Die Herren des Geldes

Vortrag in einem workshop beim Kongress „Umverteilen Macht Gerechtigkeit“ in Berlin

Der Titel „Die Herren des Geldes“ könnte zu Missverständnissen führen, weil er suggeriert, es ginge darum, diese Herren als Personen zu identifizieren, die für obszönen Reichtum und skandalöse Armut persönlich verantwortlich sind.

Zwar geht es auch um Personen, aber nur in soweit, als diese gesellschaftliche Verhältnisse personifizieren, Akteure gesellschaftlicher Verhältnisse sind, die ursächlich sind für Armut und Reichtum Karl Marx schreibt im Vorwort zum Kapital 1867 zu diesem Problem: „Zur Vermeidung möglicher Missverständnisse ein Wort: Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Es handelt sich hier um Personen nur, soweit sie die Personifizierung ökonomischer Kategorien sind, Träger bestimmter Klassenverhältnissen und Interessen“. Man könne den Einzelnen nicht „…verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Deshalb gab Marx seinem Hauptwerk auch nicht den Titel „Der Kapitalist“ sondern „Das Kapital“. Es geht also nicht nur darum, die Größe des Reichtums darzustellen, der sich in den Händen weniger sammelt, nicht um deren Gier und ökonomische Unvernunft, sondern darum, den Mechanismus darzulegen, aus dem zwangsläufig Armut, Reichtum, Gier oder ökonomische Unvernunft entspringt. Zu reden haben wir also über Kapitalismus, über seine Wirkungsweise und Gesetzmäßigkeiten, aber natürlich schon auch über sein Personal – das Hans-Ulrich Jörges von der Chefredaktion des ‚Stern‘ am 11.4.2013 asozial, schamlos und ohne Anstand, nennt ehe er zu dem Schluss kommt: „Unsere Eliten sind verkommen – Wer Steuerflüchtlingen noch die Hand gibt, dem möge sie abfaulen.“ Was brachte den Mann so in Rage? Das wurde unter dem Eindruck von Offshoreleaks geschrieben: Nur zwei der vielen Hundert Spezialfirmen zur Umleitung von Geld in sogenannte Steuer- und Finanzoasen haben „geleckt“, von den Cook-Inseln und den Britischen Jungferninseln. Die beiden haben insgesamt über 120.000 Firmen in neun Steueroasen angemeldet.

Die OECD führt auf ihrer „offiziellen“ Liste 42 Steueroasen, also fast fünfmal so viele, wie jetzt bloßgelegt wurden, die sich allesamt in der Karibik und im Pazifik befinden.

Die Lieblings-Schwarzgeldländer der deutschen Unternehmen und Reichen kommen überhaupt nicht vor, nämlich Luxemburg, die Schweiz und Österreich. Geschweige denn Delaware in USA. Allein in der Schweiz hatten reiche Deutsche 2012 etwa 275 Mrd. € gebunkert. Nach Schätzungen der Steuergewerkschaft, ist davon über die Hälfte nicht steuerlich deklariert.

Die NGO Tax Justice Network schätzt, dass insgesamt ein Drittel des weltweiten Geldvermögens in Steueroasen liegt. (SZ, 4.4.2013)

Nach Überzeugung der EU-Kommission gehen in der EU jährlich eine Billion Euro an Steuereinnahmen durch Steuerhinterziehung verloren.

Der ‚Spiegel‘ vom 18.5.13: Deutschland ist davon mit 160 Mrd. € betroffen.

Die Deutsche Bank ist da in vorderster Front. Im Auftrag ihrer Kunden hat sie bis 2010 allein über ihre Niederlassung in Singapur 309 Firmen und Trusts in Steuerparadiesen registrieren lassen. Zum Irrsinnssystem von „Offshore“ gehört, dass alle Aktionen völlig legal sind, solange die Firmen und Konten bei den hiesigen Finanzämtern angegeben werden. Wenn man also angibt, dass man auf den Seychellen oder den Cook Islands eine Firma betreibt, geht das steuerrechtlich voll in Ordnung, ohne dass Firmenergebnisse oder Kontenbewegungen mitgeteilt werden müssen.

