Zum Stand der Energiewende: Verfügbarkeitsschwankungen der erneuerbaren Energien? Ausbau abwürgen! Vorfahrt für die Profitgier!

Ein Jahr hat 8760 Stunden, die Hälfte davon nachts. Aber auch am Tag scheint die Sonne nicht immer, in unseren Breiten meist nicht mehr als 2000 Stunden im Jahr. Länger kann eine Photovoltaikanlage (PV) nicht laufen. Volle Leistung = maximale Stromerzeugung erreicht sie nur an den relativ wenigen Stunden strahlenden Sonnenscheins, ansonsten dümpelt sie mit mehr oder weniger Ausbeute dahin. Derzeit erreichen PVAnlagen eine durchschnittliche Stromausbeute, die einem Volllastbetrieb von in etwa 800 Stunden pro Jahr entspricht. Windanlagen laufen etwas gleichmäßiger, sie erreichen onshore – also auf dem Land – 1500 Volllast-Betriebsstunden pro Jahr. Von Offshore-Anlagen, also solchen auf dem Meer, wird ein um die Hälfte längerer Betrieb erwartet – allerdings hat man bisher kaum Erfahrung damit. Offshore-Anlagen gibt es zwar viele, allerdings weniger auf dem Meer, sondern hauptsächlich auf dem Papier. Das ist ein objektives Problem von vielen erneuerbaren Energien (EE), insbesondere der PV, dass sie nur sehr ungleichmäßig nutzbar sind und dass sie sich nicht nach dem Stromverbrauch richten. Anders ist das bei den Kraftwerken: sie kann man je nach Bedarf hoch und runter fahren, wobei Gaskraftwerke sehr schnell regelbar sind (im Minutenbereich) und andererseits das Runterfahren von AKWs Tage dauert (hier zeigt sich, dass die Propaganda von den AKWs als Brückentechnologie und als Abpufferung für den EE-Ausbau nichts als dummes Gerede war/ist).

Eine der wenigen positiven Maßnahmen der beiden Rot-Grün-Regierungen war das Erneuerbare-EnergienGesetz EEG, die Förderung der regenerativen Stromerzeugung dadurch, dass die Stromversorger aus EE erzeugten Strom aufkaufen, dafür einen festen Preis bezahlen mussten und dass Strom aus EE einen Einspeisevorrang erhielt (d.h. dass bei Minderverbrauch zunächst der konventionell erzeugte Strom reduziert werden musste). Gegen alle Konzernpropaganda erreichten diese Bestimmungen, dass Teile der Bevölkerung, Stadtwerke, Bürger-Genossenschaften usw. einen beträchtlichen Ausbau des regenerativ erzeugten Stroms bewirkten. 2011 kamen rund 20 % des in Deutschland erzeugten Stroms von 612 Mrd. kWh aus EE. Heute wird das eingangs geschilderte Problem virulent. Wenn über Süddeutschland die Sonne strahlt oder wenn in Norddeutschland starke Winde wehen, dann steigt die Menge des regenerativen Stroms so weit, dass es nach Aussagen der Stromnetzbetreiber schwierig wird, dieses relative Überangebot mit dem Verbrauch in Einklang zu bringen. Was ist zu tun bei diesem Problem, das nichts weniger als überraschend kam? Man könnte den Ausbau der EE stoppen; man könnte Speicher für überschüssigen Strom bauen bzw. Speichertechnologien erforschen; man könnte Gaskraftwerke bauen und betreiben statt schwer regelbarer Kohle- und Atomkraftwerke; man könnte den Stromverbrauch beeinflussen, indem man Strom je nach Über-/Unterangebot billiger oder teurer anbietet (z.B. könnten viele Kühl- und Heizprozesse problemlos zeitweise abgeschaltet oder umgekehrt mit erhöhter Leistung betrieben werden; z.B. könnten Aluminiumöfen ihren Betrieb stundenweise unterbrechen; z.B. könnten private Waschmaschinen ihren Betrieb nach Stark- oder Schwachlastzeiten ausrichten).

