30 Jahre isw: Das Soziale und das Ökologische zusammen führen – Wissenschaft ohne Dogma

24.04.2021 | Franz Garnreiter

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isw-Redaktion: Wie bist Du zum isw gestoßen? Was veranlasste dich, mitzumachen?

Das „sozial-ökologische“, die Zusammenführung des „Sozialen“ mit dem „Ökologischen“ halte ich für eine spannende Sache. Ich bin Volkswirt und, abgesehen vom isw, habe ich mein Berufsleben in der Energiewirtschaft und in einem Forschungsinstitut für Energiefragen verbracht. Mein erster größerer Beitrag fürs isw war daher der report 12 „Mit Energie ins Treibhaus“ 1992, im Jahr der berühmten Rio-Konferenz. Und in der Folgezeit haben wir im isw eigentlich praktisch jährlich einen größeren Beitrag zum „Sozial-Ökologischen“ gemacht, letztens den report 123 „Wirtschaftswachstum auf dem Prüfstand“.

Ökologie / Umwelt / das Grüne / Nachhaltigkeit können nicht etwas Sekundäres, Zweitrangiges sein für einen Linken oder für einen Gewerkschafter – auch wenn das früher, mehr oder weniger unterschwellig, manchmal so gesehen wurde. Gerade an der Klimazerstörung wird deutlich, dass ökologische Probleme äußerst intensiv in die sozialen Lebensbedingungen eingreifen, und zwar innerhalb eines Landes, und mehr noch in den internationalen Beziehungen. Die internationale Solidarität ist extrem gefordert. Das bedeutet meines Erachtens – um es auf das kürzeste Schlagwort zu konzentrieren – dass nur ein grünes Rot ein richtiges Rot ist und genauso nur ein rotes Grün ein richtiges Grün.

isw-Redaktion: Das isw hat den Anspruch, Wissenschaft zu machen. Aber was ist das überhaupt: Wissenschaft?

Ich verstehe darunter die Suche nach Erkenntnissen über die wesentlichen Eigenschaften und die kausalen Zusammenhänge von – in unserem Fall – Wirtschaft und Gesellschaft. Auf dass wir mit diesen Erkenntnissen Grundlagen liefern, die Gesellschaft politisch sicherer zu steuern und verbessern können. Aufgabe der Wissenschaft ist es, neu aufkommende Probleme zu analysieren und Fragen zu beantworten. Desgleichen, bisherige Erkenntnisse ggfs. zu kritisieren, zu verbessern, richtig zu stellen. Dazu muss die Wissenschaft undogmatisch vorgehen, also das Dogma ausschließen. Das unterscheidet Wissenschaft gerade von der Theologie, die Gottes Wirken erforscht, aber nicht Gottes Existenz in Frage stellt.

Und ganz ähnlich wie bei der Theologie liegt der Fall auch bei der herkömmlichen bürgerlichen Markttheorie. Sie untersucht das Wirken der Marktkräfte und marktkonformer Politik, stellt aber keinesfalls das Dogma in Frage, dass die Markt- und Wettbewerbswirtschaft selbst (theoretisch aufs Feinste ausformuliert in der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie) die bestmögliche und natürliche Form des Wirtschaftens darstelle und daher nicht hinterfragt werden dürfe. Unsere marxistisch orientierte Konzeption von Wirtschaftswissenschaft weist dieses Dogma des Ideals der Konkurrenzwirtschaft zurück.

Also: Es kommt darauf an, Zusammenhänge und Ursache-Wirkungs-Verhältnisse ohne Vorbehalte zu analysieren, richtig darzustellen. Die gefundenen Ergebnisse und Zusammenhänge müssen überprüfbar sein, müssen einsichtig und nachvollziehbar sein. So einfach.

isw-Redaktion: Kann man im isw Wissenschaft machen?

Kann man denn überhaupt Wissenschaft machen außerhalb von Universitäten, außerhalb der großen Forschungsgesellschaften (Fraunhofer, Max-Planck usw.), außerhalb der großen Konzerne mit ihren riesigen Forschungsabteilungen?

