Bernd Bücking ist tot – er ist unersetzbar!

29.09.2021 | isw Vorstand

Drucken

Bernd Bücking, der Autor der Zeichnungen in fast allen 233 isw-Reports, die in den letzten dreißig Jahren erschienen sind, ist tot. Wir wissen, dass wir ihn nicht ersetzen können, denn Bernd war ein ungeheuer kostbares Unikat. Rilke und Goethe waren ihm so nah wie Walser oder Heiner Müller, George Grosz und Käthe Kollwitz so vertraut wie Andy Warhol, Karl Marx und der unvermeidliche Fall der Profitrate so geläufig wie die Zwiebel als Gestaltungsfigur der modernen Soziologie für die westliche Gesellschaft. Wenn man telefonisch mit Bernd die Themen für die Karikaturen des nächsten isw-Reports besprach, konnte man das Glück haben und im Hintergrund die Linzer Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart hören. Sprach man ihn darauf an, dass Mozart schon sagte, er wolle Musik für „aller Gattung Leute“ machen, dann vollendete Bernd den Hinweis mit Mozarts Zusatz: „ausgenommen für lange Ohren nicht“.

Das wollte Bernd, Karikaturen für alle machen, und die mit den „langen Ohren“ waren die, die nicht begreifen wollten, dass der Kapitalismus das Ende eines menschenwürdigen Lebens bedeutet. Nachdem wir für einen isw-Report zum Wachstumszwang des Kapitalismus die Einreden des Kapitals gegen den Ruin des menschlichen Lebens auf dem Planeten diskutiert hatten, setzte sich Bernd hin und zeichnete einen Globus in Flammen, die Ozeane krachten über die Ufer, kein Kontinent ohne Explosionen und auf der Spur des Globus fuhr ein Paar im offenen Sportwagen, aus dem die Worte flatterten: „Ich hasse diese nervige Schwarzmalerei.“ Zwei Seiten später steckten die CEOs der Autokonzerne ihre stiernackigen Köpfe zusammen, einer klagte: „Die wollen nur noch 4,1 l Sprit für 100 km“, woraus ihn der andere beruhigte: „Nur, wenn man den Kilometer auf 750 Meter begrenzt“. Beruhigung à la Winterkorn, es lebe der tödlich-verlogene Kapitalismus.

Das konnte Bernd wie kein zweiter, die Lügen des Kapitals zu entlarven, mit kurzen Zeichenstrichen und knappen Kommentaren. Die Verursacher des Leids, die Großkapitalisten, die ihre Grosz-Visagen und dreiteiligen Ausbeuteranzüge auch nicht verloren, wenn sie im wirklichen Leben längst Gucci-Slim-Fit-Garderobe vorführten, waren in Ton und Bild als die reality-Monster gekenn-zeichnet, die sie in Wirklichkeit waren; beim Zeichnen der Opfer bekam Bernds Zeichenstift einen warmen Strich, so bei der afrikanischen Mutter, die sich schützend über ihre Babys beugt, den US-Bankern des Bill Gates aber schon kampfentschlossen entgegenschreit: „Ich brauche keine Bankkonten – ICH BRAUCHE GELD.“

Bernd konnte zu diesem empathischen Wesen zwischen deutscher Klassik und marxistischer Theorie werden, weil er der Sohn seiner Eltern war. Beide entschiedene Antifaschisten, die von den Nazis in Gefängnis und Zuchthaus gesteckt wurden. Die Mutter, Abgeordnete der KPD in der Bremer Bürgerschaft, Sohn Bernd, schon früh Mitglied der illegalen KPD, später der DKP. Werbegrafiker, einer der Besten seins Fachs, hochgehandelt in der kommerziellen Werbegrafik, aber auch schon seit den 60-ern Mitredakteur der Kunstzeitschrift „Tendenzen“, eine Zeitschrift für Kunst und Klassenkampf (so hieß offiziell der Verlagszwilling „Kürbiskern“: Zeitschrift für Literatur und Klassenkampf). Das verkörperte Bernd wie kein Zweiter: die Symbiose von Kunst, Literatur, Musik und Klassenkampf. Knowing where the wind blows. Zu wissen, woher und wohin der Wind weht. Das wusste Bernd, das konnte er in seinen Marxismus-Stunden mühelos und mit leichter Hand erklären, in seinen Zeichnungen vor Augen führen, in seinen vielfältigen politischen Einsätzen nach Kräften mitbewegen. Ein Marxist, der als junger SDAJ-ler bei Bernd den Marxismus lernte und heute tatkräftig im isw mitarbeitet, rief ihm ein Wort Rilkes hinterher: „Jeder Tag soll und muss einen Sinn haben, und erhalten soll er ihn nicht vom Zufall, sondern von mir.“ Ein sinnvolleres Leben als das von Bernd, könne er sich nur schwer vorstellen, sagt der isw-Genosse.

So geht es uns allen. Uns wird es schwer um Herz und Verstand, wenn wir uns die Arbeit, das Miteinander ohne Bernd vorstellen. Er kannte auch Schmerz und Trauer und Zorn, aber über allem, was er tat, lag immer ein Hauch von Heiterkeit und Zuversicht. Weil er unerschütterlich davon überzeugt war, seine Spezies, die Menschen, würde siegen. Er wollte alle damit anstecken, daher bisweilen sein heiliger Zorn, wenn er spürte, es wollte nicht gelingen. Dann ging er auf die Jagd nach den Schuldigen und sie ereilte sein Schuldspruch per Zeichenstift. Bernd, uns und unseren Leserinnen und Lesern wirst Du schmerzlich fehlen.