Was aber machen und fordern Regierung und Konzerne? Ihnen fällt nur ein, den Ausbau der EE abzuwürgen. (Immerhin werden noch 80 % des Stroms konventionell erzeugt, v.a. in den Großkraftwerken der Konzerne, aber diese Kraftwerke werden eben immer mehr bedrängt von konzernfremdem EE-Strom). Der Ausbau sei zu schnell, der Strom könne in Spitzenzeiten nicht verbraucht werden, also müsse der Förderanreiz sinken. So sind in den letzten Jahren insbesondere für PV-Anlagen die Einspeisevergütungen für neue Anlagen durch immer häufigere Neufassungen des EEG gesenkt worden: von rund 50 ct/kWh im Jahr 2000 über rund 45 ct/kWh 2008 auf rund 18 ct/kWh heute, Ende 2012. Für PV-Anlagen auf Freiflächen sind die Vergütungssätze um etwa 20 % niedriger. Der Solarboom könnte bald ein Ende haben. Wirtschaftsminister Rösler, der PV-Strom sowieso zu teuer findet, wäre am Ziel. Die Lobbyorganisation INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft), die unmittelbar an den Metall-Arbeitgebern hängt, fordert die Brachiallösung:  ”Hilfe! Die Energiewende wird unbezahlbar. EEG stoppen” (SZ, 12. 9. 2012) schreibt sie in einer Anzeigenkampagne über ein Gesetz, das von internationalen Gremien sehr viel Anerkennung erfuhr und in über 60 Staaten Nachahmer fand. Haushalte und Kleingewerbe zahlen den Löwenanteil für den Ausbau der regenerativen Energien, die industriellen Großverbraucher immer weniger. So wie immer schon bei der Konzessionsabgabe und der Stromsteuer, wie generell bei den Kosten der Stromwirtschaft.

Die Mehrkosten für regenerativ erzeugten Strom im Vergleich zu konventionellem Strom werden auf alle Stromverbraucher umgelegt – so jedenfalls die Theorie. Auf jeder kWh Stromverbrauch lastet ein Preisaufschlag. Aus den so eingesammelten Geldern werden die Vergütungssätze für den eingespeisten EE-Strom bezahlt. Dieser Preisaufschlag wurde im Lauf der Zeit, in Abhängigkeit vom Ausbau des EE-Stroms, laufend erhöht: von 0,4 ct/kWh vor etwa 10 Jahren über 1 ct in 2007 auf 3,53 ct in 2011 und 3,59 ct dieses Jahr (BDEW 2011). Hätten im Jahr 2011 alle Stromverbraucher den EEG-Aufschlag von 3,53 ct/kWh gezahlt, dann wären über 21 Mrd. € zusammen gekommen. Tatsächlich wurden nur 13,5 Mrd. € eingesammelt, also knapp zwei Drittel des Sollwertes. Das liegt an den vielen und in den letzten Jahren noch vermehrten Reduzierungen und Freistellungen der industriellen Stromverbraucher von dieser Umlage. Wer mehr als 1 Mio. kWh Strom verbraucht, zahlt für den darüber liegenden Stromverbrauch nur ein Zehntel dieser Umlage; wer mehr als 100 Mio. kWh verbraucht, zahlt nur eine Umlage von 0,05 ct, also ein Hundertstel des Wertes für die Haushalts- und Gewerbekunden. Die größten Stromverbraucher aus Chemie, Stahl und Aluminium verbrauchen pro Betrieb regelmäßig 1 Mrd. kWh und mehr. Von 2013 an wird der Kreis der Begünstigten sogar noch ausgeweitet (SZ, 10. 9. 2012). Gleichzeitig wird den verbleibenden Zahlern des EEG-Aufschlages eine Erhöhung von 3,59 auf 5,3 ct/kWh in Aussicht gestellt (SZ, 5. 9. 2012). Ganz ähnliche Verhältnisse ergeben sich im Übrigen auch bei der Stromsteuer. Würden alle den Sollsatz von 2,05 ct/kWh zahlen, dann würde der Staat gut 12 Mrd. € einnehmen. Wegen der vielen Ausnahmen im Industriestrombereich belaufen sich die Steuereinnahmen jedoch nur auf 6 bis 7 Mrd. € (BDEW 2011). Und dasselbe gilt auch für die Konzessionsabgabe (in etwa die Miete von städtischem Grund und Straßen für die Stromverteilung): Für Haushaltskunden beläuft sie sich auf 1,8 ct/kWh, industrielle Stromverbraucher zahlen so gut wie gar nichts dafür.

