Das Mordhandwerk unter den Augen des Innenministers

Wie die USA deutsche Universitäten zur Menschenvernichtung forschen lassen

Der Krieg geht von hier aus, diese Feststellung ist so zutreffend wie alarmierend. NSA horcht nicht nur, CIA und DIA lassen forschen. Der militärische US-Geheimdienst beschäftigt eine ganze Schattenindustrie inklusive deutscher Hochschulen für kriegerische Zwecke, zur Entwicklung von Spionagesoftware, zur Abwicklung delikater Geheimdienstaufträge, zur Forschung auf allen Feldern, wie man Menschen zu Matsch und Material zu Müll zerklumpen kann oder im Gegenzug solches verhindert, damit die Betreiber der Massaker nicht selbst dabei zu Schaden kommen. Zudem boomt die hauseigene Rüstungsindustrie zur Ausrüstung despotischer Regimes, für den internationalen Waffenhandel. Wo der Gesamt-Umsatz leicht sinkt, werden die Stückzahlen enorm erhöht. Kleinwaffen sind der Renner im Moment. Kleine, schmutzige Geschäfte liegen im Trend. Nachdem der Volkstrauertag glücklich abgeschafft ist, kann wieder erinnerungslos drauflos geforscht und produziert werden, was die menschliche Ausgeburt an Vernichtungswahnsinn hergibt. Deutsche Kriegsbeihilfe trägt nicht Schwarz, sondern weiße Kittel.

Neujahr war kürzlich, da wird der in die Landwirtschaft abgeschobene christlich-soziale Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich vielleicht einen Moment innegehalten, kurz an die Ewigkeit gedacht und sich wie ein Dreikönig gefreut haben. Wie gern wäre er am nächsten Tag im alten Ressort wieder zu Werke gegangen, seiner hoheitlichen Aufgabe nach: Den Inneren Frieden und die dafür nötige Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland im Auge habend darüber wachen, dass keine Gefahr für beides entsteht oder gar für den Staat, der die Friedenssicherheit im Gewand des Sicherungsfriedens zu garantieren vorgibt. Im mächtigen Ministeramt des Inneren. Aber jetzt muss er in Agrikultur machen, auch eine Art Landschaftspflege.

Dazu gehörte bisher seiner Ansicht nach wohl auch, beide Augen zuzudrücken, wenn auf deutschem Boden im Auftrag fremder Mächte getüftelt und geforscht wird, wie man Menschen, Sachwerte und eben besagten Frieden beschädigt, demoliert, zu Klump bombt, durchschlägt, verkrüppelt oder auslöscht. Im eigenen Auftrag ginge das allemal noch als interne Verteidigungsanstrengung durch, aber wenn nun Russland oder China deutsche Universitäten an den Forschungsgelder-Tropf legen würden, um in deren Labors gezielt Panzerglas probeweise zerdeppern zu lassen oder einfach Grundlagenforschung abzusaugen, dann wäre er in höchster Alarmbereitschaft. Als Innenminister hätte er das unterbinden müssen. Nun sollte er genau Solches gewahren von Seiten der USA: Das Pentagon finanziert hiesige Unis aus dem nie versiegenden US-„Verteidigungs“-Haushalt für allerlei Militärforschungsprojekte. Da musste er schnell wegsehen. Augen zu und durch. Nun musste er den STERN abbestellen, die Süddeutsche ignorieren und niemals aus Versehen NDR gucken. Der deutsche Innenminister musste sich komplett blind, uninformiert und ahnungslos machen und geben. Beste Voraussetzungen für sein Amt als ranghöchster Grundgesetzwächter. Es wären ihm Hören und Sehen vergangen von dem, was dort in diesen Medien ausgebreitet wurde. Nein, das wollte, das konnte, das durfte er gar nicht erst zur Kenntnis genommen haben. Denn er war und ist ein Freund der USA. Deutsche Freundschaft über alles! Da braucht es keinen Verbraucherschutz.

Seine Nibelungentreue reichte leicht an die Siegfried-Sage heran. Ein teutonischer Alberich könnte nicht blindgläubiger sein. Wenn es um die USA geht, nimmt ein echter Freund transatlantischer Freundschaft alles in Kauf, und sei es die komplette Infiltration, Verwanzung und militärtechnische Unterwanderung der Bundesrepublik. Al Quaida würde das nicht schaffen, aber die bekanntermaßen nichtextremistischen Auftraggeber aus den Staaten der Todesstrafe, der exterritorialen Verhörzentren und Foltergefängnisse, des administrativ geregelten Waterboarding, der außergerichtlichen Exekution von Terrorverdächtigen per heimtückischem Drohnenangriff auf weltweit beliebigen Territorien, die schaffen das. Sie dürfen das unter den amtlich fest verschlossenen Augen des gewesenen Innenministers auch in dessen Dienstbereich ungehindert betreiben. Niemals würde das offene oder auch klandestine Treiben den leisesten Anfangs2 verdacht auf die Vorbereitung eines Angriffskrieges, auf Sabotage am Weltfrieden oder zumindest eines Verstoßes gegen die selbst auferlegten „Zivilklauseln“ mancher Uni-Forschungsinstitute hervorrufen, schon gar nicht einen Hauch von Vermutung auf Geheimnisverrat und Spionage aufkommen lassen! Es ist ja alles nur behelfsmäßiger Not-Ersatz für entgangene Studiengebühren, pure Selbstverteidigung. Exzellenzforschung bedarf eben unkonventioneller Finanzierungsmethoden. Und eines „Mister Ahnungslos“ als Innenminister, der sie gewähren lässt. Mal sehen, wie das der alte Kriegsminister de Maizière hinbekommt, jetzt fürs Innere zuständig.

