Coronavirus: Die Weltwirtschaft auf Kurs Rezession

10.03.2020 | Conrad Schuhler

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2020 | Chad Davis, Flickr | CC BY-SA 2.0

Gut acht Wochen drückten sich Politiker und die angeschlossenen Journalisten und Experten vor der Wahrheit. Während Chinas Regierung bereits Städte und Regionen unter Quarantäne stellte, warnten die deutschen Medienprofis vor Panikmache, mokierten sich über Leute mit Mundschutz und brandmarkten die Chinesen als undemokratische Überwachungsfreaks, die das Virus als willkommenen Anlass zu weiterer Kontrolle ihrer Bevölkerung nähmen. Im Januar 2020 fand das ifo-Institut noch heraus, dass China wegen der Massenerkrankungen nur eine Wachstumseinbuße von einem Prozent zu erwarten habe. In Deutschland betrüge das Minus an Wachstum sogar nur 0,06%. Die wochenlangen Verharmlosungen der Epidemie und die Diskriminierung der Chinesen – der Spiegel, das Magazin der Mitte, präsentierte einen chinesischen Vermummten, der stumm über den Mundschutz seine mitteleuropäischen Opfer anblickt, garniert mit der Aufmacherzeile: „Made in China“ – wurden erst weniger, als das Virus in Deutschland selbst begann, heimisch zu werden. Nicht mehr nur hunderttausend Infizierte und 2.200 Tote „weit hinten in der Türkei“ (Goethes Wort, um die ferne Fremde zu beschreiben), sondern allein 130 Corona-Tote in Italien, fast alle im Norden, gleich neben Bayern. Und die Mediziner dürfen jetzt laut in den Medien sagen, dass wir vor einer Pandemie stehen, die Tausende, vielleicht Zehntausende in Deutschland in Mitleidenschaft ziehen wird, und für die unser privatisiertes, abgespecktes Gesundheitswesen nicht gerüstet ist.

Der deutsche Gesundheitsminister lässt alle Großveranstaltungen ab 1.000 Teilnehmern absagen. Italien schränkt die Bewegungsfreiheit von 16 Millionen Bürgern ein. Ab Anfang März sterben auch Deutsche an den Folgen der Epidemie. Und die sensibelsten Stellen der Messung sozialen Fiebers, die Börsen, schlagen Alarm. Anfang März fiel der DAX wie der Dow Jones um 8 beziehungsweise 6 Prozent, um am darauffolgenden Montag erneut Stürze in derselben Höhe hinzulegen. Aber keine Panik bitte, die letzte Grippe-Epidemie vor zwei Jahren hatte 20.000 Menschen das Leben gekostet, und damals blieb das öffentliche Leben doch auch unberührt!

Also erst ab 20.000 Toten zu Recht aufschreien? Sind die medizinischen Opfer auch noch nicht abzusehen, so werden die möglichen und wahrscheinlichen Schäden für die Weltwirtschaft schon sichtbar. Noch gibt es keine amtlichen Zahlen zu den Auswirkungen auf die chinesische Wertschöpfung, doch lassen zum einen Daten von Umweltorganisationen begründete Annahmen zu, wie weit die Industrieproduktion in China zurückgefahren wird. Die Kohlenstoffemissionen sind im Januar/Februar 2020 um 25% zurückgegangen, der Kohleverbrauch ist auf dem jüngsten Stand seit vier Jahren, die Flüge sind landesweit um 70% zurückgegangen. Die WTO gibt bekannt, dass der Rückgang des Industriesektors im Februar um 30% ähnlich verlief wie der in Folge der Globalen Finanzkrise 2008/2009. Der Rückgang im Dienstleistungssektor um 50% (jeweils gemessen am Industrieeinkaufsmanagerindex) übertrifft den damaligen Rückschlag bei weitem. Die Rückgänge 2009 in den jeweiligen Bruttoinlandsprodukten waren erheblich, in Deutschland verlor das BIP über 5%.

Betrachtet man die Verwobenheit der chinesischen Wirtschaft vor allem über die Globalen Wertschöpfungsketten mit den übrigen nationalen Wirtschaften, so wird einem klar, dass die Probleme Chinas schnell zu solchen der Weltwirtschaft werden, ganz davon abgesehen, dass das Virus in den einzelnen Ländern auch zu erheblichen Stockungen in der Produktion führt.

Sieben Prozent des weltweiten Outputs beruht auf in China fabrizierten Teilen. Besonders abhängig sind Taiwan, Korea, Mexico und Japan. Deutschland weist einen Verbund-Grad von knapp vier Prozent auf. Das ist weit mehr als deutsche Forscher und Publizisten kundtun (ifo hat den Faktor 0,06; Steingart 0,12). Hier halten wir es eher mit dem Internationalen Währungsfonds. Fallen die Chinesischen 4 % aus, so bedeutet das nicht zwangsläufig einen Wirtschaftsrückgang um 4 %. Aber es ist klar, dass die Null-Komma-Signale keinen Anspruch auf Wahrheit haben können, nicht einmal den auf gut gemachte Propaganda. Wenn die Auswirkungen der Virenepidemie ähnlich denen der Großen Finanzkrise sind, dann erleben wir einen rasanten Sturz in die Rezession. Deutschland, als Exportweltmeister besonders gebeutelt, wird einen Schrumpfungsprozess erleben, den als Minuswachstum schönzureden, sich nicht einmal ifo-Volkswirte trauen werden.