Die Kurden. Ein Volk, das den Mächtigen nicht passt

In ihrem Buch „Die Kurden“ geben Kerem Schamberger und Michael Meyen Antwort auf die kurdische Frage – eine Rezension

Erdogans Einstufung der kurdischen PKK als „Terroristenorganisation“ und die Brandmarkung des kurdischen Befreiungskampfes als „terroristisch“ sind absurd, aber die Quellen dieser Fälschungen und neuen Zuschreibungen sind guthistorisch. Die Kurden liegen seit dem Ende des 1. Weltkriegs, seit dem damaligen Sykes-Picot-Abkommen, quer zum politischen Verständnis der westlichen politischen Öffentlichkeit. Der ganze Nahe Osten wurde damals in Einfluss- und Mandatszonen des Westens aufgeteilt – vor allem solche Frankreichs und Englands – die arabischen und iranischen Nationen wurden nach den in Europa exerzierten Normen national aufgeteilt. Doch: Das 30-Millionenvolk der Kurden zwischen Türkei, Syrien, Iran und Irak passte nicht in die Schablonen. Ein „Kurdistan“ gab es nicht. Und sollte es auch nicht geben. Die neuen Nationen von der Türkei bis Iran wollten ihre Staatsvölker auf ihre Ziele und Eliten verpflichten, abweisende nationale Identitäten galten und gelten als „feindselig“, seit einiger Zeit als „terroristisch“. In der Türkei bot man den Kurden an, „Türken zu werden““, eine eigene kulturelle, nationale kurdische Identität durfte es nicht geben. Dieses Volk, sagen Schamberger/Meyen, war jedoch „zu groß, um einfach aufgesaugt zu werden von Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg am Reißbrett der Weltpolitik entstanden sind“.

Die Hauptspannung dieses neuen Nationalstaat-Minderheit-Verhältnisses entlud sich und entlädt sich in der Türkei. Dort leben die meisten Kurden. Dort werden sie konsequent missachtet. Aus dem Viel-Nationen-Staat der Osmanen wollte die türkische Elite um Kemal „Atatürk“ einen modernen Staat „Türkei“ zimmern, verpflichtet, auf die Werte einer modern-kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Sowohl traditionelle kurdische Stammeswerte wie heute die demokratischen, kooperativen Werte von Rojava, der autonomen Region im Norden Syriens, stehen dieser Zielsetzung strikt entgegen.

Schamberger/Meyen gehen allen diesen Fragen nach. Sie zeigen aber mehr als einen Aufriss der geohistorischen Landkarte. Sie zeigen Menschen, die hineingewoben sind in die Kämpfe um das Volk der Kurden, die mit diesen Kämpfen direkt zu tun haben, die buchstäblich mit den Kurden leiden und mit ihnen gewinnen, obsiegen können. Da ist vor allem Leyla Imret, eine kurdische Friseurin aus Bremen, die die kluge und mutige Bürgermeisterin in Cizre/Türkei wird. Da sind linke Türken, keine Kurden. Menschen, die buchstäblich mit ihrem Leben eintreten für die Sache der Kurden, die eine Sache des Menschenrechts ist.

Es gibt einige Fragen, die man gerne ausführlicher erörtert gehabt hätte. Zum Beispiel Oczalans Ausführungen zur „Avantgarde“ oder zur „Nation“, zur Herausforderung, dass die Kurden ohne eine Staat leben wollen. Die Hinweise zur Nation im Buch sind recht spärlich: Man brauche eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Sprache. Nationen nicht einfach da, sie würden geschaffen, als „kulturelle Produkte“. So richtig das ist, so ist doch die Menge dieser „Produkte“ erstaunlich, ein gewaltiges historisches Labor, worin sich historische – vorübergehende nationale „Lösungen“, von „ethnisch“ bis „demotisch“, durchgesetzt haben. Die von Öczalan angestrebte Lösung einer „staatenfreien“ Kooperation hat es noch nie gegeben (lassen wir Räteüberlegungen mal beiseite).

Das Kurdenbuch gehört also in jeden Bücherschrank. Es hilft uns vor allem bei der Frage, was können wir eigentlich hier tun, um das Los der Kurden zu verbessern. Sehr viel – die Panzerwalze in der Türkei läuft, weil der Nato-Spezi BRD sie schmiert.