Politiker, die jetzt so dicke Krokodilstränen vergießen, sich überrascht geben, sind in Wahrheit perfekte Partner der Praxis der Steuerhinterziehung

Banken haben mittlerweile Tausende von Zweckgesellschaften in Offshore-Ländern eingerichtet. Eine immer größere Rolle aber spielen die sog. Schattenbanken, also Finanzeinrichtungen, die Geschäfte wie Banken betreiben, aber außerhalb der Bankenregulierung und der Finanzaufsicht stehen: Hedgefonds, Investmentfonds, Rentenfonds, Versicherungen, Banken oder Finanztöchter großer Unternehmen der Realwirtschaft.

Über 80 % der Schattenbanken residieren in den USA und Europa.

Damit umgehen Großbanken, wie die jüngsten Enthüllungen bestätigen, auf breiter Front die Vorschriften der Bankenaufsicht und Finanzbehörden, so kann ein wachsender Teil der „Finanzmärkte“ solche Regeln getrost vernachlässigen, weil Schattenbanken den Regularien gar nicht unterworfen sind. Ihr Aufenthalt im Schattenreich ist ihnen gesetzlich zugesichert.

SZ vom 20.11.12: “ Schattenbanken-System ist mit 53 Bill. € weltweit zwanzig mal so groß wie die deutsche Wirtschaftsleistung (BIP)“

Zu den Herren des Geldes hierzulande:

  • Deutschland hat nach der Schweiz in Europa die größte Millionärsdichte.
  • Nach Angaben der Bundesbank betrug das Geldvermögen aller privaten Haushalte in Deutschland knapp 5 Bill. EUR, (5000 Mrd.) – es hat sich seit 1990 verdreifacht.
  • (Gesamtvermögen, also mit Sachwerten, 11 Billionen Euro) Das ist mehr als das doppelte der deutschen Staatsschulden, ca. 2,2 Bill. €.
  • Von diesen fast 5 Billionen Euro besitzen die etwa 830.000 Millionäre in Deutschland 44 %. D.h. 1,1 % der Gesamtbevölkerung hat fast soviel Geld wie die restlichen 99%.
  • In Deutschland verfügen die reichsten zehn Prozent der Haushalte über fast 60 Prozent (59,2 %) des Nettovermögens (Bundesbank, Pressenotiz, 21.3.13).

Aber diese Zahlen bilden die Reichtumspyramide noch nicht richtig ab. Der deutsche Hochadel des Geldes, eine winzige Minderheit von 500 Gigareichen, also weniger als einem Hunderstel Promille der Bevölkerung, verfügt über mehr Vermögen, als die unteren zwei Drittel der Einkommenspyramide. Diese Multimillionäre in Deutschland sind aber allenfalls die Symbolfiguren der sozialen Ungleichheit. Die entscheidende Macht der Wirtschaft üben heute die sog. institutionellen Anleger aus. Sie sind die wirklichen Machtzentralen des Finanzkapitalismus.

Was sind Institutionelle Anleger?

Institutionelle Anleger sind Geldsammelstellen. Aber anders als zum Teil Geschäftsbanken reichen diese Institutionelle Anleger die Gelder nicht als Kredite weiter, sondern tätigen damit Finanzinvestments über die Kapitalmärkte.Sie legen die Gelder an in Aktien, Derivaten, Anleihen, oder Schuldpapieren z.B. Staatsanleihen, also Schuldscheine von Ländern. Institutionelle Anleger sind hauptsächlich Investmentfonds, Pensionsfonds und Versicherungen.(Schattenbanken). Der weltgrößte Vermögensverwalter, von dem das Handelsblatt schreibt, er sei der heimliche Herr des DAX, ist der US-Fond Blackrock. (BR) Blackrock verwaltet ein Vermögen von rund 3 Billionen $. (zum Vergleich: deutsche Staatsschulden knapp über 2 Billionen EUR). Das ist mehr als das deutsche BIP oder mehr als alle chinesischen Devisenreserven. Mit seinem Vermögen könnte Blackrock alle 30 DAX-Konzerne viermal aufkaufen.

Blackrock ist auch größter Aktionär bei Standard & Poors und Moodys. Wenn man also fragt, wer oder was sind denn diese imaginären Finanzmärkte, die ständig beruhigt werden müssen, ist klar: Es sind die Banken und die Institutionelle Anleger. Sie sind die Akteure der vielzitierten Märkte.

