer schärfere innere Spannungen erzeugen. Die personelle Verteilung ist regelmäßig umso ungleicher, je niedriger die Lohnquote ist, also der Anteil der Lohnsumme am gesamtwirtschaftlichen Einkommen. Die Reduzierung aller sozial sinnvollen Ausgaben, die die Regierungen vieler Länder als Konsequenz aus der Staatsverschuldung betreiben, heizt diese Spannungen weiter an.

Auf internationaler Ebene, also bei der Betrachtung des Wohlstandsgefälles zwischen den reichen und den armen Ländern, haben wir es heute mit einer historischen Wende zu tun. Über Jahrhunderte wuchs das durchschnittliche Prokopfeinkommen in den reichen Ländern schneller als das in den armen. Das Wohlstandsgefälle wurde also immer steiler – und das ungeachtet der Verschärfung der landesinternen Verteilungen. Aber etwa seit kurz vor der Jahrtausendwende kehrt sich das Bild um: Allen voraus stürmt China, das seinen Anteil am Welt-BIP von 2 % in 1980 auf über 13 % in 2010 erhöhte. Dann folgen Indien und weitere asiatische Schwellenländer, in den letzten Jahren zunehmend auch die sich von den USA emanzipierenden südamerikanischen Länder. Sie beschleunigen und erreichen eine Wachstumsgeschwindigkeit, die sich spürbar als Aufholprozess in den Statistiken niederschlägt. Verstärkt wurde diese Dynamik durch die Krisenprozesse der letzten Jahre, von denen die reichen Länder viel stärker betroffen sind als die Schwellenländer. Allerdings wird sich die damit einher gehende Konkurrenz der Regionen um Rohstoffe und Absatzmärkte weiter zuspitzen. Die weltwirtschaftlichen Machtverschiebungen werden die politisch-militärischen Risiken erhöhen und Instabilitäten produzieren.

Schaut man sich die globale Einkommensverteilung an – nimmt man die gesamte Menschheit als Einheit, berücksichtigt man also die internationale und die nationalen Verteilungen gleichermaßen – , dann stößt man auf einen zunächst paradox anmutenden Sachverhalt: Obwohl in den einzelnen Ländern die Ungleichheit weiter aufriss, hat sich die globale Verteilungskonzentration weltweit in den letzten Jahren etwas verringert. Verantwortlich dafür ist vor allem China, dessen interne Ungleichheit zwar galoppierend zunahm, dessen absolute Einkommensverbesserung aber den weltweiten Trend zu mehr Ungleichheit auf nationaler Ebene im globalen Rahmen umkehrte. Rechnet man die Verteilung für eine Welt ohne China, dann macht sich die Vergleichmäßigung durch das hohe Wachstum der Schwellenländer erst später und viel schwächer bemerkbar.

welt-ekv-fg-20120504Die Grafik veranschaulicht die globale Verteilung 2005. Auf die ärmsten 5 % der Weltbevölkerung entfällt weniger als ein Viertel Prozent des Welteinkommens, auf die reichsten 5 % entfallen dagegen 34 %. Auf die ärmsten 20 % entfallen 1,7 % des Welteinkommens, auf die reichsten 20 % entfallen 71 %. Jeweils die Hälfte des Welteinkommens erhalten die ärmsten 91 % und die reichsten 9 %. Verschärfend kommt noch hinzu: isw-report 88 führt eine ganze Reihe von Argumenten an, die belegen, dass die von der Weltbank stammenden Einkommensdaten die tatsächliche Verteilung nur unzureichend erfassen und dadurch in wohl beträchtlichem Ausmaß schön färben – Beispiele: Die Nicht-Berücksichtigung der in den Konzernen verbleibenden Profite, die zu Aktienkursgewinnen führen; die sich bei Umfragen regelmäßig erweisende sehr geringe Mitteilfreudigkeit der Bezieher von Höchsteinkommen über ihre Einkommenssituation, die dazu führt, dass diese Einkommen stark unterschätzt in die Verteilungsstatistik eingehen; ganz abgesehen davon, dass Schwarzgeld, Steuerhinterziehungen, Mafiagelder usw. keiner offiziellen Statistik oder Umfrage zugänglich sind.

Wie würde denn eine alternative Verteilung des Welt-Wohlstandes aussehen? Könnten die Einkommensstarken in der Welt überhaupt so viel Einkommen abgeben, dass sich die Lage der Milliarden Armen spürbar verbessern würde? Ein einfaches Rechenmodell gibt Aufschluss: Wenn weltweit niemand mehr Einkommen erhalten würde als der deutsche Einkommens-Median-Bürger (das ist der Bürger, von dem aus betrachtet die eine Hälfte der deutschen Bevölkerung mehr Einkommen erhält und die andere Hälfte weniger), und wenn alles darüber liegende Einkommen – das sind 22 % des Welt-BIP – frei würde zur globalen Umverteilung, dann könnte das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der Afrikaner um 144 % zunehmen und das der Asiaten um 51 %. 9 % der Weltbevölkerung müssten Einkommen abgeben und 65 % der Weltbevölkerung würden in den Genuss der Umverteilung kommen. Der Anteil des ärmsten Fünftels der Weltbevölkerung am Welt- einkommen würde von 1,7 % auf 11,5 % steigen, während der Anteil des reichsten Fünftels von 71 % auf 49 % sinken würde. Statt mehr als das 40-fache Einkommen des ärmsten Fünftels würde das reichste Fünftel nach einer solchen Umverteilung also nur noch, aber immerhin noch, etwas mehr als das Vierfache erhalten. Niemand mehr müsste dann ärmer sein als der heute durchschnittliche Ägypter, Tunesier, Ukrainer.

Das Fazit ist eindeutig: Der Reichtum in der Welt, die Masse an produzierten Gütern und Dienst- leistungen, würde gut ausreichen, um Milliarden von Menschen wenigstens aus dem bittersten Elend zu befreien, in das sie die kapitalistische Weltwirtschaft zwingt. isw-report 88 („Welt-Einkommensverteilung – In den Nationen immer ungleicher. Schwellenländer holen auf.“ März 2012), untersucht den Stand und die Entwicklung der weltweiten Einkommensverteilung seit 1980. Datenmäßig beruht er auf den quasi-offiziellen Einkommensdaten der Weltbank. Es geht um die personelle Verteilung, also um den Vergleich des Einkommens pro Kopf bzw. pro Haushalt. Diese Verteilung zeigt auf, inwieweit Bevölkerungsteile in den einzelnen Ländern oder auch ganze Landesbevölkerungen in der Weltgesellschaft vom erreichten gesellschaftlichen Wohlstand ausgegrenzt werden.