Der Globus brennt

19.08.2021 | Leo Mayer

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2015 | Project LM, Flickr | CC BY-NC-ND 2.0

Griechenland brennt, Sizilien brennt, die Türkei brennt, Algerien brennt – Feuer rund um das Mittelmeer. Neben den südlichen Ländern Europas brennt es auch in Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Australien. Die grünen Lungen der Welt – Amazonien und Sibirien – ersticken im Rauch. Knapp 50 Grad Celsius auf dem 50sten Breitengrad in Kanada oder 48,8 Grad in Sizilien – glühend heiße Luft macht das tägliche Leben zur Qual und zerstört die Ernten. Das Schmelzen von Grönlands Gletscher geht unaufhaltsam weiter. Auf der anderen Seite der Wetterextreme: sintflutartige Regenfälle und gewaltige Stürme. Dass die Klimakatastrophe auch in der Bundesrepublik längst angekommen ist, zeigen einmal mehr die Juli-Fluten. Trockneten die letzten drei Dürresommer den Boden bis in tiefe Bodenschichten aus, kam nun das Wasser.

Klar ist, die immer häufiger und stärker auch auf Europa treffenden Katastrophen sind nur der Anfang des globalen Klimawandels. Noch drastischere Verwerfungen werden auf die Menschheit zukommen. Sie werden Zündstoff sein für neue Konflikte um Wasser, Boden und andere Ressourcen, vor allem im Globalen Süden, sie werden Treibstoff sein für bestehende Konflikte weltweit, auch für Migrationsbewegungen. Fast 31 Millionen Menschen wurden im letzten Jahr von Naturkatastrophen vertrieben, meist im eigenen Land. Sie flohen vor dem Zyklon Amphan in Asien oder wurden in Zentralamerika und der Karibik Opfer von Wirbelstürmen. Wegen Überschwemmungen mussten in Afrika und dem Mittleren Osten Millionen ihre Häuser verlassen. Die Toten im Zusammenhang mit den Katastrophen im Globalen Süden sind vielfach ungezählt.

Die immer schnellere Abfolge von Extremwetterereignissen, hier und weltweit, ist eine Folge der Erderhitzung. Wetterextreme wie anhaltende Starkregen und Hitzewellen werden zukünftig immer häufiger auftreten, sagt der Weltklimarat in seinem jüngsten Bericht. In neun Jahren könnte der Anstieg der globalen Mitteltemperatur 1,5 Grad überschreiten, prognostiziert der Weltklimarat – und warnt vor nie erreichten Extremwetterereignissen. Der Trend lässt sich nur verlangsamen.

Grundsätzlich neu sind die Erkenntnisse über die absehbare Entwicklung des Klimas auf der Erde nicht, die der jetzt vorgestellte erste Teil des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC zusammenfasst. Neu ist die größere Genauigkeit der Klimamodelle, die auch regionale Prognosen möglich machen. Vor allem aber ist neu, dass manch Szenario der früheren Berichte wohl bei Weitem zu optimistisch war. Denn wesentliche Veränderungen sind bereits unumkehrbar: das Abschmelzen des Eises in der Arktis, das Ansteigen des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane. Hier sind Prozesse in Gang gesetzt, die selbst bei einem sofortigen Stopp der Produktion von Treibhausgasen nicht in wenigen Jahren wieder aufhören. Das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die globale Temperaturerhöhung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, wäre inzwischen nur noch mit extremen Maßnahmen erreichbar. Doch die herrschende Politik und die Konzernlobbyisten die Fossil-Industrie haben nicht nur in der Vergangenheit unentwegt gebremst und verharmlost – sie werden dies auch künftig tun.

Dabei kommt die Entwicklung nicht überraschend. So warnt Professor Jem Bendell, Nachhaltigkeitsforscher an der University of Cumbria in Großbritannien, seit Jahren, „dass es zu spät ist, den unkontrollierten Klimawandel zu stoppen“ und dass „wir uns auf zerstörerische und unkontrollierbare Ausmaße des Klimawandels zubewegen, die Hunger, Zerstörung, Bevölkerungswanderungen, Krankheiten und Krieg mit sich bringen werden“.

Es ist zu spät, den unkontrollierten Klimawandel zu stoppen, … das, was wir „Zivilisation“ nennen – könnte sich auch auflösen.

Jem Bendell, Nachhaltigkeitsforscher

Jem Bendell forderte bereits 2018 auf, „zu erkennen, dass der gesellschaftliche Zusammenbruch bereits im Gange ist, aber ungleich verteilt“ und verweist darauf, „dass bereits Millionen von Menschen schrecklich unter dem Klimachaos leiden“. So durchlitt Indien im Sommer 2018 eine noch nie dagewesen Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius. Und die kaum erträglichen Temperaturen werden in den nächsten Jahrzehnten wohl noch weiter steigen.

Doch Bendell sieht den Zusammenbruch nicht nur im globalen Süden. „Wenn man sich die aktuellen klimatischen Veränderungen, die steigenden Emissionen und die Zerstörung von Lebensräumen, die biologischen Auswirkungen, die wärmenden Rückkopplungen, die landwirtschaftlichen Auswirkungen, die Langsamkeit der Reaktion, die Unnachgiebigkeit des Kapitalismus und seiner abhängigen Politiker*innen, die kulturelle Abhängigkeit von Fortschritts- und Kontrollideen und die Zunahme von Schuldgefühlen ansieht, die die Realität vermeiden und Unwissenheit und Hass fördern, dann denke ich, dass ein Zusammenbruch wahrscheinlich oder fast sicher ist.“ „Unsere Verhaltensnormen – das, was wir ‚Zivilisation‘ nennen – könnten sich auch auflösen“, schreibt er in der Studie „Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy“.

Der Imperialismus des 21. Jahrhunderts ist die exterministische (ausrottende) Phase des Kapitalismus.

John Bellamy Foster, Hannah Holleman und Brett Clark

Der Klimawandel ist eine planetarische Angelegenheit und erfordert einen globalen Aufstand der Menschheit, um die kapitalistische Machtstruktur zu überwinden, die versucht, das fossile Brennstoffsystem und das gegenwärtige System der maximalen Umweltzerstörung und menschlichen Ausbeutung endlos zu verfestigen, schreiben John Bellamy Foster, Hannah Holleman und Brett Clark in dem bereits früher auf kommunisten.de veröffentlichten Artikel „Imperialismus im Anthropozän- die ausrottende Phase des Kapitalismus“.