Zur Dimension dieser Finanzmärkte:

Den 70 Billionen Dollar der globalen Wirtschaftsleistung stehen am Devisen-, Derivate-, Aktien- und Anleihenmarkt jährliche Umsätze von 1800 Billionen Dollar gegenüber, also rund das 27fache. Da verwundert es nicht, dass aus einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, hervorgeht, dass 147 TNKs den größten Teil der Weltwirtschaft kontrollieren, und unter den ersten 50 sich 49 Banken und Finanzinstitute finden. SZ 9.9.2013: Bis zu 75 % des Aktiengeschäftes wird im computerisierten Hochfrequenzhandel getätigt. Die durchschnittliche Haltezeit einer computergehandelten Aktie beträgt heute gerade mal noch 22 Sekunden. Computerprogramme entscheiden in Millisekunden, ob ein Aktienpaket gekauft oder verkauft wird. An der Wallstreet machte dieser Tage die US-Firma Knight Capital 400 Mill. Dollar Verlust, weil die Software falsch programmiert war und völlig unsinnige Kaufentscheidungen traf. Bei Knight Capital ist jemand am Notschalter eingeschlafen, denn wenn die Systeme verrückt spielen, kann über diesen Schalter binnen Sekunden das Programm gestoppt werden.

Das sollte uns zuversichtlich stimmen, dass es einen Notschalter zur Beendigung von Spekulationsgeschäften gibt. Managergehälter: Die Managergehälter sind zwar nicht das Hauptproblem, was Armut und Reichtum angeht, aber die Rechtfertigung dieses Reichtums und der Gehälter ist interessant: In der SZ vom 13.3.12 wird Herr Winterkorn, Vorstandschef von VW, angesprochen auf seinen Jahresverdienst von über 18 Mill. EUR, zitiert, er verdiene pro verkauftem Auto nur 2.- EUR (8,3 Mill. verkaufte Autos) und Volkswagen und er hätten schließlich das Ergebnis real erwirtschaftet. Nicht weniger unbescheiden Herr Reitzle, Chef von Linde mit Jahresgehalt von „nur“ 6,7 Mill. EUR. Zitat SZ 13.3.12: “Als Topmanager, so dozierte er, könne er mehr zur Steigerung des Unternehmenswertes mehr beitragen als ein Arbeiter. Er habe den Börsenwert von Linde in seiner neunjährigen Amtszeit um 19 Mrd. EUR gesteigert“ (BB: Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?) Herr Albrecht, Herrscher von Aldi Süd hat ein Privatvermögen, das tausend Winterkorn-Jahresgehältern entspricht, über 17 Mrd. EUR Geldvermögen!

Selbst wenn man ihm einen Stundelohn von 50.- EUR zuspricht, weil er als gelernter Verkäufer besonderes Verkaufstalent an den Tag legte, und wenn man davon ausginge, dass er 24 Stunden am Tag rund um die Uhr arbeitet, dabei nichts isst und keinerlei Ausgaben hat, müsste er fast 40.000 Jahre arbeiten, um ein Vermögen von 17 Mrd. EUR zusammenzuraffen. Das legt den Verdacht nahe, dass außer Herrn Winterkorn, Herrn Reitzle oder Herrn Albrecht noch einige andere für diesen Reichtum mitgearbeitet haben. Diese Herren des Geldes haben nicht nur ein großes Vermögen, sondern auch einen ausgeprägten Klassenstandpunkt.

Zurück zu den Vermögen und den Quellen, aus denen sie sich speisen.

Die Entstehung dieser gigantischen Vermögen und des sog. Finanzmarktes ist das Ergebnis eines gigantischen Umverteilungsprozesses von unten nach oben.

