Einkommen und sozialer Wohlstand – eine globale Übersicht und ein Vergleich Kuba/Saudi-Arabien

Die weltweiten Einkommen sind hoch konzentriert auf die Weltbevölkerung aufgeteilt. Das beschreibt und analysiert ausführlich der isw-report 88 ”Welt-Einkommensverteilung”. Ebenfalls sind die sozialen Lebensbedingungen in den verschiedenen Weltgegenden und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen völlig unterschiedlich. Eine sehr grobe Sicht der Dinge legt nahe, dass ein hohes wirtschaftliches Niveau in einem Land in der Regel mit einem hohen sozialen Wohlstand einher geht und umgekehrt. Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich aber alles andere als ein enger Zusammenhang. 

Das UNDP (UN Development Programme = Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) beschäftigt sich in seinem jährlich erscheinenden ”Bericht über die menschliche Entwicklung” seit langem mit den Fortschritten bei der Entwicklung besserer Lebensbedingungen, mit günstigen Bedingungen hierfür und mit den entgegen stehenden Hürden. Weil das Bruttoinlandsprodukt ein allzu grober, also ein unbefriedigender Maßstab für das Wohlergehen der Bevölkerung ist, hat das UNDP einen eigenen Maßstab kreiert und über die Jahrzehnte weiter entwickelt und verfeinert: den HDI, den Human Development Index = Index der menschlichen Entwicklung.

Dieser Index ist ein kombinierter Messwert für drei grundlegende Dimensionen menschlicher Entwicklung: langes und gesundes Leben, Zugang zu Bildung und Wissen sowie Einkommen und wirtschaftlicher Erfolg. Das UNDP konnte für den aktuellen Bericht 2011 für 187 der 192 UNO-Mitglieder (plus Hongkong und Palästina) zuverlässige statistische Ausgangswerte für die HDI-Berechnung ermitteln. Für eine jeweils unterschiedliche Anzahl von Ländern konnte es auch Werte für einige weitere aufschlussreiche Variablen ermitteln.

untenstehende Tabelle stellt einen sehr kleinen Auszug aus dem umfangreichen Datenmaterial dar. Um die Spannweite darzustellen, wie weit man den wirtschaftlichen Erfolg (das Sozialprodukt) in gute Lebensbedingungen für alle ummünzen kann oder umgekehrt das gerade nicht tut, kann man zwei prominente exponierte Länder nehmen: das relativ arme Kuba und das relativ reiche Saudi-Arabien. Kuba liegt mit einem Sozialprodukt von 5.400 $ pro Kopf in 2011 (Kaufkraft-Dollar, d.h. die Wirtschaftsleistung ist ausgedrückt in international gleicher Kaufkraft) halb so hoch wie der Weltdurchschnitt von 10.100 $ pro Kopf (entspricht in etwa dem Niveau von Brasilien), während Saudi-Arabien mit 23.300 $ pro Kopf mehr als das Doppelte des Weltdurchschnittes aufweist, viereinhalb mal so viel wie Kuba.

Zusätzlich zu Kuba und Saudi-Arabien, um die beiden Länder in ein größeres Spektrum einzuordnen und zu vergleichen, sind in dieser Tabelle auch noch die Verhältnisse für die acht bevölkerungsreichsten Länder der armen Welt (China bis Mexiko, zusammen 52 % der Weltbevölkerung) sowie für zwei wichtige Länder der reichen Welt (USA, Deutschland) aufgeführt.

