Ein Blick über den europäischen Tellerrand

ein blick über den europäischen tellerrandVom 3.-5. April fand an der Hamburger Uni eine Konferenz statt, die den Geist der großen Vietnam-Konferenzen der 68er Bewegung an deutschen Universitäten aufgriff. Unter dem Motto „Die kapitalistische Moderne sezieren – Demokratischen Konföderalismus aufbauen“ hatte die kurdische Freiheitsbewegung zur zweiten theoretischen Konferenz eingeladen. Mehr als 1.000 überwiegend junge Menschen aus ganz Europa nahmen an der Konferenz im Hamburger Audimax teil.

Veranstalter waren u.a. der Verband der Studierenden aus Kurdistan YXK, das Netzwerk kurdischer AkademikerInnen Kurd-Akad, die Internationale Initiative „Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan“, das Kurdische Frauenbüro für Frieden Ceni und das Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad.

Prominente ReferentInnen aus aller Welt

Die Liste der ReferentInnen liest sich wie das Who-is-Who der marxistischen und linken Wissenschaft: So nahmen unter anderem der Völkerrechtler Prof. Norman Paech, die marxistischen Theoretiker Prof. Elmar Altvater und Prof. David Harvey aus den USA sowie der Occupy-Aktivist und Dozent an der London School of Economics, Prof. David Graeber teil. Extra aus Mexiko war John Holloway, Professor der Soziologie mit Schwerpunkt Marxistische Theorie und zapatistische Bewegung, gekommen. (Hier ein Beispiel seiner eindrucksvollen Vortagsweise)

Neben ihm nahmen Platz Alex Mohubetswane Mashilo, Sprecher der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) und Andres Pierantoni, Berater des Handelsministers von Venezuela. Aus Nordkurdistan (Türkei) nahmen unter anderem Selma Irmak, Kovorsitzende des Demokratischen Gesellschaftskongresses und Emine Ayna, HDP-Abgeordnete im türkischen Parlament und Kovorsitzende der DBP, teil. Auch aus den drei anderen Teilen Kurdistans waren politische AktivistInnen zugegen, so zum Beispiel der iranische Kurde Shirzad Kamangar, Mitglied der Leitung der „Partei für ein freies Leben in Kurdistan“, dessen Bruder vom iranischen Regime aufgrund seiner politischen Überzeugung gehängt wurde.

Auch Abdullah Öcalan, der seit mehr als 16 Jahren auf der Gefängnisinsel Imrali einsitzt, konnte eine Grußbotschaft an die ZuhörerInnen richten. Darin betonte er, dass der Kapitalismus durch den massiven Ressourcenverbrauch, die damit zusammenhängende Umweltzerstörung, durch neue Formen des Krieges und die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich und die damit zusammenhängenden multiplen Krisen an seine Grenzen stoße. Der Kapitalismus und Nationalstaaten als Garanten für dessen Profit müssten endlich überwunden werden. Er schloß mit den Worten: „Another World is possible!“. Das komplette Grußwort wird in den kommenden Tagen veröffentlicht.

Fünf Sessions und lange Diskussionen

Insgesamt referierten mehr als 40 Personen in fünf Sessions, jede davon so interessant, dass sie einen eigenen Artikel wert wäre.

  • Session 1 lief unter dem Motto „Die kapitalistische Moderne sezieren“ und stellte eine Analyse des derzeitigen Kapitalismus dar.
  • Session 2 „Demokratische Moderne“ beschäftigte sich mit Gegenentwürfen zum Kapitalismus, einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der von Abdullah Öcalan, dem Vordenker der kurdischen Bewegung als „Demokratische Moderne“ bezeichnet wird.
  • Session 3 war einer zukünftigen „Ökologischen Industrie und kommunalen Ökonomie“ gewidmet.
  • In Session 4 diskutierten die ReferentInnen die bisherigen „Stolpersteine revolutionärer Theorie“.
  • Die fünfte und letzte Session zog „Lehren aus alternativen Praktiken“ mit TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt, die von ihren Versuchen des Aufbaus von Gegenmacht und alternativen gesellschaftlichen Praktiken berichteten.

Das komplette, wirklich lesenswerte Programm findet sich hier. Die Dauer der Sessions von jeweils bis zu vier Stunden inklusive Diskussion im vollbesetzten Audimax machte ein durchgehendes Zuhören so gut wie unmöglich und so trafen sich vor dem Saal viele kleine spontane Diskussionszirkel, um die Debatten fortzuführen. Viele nutzten auch die Gelegenheit, die etwa ein Dutzend Infotische zu besuchen. Auch das isw konnte durch die solidarische Unterstützung von GenossInnen aus Hamburg und Umgebung einen Infotisch organisieren und mehr als 50 Hefte verkaufen.