Auf drei Wegen findet diese Umverteilung statt:

  1. Primärumverteilung zwischen Arbeit und Kapital, Absenkung der Lohnkosten; d. h. dass die Ergebnisse der Produktivitätssteigerung ausschließlich auf der Kapitalseite zu Buche schlagen und nicht mehr bei den Einkommen Die von der rot/grünen Bundesregierung in Gang gesetzte Umverteilung von den Löhnen zu den Gewinnen ist einzigartig in der Nachkriegsgeschichte. Die Reallöhne sind heute unter dem Niveau des Jahres 2000. 7,8 Millionen Menschen, jede/r vierte ArbeitnehmerIn arbeitet in atypischen Beschäftigungsverhältnissen: Dazu werden vier Erwerbsformen gezählt: Teilzeitbeschäftigung mit bis zu 20 Wochenstunden, befristete Beschäftigung, Zeitarbeit und MiniJobs. Jede/r zweite davon ist Niedriglöhner, hatte einen Bruttostundenverdienst von weniger als 10 Euro. 1,4 Mill. Beschäftigte erhalten eine Lohnaufstockung durch Hartz IV. Die sog. geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse bis 400.- € sind auf fast 5 Millionen. gestiegen. Die Lohnquote in D. liegt heute 7 % unter der des Jahres 2000 (Anteil der Löhne an Volkseinkommen). Deutschland ist in der Entwicklung der Lohnstückkosten mit Abstand Schlusslicht in Europa (Lohnquote: Löhne im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität) Auch das Geheimnis des deutschen „Exportwunders“ liegt zu einem wesentlichen Teil in dieser Politik der Dumpinglöhne, die von SPD/Grüne ins Werk gesetzt wurde. In Deutsche jeder fünfte in Armut (16 Millionen), in der EU ein Viertel (120 Millionen) Wolfgang Streeck schreibt in seinem neuen Buch „Gekaufte Zeit“, dass das Internationale Rote Kreuz im Jahr 2012 die höchste Menge an Lebensmitteln seit dem zweiten Weltkrieg verteilt hat, darunter an über 3 Mill. Spanier.
  2. Die zweite Form der Umverteilung von unten nach oben ist eine steuerpolitische Entwicklung, bei der die Reichen und großen Vermögen begünstigt und abhängig Beschäftigte abkassiert werden. In Deutschland wurde der Spitzensteuersatz von der Schröder-Regierung von 53% auf 42% gesenkt, Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen. Die Unternehmenssteuersätze (Körperschafts- und Gewerbesteuer) sind von 1997 bis 2009 von 57,5 auf 29,4 % fast halbiert worden. Vergünstigungen bei der Erbschaftssteuer. Wegfall der Vermögenssteuer. Steuerliche Begünstigung bei den Kapital- und Zinserträgen Addiert man alle Steuervergünstigungen in Deutschland für Spitzenverdiener, Reiche und das Kapital zusammen, dann kommt man auf gut 5o Mrd. € im Jahr, die dem Fiskus an Steuereinnahmen verloren gehen. Ähnliche Entwicklungen gab es in allen neoliberal regierten Ländern. „Die Tabaksteuer ist inzwischen höher als die Steuer auf Kapitalgewinne. Vermögensbezogene Steuern erreichen gerade mal 2,3% der Fiskaleinnahmen. Die Lohn-, Umsatz- und Verbraussteuern ergeben 80% des Steueraufkommens, die Unternehmens- und Gewinnsteuern zwölf Prozent“ (Hans Ulrich Wehler in Blätter… 4.13)
  3. Umverteilung über die Finanzmärkte, bei der Spekulationsverluste von Banken in Staatsschulden umgewandelt werden und die Staaten, statt Steuern einzunehmen, sich von den Reichen Geld leihen und dafür Zinsen zu bezahlen haben. Schulden der sog. „öffentlichen Hand“, also Bund, Länder und Gemeinden und sog. Sondervermögen (z.B. Fond Deutsche Einheit). Deutsche Staatsschulden betragen derzeit 2,03 Bill. EUR, also über 2000 Mrd. EUR. Das sind pro Einwohner fast 25.000 EUR und die Gesamtschulden wachsen 1.335 Euro pro Sekunde. Über 60 Mrd. Euro Zinszahlungen wurden im Jahr 2011 für die Staatsschulden fällig.