Nein-nein-nein! Ihre Satellitenprojekte seien „rein zivile Grundlagenforschung“, beeilt sich die Universität Bremen unschuldig zu beteuern, eines jener bundesweit 22 Institute, die seit dem Jahr 2000 mit insgesamt mehr als zehn Millionen Dollar gefördert wurden, um knallharte Ergebnisse zur Optimierung der Kriegstechnologie an die US-Militärs zu liefern. So bastelt die Ludwigs-Maximilian-Universität in München seit letztem Jahr für bescheidene 470.000 Dollar an diversen Möglichkeiten, militärischen Sprengstoff zu verbessern, während das Fraunhofer-Institut am Panzerglas und an Sprengköpfen forschte und die Uni Marburg an Orientierungssystemen für Drohnen und an „gelenkter Munition“, also rein grundlegend, versteht sich. An der Universität des Saarlandes bemüht man sich (nicht nur wegen der eigenen Nuschelei) um mathematische Verarbeitung von Sprachstrukturen, hilfreich beim Abhören und Ausforschen von Telefonaten; dafür flossen dieses Jahr 130.000 Dollar vom „Army Research Loboratory“. Damit sich die Menschen besser verstehen, kann das natürlich auf allen Gebieten etwas fruchten. „Dass darunter auch militärische sein können, liegt in der Natur der Grundlagenforschung“. Dual Use erleichtert es ungemein, auch außerhalb der USA delikate Aufträge zu erteilen, um selbst als großmütiger Förderer von Wissenschaft und Forschung zu erscheinen, dem internationale Kooperation und Kommunikation über alles geht, selbst über den Völkerfrieden.

Auch die „Bundeswehr unterstützt vielfältige Forschungsaktivitäten“, heißt es im Einladungsschreiben zu einer „nationalen Technologiekonferenz“ am Ludwig-Bölkow-Campus in Ottobrunn bei München, dem Traditionsstandort von MBB, später auch DASA und EADS. Schon die Nazis etablierten hier 1937 ihre „Luftfahrtanstalt“ und ließen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Dachau schuften. Weiter im Text heißt es: „Der Rückgriff auf aktuelle, zivile Forschungsergebnisse und eine Vernetzung von ziviler Sicherheits- und militärisch geprägter Forschung sind dabei wesentliche Schlüsselelemente“. Die „zivil-militärische Zusammenarbeit“ gilt als Zauberformel zur übergreifenden Militarisierung der Gesellschaft in Forschung und Produktion.

Die Wissenschaftsministerien berufen sich auf die Freiheit von Forschung und Lehre. Man forscht quasi im gewissensleeren Raum. Oft ahnen Studenten und Assistenten gar nicht, wobei sie ihren Professoren da zur Hand gehen, sie freuen sich nur, dass ihr Lehrstuhl gut ausgestattet dasteht. Das bayerische Ministerium freut sich allemal über Drittmittel für seine Unis. Das Einwerben von Geld beim US-Verteidigungsministerium werde jedoch nicht speziell gefördert noch gefordert. Soweit ist es noch nicht, könnte aber noch kommen. An generellen Skrupeln liegt es anscheinend nicht, dass es noch nicht verlangt wird.

Man sollte das Amt des Innenministers ehrlicherweise umbenennen in Innungsministerium, zuständig für Innereien, für Sauereien und Schlächterei sämtlicher Arten und Sorten, vor allem für vorsätzliche Demolage des Völkerfriedens. Denn was dabei herauskommt aus deutschen Laboratorien bei solchen Aufträgen, ist nichts anderes als der verfeinerte, perfektionierte, hochtechnologisierte Krieg. Das Schmutzigste, Widerlichste, Tödlichste und Menschenfeindlichste, was Deutschland je hervor gebracht hat. Damit ist es zweimal verdientermaßen im Trümmerdreck gelandet, Schnauze nach unten. Wer von Amts wegen dabei zusieht, wie es ein drittes Mal mitmischt beim Völkermorden und Weltverheeren, und sei es nur durch Schützenhilfe aus zweiter Reihe, ist eine ernst zu nehmende Gefahr für das Fortbestehen des Landes. Denn der Krieg, der da wissenschaftlich vorbereitet und probiert, brutal geführt und technisch hochgezüchtet eskaliert wird, wird nicht auf immer fern der Heimat jener Tüftler und Forschungseinrichtungen bleiben, die bereits im Ersten Weltkrieg das Sarin-Gas entwickelt und geliefert haben, das heute in Syrien so mühevoll unschädlich gemacht werden muss. Fast hundert Jahre nach dem ersten industrialisierten Krieg sollte man nicht nur gescheiter, sondern auch klüger geworden sein. Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge. Der Krieg war das Ding unserer Väter. Schluss damit! Bald 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges wäre es dafür nicht zu früh.