Corona weg impfen – und weiter geht’s?

05.12.2020 | Franz Garnreiter

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2015 | Global Panorama, Flickr | CC BY-SA 2.0

Die durchschnittliche Sparquote (Ersparnisse geteilt durch das verfügbare Einkommen) der privaten Haushalte in Deutschland schwankte in den letzten Jahren immer um die 10 %. In diesem Jahr wird sie voraussichtlich auf 15 bis 20 % steigen. Ein enormer, so kaum jemals beobachteter Anstieg. Woher er kommt, ist leicht erklärlich: Die Einkommen werden 2020 durch diverse staatliche Unterstützungsmaßnahmen weniger stark sinken, als es Wirtschaftskrise und Lockdown vermuten lassen (vielleicht bis zu minus 5 %). Dagegen sinken die Konsumausgaben weitaus stärker – mit der Folge steigender Ersparnisse.

Nun frage ich: Wie schlimm ist der Konsumrückgang? Okay, dass die Menschen am unteren Einkommensrand Kurzarbeitergeld beziehen oder arbeitslos werden und daher noch mehr Probleme haben, einen bescheidenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten: Sauerei, aber ganz  üblich in der Marktwirtschaft.

Aber abgesehen davon: 2020 stellten viele Menschen den geplanten Autokauf zurück, sie fahren ihr schon drei oder sechs Jahre altes Auto noch ein, zwei Jahre länger. Die Urlaubsflüge sind massiv eingebrochen, die Leute fahren stattdessen ins bayerische Oberland oder ins Alte Land, sie liegen an der Ostsee und am Bodensee. Die Modeinteressierten zögern mit dem Kleidungskauf, weil es mangels Modemessen ganz undurchsichtig ist, wohin sich der Modetrend entwickeln wird (und Modetrends gibt’s nicht nur bei Kleidern und Schuhen, sondern auch bei Handys, Autos und tausend weiteren Sachen).

Was wäre davon zu halten, wenn wir uns auch nach Corona und ohne Lockdown mit dem Gedanken anfreunden würden, dieses ja nur etwas abgespeckte Ausmaß des bislang immer machtvolleren Konsumwahns (Modeterror, Instagram-Urlaubsfoto-Terror, Auto-Angeber-Terror, High-End-Handy-Musshaben-Terror …) weiter beizubehalten, künftig mehr auf die Pflege sozialer Beziehungen und des psychischen Wohlbefindens zu setzen statt auf Materialmaximierung? Schließlich hat 2020 bei den meisten von uns das Gemüt hauptsächlich wohl wegen Corona (bisher schon mehr als 1,5 Millionen Tote und nicht abschätzbare Langzeitfolgen) und wegen der Lockdown-Einsperrung gelitten. Die Reduzierung der Kaufvorgänge war es wohl am wenigsten, die uns 2020 – wenn überhaupt – unglücklich machte.

Die Umwelt hat sich nach vielen Berichten in vielen Dimensionen erholen können. Zum Beispiel und besonders wichtig: 2020 wird die Emission von Treibhausgasen vermutlich deutlich niedriger ausfallen als im Vorjahr. Zur Klimastabilisierung reichts zwar noch lange nicht, aber es wäre ein Anfang.

Es bleibt noch ein kleines Problem: Krise, Lockdown, Nachfrage-Reduzierung haben die Beschäftigten in den verschiedenen Branchen völlig unterschiedlich getroffen, bis hin zum wirtschaftlichen Aus. Das heißt, eine Politik aktiver Wachstumskritik, Wachstumsbeschränkung, Konsumreduzierung erfordert dringlich und zwingend zur Begleitung eine sehr aktive Verteilungspolitik: die Einkommensauswirkungen müssen gleichmäßig verteilt werden, die Arbeitsplatzwirkungen müssen in eine allgemeine und gleichmäßige Arbeitszeitsenkung umgewandelt werden. Schwer vorstellbar, dass das mit der gegenwärtigen Regierungsmacht-Konstellation in Berlin möglich ist.

Wenn wir ehrlich nachdenken, dann wissen wir: Alle Menschen dieser Erde (sie werden in nicht allzu ferner Zeit eine Menge von 10 Milliarden umfassen, viermal so viele wie zum Zeitpunkt meiner Geburt) auf einen materiellen Wohlstand bringen zu wollen, wie ihn der mittlere Deutsche heute genießen kann: Das wird mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit nicht gut ausgehen, das wird die Erde nicht aushalten, auch wenn alle ihren Müll trennen und mit E-Autos fahren und PV-Strom beziehen.

Hingegen: Gemeinsam überlegen, vielleicht ausgehend von dieser vermaledeiten Corona-Situation, was wir als Luxus definieren und also reduzieren sollten und wollen, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten unsinnig und überflüssig sind, wie wir unser Zusammenleben menschenfreundlicher und weniger ausbeuterisch und weniger kriegerisch organisieren könnten, was Solidarität unter uns Menschen bedeuten soll, gerade auch mit den Nachgeborenen: Das könnten wir tatsächlich tun und das müssen wir tun. Zur Vermeidung nicht nur einer, sondern DER Menschheitskatastrophe. Wir brauchen dazu allerdings eine andere Gesellschaft.

Dazu mehr im neuen isw-report 123: Wirtschaftswachstum auf dem Prüfstand