Bayer, Monsanto und die Zukunft der Landwirtschaft

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© 2008 Quinn Dombrowski, Flickr | CC-BY-SA

Für 66 Milliarden US-Dollar übernimmt Bayer den Saatgutmonopolisten Monsanto. Damit entsteht der mit Abstand größte Agro-Konzern der Welt. Angeblich geht es um den Kampf gegen den Hunger und die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Da kommt das isw spezial 28 (Angela Müller: „Das Geschäft mit der Nahrung“) gerade zum richtigen Zeitpunkt. Die Menschheit kann ernährt werden. Aber nicht durch Agrargiganten wie Bayer/Monsanto und weitere Industrialisierung der Landwirtschaft, sondern nur wenn umgesteuert wird – wenn Kleinbauern zum Motor der Ernährungssicherung gemacht werden, wenn von der intensiven zu einer nachhaltigen Landwirtschaft übergegangen wird, die es den Böden erlaubt, sich zu regenerieren.

Mit der Übernahme von Monsanto durch Bayer erreicht die Konzentration auf dem Agro-Markt einen neuen Höhepunkt – Bayer steigt zum größten Agrochemie-Konzern der Welt auf. Schlüsselelemente der Nahrungsmittelkette liegen nun in der Hand eines einzigen Konzerns. Bei den Pestiziden erreichen Bayer und Monsanto zusammen einen Marktanteil von rund 25%, beim Saatgut für gentechnisch veränderte und konventionelle Ackerfrüchte einen von rund 30%. Allein die Gen-Pflanz

en betrachtet, erreichen die beiden Gesellschaften vereint mit weit über 90% sogar eine klare Monopol-Stellung auf dem Markt.

66 Mrd. US-Dollar legt Bayer für Monsanto auf den Tisch. Dies ist die größte Übernahme, die je ein deutscher Konzern geschmiedet hat. Allerdings: so deutsch ist der Chemieriese Bayer mittlerweile nicht mehr. Nur 20,6% des Grundkapitals sind in der Hand deutscher Aktionäre. Es dominieren die Shareholder aus dem angelsächsischen Bereich: 27,6% des Aktienkapitals sind im Portefeuille US-amerikanischer Fonds, weitere 18,9% werden von britischen Institutionellen (teilweise Dependancen von amerikanischen) gehalten. Es handelt sich also weitgehend um eine Verschmelzung von US-Kapital.

Die gesamte Branche ist im Fusionsfieber: Der staatseigene chinesische Chemieriese ChemChina übernimmt für 43 Mrd. US-Dollar den Schweizer Agrarchemiekonzern Syngenta; die US-Konzerne Dow Chemical und DuPont verschmelzen, um sich für „die lukrative Agrarchemie“ am Markt besser aufzustellen. Konzern wollen diktieren, was Landwirte anbauen und welche Produkte auf dem Markt verfügbar sind. Zudem wird Mensch und Umwelt durch noch mehr Monokulturen, Gifte auf den Äckern und Gentechpflanzen leiden.

Angeblich geht es darum, den Hunger zu bekämpfen. Aus den Konzernzentralen und der Agroindustrie-Lobby in der Politik tönt es: Industrialisierung der Landwirtschaft, verstärkter Einsatz von Pestiziden, Gen-Manipulationen, „digital farming“, … seien angesichts „der schnell wachsenden Weltbevölkerung und der globalen Erwärmung“ der einzige Weg, um genügend Lebensmittel auf den Tisch zu bringen.

„Große Industrie und industriell betriebene große Agrikultur wirken zusammen. Wenn sie sich ursprünglich dadurch scheiden, daß die erste mehr die Arbeitskraft, und daher die Naturkraft des Menschen, die letztere mehr direkt die Naturkraft des Bodens verwüstet und ruiniert, so reichen sich später im Fortgang beide die Hand, indem das industrielle System auf dem Land auch die Arbeiter entkräftet, und Industrie und Handel ihrerseits der Agrikultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen.“

Karl Marx – „Genesis der kapitalistischen Grundrente“, in: Das Kapital, Bd. 3, S. 821

Dabei hat der Weltagrarbericht (IASSTD) bereits 2008 festgestellt, dass es zwar möglich ist, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, aber nur wenn umgesteuert wird. In dem Bericht, in dem

Angela Müller: "Das Geschäft mit der Nahrung"
Angela Müller: „Das Geschäft mit der Nahrung“

internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank den Stand des Wissens über die globale Landwirtschaft, ihre Geschichte und ihre Zukunft zusammenfassen, wird eine Abkehr von der industriellen Agrarproduktion, Vielfalt statt Monokulturen, agrarökologische Methoden statt Mineraldünger und Pestizide gefordert. Die Ernährung könne nur gesichert werden, wenn die Kleinbauern zum Motor der Ernährungssicherung gemacht werden. Sie bewirtschaften heute drei Fünftel der weltweiten Agrarfläche, meistens die schlechteren Böden, haben schlechteren Zugang zu Dienstleistungen und Betriebsmitteln wie Kredite und Saatgut und produzieren aber schon heute den größten Teil der Nahrungsmittel. Trotzdem wollen die Agrarkonzerne und die herrschende Politik diesen Bauern den Garaus machen und die Macht der Agrokonzerne vergrößern.

Angela Müller, gelernte Landwirtin und Agraringenieurin, die drei Jahre lang in Äthiopien in der ländlichen Entwicklung gearbeitet hat und im Evangelischen Bauernwerk Württemberg e.V. aktiv ist, befasst sich im isw-spezial 28 mit Fragen der globalen Ernährung.

Was bewirkt unsere Ernährung weltweit? Und wovon hängt sie ab? Wer bestimmt eigentlich, was wir essen? Wirklich nur wir? Welche Akteure beherrschen den Markt für Lebensmittel – und damit uns? Ist die weltweite Verteilung der Lebensmittel gerecht – oder das Ergebnis internationaler Konzernverflechtung? Viele Fragen, die in diesem Report aufgeworfen– und kompetent beantwortet werden. Am Ende ihrer profunden Analyse stellt die Autorin Angela Müller sechs Forderungen und Perspektiven auf, wie wir aus dem Dilemma falscher Ernährungs- und Agrarpolitik herauskommen und zu einer demokratisch gestalteten Ernährungssouveränität gelangen können.