China gelingt Neustart der Wirtschaft – Westen weiter im Corona-Krisen-Chaos

27.07.2020 | Fred Schmid

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2020 | ILO, Flickr | CC BY-NC-ND 2.0

Das hatten die Peking-Astrologen nicht auf ihren Wahrsage-Kristall-Kugeln: Die Rückkehr der chinesischen Wirtschaft auf den Wachstumspfad bereits im zweiten Quartal, nach dem historischen Einbruch von – 6,8 Prozent im vorhergehenden Vierteljahr. Die meisten prophezeiten stattdessen, auf das Jahr bezogen, eine wirtschaftliche Rezession; die erste seit Maos Todesjahr 1976. Damals war die chinesische Wirtschaftsleistung um 5,5 Prozent zurückgegangen, auf ein BIP von 154 Milliarden Dollar. Seither folgten 43 Jahre ununterbrochenen Wachstums, mit Raten im Durchschnitt von neun Prozent. Die chinesische Wirtschaft war 2019 mit 14.140 Milliarden Dollar 92-mal so stark wie 1976. Und es sieht so aus, dass China auch 2020 trotz Corona-Krise ein Wachstumsland bleibt – das einzige, wie der IWF in seinem World Economic Outlook vom Juni herausstellt. Der IWF schätzt Chinas Wachstum für 2020 auf 1 Prozent; nach dem 3,2%-Zuwachs im zweiten Quartal (gegenüber Vorjahr) gehen neuere Schätzungen von zwei bis drei Prozent Ganzjahreswachstum aus – trotz eines Rückgangs des Wachstums von 1,6 Prozent im ersten Halbjahr.

China hat damit nach einem steilen Absturz zu Beginn des Jahres einen ebenso rasanten Aufstieg hingelegt, gewissermaßen einen perfekten V- Aufschwung. Westliche China-Korrespondenten versuchen das jetzt kleinzureden, suchen nach „Schattenseiten“ und ziehen die Zahlen in Zweifel: „Unglaubliche Erholung“ schreibt die SZ doppeldeutig. Sie alle wollen nicht wahrhaben, dass eine staatlich gelenkte Planwirtschaft vielleicht besser mit Krisensituationen zurechtkommt, als die vorgeblich so elastische und reaktionsschnelle Marktwirtschaft – die jedoch den Entwicklungen im Wesentlichen hinterherhinkt, „post festum“ reagiert. Zum chinesischen Erfolg beigetragen hat das konsequente, wenn auch rigide, Pandemie-Krisenmanagement. Lockdown und Shutdown wurden erst gelockert, als man das Virus im Griff hatte. Tian Yun, stellvertretender Direktor der Beijing Economic Operation Association: Die Lehre sei, dass man erst einen gewissen Preis zahlen müsse, um das Virus unter Kontrolle zu bringen, und erst dann die Wirtschaft mit Konjunkturmaßnahmen stützen könne. Und Dan Wang, von der Chinese Academy of Sciences in Beijing: Als in Beijing im Juni eine zweite Welle drohte – Lebensmittelmarkt Wangfujing – setzte bei nur 300 Neuinfektionen im Juni die Stadtregierung ganze Stadtviertel unter Quarantäne, schloss Schulen und Transportwege. „Das Signal ist klar: Das Virus einzudämmen ist wichtiger als das Wirtschaftswachstum“. People First!

Nicht nur China, alle südostasiatischen Länder verhalten sich – in Variationen – ähnlich konsequent wie China. Sie alle haben ihre Lehren aus der SARS-Pandemie 2002/03 gezogen, die sich auf Ostasien konzentrierte, obwohl es dabei „nur“ 774 Todesfälle gab; bei Covid-19 sind inzwischen 624.000 Opfer (23.7.) zu beklagen. Sie haben den Vorlauf durch China/Hubei-Wuhan genutzt und schnelle Maßnahmen zur Isolation und Quarantäne von Kontaktpersonen ergriffen. „Vietnam und andere ASEAN-Staaten wendeten konsequent das „Rapid Case Contact Management an, das bereits in der chinesischen Provinz Hubei erfolgreich praktiziert wurde“, schreibt Stefan Kühner von der Freundschaftsgesellschaft Vietnam. Ein Vergleich der Fallzahlen zeigt himmelhohe bzw. abgrundtiefe Unterschiede zwischen Asien und dem Abendland, zwischen ASEAN und EU auf.