Mit den TeilnehmerInnen und den Themen der Sessions machte die kurdische Freiheitsbewegung ihre internationalistische und sozialistische Ausrichtung deutlich und stellte noch einmal klar, dass für sie nicht die nationale Frage, sondern die soziale Frage in Verbindung mit einem dedizierten Anti-Nationalismus im Mittelpunkt steht. Dies bedeutet allerdings keineswegs, dass es an bisherigen Sozialismus-Konzeptionen und auch am bisherigen marxistischen Theorieverständnis keine Kritik und Verbesserungsvorschläge geben würde. So kritisierten einige ReferentInnen ein oftmals rein ökonomistisches Verständnis des Marxismus, der nicht in der Lage sei den relativ eigenständig agierenden Überbau der Gesellschaft zu analysieren. Auch die Rolle des Nationalstaats als Unterdrücker, egal ob in einer kapitalistischen oder real-sozialistischen Gesellschaft wurde hervorgehoben, genauso wie der ökologisch verheerende „Industrialismus“ und „Konsumismus“, dem eine fortschrittliche zukünftige Gesellschaft nicht verfallen dürfe. Als MarxistInnen in Deutschland müssen wir mit den kurdischen GenossInnen den Dialog suchen und ihre Kritik gemeinsam diskutieren. Dabei wird es für beide Seiten viel zu Lernen geben.

Der berühmte marxistische Theoretiker und Geograph David Harvey begründete in seinem Referat die Notwendigkeit des Antikapitalismus in der Gesellschaftsanalyse. Es reiche nicht aus einfach nur antineoliberal oder antimonopolistisch zu sein. Im Endeffekt komme es darauf an die Herrschaft des Kapitals zu überwinden.

Dimitris Roussopoulos aus den Basisbewegungen in Montreal, kam gerade vom Weltsozialforum in Tunis, mit mehr als 44.000 TeilnehmerInnen aus 5.000 sozialen Bewegungen. Er hob die Bedeutung solcher internationaler Treffen zur Vernetzung hervor und berichtete von der gleichzeitigen dezentralen Vernetzung der Linken in der Stadt Montreal. Dort stehe eine neue Welle des Protests der Studierenden bevor und in der Tat erreichten uns Nachrichten, dass am gleichen Samstag mehr als 75.000 Menschen gegen die Austeritätspolitik in Montreal auf die Straße gingen.

Alex Mohubetswane Mashilo von der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) berichtete von den Schwierigkeiten und Problemen einer Kommunistischen Partei in einem kapitalistischen Staat mitzuregieren. Für ihn ist ein eigenständiger Ausbruch aus dem globalen System des Kapitalismus so gut wie unmöglich. Denn dem Imperialismus stehen starke Instrumente der Beeinflussung zur Verfügung, von internationalen Finanzinstitutionen, über Ratingagenturen, die die nationalen Ökonomien durch Herabstufung angreifen könnten, bis hin zu Sanktionen, ökonomischen Blockaden und militärischen Aggressionen. Demgegenüber müsse ein starker antiimperialistischer Block (ent-)stehen, der diese Angriffe gemeinsam abwehren könne. Die SACP setze dabei stark auf die fortschrittliche Entwicklung in Kurdistan und Rojava, als ein weiteres Zentrum des Widerstandes gegen den Imperialismus.
Neues Internationalismus-Verständnis

Arno-Jermaine Laffin, ein Aktivist des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan YXK mit deutschen Wurzeln, referierte über das neue Internationalismus-Verständnis der kurdischen Freiheitsbewegung. Dabei warf er die Frage auf, ob überhaupt noch von einem ‚Internationalismus‘ gesprochen werden könne, „da es eben nicht nur um ein Verhältnis von Nationen zueinander gehen darf (…). Vorschläge für eine andere Bezeichnung sind ‚Transnationalismus‘, da über die Grenzen von Nationen hinweg gedacht wird, oder gar ‚Subnationalismus‘, da die nationalen Grenzen ja nicht überwunden, sondern eher unterwandert werden, auch marginalisiertesten Identitäten ihre Legitimität zugestanden wird.“

