report 114 „Indien – Im System des globalen Kapitalismus“ erscheint am 1. September

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Es gibt vielerlei Gründe, sich mit Indien zu beschäftigen, wird doch diesem flächenmäßig siebtgrößten und ab 2024 bevölkerungsreichsten Land der Erde eine glänzende Zukunft als wirtschaftliche Großmacht vorausgesagt.

Doch wie wahrscheinlich sind die optimistischen Prognosen? Im isw-Report 114 beleuchtet der Autor John P. Neelsen (s.u.) die politisch-ökonomischen Grundlagen und die Entwicklungschancen von Indien.

Das durch staatliche Planungshoheit in zentralen Industriezweigen geprägte Entwicklungsmodell beherrschte in der Phase nach der Unabhängigkeit (1947) die wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Infolge des Ausbleibens des volkswirtschaftlichen Wachstums änderte Indien seinen Kurs; es begann die Ausgestaltung einer privatkapitalistischen Wirtschaftsweise und die neoliberale Integration in den Weltmarkt. Der Anteil der Armen halbierte sich zwar, aber noch heute leben 56 Prozent (680 Millionen Menschen) der indischen Bevölkerung in absoluter Armut. Der Autor konstatiert, dass ein komplexer Prozess ungleicher und ungleichzeitiger Entwicklung gegeben sei, der sich unter teilweiser Verwendung der modernsten Technologien zeitlich verkürze und gelegentlich durch Überspringen ganzer historischer Phasen (leap-frogging) abspiele.

Indiens Wirtschaftswachstum erfolge im Zuge der Weltmarktöffnung primär im Dienstleistungssektor (31 % der Erwerbstätigen), der Agrarsektor (47 %) ist aber weiterhin der weitaus größte Arbeitsmarkt, wohingegen im Industriesektor nur 22 % arbeiten. Kann der Tertiärsektor die historische Rolle der Industrialisierung übernehmen? Gibt es im Kontext von Integration in den Weltmarkt für den globalen Süden überhaupt noch die Möglichkeit der Transformation und des Durchgangs durch das Stadium der Industriegesellschaft?

John P. Neelsen konstatiert, dass für die Länder der „Dritten Welt“ gerade unter neoliberalen Bedingungen die Herausbildung eines peripheren Kapitalismus typisch sei: „eine dauerhaft strukturelle Heterogenität als Nebeneinander vor-, halb- und rein kapitalistischer Produktionsweise“. Die Entwicklung von Klassenbewusstsein werde in Indien durch Kasten-, Geschlecht- und religiöse Zugehörigkeit dauerhaft überlagert und konterkariert.

In einem direkten Fakten-Vergleich der Entwicklung der Volkswirtschaften von Indien und China schlussfolgert der Autor, dass Indien keine interne Entwicklung wie China nehmen werde. „Es deutet sich trotz hohen Wachstums eine sozial und politisch-territorial nach Lebenschancen mehrdimensional tief gespaltene Wirtschaftsgesellschaft an, wie sie mit dem Schlagwort ‚Wachstum ohne Entwicklung‘, umschrieben wird.“

Als Regionalmacht spielt Indien im geopolitischen Gefüge eine ebenso machtvolle wie verantwortungsvolle Rolle. Nicht nur als hegemonialer Territorialstaat in Südasien, auch Indiens Anspruch, alleinige Ordnungsmacht im besonders für die Energieversorgung zwischen dem Nahen und Fernen Osten wichtigen Indischen Ozean zu sein, ist zunehmend umstritten.

Aufgrund des drastisch erhöhten Energie- und Ressourcenbedarfs steht Indien vor großen ökologischen Herausforderungen, leidet schon heute unter Knappheit und Verunreinigung von Wasser, einen zunehmend unvorhersehbaren Monsun und einer Luftverschmutzung, die schon heute die Chinas weit übersteigt.

Der Autor des isw-report 114, Professor John P. Neelsen, lehrte am Institut für Soziologie an der Universität Tübingen und war Gastdozent an den Universitäten Freiburg, Karlsruhe, Bochum, Berlin und Bremen sowie an den Universitäten in Benares/Indien, Nancy/Frankreich und Zürich/Schweiz. Neben seinen politisch-wissenschaftlichen Tätigkeiten u.a. für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, als wissenschaftlicher Beirat von ATTAC Deutschland und als Vertreter der International Research Foundation for Development (IRDF) in der UNO in Genf hat John P. Neelsen zahlreiche Analysen, Reports und Stellungnahmen veröffentlicht.