Corona-Fallzahlen ASEAN – EU

ASEAN: Wirtschaftsgemeinschaft: 660 Millionen Einwohner; 10 Staaten: Mayanmar, Vietnam, Thailand, Laos, Kambodscha, Philippinen, Indonesien, Malaysia, Singapur, Brunei EU:
447 Millionen Einwohner; 27 Mitgliedsstaaten. 
Bestätigte Infektionen (22.7.20): 226.000 1.365.000
Tote (22.7.20) 6.519 135.162
Zum Vergleich: Das EU-Land Belgien (11,5 Mio. Einwohner) hat 9.805 Corona-Tote, 50% mehr als die gesamte ASEAN Staatengemeinschaft. Vietnam hat bei 96 Millionen Einwohner nur 408 Infizierte und bisher keinen Toten zu beklagen.

Selbst wenn man die bevölkerungsreichen ostasiatischen Staaten China (1,4 Milliarden Einwohner), Japan (127 Mio.) und Südkorea (52 Mio.) dazu nimmt, schneidet Südost-Asien absolut und relativ um Dimensionen besser ab.

  Südostasien: 2.239 Millionen Bevölkerung EU: 447 Mio. Bevölkerung
Bestätigte Infektionen (22.7.20): 352.000 1.365.000
Tote (22.7.20) 12.448 135.162
Quelle/Fallzahlen: Johns Hopkins University, Gründe für die schnelle Erholung von Chinas

Ökonomie?

Ein zweites lassen die westlichen China-Auguren bei der Bewertung des Neustarts der chinesischen Wirtschaft außen vor, vor allem was die Schnelligkeit der Erholung anbelangt: China befand sich zu Beginn der Corona-Krise in einer konjunkturell stabilen Situation, das Wachstum lag konstant bei 6%. Die Grundlagen für Chinas langfristigen wirtschaftlichen Aufschwung sind nach wie vor unverändert. Das Neu-Anfahren der Produktion war nicht ohne Probleme, der Wachstumsmotor stotterte anfangs, Probleme bestehen noch mit dem Konsum und Arbeitsmarkt (siehe unten).

Anders dagegen die Länder des Metropolenkapitalismus, die sich schon vor Corona im konjunkturellen Niedergang bzw. in der Stagnationsphase befanden. Hier war bereits eine Rezessionswelle im Anrollen, die sich mit der Corona-Springflut zu einem ökonomischen Tsunami aufschaukelte, mit gewaltiger Zerstörungskraft. Nicht zufällig war bei der EU-Ratstagung auch immer vom „Wiederaufbau Europas“ die Rede. Durch das gigantische Konjunkturprogramm soll vor allem verhindert werden, dass die Wirtschaft von der Rezession in eine Depression abstürzt und im Tal hängen bleibt.

Die Gesundheitskrise schlug auch deshalb so stark ins Kontor, weil sie anfangs nicht ernst genommen, bagatellisiert und von erratischen Reaktionen begleitet war, insbesondere was US-Präsident Trump anbelangt. Durch eine extra schnelle Öffnung der US-Wirtschaft wollte er den V-Aufschwung erzwingen. Herausgekommen ist das Gegenteil. Mehrere neue Pandemiewellen gefährden die konjunkturelle Erholung.