Besondere Bedeutung habe für die YXK die Revolution in Rojava: „Die YXK hat zu den Blockupy-Protesten Mitte März in Frankfurt ein Transparent mit der Aufschrift „cause there is an alternative – Solidarity with Rojava!“ getragen. Rojava beweist, dass es eine Alternative zur Kapitalistischen Moderne geben kann. Der Kobanê-Widerstand hat erneut bewiesen, dass nichtstaatliche AkteurInnen in der Lage sind, sich gegen die für sie vorgesehenen Niederlagen erfolgreich zu wehren. Der Aufstand der Zapatistas von 1994 war ein Hoffnungsschimmer für Linke auf der ganzen Welt und eine Bestätigung des Internationalismus. Rojava kann die internationalistische Linke erneut aus ihrer Lethargie befreien, wenn wir uns ernsthaft darauf einlassen und uns selbst in der Revolution Rojavas wiederfinden.“

Solidarität mit Rojava und Griechenland

Einen der vielen Höhepunkte der Konferenz stellte die Live-Schaltung zu drei Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Rojava dar, die ihre solidarischen Grüße an die TeilnehmerInnen der Konferenz ausrichteten und von ihrer weltanschaulichen Bildung und dem bewaffneten Kampf gegen den sog. Islamischen Staat berichteten. Insgesamt stand die Solidarität mit der revolutionären Entwicklung in Rojava (Westkurdistan bzw. Nordsyrien) im Mittelpunkt der Konferenz, da dort die Umsetzung der diskutieren Theorien in die Praxis bereits geschieht, mit vielen Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten. Aber auch die (kritische) Solidarität mit der griechischen Bevölkerung und der SYRIZA-Regierung wurde von vielen ReferentInnen hervorgehoben und fand auch in Transparenten auf der Konferenz seinen Ausdruck. Für sie stellt Griechenland ein Versuch dar, mit der neoliberalen Austeritätspolitik zu brechen und eine grundsätzliche Alternative zu entwickeln. Die Umwelt- und Antiprivatisierungs-Aktivistin Penny Vounisiou aus Kreta erhofft sich von der neuen Regierung Spielräume, in denen die sozialen Bewegungen freier agieren könnten und nicht mehr nur Widerstand gegen die Dekrete des Staates und der Troika leisten müssten. Es würde nun mehr Freiräume geben eigene Konzepte, jenseits der Repression des Staates, auszuprobieren.

Call for Papers

In einem Call for Papers konnten junge Studierende und Wissenschaftler eigene Forschungen und Ideen zu den jeweiligen Sessions vortragen. Dr. Tamir Bar-On aus Mexiko beschäftigte sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Theoriegebäuden Abdullah Öcalans und Antonio Gramscis. Michael Panser behandelte in seinem Paper in Anlehnung an Michel Foucaults Wissen-Macht-Komplexen Öcalans Konzept der Wahrheitsregime, die unser Denken bestimmen und begrenzen: Ein Hinausdenken über den Kapitalismus hinaus werde durch das was in unserer derzeitigen Gesellschaft als Wahr gelte massiv erschwert. Somit können alternative Gesellschaften jenseits des Profits von vielen Menschen nur sehr schwer gedacht werden.
Die gesamten Vorträge der Konferenz werden vermutlich in einem eigenen Buch veröffentlicht, ein Erscheinungsdatum dafür gibt es allerdings noch nicht.

Den Blick öffnen

Insgesamt fand am vergangenen Wochenende eine wirklich beeindruckende Konferenz der kurdischen Freiheitsbewegung statt, die den Geist der großen Vietnam-Konferenzen der 68er Bewegung an deutschen Universitäten aufgriff. Dabei waren die Debatten nicht an der Vergangenheit ausgerichtet, sondern zielten auf die Zukunft der internationalistischen Linken und machten deutlich, dass auch wir hier in Deutschland unseren Eurozentrismus und die Fixierung auf die „Reinheit der Lehre“ überwinden und uns für neue Entwicklungen jenseits unserer Grenzen, sei es von der PKK in Kurdistan, den Zapatisten in Chiapas, den Studierenden in Montreal oder den GenossInnen in Südafrika, öffnen müssen.

Es ist fraglich ob die deutsche Linke alleine derzeit im Stande wäre, eine solch große und hochkarätige Konferenz mit so vielen jungen Menschen aus der ganzen Welt zu organisieren. Gemeinsam mit der kurdischen Freiheitsbewegung wäre das möglich, so dass es im nächsten Jahr heißen könnte: „Die kapitalistische Moderne stürzen III“.