Allein für den Bund über 40 Mrd. EUR, das ist mehr als die Bundeshaushalte für Familie, Gesundheit, Bildung und Forschung zusammen. Es ist der zweitgrößte Etatposten des Haushaltes In anderen EU-Ländern, aber auch in USA oder Japan ist die Schuldensituation noch dramatischer. Christian Felber in „Retten wir den Euro“: „Die weltweiten Privatvermögen übersteigen die weltweiten Staatsschulden um das Fünffache.“ Ein großer Teil der Staatsschulden wurde verursacht durch die sog. „Bankenrettung“. In einer Dokumentation des ‚Spiegel‘ wurden die Kosten dieser Bankenrettung auf 15 Bill. Dollar geschätzt. Das ist fast ein Viertel der Weltwirtschaftsleistung eines Jahres. Der Begriff „Bankenrettung“ ist aber eigentlich die schamhafte Umschreibung dessen, worum es in Wirklichkeit ging, nämlich die Spekulationsverluste der Banken in die Staatshaushalte auszulagern.

Es gibt also drei Quellen von öffentlicher Armut und privatem Reichtum:

  • die Absenkung der Lohnquote
  • die steuerliche Begünstigung der Reichen und großen Vermögen,
  • und die Zinszahlungen der Staaten an die Banken

Das sind die drei Hauptursachen für eine gigantische Umverteilung des Reichtums von unten nach oben und aus den Staatsfinanzen in die Taschen der Reichen.

Und die Ursache dafür, dass den Staatsschuldenbergen schnell wachsende Berge von Vermögen gegenüberstehen, für die händeringend nach Anlagemöglichkeiten gesucht wird? Darüber macht sich der bekannte Unternehmensberater Roland Berger in der SZ vom 18./19. August 2012 Gedanken. „Wir brauchen ein privat finanziertes, marktwirtschaftliches Wachstumsprogramm. Weltweit stehen dafür schätzungsweise 170.000 Mrd. € bereit. Investoren suchen händeringend nach Anlagemöglichkeiten“.

„…In Europa wird der Anlagebedarf für Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur auf 1000 Mrd. € geschätzt, aber angesichts der Verschuldung der Staaten, können diese die Mittel nicht aufbringen“ Aber das müssten sie auch nicht, denn das kann privat finanziert werden. Seine Einkaufsliste: Telekommunikation, Gesundheitswesen, Energieversorgung, Wasserversorgung, Verkehrssysteme.

Was Berger beschreibt, ist ein Beleg dafür, dass die Verschuldung der Staaten aus den nicht bezahlten Steuern der Reichen besteht. Die letzten Reste öffentlichen Eigentums sollen privatisiert und den Verwertungsbedingungen des Kapitals zugeführt werden. Neoliberales Sozialgrabbing. Auch auf die Frage, warum dies so schwer umzusetzen sei, hat Berger eine Antwort: Wegen der Zurückhaltung der Bürger, Intellektuellen und des Zeitgeists gegenüber dem Kapitalismus, der Privatwirtschaft und dem technologischen Fortschritt… An dieser Zurückhaltung sollten wir weiterarbeiten. Umverteilung von oben nach unten auf denselben drei Wegen: + Höhere Löhne, kein Niedriglohnsektor, kein Hartz IV + Höhere Besteuerung der Reichen und großen Vermögen., Finanztransaktionssteuer Würde man den deutschen Euro-Millionären 50 % wegsteuern, natürlich gestaffelt nach der Höhe ihres Geldvermögens, ergäbe das 1,1 Bill. EUR und damit die Möglichkeit, mit einem Schlag die Staatsschulden zu halbieren. Diese Millionäre hätten dann immer noch ein Vermögen auf dem Stand von 2003. Es geht also erstens um eine stärkere Besteuerung der großen Geldvermögen. + Schuldenstreichung

Zerschlagung der Großbanken bezogen auf ihre Größe und auf ihre Funktion – Spekulationsgeschäfte

Spiegel 23.11.2009: „Nie zuvor …hatte die Finanzindustrie einen derartig ungehinderten Zugriff auf die Staatsfinanzen… Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft mit dem billigen Geld der Notenbanken die weit höher verzinsten Anleihen des Staates…heute sind die Investmentbanken größer, als sie es je zuvor waren. Der Staat müsste sie zerschlagen.“ Es geht nicht um die Regulierung der Finanzmärkte, sondern um deren Re-Dimensionierung.

Trennbankensystem?

