Mal eben kurz bombardieren. Der US-Präsident versprüht sein Gift

Bearb-Stachus-05-Kundgebung gegen US-Angriff auf Syrien am 7 April 2017_von Alex-lintensionDonald Trump hat ein feines Näschen: Er riecht sofort den Unterschied zwischen Sarin und Chlorgas. Ersteres ist verboten und wurde auf Anregung Moskaus unter Aufsicht der UN spätestens 2014 vernichtet. Letzteres gibt es in Syrien wie überall auf der Welt zuhauf, weil es nicht verboten ist, da es auch zu zivilen Zwecken genutzt wird. Russlands Regierung hatte bereits kurz nach der tödlichen Kontamination von mindestens 72 Menschen, darunter vielen Kindern, von einem Angriff der syrischen Luftwaffe auf eine Munitionsfabrik am Rande von Chan Schaichun berichtet, die in den Händen von Rebellen betrieben worden war. An welcher Sorte tödlichen Gases die syrischen Zivilisten gestorben sind, ist noch nicht analysiert. Das spielt für die US-Regierung auch keine Rolle.

Hauptsache, die fiese Gleichung „Assad wirft Giftgas“ geht irgendwie auf und verfängt assoziativ. Sogleich wird „gegengesprüht“ mit 59 Marschflugkörpern des Typs Tomahawk auf den Luftwaffenstützpunkt, der als Ausgangspunkt der Bombardierung vermutet wird.

Damit hat der US-Präsident die Nase wieder voll im Wind der harten Kriegs-Linie des „Deep State“, jener verschworenen Riege der grauen Herren von den Kartellen der Rüstungsindustrie, aus Pentagon-Militärs und Geheimdiensten, und steht parat als „starker Mann“, dem auch seine Wahlkampf-Konkurrentin Hillary Clinton applaudieren muss. Noch vor kurzem hatte sein US-Außenminister Rex Tillerson gönnerhaft erklärt, das Schicksal Assads sei nun „Sache des syrischen Volkes“. Dem war freilich nie so, seitdem die USA die dschihadistischen „Rebellen“ finanziell und waffentechnisch in den Stand versetzt und ermuntert hatten, die legitime syrische Regierung Assad zu stürzen, nachdem sie durch den Sturz Saddam Husseins im Irak bereits dem „Islamischen Staat“ auf die Beine geholfen hatten, welcher sich mit massiver US-verbündeter Unterstützung aus den Golfstaaten nach Syrien ausbreiten konnte. Die kurze scheinbare Linien-Abweichung war schnellstens wieder korrigiert.

Publizistisch war der Weg längst bereitet, obzwar keinerlei Beweise für die immer wiederholten Unterstellungen vorlagen, dass die syrische Regierung anscheinend nichts anderes zu tun hätte, als andauernd „rote Linien“ zu überschreiten, deren Missachtung sie über kurz oder lang den Kopf kosten könnte. Nach Motivlagen wurde nicht erst lange gefragt. Tatsächlich hatten jedoch nur die Gegner Assads ein vitales Interesse, dem syrischen Präsidenten den letalen Einsatz von Giftgas zu unterstellen, vor allem immer dann, wenn die Regierungstruppen in die Offensive kamen, oder sobald den „Oppositionellen“ zu bedrohlich erscheinende Initiativen zur Konfliktlösung ins Haus standen, oder so wie jetzt kurz nach Geberkonferenzen, die nicht einen Regimewechsel in Damaskus zur Vorbedingung machten. Genau das war jeweils der fast schon erwartbare Zeitpunkt, den syrischen Präsidenten als Unmenschen dastehen zu lassen und ihm Meuchelmord „an der eigenen Bevölkerung“ ans Bein zu binden. Man bräuchte es nur inszenieren, und die „Syrische Stelle für Menschenrechte“, jener dubiose Einmann-Betrieb fernab bei London, besorgt die internationale Pressearbeit.

Wer fragt schon nach Motiven, wenn es doch ganz eigene Interessen zu verfolgen gilt? Der „Westen“ im schäbigen Werteverbund mit Saudi-Arabien, welches Menschenrechtsverletzungen als Staatsraison pflegt und Kriegsverbrechen im Jemen zuhauf begeht, weiß auch ohne jegliche Untersuchung zu Art und Herkunft der Chemikalie, was Sache sein muss. Reflexhaft springen auch Merkel und Hollande bei und erklären nassforsch, Assad „trage die alleinige Verantwortung für die Entwicklung“. Auch Netanjahu, dessen israelische Luftwaffe längst mit eigenen Militärschlägen in Syrien mitmischt, weiß natürlich genau, wie es exakt war. Und Gabriel, der deutsche Außenminister, zeigt devot „Verständnis“ für die durchgeknallte Aktion, will aber immerhin noch die UNO einbinden, nachdem es passiert ist. Die Dschihadisten, die vielleicht alles viel genauer wüssten, reiben sich die Hände: Genau in ihrem Sinne!

