Arbeiten in der Wirtschaft 4.0. Über kapitalistische Rationalisierung und digitale Humanisierung

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Wird die Industrie 4.0 den „Industriestandort Deutschland upgraden“ (Heng) und als „wesentlicher Treiber für den Erhalt und Ausbau der Konkurrenzfähigkeit Deutschlands“ (Bauer u.a.)wirken? Stehen wir gar am Beginn eines „neuen Maschinenzeitalters“ (Brynjoylfsson/McFee), das Konsumenten und Produzentengleichermaßen neue Horizonte öffnet und Branchen wie dem Maschinen- und Anlagenbau insgesamt ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 78 Milliarden Euro und Wachstumschancen von bis zu 30 % bietet? (Bauer u.a.) Oder wird die Digitalisierung der Industrie riesige Produktivitätssprünge realisieren, die in den USA bis zu 50 % der Arbeitsplätze vernichten (Frey/Osborne) und in Deutschland fast 60%, also 18,3 Millionen Arbeitsplätze, durch Roboterisierung bedrohen? …

Auch wenn die Industrie 4.0-Szenarien bedeutsam daherkommen, der Hype „ist nicht die kausale Folge eines realen Standes technischer Entwicklungen, sondern diskursanalytisch betrachtet ein Fall professionellen agenda-buildings“ (Sabine Pfeiffer). Hinter ihm stehen interessengeleitete Ambitionen und Hoffnungen, sind infolge der gesellschaftlichen Aufregung doch beachtliche Forschungsprojekte, Beratungsaufträge und neue Märkte zu erwarten … Die Faszination technischer Zukunftserwartungen verdrängt die Erfahrungen mit den Folgen kapitalistischer Rationalisierung. Wenig spricht dafür, dass sich die Digitalisierung als eine sozialpartnerschaftliche Konsensmaschine erweisen wird. Auch bei der Industrie 4.0 handelt es sich zunächst und im Kern um eine Rationalisierungsstrategie bzw. -vision. Sie zielt auf die Erschließung umfassender Effizienzpotenziale, die durch neue Technologien sichtbar werden – mit entsprechenden Risiken für Beschäftigung, Entgelte und Arbeitsbedingungen. Den Rationalisierungscharakter der Digitalisierung anzuerkennen erfordert jedoch keineswegs, die Logik der Humanisierung zu leugnen, die den neuen Technologien ebenfalls innewohnt. Zweifelsohne tragen sie auch die Möglichkeit von weniger Arbeitsbelastungen und Gesundheitsverschleiß in sich, sind Arbeitserleichterungen und inhaltsreichere Arbeitsaufgaben denkbar. Doch ob sich die Humanisierungspotenziale gegen die kapitalistische Rationalisierungsdynamik behaupten können, ist keineswegs ausgemacht …

Ob Technikeinsatz und Arbeitsorganisation im digitalisierten Unternehmen „gute Arbeit“ ermöglichen, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es Betriebsräten und Gewerkschaften gelingt, sich als Humanisierungsaktivisten im Digitalisierungsprozess durchzusetzen – mit eigenen Konzepten und hinreichender Verhandlungsmacht.

Der Text ist ein Auszug Hans-Jürgen Urbans aus seinem gleichnamigen Aufsatz in: Lothar Schröder/Hans-Jürgen Urban: Gute Arbeit. Digitale Arbeitswelt – Trends und Anforderungen. Frankfurt am Main, 2016. Dr. Hans-Jürgen Urban ist Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Er wird das einführende Referat beim 24. isw-Forum halten.