Plakate, Phrasen, Plattitüden. Vorab-TV-Kritik zum Bundestags-Wahlabend am 24. September 2017

© 2013 Steffen Prößdorf, Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Lohnt sich der Tatort am Sonntag? Es wird diesmal ein anderes Sendeformat geben: Alles in einem einzigen sterilen Fernsehstudio aufgenommen, ohne sichtbare Leiche, ohne Absperrbänder. Keine SpuSi. Keine Gummihandschuhe mit Spurensicherungs-Tütchen im Blaulichtgeflacker werden da triumphierend hochgehalten, noch nicht einmal fettige Bockwürste verzehrt, mit denen man eine Indizien-Sammlung oder eine Liste mit Verdächtigen bekleckern könnte. Reinster Minimalismus wird das diesmal werden. Die Macher haben sich etwas ganz besonderes ausgedacht: Alles hängt ab von der Publikumsbeteiligung! Zwar haben die Öffentlich-Rechtlichen ihre derzeit besten Schauspieler aufgeboten, doch ob sie tatsächlich die Täter sein werden, bestimmen allein die Zuschauer. Das wird alles live gespielt. Das Konzept ist demokratisch durchaus delikat, dramaturgisch allenfalls ein Drahtseilakt.

Kann es denn nach 20.15 Uhr noch eine wirkliche Überraschung geben? Die Kriminalkommissare ermitteln anhand von Balken-Diagrammen bereits sorgsam vor, schon ab 18 Uhr. Sie werden die Verdächtigen hochnotpeinlichst befragen unter Vorzeigen der demoskopischen Instrumente, und diese werden sich solange wie möglich herauszureden versuchen mit allerlei Belanglosigkeiten. Wielange sie das durchhalten? Der Sendeplatz ist immerhin bis mindestens Mitternacht gebucht. Insgeheim werden sie natürlich darauf hoffen, baldmöglichst als Täter überführt zu werden, doch sie dürfen sich das keinesfalls vorzeitig anmerken lassen.

Die beiden Hauptverdächtigen geben sich alle Mühe harmlos zu erscheinen. Die können das. Für die Zuschauer soll es die reinste Psycho-Folter sein; ihre Nervenkostüme müssen bis zum Zerreißen gespannt sein. Aber nur solange sie nicht wissen, wie sie sich insgesamt entschieden haben. Darin liegt der Thrill. So jedenfalls hoffen die Autoren. Sollten die farbigen Säulen auf den Monitoren zu stark divergieren, könnte es schnell fad werden. Keiner weiß jedoch bis zum Schluss, wie die sich noch verschieben angesichts so vieler Unentschiedener, die niemand auf dem Schirm haben konnte. So bleibt der Mitmach-Tatort bis zum Schluss experimentell.

Er wird sogar bei den Privaten übertragen, in leicht abgewandelten Dekorationen und mit anderen Ermittlern, doch ebensolang in Echtzeit nach demselben Schema. Umschalten dürfte daher wenig Sinn machen. Es wird ohnehin genügend hin- und hergeschaltet werden zwischen Hauptstadtstudio und Sendezentrale, kurze Einblendungen aus den Parteizentralen inklusive. Das soll nicht nur Authentizität vermitteln; es ist ja auch alles echt, selbst wenn einem das nicht wirklich so vorkommen mag. Soviel sei jetzt schon verraten: Es wird sich hinziehen. Die Hauptverdächtige Angela Merkel ist ja nicht der vorlaute Schröder! Auf bedächtige Art wird sie sich bedeckt halten mit der bewährten Raute. Damit hält sie die Spannung aufrecht und sich allzu konkrete Fragen vom Leib. Man kenne sie, das müsse reichen. Dabei geht es um echte Kapitalverbrechen: Menschenhandel mit Erdogan und libyschen Kriminellen, Betrug im großindustriellen Maßstab, und nicht zuletzt Verbrechen an Kindern, die zu einem Fünftel von Armut bedroht sind. Weil nämlich 40 Prozent aller Berufstätigen heute weniger verdienen als 1995. Solche Fragen stehen im Raum. Doch reicht das für einen Haftbefehl? Ob sie ihr Mutti-Image noch einmal mit einem Kartoffelsuppen-Ratschlag aufpolieren kann? Gepresst, aber nicht pürriert! Die Verhör-Spezialisten wären womöglich geschüttelt, aber nicht gerührt. Das Publikum ist in sich gespalten: Halb eingeschläfert, halb empört. Während die einen aus der Wahlabstinenz „erwachen“, sind die andern ganz froh, in einer Welt der Trumps und Kims eine verlässliche Beruhigungspille zu haben, so wie Frank Walter Steinmeier sie nun fast lautlos auch bundespräsidial verkörpert.