IWF-Outlook: Schlechte Aussichten für den Westen

IWF-Chefökonomin Gita Gopinath musste fast 150 Jahre zurückgehen, um eine vergleichbare Krise zu entdecken. Das gegenwärtige ökonomische Desaster sei nur vergleichbar mit der „großen“ und „langen“ Depression 1873 – 1896. Weniger was die Tiefe des Einbruchs anbelangt, hier biete sich die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 als Vergleich an, sondern bezüglich der Zahl der involvierten Länder und der Dauer. Der IWF geht von einem langen Krisenmodus der Weltwirtschaft aus, befürchtet eine „Dauerkrise“ bzw. eine säkulare Stagnation. Noch nie seit 1870 gab es gleichzeitig so viele Länder, deren Wirtschaft pro Kopf der Bevölkerung schrumpft. Er „befürchtet, dass sich die Rezessionen in fast allen Ländern der Erde gegenseitig noch weiter verstärken und in eine weltumspannende Dauerrezession münden könnten“. Der IWF korrigierte die Minus-Wachstumsrate weiter nach unten, die Weltwirtschaft werde nicht, wie im April angenommen, um 3 Prozent schrumpfen, sondern um 4,9 Prozent. Die Erholung werde länger brauchen als zunächst angenommen. „Die Weltwirtschaft wird in den Jahren 2020 und 2021 zwölf Billionen Dollar Wirtschaftsleistung verlieren“, sagte Gita Gopinath. Dazu kommt die Katastrophe an den Arbeitsmärkten, die globalen Auswirkungen auf Armut/Reichtum (nach Angaben der Weltbank wird die Pandemie 60 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen), dazu Hunger (nach FAO könnten 2020 83 bis 132 Millionen Menschen mehr von Unterernährung betroffen sein), Pleiten kleiner Unternehmen, Konzentrationsschübe, Veränderung der Wirtschaftsstruktur (Vormarsch der Digitalkonzerne), usw. Insgesamt kommt es zu tektonischen Verwerfungen in der globalen Wirtschaft. Auch der Weltmarkt schrumpft: Der Welthandel geht nach IWF 2020 um 12 Prozent zurück.

Als Hoffnungsschimmer nannte Gopinath die Konjunkturpakete der Regierungen, deren Umfang bereits Ende Juni mehr als zehn Billionen Dollar erreicht hat. Dennoch befürchtet US-Wirtschafts-Nobelpreisträger Stiglitz, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung der kapitalistischen Industrieländer „blutleer“ verlaufen wird. Ihr Absturz von durchschnittlich zehn Prozent ist historisch einmalig, sie werden sich frühestens 1922/23 ganz erholen und auf den Stand vor der Corona-Krise Ende 2019 kommen. Stiglitz: „Ohne Eindämmung des Virus wird es keine wirtschaftliche Erholung geben“.

IWF World Economic Outlook 2020

2019 2020
World 2,9 -4,9
Advanced Economies 1,7 -8
USA 2,3 -8
Euro Area 1,3 -10,2
Germany 0,6 -7,8
France 1,5 -12,5
Italy 0,3 -12,8
Spain 2 -12,8
UK 1,4 -10,2
Japan 0,7 -5,8
Canada 1,7 -8,4
Emerging Markets 3,7 -3
Emerging & Developing Asia 5,5 -0,8
China 6,1 1
India 4,2 -4,5
ASEAN 4,9 -2
Russia 1,3 -6,6
Latin America/Caribbean 0,1 -9,4
Brazil 1,1 -9,1
South Africa 0,2 -8
Quelle: IWF-Outlook, Juni 2020

Der Absturz der Industrieländer ist noch gravierender als der der Schwellenländer. Im (ungewichteten) Durchschnitt schrumpfen die G-7-Länder um 9,4%, die Schwellenländer um 3%. Gravierend, und für Exportnationen wie Deutschland verheerend, ist der prognostizierte Rückgang des Welthandels um 12 Prozent. Das Problem wird durch den US-Handels- und Wirtschaftskrieg noch verschärft. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des BDI: Die exportorientierte deutsche Wirtschat müsse sich „auf schwierige Zeiten einstellen“. Außenhandelsexperte und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr: „Die goldenen Exportzeiten werden wir nicht wieder erleben. Der Exportmotor wird nachhaltig schwächer sein.“  Bemerkenswert ist auch, dass die Volksrepublik China im Mai an Amerika vorbei zum wichtigsten Abnehmer deutscher Güter aufstieg. Wichtigster Gesamt-Handelspartner Deutschlands ist China schon seit einigen Jahren. In wichtige Handelspartnerländer wie den USA und Großbritannien, in denen die erste Welle der Pandemie noch nicht überwunden wurde, fielen die deutschen Exportrückgänge denn auch am stärksten aus.

Die öffentliche Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung erreicht nach Angaben des IWF das höchste Niveau, seit diese Kennziffer gemessen wird.

