China bleibt Wachstums-Lokomotive

In der Tat: Der Wachstumsrückgang beim chinesischen BIP ist drastisch, aber nicht dramatisch. Seit fünf Jahren verlangsamt sich das Wachstum Jahr für Jahr: 2010: 10,4%, 2011: 9,3%, 2012: 7,7%, 2013: 7,7%, 2014: 7,4%, 2015: 7,0% oder 6,9%. Dramatisch wären weiterhin zweistellige Wachstumsraten, und zwar für Klima, Umwelt und Ressourcen. Es hätte alle sieben Jahre eine Verdoppelung der weltgrößten Volkswirtschaft – nach Kaufkraftparitäten – zur Folge.

chinaswachstumnimmtabDie Verlangsamung ist zum einen sicherlich einer gewissen Erschöpfung der bisherigen, extensiven Wachstumsfaktoren geschuldet und einer Stagnation (2014 sogar Rückgang) der Exporte, u.a. infolge der anhaltenden Krise in den kapitalistischen Metropolen. Sie ist aber auch politisch gewollt. Bereits die Vorgängerregierung unter Staatspräsident Hu Jintao wollte weg vom primär quantitativen und umweltschädigenden BIP-Zuwachs und zu einem qualitativen und ressourcenschonenden Wachstum übergehen (vgl. Fred Schmid, China – Krise als Chance, isw-report 83/84, S. 9ff). Die Finanzkrise und anschließende Weltwirtschaftskrise zwangen China jedoch, mit einem gewaltigen Investitions- und Konjunkturprogramm gegenzusteuern und das Wachstum anzukurbeln. China wurde zur Konjunkturlok in Asien und zum größten Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Der schier unersättliche Energie- und Rohstoffhunger Chinas ließ die Rohstoffnotierungen nach oben schießen und bewirkte damit einen Wachstumsschub für eine Reihe von Schwellenländern, insbesondere Rohstoffländer, OPEC und andere erdöl-/erdgas-exportierende Länder. Der „Aufstieg des Südens“ (UNDP) wird jetzt umgekehrt gebremst durch das verlangsamte chinesische Wirtschaftswachstum und die damit einhergehende Trendwende an den Rohstoff- und Energiemärkten. Unter den BRICS-Staaten sind es vor allem Russland, Brasilien und Südafrika, die unter diesen Entwicklungen leiden; bei Russland schlagen zudem die Sanktionen des Westens gegen das Land ins Kontor. Das Nicht-Rohstoffland Indien (Anteil der Fertigwaren am Export 52,4%; China 93,4% – Brasilien 35,8%; Russland 14,1%) dagegen ist in diesem Jahr der Shooting-Star unter den Wachstumsländern: Die Weltbank prognostiziert etwa 8% Zuwachs, erstmals mehr als bei China (7%). Indien setzt zunehmend auf innere Wachstumsfaktoren: Industrialisierung, Ausbau der Infrastruktur und aufsteigende middle-class in den Städten.

Das chinesische Wachstumsziel von sieben Prozent wurde von der Regierung auf der diesjährigen Tagung des nationalen Volkskongresses als „neue Normalität“ ausgegeben. Es sieht den Übergang zu einem Umwelt und Ressourcen schonenden Wachstumstyp vor, mit systematischer Senkung des Energieverbrauchs pro BIP-Einheit: – ab 2030 soll es keinen CO2-Mehrverbrauch trotz Wachstums geben. Die jetzigen Überkapazitäten, vor allem im Bereich umweltbelastender Industrien werden abgebaut.

In der Substanz geht es bei der „neuen Normalität“ um das größte Umbau-Programm der chinesischen Volkswirtschaft. Ziel ist es, weg von einem investitions-, immobilien- und exportgetriebenen Wachstumsmodell, zu einem konsum- und innovationsgetriebenen Akkumulationsregime mit hohem Dienstleistungsanteil zu kommen. Nach dem 13. Fünfjahrplan soll sich bis 2020 das Realeinkommen der Bevölkerung verdoppeln. Die Zuwächse der Realeinkommen lagen in den vergangenen fünf Jahren bei etwa acht Prozent jährlich, bei der Landbevölkerung leicht über den urbanen Zuwächsen. Besonders stark wurden die Mindestlöhne angehoben, was sich vor allem auf die Masse der Wanderarbeiter und deren Kaufkraft auswirkt. Die Einzelhandelsumsätze stiegen in den vergangenen Jahren zweistellig, zwischen 10 und 14 Prozent jährlich. 2014 z.B. um 12,9 % in den ländlichen Gebieten und 11,8% in den Städten. Insgesamt entstand ein gigantischer Konsumentenmarkt: 2014: 4.280 Milliarden Dollar im Einzelhandelsbereich.

krisemöglichkeit
Das linke Schriftzeichen “危” (wēi) steht allein schon für Krise, “机” (​jī) für Möglichkeit. Im Chinesischen bilden beide Zeichen zusammen das allgemeingebräuchliche Wort Krise. Grafik entnommen aus report 83/84.

