Davos-Gipfel und die Reichtums-Spitze

Der Tagungsort entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Hoch oben in den Schweizer Bergen trifft sich jedes Jahr im Januar die globale „Elite“ zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Bosse und Vorstände der tausend größten Konzerne, Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und andere „Experten“, Meinungsmacher … insgesamt 2600 waren es dieses Jahr, eingehegt von Absperrgittern, Stacheldraht, Polizeikordons und Schweizer Armee. Die höchstgelegene Stadt der Alpen gleicht in diesen vier Tagen einer Festung. Man hat Angst um die da drinnen. Dabei will sich das World Economic Forum (WEF) nur Gutes und sich nach eigener Ansage dafür einsetzen, „den Zustand der Welt zu verbessern“. In diesem Jahr stellte sich das Netzwerk der Mächtigen und Wichtigen keine geringere Aufgabe als „Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“, so das Motto des Forums.

Die Entwicklungsorganisation Oxfam nahm das Meeting beim Wort. Kurz vor Beginn des Promi- Auftriebs in den Alpen veröffentlichte sie eine Reichtums-Studie „Working for the Few“ – Political capture and economic inequality“. Die Verfasser der Studie richteten sich mit ihren Ergebnissen an die WEF-Teilnehmer, denn sie „haben die Macht, die wachsende Ungleichheit zu stoppen“.

Oxfam beruft sich dabei auf Zahlen des Weltvermögensberichts der Bank Credit Suisse (siehe dazu auch isw-spezial 26: Die Herren des Geldes).

1% hat die Hälfte des globalen Reichtums: Nach der Oxfam-/Credit Suisse-Studie verfügt ein Prozent der Bevölkerung (etwa 70 Millionen Menschen) über die Hälfte des weltweiten Reichtums. Dieses eine Prozent besitzt über 110 Billionen (110.000 Milliarden) US-Dollar; das ist 65-mal so viel, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung hat.

85 haben so viel wie 3,5 Milliarden Menschen: Die ärmere Hälfte der Erdenbewohner verfügt nur über soviel, wie die reichsten 85 Menschen haben.

Es handelt sich dabei jeweils um das Gesamtvermögen, bestehend aus Geldvermögen, Immobilien und hochwertigen Gebrauchsgütern. Das Geldvermögen beträgt etwa die Hälfte des Gesamtvermögens.

Oxfam-Geschäftsführerin Winnie Byanmyia appellierte an das WEF, die Situation zu verbessern, denn schließlich sei es vor 43 Jahren mit dem Gedanken gegründet worden, „dass ein Unternehmen nicht nur seinen Eigentümern dienen soll, sondern der ganzen Gesellschaft“ (SZ-Interview, 23.1.14). Das größte Übel sei die Ungleichheit: „Es ist erschreckend, dass 85 Menschen genauso viel Vermögen auf sich vereinen wie die Hälfte der Weltbevölkerung! Das ist die Grundlage für ein soziales und wirtschaftliches Desaster. Wir können den Kampf gegen Hunger und Armut nicht gewinnen, solange wir das Problem nicht an der Wurzel anpacken – und das ist die Ungleichheit“.

Doch Verteilungsfragen sind für den Wirtschaftsgipfel in Davos kein Thema. Warum auch. Die dort Versammelten sind selbst Teil des Geld-Hochadels, der die Welt immer mehr aussaugt und dabei Wirtschaft und Konjunktur kaputt macht. Sie sind Braintrust und Global Government jenes 1 Prozent, das immer mehr Reichtümer an sich rafft – auf Kosten der Armen.

Das Forum zeigte sich zufrieden, dass die Weltkonjunktur wieder Fahrt aufnehme: „Davos glaubt an ein gutes Anlagejahr“, berichtete die FAZ (23.1.14). Die Liquidität, die nach Anlagemöglichkeiten suche, sei rund um die Welt so groß, dass nach Meinung von Bank- und Versicherungsbossen mit weiter steigenden Aktien- und Börsenkursen zu rechnen sei.

Lediglich die Arbeitslosigkeit wurde als eines der globalen Probleme thematisiert, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit. Sorge bereitet, dass auch bei einer nachhaltigen Belebung der Wirtschaft nicht die notwendigen Arbeitsplätze geschaffen würden. „Jobless recovery“ wird das Phänomen in den USA genannt. „Strukturreformen“ und weitere „Liberalisierung der Arbeitsmärkte“ wird von den wirtschaftlich Mächtigen als Therapie vorgeschlagen, mit der Folge weiteren Niederkonkurrierens auf den Arbeitsmärkten und Billig-Jobs, die zum Leben nicht reichen. Für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit hat Klaus Kleinfeld, abgehalfteter Siemens-Chef und jetziger Boss des Rohstoffkonzerns Alcoa den sensationellen Vorschlag: „Die Berufsberatung muss dringend verbessert werden“. 75 Millionen arbeitslose Jugendliche, ein Beratungsproblem! Der Ex-Siemenschef diskutierte anschließend mit 100 weiteren Konzernchefs und Ökonomen im Forum „Die Bedeutung des Glücklichseins“. Arbeitslose Jugendliche waren dazu nicht geladen.

In der Festung aber wurden vor allem Geschäfte gemacht, wie eh und je. Das WEF ist die größte Kontakt- und Geschäftsbörse, der bedeutendste Branchentreff des Jahres. Ganz profane Geschäftsanbahnungen und Kundenpflege, umrankt von vollmundiger Weltverbesserungsrhetorik. Und dazu die Gelegenheit zur Selbstdarstellung.

Draußen in der Welt aber häufen sich die Probleme, verursacht durch eben dieses Geschäftemachen und die Art des Wirtschaftens. „Statt sich gemeinsam zu entwickeln, werden die Menschen immer mehr durch wirtschaftliche und politische Macht getrennt“, heißt es in der Zusammenfassung der Oxfam-Studie. Die Gefahr von Spannungen und gesellschaftlichen Zusammenbrüchen würde dadurch zwangsläufig wachsen. Und die Gefahr von Kriegen dazu. Für das Krisen- und Kriegsmanagement ist dann eine andere Konferenz zuständig, die eine Woche später im Bayerischen Hof in München tagt. Der Gipfel des globalen Militär-Industrie-Komplexes, die 50. NATO-Sicherheitskonferenz. „Mit Waffen Frieden schaffen“ sei eines der wichtigen Themen der „Jubiläumskonferenz“, erklärte der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger auf der Pressekonferenz. Befriedung wäre richtiger gewesen. (Siehe dazu auch das Interview mit Claus Schreer, einem der Organisatoren der Gegenaktionen. www.iswmuenchen. de/download/siko-interview-wlcs-20140127.pdf)