30 Jahre isw: Bei Karikaturen geht es um ein ideelles Dafürstehen

20.04.2021 | Bernd Bücking

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„13 Jahre habe ich in verschiedenen großen und kleinen Werbeagenturen in E, HH, F und M als Artdirector und Werbeillustrator gearbeitet. Und wenn auch nicht viel aus dieser Zeit bei mir kleben geblieben ist, eines hat sich mir doch eingeprägt: Wenn es nicht gelingt, mit dem Werbekunden fast sofort auf eine Vertrauensbasis zu kommen, ist der ganze Werbeaufwand rausgeschmissenes Geld! Denn jeder Text, jedes Bild, jeder Spot und jeder Werbeträger sind vor allem dazu da, bei der Zielgruppe ein Glaubwürdigkeitspolster aufzupusten, dem als Schlusspunkt die Botschaft anklebt: „Dieses unser Produkt ist das Beste für dich! Probier’s doch mal aus!“ Um dieses unbedingte Vertrauen des Publikums zu gewinnen, muss die Werbung jede, noch so verrückte Vormeinung ihrer Zielpersonen teilen und bestärken, um für ihre fast verborgene Kernaussage ein gemachtes Bett zu haben.

„Und eben diese so fleißig dort studierte Manipulativtechnik, Herr Bücking, nutzen Sie nun für Ihre Politkarikaturen. Das ist ja großartig! Statt wie früher Maggi-Schachtelsuppen versuchen Sie heute Ihre seltsame Sicht der gesellschaftlichen Realität per Karikatur dem Volk unterzujubeln!“

Zumindest als Propagandist linker Ideen kann ich dies glücklicherweise verneinen. Denn während ich in der Agentur meinen goodwill, d.h. das Vertrauen des Anzeigenlesers dadurch zu erschleichen suchte, dass ich ihm in allem Recht gab, funktioniert genau das bei meiner linken Botschaft eben nicht! Das tägliche Vollbad kapitalistischer Medien, in dem das Privateigentum als Motor, als Treibstoff, ja – als Seele unserer so erfolgreichen Ordnung gefeiert wird, ist so fest im Alltagsdenken verankert, dass ich mich just darauf nicht stützen kann. Im Gegenteil, genau diese „Gewissheiten“ muss ich in Frage stellen, um meine Erkenntnisse gegen dieses „Das war schon immer so!“ in eine rationale Diskussion zu bringen. Deswegen kann ich mich auch nur selten auf die drastische Wirkung meiner Bilder verlassen. Häufig muss ich mir mit längeren Sprechblasen aus der Bredouille helfen, was mir schon den zweifelhaften Titel eines „epischen“ Karikaturisten eingebracht hat.

Aber selbst bei dem bildnerischen Teil meiner Karikaturen bewege ich mich auf schwankendem Terrain. Vor Jahren schrieb mir ein Leser unserer isw-Hefte:

Mir scheint, dass Sie einige Entwicklungen verschlafen haben. Ihre kapitalistischen Monopolherren stellen Sie als vollgefressene Widerlinge dar. Ihre Arbeitenden (offenbar immer noch zu 99 % in der Produktion beschäftigt, oder?) sind dagegen Normalmenschen. Tatsächlich aber sind die Herren unserer Wirtschaft durch magere Steaks, Spezialpillen, verordnete Leibesübung etc. in flotter Form gehaltene Typen, während die Ausgebeuteten durch Fehlkost, Bier und TV-Krimi-Chips die aktuellen Fettwänste sind … ist Ihnen als Zeichner dieser Phänotypuswechsel bislang nicht aufgefallen?

Mist! Da hat er Recht. Aber eines hat der fleißige Briefverfasser übersehen. Bei Karikaturen geht es ja nicht um ein abgepaustes Realbild. Es geht um ein ideelles Dafürstehen. Mein fetter Kapitalist ist ja kein Porträt des Herrn Bezos oder der Brüder Aldi, von Susanne Klatten oder des famosen Herrn Lidl. Sie alle können durchaus reizende Nachbarn, humorvolle Partygäste oder sogar edle Spender für Sozialprojekte sein.

Aber hier geht es um ihre gesellschaftliche Rolle, die ich karikieren will. Um ihre Funktion aus ihrem Geld und dem ihrer Aktionäre kräftig noch mehr Geld fabrizieren zu lassen. Auf Kosten der Löhne, der Gesundheit und Sicherheit ihrer Angestellten. Und Steuern zahlt man da, wo sie nach Null tendieren. Diese Zustände charakterisiere ich am einfachsten durch vollgefressene Unsympathen mit ihren Politlobbyisten. Darum werde ich, solange ich das noch hinkriege, auch meine Gefährten aus der Arbeiterklasse als (potentiell) solidarische, antirassistische und kämpferische Leute zeichnen. Auch wenn das bedauerlicherweise heute noch nicht sehr viele vorleben.“