Wer arm ist, wird noch ärmer – dafür stirbt er früher

Wie jedes Jahr legt der Paritätische Wohlfahrtsverband auch 2017 – zusammen mit sieben anderen Organisationen wie Pro Asyl, Deutsches Kinderhilfswerk, BAG Wohnungslosenhilfe usw. – seinen Armutsbericht vor. Der Analyse zugrunde liegt der so genannte Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, eine ausführliche und repräsentative Umfrage zu den Lebensverhältnissen der Bevölkerung. Er bildet auch die Basis für den Armuts- und Reichtumsbericht der Regierung (Stichwort Armut/Schulden). Dieser Mikrozensus erfasst allerdings ausschließlich Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Außen vor bleiben alle Gemeinschaftsunterkünfte, also Studenten in Wohnheimen (185.000 Bewohner), Obdachlose (355.000), Behinderte und Pflegebedürftige in Heimen (960.000), Flüchtlingsheim- und Altersheimbewohner, Strafgefangene, Polizisten und Soldaten in Kasernen usw. Heimbewohner, zusammen etliche Millionen, und zwar mit stark steigender Tendenz, gehören in aller Regel zur ärmeren Bevölkerungshälfte. Ihre Außerachtlassung schönt also die offiziellen Armutszahlen gewaltig.

Dessen ungeachtet steigt der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung (die Armutsquote) kontinuierlich an: Der aktuelle Wert für 2015 liegt bei 15,7 %, das sind 12,9 Millionen Menschen (siehe die Grafik weiter unten). Arm ist, wer weniger als 60 % des Median-Einkommens erhält. Das Median-Einkommen erhält derjenige Mensch bzw. Haushalt, der genau in der Mitte der Einkommenshierarchie steht, d.h. von dem aus die eine Hälfte reicher und die andere Hälfte ärmer ist. Durch das Weglassen der Heimbewohner fällt der Median viel höher aus als er wirklich ist. Die so gemessene Armutsschwelle belief sich 2015 auf 942 Euro monatlich. Bei der Bewertung eines Mehrpersonenhaushaltes wird für jede weitere erwachsene Person 50 % und für jedes Kind 30 % des Einkommensbedarfs der ersten Person veranschlagt. Ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern mit 2.100 Euro Einkommen gilt also als gleich arm wie ein Single-Haushalt mit 1.000 Euro Einkommen.

Von Seiten neoliberaler Kritiker wird eingewandt, dass bei 60 % des Median-Einkommens niemand hungern müsse, also auch niemand wirklich arm sein könne. Wenn jeder das Doppelte erhalte, dann gebe es nach dieser Definition immer noch 15,7 % Arme, woran sich das Unsinnige dieser Definition zeige. Möglicherweise halten diese Leute es als herausragende Errungenschaft der deutschen sozialen Marktwirtschaft, dass hier niemand verhungert. (Keiner von ihnen sagt allerdings, wo sich seiner Meinung nach die Armutsgrenze befinden sollte). Tatsächlich aber ist es für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft elementar wichtig, wie weit die Lebensbedingungen der Menschen auseinander klaffen, ob die Gesellschaft zerfällt in berührungsfreie Subsysteme. Das Konzept der relativen Armut ist daher von großer Bedeutung.

Armut und Ungleichheit breiten sich aus

Der Paritätische Wohlfahrtsverband berechnet (S. 14), wie viele Menschen 2005 und heute 2015 in Bundesländern mit sehr hohen oder durchschnittlichen oder eher niedrigen Armutsquoten leben (siehe Grafik). Daraus ist zu sehen, dass zunehmend mehr Bundesländer eine stark überdurchschnittliche Armutsquote haben, also eine besonders schnell steigende; dass dementsprechend also laufend mehr Menschen darunter leiden. Trotz sinkender Arbeitslosigkeit, trotz steigender Durchschnittseinkommen: die Anzahl der Menschen, die sich am unteren Ende der Einkommensskala wiederfinden, nimmt rasant zu. Besonders konzentriert sich die Armut auf Bremen, Berlin und das Ruhrgebiet; der Armutsbericht betrachtet sie als „armutspolitische Problemregionen Deutschlands …, die besondere Aufmerksamkeit verdienen“ (S. 17).

Paritätischer Wohlfahrtsverband (1)

Rentnerinnen und Rentner fallen nach unten durch

Für die große Gruppe der Rentner wurde noch vor wenigen Jahren getönt, dass ihre soziale Lage stabil sei, dass drohende Altersarmut nichts als ein Verunsicherungsgerede sei, dass eine schon beinahe richtig reiche Rentnergeneration das Leben genießen könne. Die Grafik zeigt: 2005 ging es den meisten Rentnern noch vergleichsweise gut. Aber mit einer ungeheuren Dynamik gerät diese große Bevölkerungsgruppe in die Armutsfalle. Etwa die Hälfte mehr Rentner fallen heute unter die Armutsgrenze als noch 2005.