China: Es läuft noch nicht alles rund

IWF-Chefökonomin Gita Gopinath prognostizierte die Erholung Chinas bereits vor Bekanntgabe der öffentlichen Zahlen: „Chinas Wirtschaft dürfte sich ziemlich schnell erholen und macht heute einen viel größeren Teil der Weltwirtschaft aus. China wird also auch diesmal dem Rest der Welt helfen“. In der Finanzkrise 2008/09 hatte China mit einem gigantischen Konjunktur- und Infrastrukturprogramm die Welt aus der Krise gezogen und durch seinen gewaltigen Bedarf an Rohstoffen und Investitionsgütern/Maschinen die Ökonomie in Schwellenländern und Exportwirtschaften (Deutschland) stimuliert. Ein solches Programm hat China diesmal nicht aufgelegt, das Konjunkturpaket ist im Vergleich zu USA und Deutschland/EU eher bescheiden. Die Strategie ist, dass man keine großen Stimuli zum Wiederanfahren der Produktion benötigt, sondern als Reserve in der Hinterhand behält – etwa nach einer zweiten Corona-Welle. Doch der chinesische Markt ist inzwischen doppelt so groß wie nach der Finanzkrise, das reale Pro-Kopf-Einkommen hat sich zwischen 2010 und 2020 verdoppelt. Kommt das Wirtschaftswachstum weiter in Gang, wird der chinesische Binnenmarkt eine erhebliche Anziehungskraft auf ausländische Export-Firmen ausüben. China bleibt die einzige Wachstums-Lok der Weltwirtschaft. Chinesische Wirtschaftsexperten gehen inzwischen davon aus, dass das chinesische Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr bei gut sechs Prozent liegen wird und damit für das Gesamtjahr bei etwa drei Prozent. Das wäre ein Zuwachs der Wirtschaftsleistung in der Größenordnung der österreichischen Volkswirtschaft.

Corona-Konjunkturhilfen im Vergleich (Volumen in Prozent des BIP)

EU 17,0% (2.364 Mrd. Euro)
USA 15,9% (3.061 Mrd. $)
China 4,2% (4.200 Mrd. Yuan – etwa 600 Mrd. Dollar). Die staatlichen Konjunkturhilfen konzentrierten sich bisher vorwiegend auf die Angebotsseite und die neue Infrastruktur.
Quellen: IWF, Weltbank, Bruegel

Allerdings muss die chinesische Wirtschaftspolitik mit einigen Herausforderungen fertig werden, um den weiteren Aufschwung zu sichern. Hinzu kommen Probleme externer Art, wie US-Wirtschaftskrieg mit Strafzöllen, Sanktionen, Embargos, Entity-List usw.

Fragezeichen und Unsicherheiten bestehen:

  1. Zweite Welle der Pandemie als große Unbekannte. Erneuter Lockdown und Shutdown hätten verheerende Auswirkungen. Das Vorgehen bei den Ausbrüchen, wie etwa auf dem Pekinger Lebensmittelmarkt und in Urumqi, zeigen, reagieren die Behörden äußerst entschlossen und inzwischen blitzschnell.
  2. Problem Konsum: Das Problem ist, dass der Aufschwung bislang weitgehend industriegetrieben ist, wobei die Staatlichen Betriebe (SOE: State-Owned Enterprises) eine Initiativ- und führende Rolle spielen. Der Konsum dagegen entwickelt sich zögerlich. „Zwar steigt der Konsum, also der Hauptmotor der chinesischen Wirtschaft, aber langsamer als erwartet. Wir sehen bisher keine Anzeichen für eine Freisetzung des Nachholbedarfs“, sagt Yun. Allerdings schneidet China relativ gut gegenüber dem Westen ab. Nach westlichen Prognosen gehen in China die Konsumausgaben im Jahr 2020 um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück; bei den G-7-Ländern im ungewogenen Durchschnitt aber um 9,7%.Die relative Konsumschwäche schlägt sich auch in den Einzelhandelsumsätzen nieder. Die chinesischen Konsumenten halten sich im Verbrauch noch zurück, sie sparen wieder mehr.