Die Reallohnschübe, verbunden mit einem anhaltenden Prozess der Urbanisierung stärken das Nachfragepotenzial der chinesischen Volkswirtschaft. 15 bis 20 Millionen Landbewohner lassen sich jährlich in den Städten nieder – die größte Landflucht und Völkerwanderung in der Geschichte der Menschheit. Zehn Millionen zusätzliche Arbeitsplätze müssen dafür jährlich geschaffen werden. Der Schlüssel hierzu lautet unter den neuen Bedingungen Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich. Der tertiäre Sektor hat den Vorteil, dass mit geringerem Kapitaleinsatz ein höherer Beschäftigungseffekt erzielt werden kann als in der Industrie. Und es sind umwelt- und ressourcenschonende Arbeitsplätze. Mit dem Anwachsen der städtischen Mittelschichten entsteht zudem ein wachsender Bedarf an Dienstleistungen. Während die städtischen Mittelschichten in den kapitalistischen Metropolen – Nordamerika und Europa – stagnieren und am unteren Rand erodieren, wachsen sie nach Angaben der UNDP in den Schwellenländern und vor allem Asien stark an: Prognostiziert wird für Asien ein Anstieg von 525 Millionen (2009) auf 1.740 Millionen (2020) – vor allem in China und Indien (vgl. Fred Schmid, isw-report 94, S. 24f).

Der Prozess der Umstrukturierung der chinesischen von der größten Industrienation, hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist in vollem Gange: Erstmals 2013 war der Dienstleistungsanteil mit 46,2% größer als der Industrieanteil: 43,8%; Landwirtschaft 10,0%. 2014 dann bereits: Dienstleistungen 48,2%, Industrie 42,6% – hier schlugen sich bereits die umfangreichen Kapazitätsstilllegungen 2014 nieder – Landwirtschaft 9,2%. Acht Jahre davor machten die Dienstleistungen nur 40% der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung aus.

Auch für den Umbau zu einer innovationsintensiven und wissensbasierten Wirtschaft bestehen gute Voraussetzungen: Die Zahl der jährlichen Hochschulabsolventen beträgt sechs Millionen. Und: Gemessen an der Zahl jährlich angemeldeter Patente, gilt China inzwischen als weltgrößter Innovator – vor den USA. 2012: China: 653.000; USA 543.000; Deutschland 61.000 (Handelsblatt, 27.05.14). Nicht ausgeschlossen, dass China von der globalen Werkbank zur Denkfabrik der Welt wird. Jedenfalls sprechen viele Faktoren dafür, dass China unter ökologisch günstigeren Prämissen eine Wachstumsrate von jährlich sieben Prozent durchhalten kann. Was eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung alle zehn Jahre bedeuten würde.

Glatt und unkompliziert wird das chinesische Umbauexperiment sicherlich nicht verlaufen. Es bestehen mindestens drei große Problemfelder und Fallen: Einbrechen der Exporte, die Middle-Income-Trap und die zunehmende Polarisierung bei der Einkommensverteilung.

Export

Mit anhaltender Stagnation und Wirtschaftskrise in der EU und Japan, mit relativ schwachen Wachstumsraten in Nordamerika, wird es zunehmend schwieriger, Exportzuwächse zu realisieren. Schrumpfende Außenbeiträge (Exporte minus Importe) aber wirken sich wachstumshemmend aus. Eine Gegentendenz kann sich mit den chinesischen Initiativen im Zusammenhang mit der AIIB, der Asiatischen Infrastruktur- und Investitionsbank und dem Projekt „Neue Seidenstraße“ entwickeln. Es kann dadurch ein Infrastrukturschub ausgelöst werden, der sich wachstumsfördernd auf China und andere asiatischen Schwellenländer auswirkt. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) schätzt den Infrastrukturbedarf in Asien bis 2020 auf 8 Billionen Dollar.

Middle-Income-Trap

Auch die aufsteigenden Mittelschichten haben eine Doppelwirkung. Zum einen treiben sie mit ihrer zunehmenden Kaufkraft das binnenwirtschaftliche Wachstum an; vor allem solange sie zahlenmäßig stark zunehmen und ihr Realeinkommen hohe Wachstumsraten aufweist. Für die internationale Konkurrenzfähigkeit und die Exportstrategie können sie zum Problem werden. Denn das Angebot an billigen Arbeitskräften für die Exportwirtschaft verknappt sich, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, andere Länder – z.B. Vietnam – springen in die Lücke. Der US-Ökonom Barry Eichengreen zeigt sich skeptisch, dass China dieser Middle-Income-Trap entkommen kann. Die Gefahr wird jetzt durch die Aufwertung des Dollars, an den der Yuan gebunden ist, gegenüber dem Euro und dem japanischen Yen noch verstärkt. Eichengreen übersieht im Falle Chinas allerdings, dass das Riesenreich nicht ein Einkommensniveau aufweist, sondern gewissermaßen mehrere Einkommens-Zonen. Mit Unterstützung der chinesischen Regierung wird die Billigproduktion zunehmend nach Westen und Zentralchina mit weit niedrigeren Löhnen als etwa in den Küstenregionen verlagert. „Go west“ ist Teil der neuen Wachstumsstrategie.

Zunehmende Ungleichheit

Ein weiterer Fakt, der das Wachstum in den Schwellenländern verlangsamen könnte, ist die zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit in diesen Ländern, mit einer starken Konzentration der Einkommen an der Spitze. Volkswirtschaftlich bewirkt das eine Schwächung der Kaufkraft und volkswirtschaftlichen Nachfrage. Denn Einkommensreiche können und wollen nicht ihr ganzes Geld für den Konsum ausgeben, die Sparquote steigt mit zunehmenden Einkommen. Diese Ersparnisse aber bedeuten gewissermaßen eingefrorene Nachfrage, Anspruch auf das BIP, der nicht eingefordert wird. Sie könnte nur „aufgetaut“ werden durch eine entsprechend progressive Einkommensbesteuerung und würde dann als Staatskonsum nachfragewirksam. Dieser wachstumshemmende Effekt der Spitzenverdiener wurde bislang überkompensiert durch die aufsteigenden Mittelschichten – dürfte sich aber mit fortschreitender Polarisierung durchaus bemerkbar machen.