Paritätischer Wohlfahrtsverband (2)

Zum einen hat die staatliche Rentenpolitik Schuld an dieser bisherigen und der absehbaren Entwicklung: Wer im Jahr 2000 in Rente ging und 24 Jahre lang einen Durchschnittsverdienst bzw. entsprechende Einzahlungen in die Rentenkasse vorweisen konnte (oder 48 Jahre einen halben Durchschnittsverdienst oder 12 Jahre einen doppelten), der erhielt eine Rente in Höhe des Grundsicherungsanspruchs (Sozialhilfe). War eine so niedrige Rente für so viel Arbeit schon ein Skandal, so verschlimmerte sich das noch: 2016 musste ein Neurentner mindestens 30 Durchschnitts-Jahresverdienste vorweisen, um mit der Sozialhilfe mitzuhalten; und 2045 wird er, geht es so weiter mit der Rentenpolitik, sogar 33 vorweisen müssen (S. 47).

Der andere Punkt sind die Zwänge der kapitalistischen Wirtschaft: 60 % aller Menschen über 65 Jahre leben ausschließlich von der gesetzlichen Rente (S. 47). Sie erhalten keine Betriebsrente, keine Riesterrente und sie haben kein Vermögen zum Verzehren. Das dürften vor allem diejenigen sein, die eine lückenhafte Erwerbsbiographie aufweisen, die unterdurchschnittlich verdienten, von denen viele eine Rente unter Sozialhilfeanspruch erhalten. Und angesichts um sich greifender Niedriglohn-Arbeitsplätze wird die daraus folgende Altersarmut zukünftig weiter zunehmen. Die Perspektive sind niedrigst bezahlte Rentnerarbeiten und Flaschensammeln etc. bis zum Geht-nicht-mehr.

Armut und Gesundheit

Langsam dringt es ins Bewusstsein der Bevölkerung vor, dass nicht die Einkommensreichen an ihrer Hektik früh sterben, sondern dass Armut plus schlechte Gesundheit plus früher Tod zusammen gehören. Der Armutsbericht schreibt, dass 14 % der Männer mit einem hohen sozialen Status unter einem „mittelmäßigen“ bis „sehr schlechtem“ Gesundheitszustand leiden, dagegen 37 % der Männer mit einem niedrigen sozialen Status (S. 100). Für Frauen spreizen sich diese Werte sogar von 12 % bis 44 %. Diese Spreizung zeigt sich auch bei einer Vielzahl von Krankheiten, von Diabetes über Herzinfarkt bis zu psychischen Krankheiten. Und sie ist auch schon für Kinder als sehr ausgeprägt festzustellen (S. 103).

„Arbeitslosigkeit zählt zu den größten Gesundheitsrisiken: Sie macht krank … Männlichen Arbeitslosen geht es im Alter von 45 Jahren gesundheitlich so, wie Männern in sicheren Beschäftigungsverhältnissen bei Renteneintritt“ (S. 41).

Kein Wunder, dass die Lebenserwartung völlig auseinander driftet: 31 % der armen Männer erleben ihren 65. Geburtstag nicht, aber nur 13 % der einkommensreichen Männer (bei Frauen: 16 % bzw. 7 %) (S. 98). Demzufolge beträgt die Lebenserwartung armer Männer 70 Jahre, die der reichen aber 81 Jahre (Frauen: 77 bzw. 85 Jahre). Noch weiter auseinander klafft der Unterschied bei der Anzahl zu erwartender Lebensjahre bei guter Gesundheit: Männer 14 Jahre, Frauen 10 Jahre (S. 99). Und schließlich haben diese Unterschiede bei der Lebenserwartung allein im Zeitraum 1996 bis 2008 um fast 2 Jahre noch zugenommen (S. 104).

Nun argumentieren die Neoliberalen, dass an diesen Unterschieden nicht die Gesellschaft (das hektische Arbeitsleben, der ruinöse Konkurrenzkampf) Schuld trage, sondern die individuelle Genetik. Über die Schuldverteilung ließe sich trefflich streiten, aber: Was ist das für eine Gesellschaft, die nur Höchstleister verwenden kann und Schwächere gnadenlos in Armut, Krankheit und frühen Tod fallen lässt? Und noch zynisch nachtritt mit billigen Ausreden und Sozialkürzungen! Wer zieht Nutzen aus so einer Gesellschaft außer Konzernherren, Hedgefonds-Managern, Milliardären?

Quellen

Vorveröffentlichung aus: isw-wirtschaftsinfo Nr. 51: Bilanz der Großen Koalition. (erscheint im April 2017)