Nach Angaben des Verbandes der Stromerzeuger belief sich der durchschnittliche Strompreis für Haushaltsabnehmer 2011 auf 21,0 ct/kWh ohne Mehrwertsteuer, für industrielle Abnehmer dagegen auf 13,6 ct/kWh = 65 % des Haushaltspreises. Das verdeckt noch riesige Unterschiede innerhalb der Industrie: Die Größtverbraucher, v.a. aus den Branchen Chemie, Aluminium- und Stahlerzeugung, erhalten Sonderverträge mit Strompreisen von deutlich unter 10 ct/kWh. Das ist nur noch der nackte Erzeugerpreis im billigsten Kraftwerk und ein Minimum an Transportkosten (Leistungskosten) bis zum Verbraucherstandort. Ein Anreiz zur Stromeinsparung entsteht daraus gerade bei den Größtverbrauchern viel zu wenig. Bei der schon ganz traditionell total einseitigen Kostenverlagerung ist es kein Wunder, dass die Kosten für den Umbau der Stromerzeugung zu weiter steigenden Strompreisen für die Haushaltsabnehmer führen werden. 30 % Preisanstieg ist nach Angaben der Stromkonzerne bis 2020 zu erwarten.

Eine neue Profitquelle: Die Stromkonzerne wollen sich die Einsatzbereitschaft ihrer Reserve- und Spitzenkraftwerke extra und zusätzlich bezahlen lassen.

Auf der Suche nach neuen Einnahmen bzw. Kostensenkungen haben die Stromkonzerne ein ganz besonderes Argument gefunden. Immer schon hat die Stromnachfrage geschwankt (nach Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten) und immer schon war die künftige Verbrauchsentwicklung unsicher, also hat es immer schon Kraftwerke gegeben, die man momentan nicht benötigte oder die man nur in seltenen Spitzenzeiten benötigte. Während des AKW-Ausbauwahns in den 70er/80er Jahren gab es sogar riesige Überkapazitäten (isw-report 41 (1999): Atomwirtschaft – wohin?). Und immer schon war klar, dass die Kosten für die Überkapazitäten und für die zeitweise nicht benötigten Kraftwerke (d.h. Abschreibungen und Einsatzbereitschaft aufrechterhalten) von den Stromkonzernen in den Strompreisen verrechnet werden. So ist es schließlich auch in allen anderen Branchen üblich, etwa bei Konjunkturschwächen und Minderauslastung im Baugewerbe und in der Autoindustrie.

Zukünftig nicht mehr in der Stromwirtschaft. Das Problem der Angebotsschwankungen der EE übersetzen die Stromkonzerne in das Argument, es könne ihnen nicht zugemutet werden, Kraftwerke bereit zu halten, die nur einige 1000 Stunden jährlich, oder die nur bei Windflaute laufen sollten. Da würden sie nie auf ihre Kosten kommen. Dass niedrige Auslastungen von Spitzenkraftwerken in der Vergangenheit nie ein Argument für Extra-Subventionen waren; dass an der Leipziger Strombörse (der mit Abstand wichtigsten Institution für die deutsche Strompreisbildung) die Strompreise bei einem Angebotsmangel extrem hoch werden, bis über einen Euro pro kWh; dass man also auch mit Spitzenbedarfskraftwerken richtig Geld verdienen kann: das alles bleibt tunlichst unerwähnt.