Bei vielen Fragen braucht man Großeinrichtungen, keine Frage: bei der Atomforschung, der Pharmaforschung, auch bei der Klimaforschung (Bedarf an riesigen Rechenkapazitäten), ein ähnlicher Bedarf auch bei Wirtschaftsprognosen.

Aber wenn es um die Logik einer Argumentation geht, braucht man keine Großforschungseinrichtungen. Dass die versprochenen Gleichgewichtsprozesse in einer Marktwirtschaft nicht eintreten, wenn externe Effekte dominieren und die Marktteilnehmer weit entfernt sind von der erforderlichen vollkommenen Markttransparenz, das kann man auch ohne Laborversuche begründen. Dass ausländische Niederlassungen weltumspannender Konzerne mehr und andere Wirkungen haben als nur einfach die Wirtschaftsentwicklung eines armen Landes zu unterstützen, ist auch ohne Großrechner eine plausible These. Dass unbegrenztes Wachstum der Weltwirtschaft bei begrenzten Rohstoffen, auch bei beträchtlichem Technischen Fortschritt möglicherweise Probleme in der Zukunft bereiten könnte, wird auch außerhalb von Großforschungseinrichtungen für richtig gehalten.

isw-Redaktion: Können linke Wissenschaftler Wissenschaft machen?

Sind sie denn nicht so voreingenommen grundkritisch, dass alles nur mit irgendwie einseitig ausgewählten Argumenten zusammengeschustert wird? Nein, eine solche Einseitigkeit erfahren wir immer wieder mal r von der bürgerlichen Mainstream-Wirtschaftswissenschaft. Bei ihr stellen wir fest, dass ihr vom Auftraggeber vorgegebenes Forschungsziel, das sie nachweisen und begründen müssen, sich immer wieder beißt mit seriöser Argumentation.

Ein Beispiel: Für die TTIP-Auseinandersetzung fertigte G. Felbermayr 2013, damals Leiter der ifo-Außenhandelsabteilung, heute IfW-Kiel-Chef, das zentrale Gutachten für die Bundesregierung an. Für das Wirtschaftsministerium (damaliger Minister: SPD-Gabriel) war es das Handbuch schlechthin zur Untermauerung seiner Pro-TTIP-Agitation. Den argumentativen Kern des Gutachtens bildet eine Vorstellung des Außenhandels, die die Erfolge und Misserfolge eines Landes im Außenhandel allein durch politische Handelsbarrieren bzw. Nicht-Barrieren erklärt (Zölle, Mengenbegrenzungen, Normgebungen wie DIN, technische Vorschriften, Freihandelsverträge usw.). Jahrhundertelang diskutierte Einflussfaktoren auf den Außenhandel, von der natürlichen Ausstattung eines Landes bis zum konzerninternen Handel: alles unter den Tisch gefallen. Das war zu kompliziert. Erklärt man den gesamten Außenhandel allein mit Handelsbarrieren, dann tut man sich natürlich leicht, TTIP als großes Zukunftsversprechen hochzujubeln. Allerdings kriegt man dann diverse Probleme mit der Logik. Dementsprechend strotzt dieses Gutachten vor lauter Nicht-Plausibilitäten und logisch verquerer Darstellungen in jedem Kapitel – ein Gefälligkeits-Gutachten par excellence.

Ähnlich ideologisch voreingenommen und engstirnig argumentierte die Mainstream-Ökonomie auch in der Mindestlohn-Diskussion. Sie ging nicht ab von der Prophezeiung einer steigenden Arbeitslosigkeit, hervorgerufen durch die Verteuerung der Arbeitskraft durch einen Mindestlohn. Dass es nicht dazu kam, ist der Tatsache geschuldet, dass Löhne nicht nur Kosten, sondern auch Nachfrage nach Konsumgütern darstellen – und steigende Löhne eine steigende, eine arbeitsschaffende Nachfrage. Dieser Zusammenhang Löhne = Nachfrage ist in der konventionellen Ökonomie ein blinder Fleck, eine Folge des Marktdogmas: Löhne sind Kosten, sonst unerheblich.

Unsere isw- Ansprüche an wissenschaftliche Offenheit und Redlichkeit stehen jedenfalls konträr zu dogmatischen Gefälligkeitsdenken.