Noch hält sich Russland diskret zurück und warnt nur vor weiterer Eskalation, die bei fortgesetzter Verletzung der Souveränität des syrischen Staates zwangsläufig eintreten würde. Ansonsten eher Bedachtsamkeit: Es sei kein russisches Militärpersonal getroffen worden, und noch vor dem Angriff seien auch noch syrische Militärjets in Sicherheit gebracht worden. Doch mehrere Hubschrauber und das Tanklager sowie die Rollbahnen wurden zerstört. Ein Überraschungsschlag nach Ansage also. Damit demonstriert das US-Militär, dass es mit der Achtung der syrischen Souveränität nichts anzufangen weiß, außer dass man sie ungestraft verletzen dürfe, wohl aber, wie man eine neue Eskalationsstufe anfängt: Zunächst mit gepresster Tränendrüse: „Sogar wunderschöne Babys wurden bei dieser barbarischen Attacke grausam ermordet. Kein Kind Gottes sollte jemals solch einen Horror erleiden“, empörte sich The Donald, der milliardenschwere Rächer der Enterbten und Entrechteten, um sich dann in aller Allmacht aufzuplustern: „Ich habe heute Abend einen gezielten Militärangriff auf den Flugplatz in Syrien angeordnet“. Und damit ganz nebenbei einen Frontalangriff auf russische Interessen. Es liege aber „im entscheidenden nationalen Sicherheitsinteresse der USA, die Verbreitung und den Einsatz tödlicher Chemiewaffen zu verhindern und davon abzuschrecken“. Von den eigenen prall gefüllten Arsenalen an A-, B- und C-Waffen spricht er nicht. Er will nur eben „Erster“ sein und unangefochten vorne stehen bei der Modernisierung seiner Atomwaffen.

Wer weiß, was im Pazifik wird: Eine zweite Front gegen Nordkorea vielleicht? Schaffe es China nicht, Kim Il Un zu zähmen, dann „machen wir es“, drohte er schon mal der Volksrepublik. Für Trump bleibt auch an der Iran-Front noch einiges zu zündeln. Dass mit Trumps „America first“-Politik eine Art Selbstbescheidung und Rückzug der USA einher gehe, glaubt kaum noch jemand ernsthaft. Vielmehr will und soll er den globalen Machtanspruch absoluter US-Dominanz noch unkalkulierbarer und rücksichtsloser vertreten.

Mindestens so alternativlos wie Merkel begründet er seinen Vorstoß, wohlweislich ohne eine bestimmte Chemikalie zu benennen: „Es kann nicht in Frage gestellt werden, dass Syrien verbotene Chemiewaffen einsetzte, damit gegen seine Verpflichtungen gemäß der Chemiewaffenkonvention verstieß und die Aufrufe des UN-Sicherheitsrates ignorierte.“ Und als wär’s die Bibelstunde, endet er seine Ansprache, die nicht sehr deutlich länger dauert als einer seiner üblichen Tweeds, mit grotesk religiös-patriotisch anmutenden Formulierungen: „Wir bitten um Gottes Weisheit, während wir uns der Herausforderung einer sehr unruhigen Welt stellen. Wir beten für die Leben der Verwundeten und für die Seelen derjenigen, die gestorben sind. Und wir hoffen, dass – solange Amerika für Gerechtigkeit steht – Frieden und Harmonie am Ende vorherrschen werden. Gute Nacht. Gott segne Amerika und die ganze Welt. Danke.“ Es klingt beinahe wie der Abgesang auf das irdische Leben. Ganz klar musste kurz vor dem Ende der Menschheit noch einmal betont werden, dass „Amerika“ für weltweite „Gerechtigkeit“ steht, unzweifelhaft auch für den „Frieden“: Seit 1945 nichts weiter als allumfassender Frieden auf der Welt dank der USA! Und keiner dankt es ihm! Oder kann es sein, dass er insgeheim nur für eine stärkere Beteiligung an den Ostermärschen mobilisieren wollte?