30 Jahre isw: Fakten, Fakten, Fakten!

25.06.2021 | Roland Charles Pauli

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2007 | Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier, Flickr | CC BY-SA 2.0

Zu 30 Jahren isw kann ich leider nichts schreiben – ich bin erst seit 29 Jahren dabei. Aber egal: nach einem Ökonomiestudium, das damals auch noch marktkritische Theorieansätze vermittelt hatte, war mir klar, dass die zu dieser Zeit wieder an Boden gewinnende Mainstreamökonomie nichts taugt. Ich wollte mich aber gerade auch deshalb weiter mit Wirtschaftstheorie und wirtschaftspolitischen Themen befassen und mit ihnen politisch etwas bewegen. Denn, wie auch Bill Clinton wusste „it’s the economy, stupid“.

Dass ich dabei nach zufälliger Durchsicht der ersten Reports beim isw landete, war naheliegend: Hier sah ich ein Projekt, in dem mit sauberen empirischen Analysen gegen Mainstream und Neoklassik argumentiert wurde. Dazu kam auch noch die schon im Namen verankerte Berücksichtigung ökologischer Themen. Als Kernkompetenz des isw habe ich immer Folgendes empfunden: Eine fundierte Kritik der herrschenden Marktideologie und im Zusammenhang damit die eigenständige Analyse grundlegender ökonomischer Entwicklungen – und zwar verständlich und faktengestützt. Alternative Ökonomie auf hohem Niveau, aber zugänglich für Nichtwissenschaftler und nutzbar für die tägliche politische Diskussion.

Bedarf ist da!

Die ersten Jahre entwickelte sich das isw mächtig. Wir gewannen Abonnenten, erhielten viele Einladungen zu Vorträgen und Seminaren, wurden für Gewerkschaftsschulungen angefordert, eine Zeitlang sogar von den bayerischen Grünen für einige Projekte gebucht. Es ging voran.

Ich selber war zu dieser Zeit noch erwerbsmäßig in der volkswirtschaftlichen Abteilung einer Großbank beschäftigt. Bis auf ein paar brauchbare Länder- und Branchenanalysen war dort von Wissenschaft wenig zu merken. Da regierte platteste Neoklassik, schlimmstenfalls wurden Veröffentlichungen und Einschätzungen nach Gusto des Vorstandes zurechtgebogen. Aber abends, abseits dieser Volkswirtschafts-Komödie, konnte ich dann sinnvoll arbeiten: Meine Tätigkeit für das isw war auch die Rache an den Blödheiten der Mainstreamökonomie.

Nach einigen Jahren war dann erst einmal für lange Zeit Schluss: Ein neuer, anderer Job machte mir die Mitarbeit im isw unmöglich. Natürlich habe ich weiter die Publikationen des Instituts gelesen und beobachtet, was das isw so treibt. Nicht mehr mitmischen zu können, hat mir immer gefehlt. Bis ich dann vor rund 6 Jahren die Möglichkeit hatte, wieder einzusteigen.

Orientierung im Mediendschungel!

Vieles hatte sich in den vorausgegangenen Jahren geändert. Mein Eindruck ist: Der Mainstream ist zwar tausendfach widerlegt, manchmal auch ein bisschen angeschlagen, aber trotzdem stärker in den Köpfen als früher. Und die Kritiker sind fragmentierter und oberflächlicher geworden, es gibt in der ökonomischen Alternativ-Diskussion weniger Gemeinsames und wenig produktives Forschen. Jeder macht seinen eigenen Laden auf, betreibt seinen Internetblog, pflegt sein individuelles wissenschaftliches und politisches Vorgärtlein. Angeblich ist das ja alles furchtbar vernetzt – aber ist es letztlich nicht doch Zerfaserung? Mit einem stabilen Konzept durchzudringen, das sich an objektiven Entwicklungen orientiert und nicht gleich jedes kurzzeitige Spezial- oder Modethema bedient, ist schwieriger geworden. Aber auch notwendiger denn je.

Was ich dem isw zum 30. wünsche? Dass wir unsere Kernkompetenz vertiefen, unser Profil der sozial-ökologischen Wirtschaftsforschung – und hier vor allem die ökologische Seite – schärfen und genau dadurch weiterhin Orientierung in wichtigen ökonomischen Themen bieten können. Dass wir auch ein paar alte Denkfiguren bei uns selber hinterfragen, beispielsweise eine manchmal zu wenig differenzierte Krisenrhetorik oder den Bezug auf Wirtschaftswachstum.

Und natürlich werden wir nicht um die „neuen Medien“ herumkommen. Unser Internetauftritt wird sich noch stärker zum zweiten Standbein entwickeln müssen, auch um neue Interessentengruppen zu erschließen. „Online“ könnten wir uns außerdem stärker und aktueller in laufende wirtschaftspolitische Diskussionen einbringen. Gerade der gegenwärtige Bundestagswahlkampf wird die Notwendigkeit dafür zeigen. Sollte in diesem Wahlkampf noch etwas anderes stattfinden als primitivstes Baerbock-Mobbing, sollten also die Neoliberal-Konservativen sich doch noch zu inhaltlichen Aussagen aufschwingen, dann werden die Themen Verschuldung, Steuern, Staatsfinanzen, schwarze Null mit Sicherheit prominent mit dabei sein. Dazu hätten wir eine Menge zu sagen…