    Einzelhandelsumsätze

    Dez. 2019: + 8.0%
    Jan./Febr. 2020: -20,50%
    März -15,80%
    April -7,80%
    Mai -2,80%
    Juni -1,80%
    Quelle: NBS

    Kommt hinzu, dass die Kaufkraft schrumpft, weil Lockdowns und Shutdowns auch zu Einkommensausfällen führen. Im zweiten Quartal war Chinas verfügbares Pro-Kopf-Einkommen nach Abzug der Preissteigerungsrate um 2,6 Prozentpunkte niedriger im Vergleich zum ersten Quartal; es belief sich auf 15.666 Yuan (2.193 Dollar) für die drei Monate. 2020 wird möglicherweise das erste Jahr seit Jahrzehnten sein, in dem die Realeinkommen stagnieren oder gar zurückgehen. Laut einer Umfrage gaben allerdings 52,9 % der Befragten an, sie würden Wege zur Erhöhung ihrer Einnahmen finden. 61% der Befragten rechnen mit einem Anstieg ihres Einkommens, 58 % planen einen Anstieg ihres Konsums.

  1. Prekärer Arbeitsmarkt: „Ein weiteres Hindernis für die wirtschaftliche Erholung ist die Arbeitslosigkeit“, schreibt Dan Wang von der Chinese Academy of Sciences in Peking. „China erlebt den schlechtesten Arbeitsmarkt seit den Sechzigerjahren. Nach unserer Schätzung kann die städtische Arbeitslosigkeit 2020 die Zehn-Prozent-Marke erreichen“. Im Juni lag sie allerdings erst bei 5,7% und sogar 0,2-Prozentpunkte unter dem Mai-Wert (im Jahresdurchschnitt 2019 lag sie bei 5,3%). In der ersten Jahreshälfte wurden trotz Krise in städtischen Gebieten insgesamt 5,64 Millionen Menschen neu beschäftigt, was 62,7% des Gesamtjahresziels von neun Millionen neu zu schaffenden Arbeitsplätzen ausmacht. Im Juli haben 8,74 Millionen Studenten in China ihr Studium beendet – ein Rekordwert. Sie sind in der Statistik noch nicht erfasst.Unklar ist, in welchem Maße Wanderarbeiter in den städtischen Gebieten wieder Arbeit gefunden haben. Nach Global Times sind es 2,7 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr, also etwa fünf Millionen. (Die Zahl bezieht sich auf die 177 Millionen Wanderarbeiter, die ihre Dörfer verlassen und in städtischen Gebieten Arbeit suchen; dazu kommen noch etwa 110 Millionen Landarbeiter, die in ihren Heimatdörfern bleiben und in der Region Arbeit suchen; bei letzteren ist keine Entwicklungszahl bekannt).Auch durch zahlreiche Pleiten von Kleinunternehmen während der Covid-19-Krise hat sich die Situation verschlechtert. Kleinunternehmen mit weniger als fünf Mitarbeiter bieten in China über 50 Prozent der Arbeitsplätze an.
  1. Außenhandel: Angaben des chinesischen Hauptzollamts zufolge ist im ersten Halbjahr Chinas gesamtes Güter-Außenhandelsvolumen um 3,2 Prozent gesunken. Im Juni sind Exporte und Importe allerdings wieder gewachsen: Im gesamten Außenhandel um 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Exporte verzeichneten einen Zuwachs von 4,3 Prozent, die Importe stiegen sogar um 6,2 Prozent. „Die Welt braucht China mehr denn je“, zitierte die New York Times Kathy Matsui, Chefstratege bei Goldman Sachs in Japan. Ein Höhepunkt bei den Exporten waren Materialien zur Epidemie-Prävention: Der Export von Hygiene-Textilien – einschließlich Masken – stieg um 32 Prozent, der Export von medizinischen Instrumenten und Geräten und von Arzneimitteln um 46 bzw. 24 Prozent.

Die schwache weltweite Nachfrage dürfte sich in der zweiten Jahreshälfte auf die chinesischen Exporterwartungen negativ auswirken.

Ein Gerücht ist allerdings, dass die Lieferketten aus China ernsthaft unterbrochen waren; sie blieben stabil. Zu Beginn des chinesischen Shutdowns gingen die letzten Containerschiffe auf Fahrt. Als in China die Betriebe wieder angefahren wurden, war Europa im Shutdown und die nächsten Schiffe aus China unterwegs. Die Fahrtdauer beträgt etwa 30 Tage. Engpässe wurden mit Flugzeugen und Güterzügen entlang der Seidenstraße überbrückt. In der ersten Jahreshälfte gab es zwischen China und Europa 5.122 Güter-Zugfahrten, eine Steigerung um 36 Prozent. Darunter 27.000 Tonnen Hilfsgüter.