Da ist der angriffslustige zweite Tatverdächtige, der Beinahe-Bundeskanzler Martin Schulz schon anders drauf: Er tarnt sich sehr geschickt hinter seinem Bart und wird bis zum Schluss angriffslustig sein. Er wird so tun, als hätte er mit der Agenda 2010 nichts zu schaffen gehabt, auch nicht mit TTIP. Er wird auf sein Alibi pochen, niemals in der GroKo gewesen zu sein; er habe in Straßburg zu tun gehabt, das ließe sich jederzeit nachprüfen anhand seiner Vita. Er wird gegen die Ungerechtigkeit wettern, noch nie wirklich Bundeskanzler gewesen zu sein, obwohl ihn seine Partei zu hundert Prozent dazu gewählt habe. Überhaupt setze er sich sehr für Gerechtigkeit ein, das wüssten seine Genossen in Würselen haargenau. Gerecht wäre für ihn, wenn er zumindest als Vizekanzler inhaftiert würde. Möglicherweise wird er das orientalische Bonmot aus dem Kanzlerduett noch einmal heraushauen: „Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort, an dem wir uns begegnen werden“. Dann wird es vielleicht kurz noch literarisch, bevor er mit der Anekdote aus seiner Jugendzeit vollends ablenkt, dieser Sache mit dem Paket Waschpulver, das er ins Schwimmbad geschüttet hat; längst verjährt, aber unvergesslich als subtile Anspielung auf die Tradition der Wahlkampfseifen-Aktionen seiner Partei seit den Zwanziger Jahren, sehr geschichtsbewusst schon in so jungen Jahren! Damit darf er den Ermittlern nicht durch die Finger gleiten.

Seine Widersacherin dagegen wird ihn sanft, aber in der Sache hart des versuchten Königinnen-Mordes zeihen, nicht ganz zu unrecht: Hatte er nicht mehrmals betont, gegen sie antreten zu wollen, und dass er Bundeskanzler zu werden gedenke?! Aber wie könnte ihm das gelingen: Durch offene Strangulierung vor laufenden Kameras in letzter Minute? Nein, dazu mag er sie zu sehr! War alles nur eine Finte? Und welche Rolle spielt Gabriel im Hintergrund? Könnte Schulz überhaupt, wenn er denn wollte? Möglichen Mitverschwörern hat er bereits eine eventuelle Tatbeteiligung verwehrt: Mit der LINKEn will er nicht, mit den Grünen kann er nicht, weil die so schwächeln. Bleibt nur der undurchsichtige Lindner, von dem aktuell nur Schwarzweiß-Fotos zu existieren scheinen. Von anderen potenziellen Komplizen weiß man nur, dass sie als unschuldig zu gelten haben bis zum Beweis des Gegenteils. Seehofer ist so einer: Der hat weder die PKW-Maut für Ausländer in der Praxis durchgesetzt noch seine Obergrenze realisiert. Allein der Vorsatz macht ihn noch nicht wirklich schuldig. Außerdem hätte im Zweifel nicht er selbst, sondern dieser Diesel-Dobrindt versagt.

Ohne zuviel vorweg zu nehmen darf schon jetzt vorhergesagt werden: Der Berliner Tatort wird umso höhere Einschaltquoten erzielen, je mehr Leute sich an der vorherigen TED-Umfrage beteiligt haben werden. Schließlich will das Publikum wissen, was es verbrochen hat! Geht das gewagte Konzept halbwegs auf, wird das packende Doku-Drama in vier Jahren wiederholt, möglicherweise in etwas anderer Besetzung und dem Versprechen, dass die nächste Wiederholung dann wieder erst in fünf Jahren stattfinden soll. Denn zwischenzeitlich müssen in der Zuschauer-Demokratie die Versprechen gebrochen und die Verbrechen begangen werden können, um sie anschließend bis ins Kleinste kleinreden und der geneigten Öffentlichkeit zur kollektiven Ahndung unterbreiten zu können.