EON und Bayern spielen die Vorreiter. EON kündigte an, 2013 mehrere Kraftwerke mit zusammen 1400 MW Leistung (so viel wie ein AKW) still zu legen, da diese alten Anlagen unwirtschaftlich geworden seien (HB, 14. 5. 2012). Derzeit laufen wohl Gespräche mit der Bundesnetzagentur BNA, die verantwortlich ist für die Aufrechterhaltung von Versorgung und Netzbetrieb: Vielleicht lässt sich EON zum Weiterbetrieb überzeugen. Im letzten Winter sicherte sich die BNA 1650 MW Reserveleistung in Österreich gegen einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Das setzt wohl die Marke dafür, mit welchen Beträgen EON zum Weiterbetrieb seiner Kraftwerke überzeugt werden kann. Der BNA-Chef Homann: ”Wir müssen sicherstellen, dass sich die Ankündigung einer Kraftwerksstilllegung nicht zum Geschäftsmodell entwickelt. … Wir brauchen den Verzicht auf Kraftwerksstilllegungen zu akzeptablen Kosten” (HB, 16. 9. 2012). Den bayerischen Wirtschaftsminister Zeil hat EON schon überzeugt: Er geht mit dem Vorschlag hausieren, eine neue Umlage auf den Strompreis drauf zu packen, um damit pro Jahr eine Milliarde € für die Stromkonzerne einzusammeln, auf dass sie neue Gaskraftwerke bauen (SZ, 12. 5. 2012). Sonst gerate nämlich die Energiewende in Gefahr. Praktisch bedeutet dieser Betrag jedes Jahr ein geschenktes nagelneues 1000-MW-Gaskraftwerk. Wahrscheinlich werden sie auch herausfinden, dass hauptsächlich die Privathaushalte hohe Strombedarfsschwankungen und damit einen hohen Reserveleistungsbedarf haben, und dass diese neue Umlage daher hauptsächlich von den Haushalten finanziert werden muss.

Lieber teuren Offshore-Windstrom als günstigen Onshore-Windstrom: Mit dem Bau gigantischer Windstromparks auf dem Meer wollen die Stromkonzerne die regenerative Stromerzeugung dominieren und die dezentrale und kommunale Stromerzeugung behindern.

Bis vor wenigen Jahren hatten die Stromkonzerne so gut wie gar nicht in regenerativen Strom investiert, mal abgesehen von Wasserkraftwerken. Bis dahin hatten sie gehöhnt, dass EE hinten und vorne nicht reichen würden und AKWs das wichtigste Mittel gegen CO2-Emissionen darstellten. Jetzt haben sie gelernt und wollen in die EE-Zukunft führen (voRWEg gehen, wie RWE in Anzeigen buchstabiert). Dabei wollen sie sich nicht mit Kleinkram abgeben, sondern mit großen Windanla genparks auf dem Meer (offshore) punkten. Auf dem Meer geht der Wind kontinuierlicher und es gibt keine störenden Nachbarn. Allerdings stellen solche Windpark-Großanlagen enorme Kapitalkonzentrationen dar. Sie sind also vor allem geeignet für die Stromkonzerne und für Investmentfonds, Banken, Versicherungen.

Es stellte sich nun immer mehr heraus, dass diese Anlagen in jeder Hinsicht sehr viel teurer sind als solche auf dem Land (onshore): Verankerung und Bau, Materialtransport, Stromeinspeisung, Wartung, Risiken usw. Daraufhin wurden 2009 die Vergütungssätze für eingespeisten Strom aus Offshore-Anlagen in einer EEGNovellierung von knapp 9 ct auf rund 15 ct/kWh hoch gehoben, die Vergütung für Anlagen auf dem Land dagegen nur von knapp 8 ct auf gut 9 ct. Obwohl also eine Anlage auf dem Meer mehr Strom erzeugt als eine gleich große auf dem Land, ist ihr Strom viel teurer und daher subventionsbedürftiger. Bis 2020 sollen nach dem Willen der Bundesregierung Offshore-Anlagen mit einer Leistung von 10.000 MW bereit stehen, bis 2030 insgesamt 25.000 MW . Das sind Investitionspakete im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Kein Wunder, dass Konzerne, Banken und Finanzwirtschaft zusammen mit der Regierung in einer unsicheren Niedrigzinszeit an einer lukrativen Zukunft mit staatlich gesicherter Vergütung bauen.