USA trommeln zum Rückzug aus China – Kriegsgefahr wächst

Trump fordert US-amerikanische und westliche Unternehmen auf, sich aus China zurückzuziehen – bisher mit mäßigem Erfolg. Auch die Angstmache vor der angeblichen Anfälligkeit chinesischer Lieferketten zeigt bisher wenig Wirkung. Wachsender Binnenmarkt in China trotz Weltwirtschaftskrise, steigende Verbrauchernachfrage, umfassende industrielle Produktionsketten, hochqualifizierte Arbeitskräfte, ein jährlicher Output von über acht Millionen Hochschulabsolventen, technologische Stärke, hochmoderne traditionelle und neue Infrastruktur lassen Kapital-Exit-Strategien ins Leere laufen. Kaum ein Transnationaler Konzern kommt an der aufstrebenden und expandierenden Volkswirtschaft vorbei.

Zwar sind Corona-bedingt die ausländischen Direktinvestitionen nach China im ersten Halbjahr zurückgegangen, aber die Tendenz ist bereits wieder steigend. Für das erste Halbjahr meldete die National Development an Reform Commission (NDCR) (= Plankommission) einen Rückgang der Nutzung ausländischen Kapitals um 4 Prozent. Im zweiten Quartal war jedoch bereits wieder ein Zuwachs von 17,9% gegenüber dem ersten zu verzeichnen.

Die ausländischen Direktinvestitionen auf dem chinesischen Festland stiegen im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 8,4 Prozent; ein Zeichen für das Vertrauen globaler Investoren in den Markt.

Ausländische Unternehmen hätten seit langem zur Entwicklung Chinas beigetragen und von ihr profitiert. Sie würden zu nahezu der Hälfte des chinesischen Außenhandels beitragen, zu einem Fünftel des Steueraufkommens und einem Viertel der Produktion der wichtigsten Industriebetriebe, hieß es vor einiger Zeit aus dem Handelsministerium“.

Nach einer Umfrage der amerikanischen Handelskammer planen 83 Prozent der US-amerikanischen Unternehmen nicht, das Land zu verlassen. US-Unternehmen haben enorme Investitionen in China getätigt. Sie werden nicht ihre Investitionsgüter, ihre Fabriken, ihren Marktanteil, die sie in den Aufbau ihrer Marken getätigt haben, aufgeben, sagte Nicholas Lardy, leitender Mitarbeiter beim Washingtoner Think Tank Peterson Institute for International Economics (PIIE).

Noam Chomsky: „… wir haben noch viel ernstere Krisen vor uns“

Umso stärker wird Trump die direkte Handelskriegs-Karte ausspielen, um den chinesischen Aufstieg zu torpedieren. Mitten in der Corona-Pandemie verschärfte er die Sanktionen gegen Huawei – High-End-Chips – und trieb mit Erfolg die Länder-Allianz gegen den Aufbau der 5-G-Technologie mit Huawei-Geräten voran. 300 chinesische Firmen stehen inzwischen auf der US-Entity-Liste, d.h. sie brauchen die Genehmigung der US-Regierung, wollen sie mit amerikanischen Firmen Geschäfte machen. Das fügt den chinesischen Firmen, allen voran Huawei und ZTE zwar ungeheuren Schaden zu. Es wird die chinesische Ökonomie jedoch nicht in die Knie zwingen.

Doch es kommen jetzt zwei Konstellationen hinzu, die immer stärker zu systemischen Herausforderungen geraten: das Gesundheits-Krisenmanagement und die Steuerung durch die Weltwirtschaftskrise.

Corona-Dilemma: US-Präsident Donald Trump hat beim Pandemie-Krisenmanagement total versagt. Seine trial-and-error-Methode, sein stop-and-go sind zynisch, menschenverachtend und tödlich. Über vier Millionen Infizierte und 150.000 Tote klagen an. Auf diese Größenordnung sind die Fallzahlen bis Ende Juli gestiegen. Anfang März gab es in den USA gerade mal 500 Infizierte und 11 Corona-Todesfälle.