Kuba liegt (siehe den ersten Block in der Tabelle) beim HDI an Platz 51 unter den 187 Ländern. In 50 Ländern (mit 16,6 % der Weltbevölkerung) geht es also dem jeweiligen durchschnittlichen Landesbewohner besser als dem durchschnittlichen der 11 Millionen Kubaner, in 136 Ländern (mit 83,3 % der Weltbevölkerung) geht es ihm schlechter. Saudi-Arabien liegt benachbart auf Platz 56. In allen acht aufgeführten Entwicklungsländern sind die Lebensbedingungen der Durchschnittsbewohner ungünstiger als in Kuba; ihre Positionen auf der HDI-Weltrangliste reichen von 57 (Mexiko) bis 158 (Nigeria). In den fünf Jahren seit 2006 konnte Kuba seine Position in der Rangliste um 10 Plätze verbessern und damit Saudi-Arabien überholen. Weitere Länder mit einer besonders positiven Entwicklung in den letzten Jahren sind China (Verbesserung um 6 Rangstufen), Tansania und Venezuela (jeweils um 7 Rangstufen) und Hongkong (10 Stufen). Besonders schlecht lief es für die Kuwaitis (Verschlechterung um 8 Rangstufen). Das UNDP berechnet für einige Länder auch einen Sonder-HDI, der die gesellschaftliche Ungleichheit bei den genannten drei Dimensionen mit berücksichtigt. Je ungleicher die Verteilung von Einkommen, Bildungschancen und gesunden Lebensbedingungen innerhalb eines Landes ist, desto mehr wird der HDI in dieser Sonderberechnung nach unten korrigiert. Leider fand das UNDP für Kuba und Saudi-Arabien zu wenige Daten für eine solche Berechnung. Auffallend ist bei den anderen aufgeführten Ländern das Ausmaß der traditionell scharfen Ungleichverteilung in Lateinamerika und noch mehr in den USA: Bei einer Berücksichtigung der Ungleichverteilung würde der HDI-Rang der USA um 19 Plätze nach unten sausen. Im Bereich der reichen Länder weisen die USA nach der UNDP-Statistik mit Abstand die von Ungleichheit verzerrteste Gesellschaft auf. Vergleichsweise wenig ungleich sind – immer noch – besonders einige Länder aus dem alten Sowjetblock, trotz der seit 1991 erfolgten starken Verungleichmäßigung (etwa Weißrussland, Moldawien, Vietnam).

Der zweite Block in der Tabelle zeigt, wie viel der rein wirtschaftliche Wohlstand und wie viel der nicht einkommensbezogene soziale Wohlstand (also Zugang zu Bildung und gesundem Leben) zum HDI beiträgt (im Folgenden immer ohne Berücksichtigung der landesinternen Ungleichheit). Beim Sozialprodukt pro Kopf nimmt Kuba die Rangposition 103 ein, weit zurück liegend auch hinter Ländern wie Mexiko, Brasilien und China. Dagegen nähert sich Saudi-Arabien mit Position 37 den hoch entwickelten Ländern. Beim nicht einkommensbezogenen HDI-Beitrag allerdings nimmt Kuba Platz 25 ein, weit vor allen aufgeführten armen Ländern, weit vor Saudi-Arabien (Platz 85), und schon ziemlich knapp dran an den USA (Platz 14). Im sozialen Bereich ist Kuba also um 78 Rangpositionen besser dran als im rein wirtschaftlichen, während Saudi-Arabien hier um 48 Rangpositionen zurück bleibt. Eingängiger und plakativer kann man wohl kaum darstellen, wie extrem weit der Spagat ist: zwischen dem erfolgreichen Bemühen, auch aus schmalen wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen vergleichsweise gute soziale Lebensbedingungen für die Bevölkerung heraus zu arbeiten, und einer Wirtschaft auf der anderen Seite, die ganz offensichtlich vor allem darauf orientiert ist, privaten und individuellen Einkommensreichtum für die Gewinner in der Gesellschaft zu schaffen und dabei die soziale Sicherung für die breite Masse der Bevölkerung krass vernachlässigt gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Vergleichsweise wenig aus ihrem jeweiligen Sozialprodukt machen auch Länder wie China (vielleicht dauert es dort, bis sich das ungestüme Wachstum in entsprechend besseren sozialen Lebensbedingungen umsetzt), Indien, Brasilien und Nigeria. Und auch die USA: Während die USA einkommensmäßig reicher sind als die Deutschen, geht es den letzteren sozial besser – in viel kleinerem Ausmaß eine ähnliche Verkehrung wie bei Saudi-Arabien und Kuba. Von den hier nicht explizit aufgeführten Ländern konnten sich vor allem etliche Sowjet-Nachfolgestaaten in sozialer Hinsicht (noch) deutlich besser platzieren als beim Sozialprodukt. Das entgegen gesetzte Bild zeigen besonders krass vor allem die Ölförderstaaten, da bildet Saudi-Arabien keine Ausnahme. Besonders stark blieben die sozialen Lebensumstände hinter den wirtschaftlichen Möglichkeiten in Äquatorialguinea, Kuwait und Katar zurück (Rangdifferenzen von 122 bzw. 109 bzw. 87), aber auch in Südafrika (53 Ränge) und in der Türkei (49 Ränge).