Immense Kosten dafür, den Nordseestrom einzuspeisen und in den Süden zu transportieren. Der Staat schafft gesicherte und hohe Rentabilität für das hier angelegte Kapital. Ein Kerngedanke der so genannten Liberalisierung der Stromwirtschaft war, die Stromerzeugung und die Stromverteilung, also den Stromnetzbetrieb, wirtschaftlich zu trennen. Das Ziel war, allen möglichen Stromeinspeisern den gleichen Zugang zum Netz zu bieten. Dazu wurden die Netze praktisch aus der Marktwirtschaft heraus genommen und unter die Aufsicht und Direktive der Bundesnetzagentur BNA gestellt. Die Durchleitungskosten, die die Netzbetreiber den Einspeisern in Rechnung stellen dürfen, werden von der BNA genau spezifiziert und festgelegt – so, dass ein Netzbetreiber mit durchschnittlicher Kostenstruktur voll auf seine Kosten kommt. Ein ziemlich risikoloses Geschäft also. Ursprünglich sollten die Netzbetreiber einen Profitaufschlag auf ihre Kosten so kalkulieren dürfen, dass sie auf ihr eingesetztes Kapital 6 % Rendite machen. Das war ihnen zu wenig und so steigerten sie in zähen Verhandlungen mit der BNA ihren gesicherten Profitanspruch auf zuletzt 9,3 %. Nach den Bestimmungen soll sich die Rendite parallel zum Zinssatz von deutschen Staatsanleihen bewegen. Da dieser in den letzten Jahren stark sank, wollte die BNA die Netzrendite von 9,3 % auf 8,2 % senken. Daraufhin drohten die Netzbetreiber mit Investitionsboykott (”Die Netzbetreiber haben unter diesen Bedingungen keine Lust, die notwendigen Überlandleitungen zu bauen”, SZ, 26. 10. 2011). Man einigte sich auf eine Absenkung auf 9,1 %.

Mittlerweile haben mit EON, RWE, Vattenfall drei der vier Stromkonzerne ihr Stromnetz verkauft, überwiegend an Finanzinvestoren und Versicherungen. Nur EnBW ist noch Netzbetreiber (Anmerkung: Auch die Ferngasnetze werden derzeit verkauft, wobei die australische Investmentbank Macquarie wohl der eifrigste Aufkäufer ist). EON verkaufte an die holländische Firma Tennet, die in Staatsbesitz ist. Weil das EONGebiet in der Mitte Deutschlands von der Küste bis zu den Alpen durch reicht, ist Tennet hauptverantwortlich dafür, den Offshore-Windstrom ans Netz anzubinden und nach Süden weiter zu transportieren. Da, grob gesprochen, die süddeutschen AKWs durch die norddeutschen Windanlagen ersetzt werden sollen, sind laut Regierung fast 4000 km neue Überlandleitungen nötig (was allerdings für viele Umweltschützer so nicht nachvollziehbar ist). Für diesen Ausbau bzw. die Modernisierung der Leitungen werden Kosten von 20 Mrd. € für die nächsten 10 Jahre veranschlagt (SZ, 30. 5. 2012), bei unterirdischer Verlegung noch erheblich mehr. Hinzu kommen noch die Anbindungskosten der Offshore-Anlagen an die Übertragungsnetze: etwa ein bis zwei Mrd. € pro 1000 MW; bei 25.000 MW bis 2030 also ein ordentlicher Batzen Kapitalanlage (Verdi 2/2012; SZ, 21. 5. 2012). Offshore-Windstrom aus der Nordsee erweist sich also, wenn man die zusätzlich notwendigen Leitungsbauten mit rechnet, als wahrscheinlich gigantisch viel teurer als süddeutscher Windstrom (auch wenn der Wind hier weniger bläst).