Die Deutsche Bank macht über 50 % der Gewinne mit ihrem Investmentsektor. Spekulation muss nicht getrennt werden, sondern unterbunden. Auch bei einer Trennung vom Investmentbanking – also des Spekulationsgeschäft vom Geschäftsbankenbereich – bleiben die Investmentsektoren too big to fail und too big to jail. Eine Finanztransaktionssteuer, das Verbot von Finanzspekulation mit Lebensmitteln (im weitesten Sinne, Wohnung, Energie, Bildung, Mobilität…) müssten erste Schritte sein. Es geht aber nicht nur um die Umverteilung des Vermögens, auch Macht muss umverteilt werden. Ohne Umverteilung von Macht wird es keine Umverteilung von Vermögen geben

Es geht um die Entmachtung der Finanzmärkte durch die Überführung der Banken und Konzerne in Gemeineigentum unter demokratischer Kontrolle. Sage keiner, das sei so undurchschaubar, dass da einfache Menschen nicht kontrollieren können. In jedem Seniorenarbeitskreis bei verdi ist mehr finanzpolitischer Sachverstand vorhanden als bei den Nieten in Nadelstreifen, die z.B. bei den Landesbanken Milliarden vergeigt haben. Die Frage der Demokratie muss auf den Bereich der Wirtschaft ausgedehnt werden. Bankgeschäfte, und was, wer, wo und wie produziert, dürfen nicht unter dem Kriterium des maximalen Profits entschieden werden, sondern nach den gesellschaftlichen Bedürfnissen. Es geht also darum, die Gelder der Reichen und die Unsummen der Finanzmärkte für den sozialökologischen Umbau der Wirtschaft für eine solidarische Ökonomie einzusetzen. Der Kampf um die Demokratisierung des Finanzsektors ist nicht in dem Sinne aktuell, als er heute oder morgen schon zu gewinnen wäre. Er ist es in sofern, als er auf eine Öffentlichkeit trifft, die die Banken für die Hauptschuldigen an der Krise hält und ihre Bestrafung fordern und daher für radikale Argumente aufnahmebereit ist. Vielen erscheint es illusorisch, solche Forderungen im Kapitalismus durchzusetzen. Ich halte mich da an Albert Einstein: “Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass sie von vornherein ausgeschlossen erscheint.“

Zum Schluss:

Im Nachwort seines Buches „Das Imperium der Schande“ schreibt Jean Ziegler: “Die Zerstörung der kannibalischen Weltordnung ist Sache der Völker. Der Krieg für die planetarische soziale Gerechtigkeit muss erst noch geführt werden. Wie werden die Siege aussehen? Und wie die Niederlagen? Wie wird der Kampf ausgehen? Heute kennt niemand die Antworten. Eine Überzeugung sitzt allerdings tief in mir. Alle diese künftigen Kämpfe werden ein Nachklang des Aufrufes von Grachus Babeuf sein, des Anführers der Verschwörung der Gleichen, der am 27. Mai 1797 blutüberströmt zum Schafott getragen wurde: Möge der Kampf beginnen über das berühmte Kapitel der Gleichheit und des Eigentums! Möge das Volk alle barbarischen Institutionen stürzen!

Möge der Krieg des Reichen gegen den Armen endlich diesen Anschein großer Kühnheit auf der einen Seite und der Feigheit auf der anderen einbüßen. Alle Missstände sind auf ihrem Gipfel. Sie können sich nicht verschlimmern. Sie können nur durch einen totalen Umsturz beseitigt werden. Fassen wir das Ziel der Gesellschaft ins Auge. Fassen wir das gemeinsame Glück ins Auge und ändern wir nach tausend Jahren diese groben Gesetze.“

Literatur:

  • Schmid, Fred: Die Herren des Geldes – Reichtum und Macht des 1 %. isw-Spezial 26
  • Schuhler, Conrad: Der Überfall der Banken – wie die Banken die Gesellschaft ruinieren und wie sie an die Kette zu legen sind.
  • isw-Report 92
  • Schuhler, Conrad: Offshore-Leaks – das Versagen der Politik vor den Finanzmärkten. www.isw-muenchen.de/download/offshore-leaks-cs-20130408.pdf