Umgekehrt der Verlauf in China, dass die erste Welle abbekam. Hier betrugen die vergleichbaren Zahlen für Anfang März 83.000 bzw. 4.550 – und Ende Juli 86.000 Infizierte und 4.650 Todesfälle. Nach anfänglichen Fehleinschätzungen sorgten umfangreiche Schutzmaßnahmen und Sicherheitskonzepte dafür, dass sich die Seuche nicht weiter ausbreiten konnte. Ende März hatten die chinesischen Behörden die Pandemie im Griff. Lanxess-Chef Matthias Zachert, dessen Spezialchemiekonzern acht Werke in China betreibt, und bereits wieder auf Hundert Prozent laufen: „Auch wir können einiges von den Chinesen lernen, etwa wie sie in kürzester Zeit die Pandemie eingedämmt haben“.

Krisen-Chaos: Noch blamabler ist das Versagen der US-Administration beim (Nicht-) Management der ökonomischen Krise. Trump ließ sich jahrelang als Initiator und Moderator des wirtschaftlichen Aufschwungs feiern, legt nun aber eine perfekte Pleite hin. Trotz staatlicher Konjunkturspritzen in Drei-Billionenhöhe stürzt die US-Wirtschaft in die tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise.

Trumps Gegenspieler Xi Jinping vermeldet dagegen für sein Land positive Wachstumsraten, bei mäßigem staatlichen Anschub. Die einzige G-20-Wirtschaft, die trotz Welt-Krisenstrudel wächst, ist keine kapitalistische Marktwirtschaft, sondern eine geplante Staatswirtschaft mit gemischt sozialistisch-kapitalistischer Eigentumsstruktur. Werden 2020 die drei Prozent Wachstum der chinesischen Wirtschaft realisiert und sackt die US-Ökonomie, wie vom IWF prophezeit, um acht Prozent ab, dann ergibt das einen enormen Sprung nach vorn in der chinesischen Aufholjagd. Nach IWF wird die US-Wirtschaft erst 2022/23 wieder das Niveau von 2019 erreichen: bis dahin hätte Chinas Wirtschaft etwa 15 Prozent Wachstum realisiert. Die Gewichte in der Weltwirtschaft würden sich gravierend verschieben.

Die sich anbahnenden Kräfteverschiebungen im Rahmen globaler Krisen und die Defensive in die Trumps im US-Wahlkampf geraten ist, erklären weitgehend die zunehmende Aggressivität der US-Außenpolitik, den Übergang vom Handels- und Sanktionskrieg zu einem „neuen Kalten Krieg“ (Kissinger). Daran wird sich auch im Falle eines Präsidenten Biden nichts ändern: das China-Bashing ist in den USA – wie auch in Deutschland – parteiübergreifender Konsens. US-Außenminister Pompeo hat Ende Juli in einer Art zweiten „Hunnenrede“ die Verbündeten aufgerufen, gemeinsam gegen China vorzugehen. „Vielleicht ist es an der Zeit für eine neue Gruppierung gleichgesinnter Nationen“, sagte er. „Wir können diese Herausforderungen nicht alleine bewältigen“. Die USA blasen zu einem neuen Kreuzzug gegen China, die Vorwürfe Pompeos sind im Stil einer Kriegserklärung formuliert. Es ist einmal mehr das Unterfangen der Supermacht USA, den Aufstieg anderer Mächte zu torpedieren, notfalls mit Krieg[1].

So ist die Warnung des amerikanischen Linguisten und politischen Analytikers Noam Chomsky nicht in den Wind zu schlagen, dass uns noch viel ernstere Krisen bevorstehen. Es sei schockierend, dass in dieser schwierigen Zeit der „Soziopath und Trottel“ Donald Trump in der Führungsposition sei. Chomsky:

Das Coronavirus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung, aber es sollte daran erinnert werden, dass es sehr viel größere Bedrohungen gibt, die schlimmer sind als alles, was in der Geschichte der Menschheit bisher passiert ist: Eine ist die wachsende Gefahr eines Atomkriegs, die Andere, die immer größer werdende Bedrohung durch die Erderwärmung. Das Coronavirus ist schlimm und hat erschreckende Auswirkungen, aber die Menschheit wird sich davon erholen. Wenn wir die anderen Bedrohungen jedoch nicht überwinden können, ist es vorbei.


[1] siehe auch Fred Schmid: Trumps Wirtschaftskrieg gegen China, in: isw-report 115, S. 35ff