Tennet hat sich zwar beim Netzkauf zu diesen Investitionen verpflichtet, und ihr könnte das Netz wieder entzogen werden bei einer Weigerung oder auch bei Unfähigkeit, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Aber Tennet ist wohl zu schwachbrüstig und der holländische Eigentümer will anscheinend kein Eigenkapital nachschießen. Zwei Maßnahmen werden daher diskutiert und angeleiert. Erstens: Heute muss der Netzbetreiber (also Tennet) den Offshore-Investoren eine Entschädigung zahlen, wenn er die Anlagen nicht rechtzeitig ans Netz anschließt. Die Arbeitsgruppe ”Beschleunigung” im Wirtschaftsministerium bereitet gerade einen von allen Beteiligten ersehnten Gesetzentwurf vor, der den Netzbetreibern erlaubt, diese Entschädigungszahlungen als neuen Aufschlag auf die zu verrechnenden Netzkosten und damit auf den Strompreis zu packen (SZ, 21. 5. 2012; Verdi 2/2012). Damit wäre das eh schon risikoarme Netzgeschäft ein weiteres großes Stück risikofreier geworden. Dieser zusätzliche Aufschlag kommt in erster Linie auf die Haushaltskunden zu, die bisher auch schon den Hauptteil der Netzkosten tragen. Zweitens: Nachdem nun Milliardenanlagen praktisch risikofrei und ausgestattet mit einer garantierten Rendite von 9 % winken, zeigen sich anscheinend die Versicherer Allianz und Münchner Rück geneigt, Tennet kräftig unter die Arme zu greifen und – nach dem Kauf des früheren RWE-Netzes – auch in das ursprüngliche EON-Netz einzusteigen (SZ, 14. 8. 2012).

Andauerndes und geübtes Jammern über hohe Strompreise und Gefahr für die internationale Konkurrenzfähigkeit der Stromgrößtverbraucher soll davon ablenken, dass sie für die Energiewende nichts beitragen, sondern nur daran profitieren.

Es zeigt sich ein gespaltenes und dennoch sehr einheitliches Bild über die großen Konzerne und ihr Verhältnis zum Strompreis und generell zur Energiewende: Einerseits die Stromkonzerne und die Finanzinvestoren, die nach staatlich gesicherten Märkten gieren und ihre Milliarden gerne in Stromnetzautobahnen und Hochsee-Windparks anlegen wollen (und in Agrarenergie und Desertec und AKWs weltweit und internationalen Zertifikatehandel und … ) und dabei auf immer mehr und immer neue staatliche Subventionen drängen. Diese Milliarden wollen Rendite, die hohen Offshore-Stromkosten schlagen auf die Strompreise. An diesem Punkt meldet sich auf der anderen Seite, der Seite der industriellen Stromverbraucher, dieselbe Profitgier: die panische Angst, ein höherer Strompreis würde ihre Profite schmälern. ”Die deutsche Chemieindustrie bangt um ihre Wettbewerbsfähigkeit”, und zwar wegen möglicher höherer Strompreise, schreibt die SZ (15. 7. 2011). Ein um 1 ct/kWh höherer Strompreis koste die Chemieindustrie jährlich 500 Mio. €. Klingt viel, aber ihr Umsatz beläuft sich auf 170 Mrd. €. Die 500 Mio. sind nur 0,3 % des Umsatzes, ein Betrag, der auch im Verhältnis zum Profit sehr klein ist. Was heißt, dass es die hohen Profite und Profitsteigerungen sind, die die Konkurrenzfähigkeit gefährden, viel mehr als Strompreissteigerungen. Der EU-Kommissar für Energie Günther Oettinger fürchtet das Schlimmste für die Stromgrößtverbraucher. Er behauptet, dass der Strompreis als Standortfaktor (d.h. die – aus seiner Sicht – notwendige fortlaufende Strompreissenkung) weltweit immer wichtiger werde und treibt diesen Gedanken dann auf die Spitze: ”Strom wird das Maß aller Dinge werden” (SZ, 5. 9. 2012). Dahinter steht wohl die maßlose Überschätzung seines Jobs und seiner Person.