Vergleicht man einzelne ausgewählte Punkte aus dem Spektrum der Lebensbedingungen (Block drei der Tabelle), dann zeigt sich beispielsweise: Bei der Lebenserwartung ist Kuba mittlerweile sogar an den USA vorbei gezogen, während die Saudis auf dem Niveau der Chinesen und Brasilianer liegen, weit hinter den Mexikanern. In kaum einem Land außerhalb der Gruppe der OECD-Länder erreichen die Bewohner eine höhere Lebenserwartung als in Kuba. Auch bei der Belastung der Kinder durch chronische Hungerschäden (hier werden für fast kein reiches Land Werte gesammelt) liegt Kuba mit riesigem Abstand vor den meisten anderen armen Ländern, sehr deutlich auch vor dem relativ reichen Saudi-Arabien. Dagegen muss Kuba bei der Gleichbehandlung der Geschlechter noch Fortschritte machen: In 57 von hier 146 Ländern ist eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes weniger stark vorhanden als in Kuba. Zu erwarten war hier das Ergebnis, dass v.a. Saudi-Arabien, aber auch die anderen islamisch geprägten Länder, bei diesem Punkt ganz weit nach hinten rutschen. Immerhin liegt Kuba beim Schulzugang für Frauen weit vor den anderen aufgeführten armen Ländern.

Schließlich ist vielleicht noch ein Blick auf die ökologischen Folgekosten der Entwicklung interessant (Block vier der Tabelle). Für viele, v.a. arme Länder fand das UNDP keine Werte. Die Folgekosten werden hier repräsentiert durch die Emission von Treibhausgasen (incl. Methan u.a., aber ohne die aus Waldverbrennung) und durch den so genannten ökologischen Fußabdruck, einem Sammelindex für die Umweltbelastung, die von den einzelnen Gesellschaften verursacht wird. Besonders günstige Positionen bekamen naheliegenderweise arme Länder ohne große Industrie, z.B. Bangladesch; besonders schlechte Positionen dagegen die reichen Länder und die Ölförderländer. Vielleicht kann man die Umweltbelastungen seitens der Kubaner so charakterisieren: Mit einer Treibhausgasemission von 4,2 Tonnen pro Kopf und einem ökologischen Fußabdruck von 1,9 Hektar pro Kopf erreicht Kuba eine höhere Lebenserwartung und einen insgesamt fast ähnlich hohen sozialen Standard (jenseits des rein wirtschaftlichen Wohlstandes) wie die USA mit 21 Tonnen bzw. 8 Hektar pro Kopf (bei einem Weltdurchschnitt von 6,1 Tonnen bzw. 2,4 Hektar pro Kopf). Die von Saudi-Arabien ausgehende Umweltbelastung liegt nur geringfügig unter der der USA, also weit über der kubanischen, der erzeugte nicht einkommensbezogene Wohlstand dagegen, wie ausgeführt, weit unter dem kubanischen. Für Marktwirtschaftler, sofern sie Umweltauswirkungen berücksichtigen und die soziale Lage einer Landesbevölkerung als wichtigen Punkt bewerten, bietet SaudiArabien also ein miserables ökologisch-soziales Kosten-Nutzen-Verhältnis, verglichen mit dem planvoll wirtschaftenden Kuba.

Rangplätze ausgewählter Länder in der Weltgemeinschaft nach wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kriterien[1].

