„Wie weit noch bis zum Krieg?“ – eine Rezension

06.12.2020 | Ulli Sander

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Conrad Schuhler hat ein wichtiges Buch über die Neuverteilung der Hegemonieposten in der Welt vorgelegt. Er fragt, wann mit einem großen Krieg gerechnet werden kann, muss. Und er untersucht die Chancen des Widerstands dagegen. Es ist allen Friedensaktivisten und –initiativen zu empfehlen, das gleich vorweg, das Buch von Conrad Schuhler „Wie weit noch bis zum Krieg?“ Es ist dramatisch – und notwendig.

Was viele schon insgeheim befürchteten, dass es zum großen atomaren Krieg kommen könnte, wagt Schuhler auszusprechen. Nicht weit zum Krieg, aber noch mit Fragezeichen. Ausführlich erörtert wird die Gefahr eines „Dritten Weltkriegs“ als Neuauflage der „Falle des Thukydides“ (454 v. Chr. bis 396 v. Chr.), wonach ein Herausforderer den alten Hegemon der Weltordnung nur durch einen Krieg ablösen könne. China weist diese Zumutung von sich. Chinas Militärkraft wäre für solches Tun auch unzureichend. Jedoch Chinas Spurt an die Spitze der Weltwirtschaft hat wissenschaftliche und publizistische Meinungsmacher im Westen irritiert. Und die Führer des Westens alarmiert.

Der Autor untersucht die Argumente der westlichen Wissenschaft der gegen Chinas ökonomisches und gesellschaftliches Wachstum und erläutert das chinesische Konzept vom guten Leben als Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftspolitik. Vorgestellt wird die „Neue Seidenstraße“ als „Globalisierung auf Chinesisch“.

Die Hauptgefahr sieht Schuhler darin, dass die USA ihre globalen Führungsansprüche auf die Dauer nicht mehr mit „zivilen“ Mitteln durchsetzen und somit in Versuchung geraten können, ihre weit überlegenen militärischen Mittel einzusetzen.

Das Buch ist auch nach der US-Wahl von Bedeutung, denn die Hauptströme der US-Politik verlaufen auch unter Biden wie vorher. Was die Entwicklung besonders dramatisch macht, ist die alte und neue Unterwürfigkeit der deutschen Politik gegenüber den USA. Annegret Kamp Karrenbauer laut „Ruhrnachrichten“ vom 18.11.20: Europa könne sich auf absehbare Zeit nicht ohne die USA verteidigen. AKK will ein klares Bekenntnis Deutschlands zur atomaren Abschreckung der Nato; eine gemeinsam Strategie mit den USA gegenüber China; eine weitere Erhöhung der Rüstungsausgaben (2 % des BIP).

Es wird die russische und chinesische Gefahr an die Wand gemalt, wie zu Adenauers Zeiten, in denen der Kanzler von Mal zu Mal „Ich sage nur China, China, China!“ ausrief und vor der UdSSR warnte. Konrad Adenauer sagte im Jahr 1952, als er die westdeutsche Aufrüstung als notwendig beschwor: Es gelte, „mitzutun und mit zu handeln“ im Kampf darum, „ob Europa christlich bleibt oder heidnisch wird.“ Daher müsse „ein Damm“ errichtet werden gegen den „sowjetrussischen Nationalismus“ – der „besonders gefährlich“ sei, weil er „getragen“ werde „vom Kommunismus, der die Herrschaft der Welt erstrebt“. Der Kommunismus ist fort, aber der Nationalismus der Russen noch da. Daher die Einkreisungspolitik auch heute noch. Westdeutschland, so Adenauer 1952 im Bundestag, müsse rüsten, und wer dagegen sei, liefere „die Völker Westeuropas, insbesondere unser deutsches Volk, der Knechtschaft durch den Bolschewismus aus“[1].

Zu China schreibt Schuhler bereits in der Einleitung, die Fortexistenz des ideologischen Klassenkampfes betonend: „Die Chinesen konkurrieren nicht nur mit ihrem Bruttoinlandsprodukt, sie konkurrieren mit ihrer Ideologie. Und sie scheinen mit ihrer Praxis zu belegen, dass der Markt, wenn er nach den Vorschriften der privaten Profitmaximierung eingesetzt wird, gegen einen sozial orientierten ‚Sozialismus chinesischer Prägung‘ verliert.“ Der Autor untersucht die Argumente der westlichen Wissenschaft gegen Chinas ökonomisches und gesellschaftliches Wachstum und erläutert das chinesische Konzept vom guten Leben als Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftspolitik. Vorgestellt wird die „Neue Seidenstraße“ als „Globalisierung auf Chinesisch“. Eine Chance auf Zukunft gibt es für den Autor, wenn die Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Umwelt das globale Kapital mit seinen rücksichtslosen Verwertungsinteressen als gemeinsamen (!) Gegner erkennen und bekämpfen.

Schuhler warnt: „Die stillen chronischen Bedrohungen durch Luftverschmutzung, Wassermangel und Klimawandel werden sich deutlich bemerkbar machen und viel öfter als in der Vergangenheit zu Zusammenstößen führen.“[2]

„Es ist Atomkriegszeit,“ warnt Schuhler. Die Friedensbewegung habe in den 1980er Jahren, als sie die USA und die Sowjetunion zum INF-Vertrag drängte, Erfolg gehabt. Es kam zum Verbot landgestützter Atom-Mittelstrecken. Auch diesen Vertrag haben die USA aufgekündigt, sie wollen in Osteuropa und Asien Atomraketen stationieren. Jedoch: „Die Woge des globalen Protestes gegen Klimakatastrophe und Umweltverschmutzung gibt Hoffnung. Ob Frieden, Klima oder der Horror, der Flüchtlinge aus ihrem Land treibt – die Ursache liegt in den Imperativen der globalen Kapitalverwertung. Wenn die sozialen Bewegungen daraus die Konsequenz ziehen, gemeinsam zu kämpfen, haben wir eine Chance auf Zukunft“[3].

Conrad Schuhler: Wie weit noch bis zum Krieg?
Die USA, China, die EU und der Weltfrieden
Paperback, 143 Seiten, € 12,90
PapyRossa Verlag, Köln 2020
ISBN 978-3-89438-727-3

Conrad Schuhler, *1940, Diplom-Volkswirt. Hat an den Universitäten München und Manchester sowie an der Yale University und in Berkeley / USA studiert. Langjähriger Vorsitzender des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) in München.


[1] lt. Gösta v. Uexküll (1987): Konrad Adenauer, S. 78/79. Reinbek
[2] Conrad Schuhler (2020): Wie weit noch bis zum Krieg?, S. 115. Papyrossa
[3] ebd., S. 9