Den möglichen Strommehrkosten für die industriellen Stromverbraucher muss man gegenüber stellen, dass der Strompreis an der Leipziger Stromhandelsbörse, einer der gewichtigsten Einflussfaktoren für den Preis für industrielle Stromverbraucher, durch die Energiewende, durch die Zunahme des regenerativ erzeugten Stroms, laufend gefallen ist. Früher war Strom zur Mittagszeit am teuersten, heute ist er mittags billig. Das Umweltministerium berechnet die dadurch eingetretene Stromkostenentlastung für die industriellen Stromverbraucher auf 2,8 Mrd. € jährlich (SZ, 10. 9. 2012). Die Haushaltsstromverbraucher konnten dagegen von einer vergleichbaren Entlastung nichts merken. Und weiter, nicht zu vergessen sind die durchgesetzten vielen Vergünstigungen bei den Strompreisaufschlägen (EEG, Stromsteuer usw.) für industrielle Verbraucher im Vergleich zu Privathaushalten, alles im Namen der internationalen Konkurrenzfähigkeit, die sich alles in allem auf etwa 10 Mrd. € jährlich belaufen (rls 2012). Die Stromgrößtverbraucher sind also beileibe nicht die Leidtragenden der Energiewende, sondern umgekehrt ihre Gewinner.

Es wird klar: Wenn die Konzerne von Energiewende sprechen, dann meinen sie etwas ganz anderes als wir. Nicht Klimaschutz, sondern niedrigste Kosten; nicht demokratisch diskutierte, beeinflusste, gewählte Zukunft, sondern Großanlagen in Konzernhand mit möglichst garantierten Milliardenprofiten. Schritt für Schritt gehen sie diesen Weg, Hand in Hand zusammen mit der Regierung.

Nachwort

Hier ging es nur um Strom – das ist der wichtigste, aber dennoch nur ein kleiner Teil des gesamten Energiespektrums. Und im Strombereich ging es hier nur um den Umbau der Stromerzeugung zu den EE – und nirgendwo um das eigentlich noch wichtigere Thema Stromeinsparung. Man könnte über den großen Restbereich der Energie sicherlich viele ähnliche Geschichten schreiben über den Widerspruch Klimaschutz und nachhaltige Zukunft versus Profitgier.

Unsere Gegenwart und noch mehr unsere Zukunft sollten uns zu teuer und zu wichtig sein dafür, dass wir sie vom Kalkül der nur gewinnmaximierenden Konzerne oder vom Kalkül der spekulierenden Finanzinvestoren abhängig machten.

Quellen

  • BDEW: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Erneuerbare Energie und das EEG: Zahlen, Fakten, Grafiken (2011)
  • HB: Eon droht mit Schließung von Gaskraftwerken, 14.5.2012 HB: Netzagentur will mehr Kraftwerke in Reserve, 16.9.2012
  • rls: Energiewende. Satte Rabatte für die Industrie. Zusammenfassung der Studie, 2012 SZ: Angst vor teurem Strom, 15.7.2011
  • SZ: Die Agentur gibt nach, 26.10.2011
  • SZ: Eine Milliarde Euro für die Energiesicherheit, 12.5.2012 SZ: Risiken im Netz, 21.5.2012
  • SZ: Neue Stromnetze kosten 20 Milliarden Euro, 30.5.2012 SZ: Garantiert gute Geschäfte, 14.8.2012
  • SZ: Im Netz der Probleme, 5.9.2012 SZ: Ökostrom hilft der Industrie, 10.9.2012 Verdi: Report Ver- und Entsorgung 2/2012