HDI[2] HDI Rangänderung[3] Einfluss der Ungleichhit auf HDI[4] Bruttosozial-produkt[5] Nichteinkommens-bezogener Wohlstand[6] Rangdifferenz BSP zu NEW [4] minus [5][7]
2011 2006 – 2011 2011 2011 2011 2011
Kuba 51 10 103 25 78
Saudi-Arabien 56 0 37 85 -48
China 101 6 -1 94 107 -13
Indien 134 1 1 124 139 -15
Indonesien 124 2 8 122 121 1
Brasilien 84 3 -13 77 92 -15
Pakistan 145 -1 1 138 147 -9
Nigeria 156 -4 -6 144 163 -19
Bangladesch 148 1 5 157 141 16
Mexiko 57 2 -15 59 57 2
USA 4 -1 -19 10 14 -4
Deutschland 9 -2 0 17 9 8
Anzahl der einbezogenenLänder 187 174 134 187 187 187

  Lebens-erwartung

[8]

Chronische Mangel-ernährung

[9]

Geschlechter-Ungleichheit [10] Zugang von Frauen zu Bildung [11] Treib-hausgas-emissionen [12] Ökologischer Fußabdruck [13]
  2011 2009 2011 2010 2005/2008 2007
Kuba 32 8 58 38 51 63
Saudi-Arabien 78 16 135 83 122 126
China 83 42 35 79 72 76
Indien 136 106 129 116 27 12
Indonesien 114 87 100 122 41 29
Brasilien 82 10 80 88 61 94
Pakistan 137 91 115 123 22 7
Nigeria 171 90 18 44
Bangladesch 119 92 112 113 5 2
Mexiko 41 25 79 75 63 96
USA 35 5 47 2 123 144
Deutschland 20 1 7 13 108 124
Anzahl der 187 118 146 158 133 149

Alle Tabellenwerte drücken immer nur den Rang (bzw. Rangunterschiede oder die Rangänderung) aus, den das betrachtete Land in der Gruppe der UNO-Mitglieder beim betrachteten Merkmal innehat. Niedrige Rangziffern zeigen bessere, hohe Rangziffern schlechtere Plätze an.

[1] Quelle: UNDP: Bericht über die menschliche Entwicklung 2011. Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit: Eine bessere Zukunft für alle, DVGN, Berlin 2011. – Daten auch unter https://hdr.undp.org/en/statistics. – Eigene Darstellung und Berechnungen.

[2] Index der menschlichen Entwicklung: Misst das erzielte Ergebnis bzw. die Fortschritte bei drei grundlegenden Dimensionen menschlicher Entwicklung für den Durchschnitt der Bevölkerung (siehe Text).

[3] Änderung des Ranges des Landes zwischen 2006 und 2011. Ein positiver Wert zeigt eine Verbesserung an.

[4] Korrektur des HDI-Rangwertes, wenn man Ungleichheiten bei den drei Dimensionen menschlicher Entwicklung berücksichtigt. Ein positiver Wert zeigt eine Verbesserung an, also eine im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Ungleichheit

[5] Gesamteinkommen einer Volkswirtschaft pro Kopf (BIP plus Saldo der Einkommenszahlungen aus dem/in das Ausland). Ausgedrückt in Kaufkraftparitäten: 1$ KKP hat in jedem Land dieselbe Kaufkraft.

[6] HDI-Beitrag, der aus den Indikatoren zu Lebenserwartung und Bildungszugang resultiert.

[7] Differenz Spalte [4] minus Spalte [5]. Ein positiver Wert zeigt an, dass das Land beim nicht einkommensbezogenen Wohlstand eine vergleichsweise bessere Position erreicht hat als beim rein wirtschaftlichen Einkommen.

[8] Lebenserwartung für ein heute Neugeborenes.

[9] Anteil der Kinder unter 5 Jahren, die von Wachstumsstörungen aufgrund chronischer Unterernährung betroffen sind (Körpergröße um mindestens zwei Standardabweichungen geringer als altersgemäße mittlere Körpergröße).

[10] Index zur Messung ungleicher Beteiligung von Frauen und Männern bei reproduktiver Gesundheit, bei Politik, Bildung und Erwerbsarbeit.

[11] Anteil der weiblichen Bevölkerung über 25 Jahren mit mindestens Sekundarstufenabschluss (Berufsausbildung oder höherer Schulabschluss) in der Bildung.

[12] Energetisch bedingte und industrielle Kohlendioxidemissionen sowie Emissionen von Methan und anderen Treibhausgasen, ausgedrückt in CO2-Äquivalenten in Tonnen pro Kopf.

[13] Größe der Land- und Meerfläche in Hektar pro Kopf, die ein Land benötigt, um die Ressourcen zu produzieren, die es verbraucht, und den Abfall aufzunehmen, den es erzeugt.