Kernenergie in der EU – „nachhaltige“ Investition!?

2017 | Jeanne Menjoulethttps://www.flickr.com/photos/jmenj/, Flickrhttps://flic.kr/p/UTZzoy | https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/CC BY 2.0

2017 | Jeanne Menjoulet, Flickr | CC BY 2.0

Es ist ein Skandal – aber es wird wohl so kommen: Von der EU-Kommission werden mit großer Wahrscheinichkeit am 2. Februar Finanzinvestitionen im Kernenergiebereich als nachhaltig bewertet werden. Damit würde Atomenergie im Rahmen neuer Taxonomie-Regeln als grün bzw. klimafreundlich etikettiert werden. Die deutsche Bundesregierung hat zwar diese Wertung abgelehnt, aber die Mehrheit der EU-Länder und auch der EU-Parlamentarier werden dem wohl zustimmen.

Dies ist eine gravierende Fehlentscheidung, mindestens aus den folgenden 5 Gründen:

  1. Der Betrieb von Kernkraftwerken (KKW) ist nach wie vor hochriskant, wie zahlreiche mittlere Störfälle mit Beinahe-Unfällen und die schlimmsten KKW-Katastrophen in Tschernobyl (Ukraine 1986) und Fukushima (Japan 2011) und – weniger bekannt – auch in Three Mile Island (USA 1979) mahnen.
    Übrigens wurden früher derartige Katastrophen praktisch ausgeschlossen und verbal als völlig unwahrscheinliche „Größte Anzunehmende Unfälle“ (=GAU) bezeichnet bzw. dann nochmal verbal aufgesattelt als „Super-GAU“.
  2. Der radioaktive Müll, der in großem Umfang bei KKW notwendigerweise erzeugt wird, ist viele 1.000e Jahre hochgefährlich und belastet die kommenden Generationen mit einer völlig überflüssigen, gefährlichen und unsinnigen Hypothek.
  3. Der Bau von KKW ist nachweislich ohne riesige staatliche Subventionen nicht wirtschaftlich zu stemmen und verschlingt darüberhinaus das mehrfache der geplanten Bauzeit. Dies zeigen folgende Negativbeispiele:
    1. Das KKW in Olkiluoto III Finnland wurde 2005 begonnen und sollte 2009 ans Netz gehen, damals bei einer versprochenen Bausumme von 3 Mrd €. Der Bau dauerte aber 4mal so lange und kostet mehr als 3mal so viel (10 Mrd.€).
    2. Der Bau des KKW Flamanville 3 in der Normandie läuft seit dem Jahr 2007. Der Reaktor sollte ursprünglich im Jahr 2012 ans Netz gehen und 3,4 Milliarden Euro kosten. Es gab immer wieder Verzögerungen. Man schätzt jetzt eine Inbetriebnahme im Jahr 2023. Der französische Rechnungshof schätzt die Gesamtkosten des Projekts mittlerweile auf mehr als 19 Milliarden Euro.
    3. Das KKW Hinkley Point C in England wird sich wohl um mindestens 10 Jahre verzögern und nach heutiger Schätzung fast doppelt so viel kosten wie ursprünglich geplant. Das Projekt kann trotz der hohen Kosten nur realisiert werden, weil der britische Staat für 35 Jahre Laufzeit eine Einspeisevergütung von umgerechnet 10,5 Cent pro Kilowattstunde garantiert, die deutlich höher als die Vergütung etwa für Offshore-Windkraft liegt.
  4. Auch sogenannte „aussichtsreiche neue Forschungsentwicklungen“ im Bereich der KKW sind entweder in der Praxis fehlgeschlagen (Neuentwicklung „Europäischer Druckwassereaktor EPR“ s.o. Punkt 3: Olkiluoto, Flamanville, Hinkley Point C) oder im Falle der z.Zt. stark gehypten kleinen „Mini-KKW“ noch gar nicht ausführlicher entwickelt, getestet bzw. genehmigt.Die von Emmanuel Macron, Bill Gates u.a. angepriesenen Mini-KKW stützen sich lediglich auf Zukunftshoffnungen der Atomlobby, um eine positive Kernenergie-Erzählung gegen die positiven Nachrichten und den realen Preisverfall aus dem Bereich der erneuerbaren Energien setzen zu können. Aber bei genauem Hinsehen ergibt sich, dass diese sog. Small Modular Reactors (SMR) bei weitem noch nicht produktionsreif sind und lediglich ein einziges Pilot-Modell derzeit in Russland läuft. Im Übrigen will Macron auch nur 1 Mrd.€ an Forschungsgelder in die Forschung zu den SMR investieren. Laut ZDF-Bericht vom Oktpber 2021 hat selbst die französische Atomindustrie wenig Interesse an den kleinen Reaktoren, weil sie relativ wenig Strom produzieren und somit herkömmliche Atomkraftwerke nicht ersetzen können. Ein Gutachten des Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und des Ökoinstituts kommt zu einer deutlich negativen Gesamt-Bewertung und spricht davon das die heutigen Versprechen ähnlich sind wie die damaligen Versprechungen zu den Reaktoren in den 1950- und 1960er Jahren.
  5. Investitionen in den Bereich KKW verhindern schnelle Investitionen in erneuerbare Energien und zur Reduzierung von Treibhausgasen. D.h. sie stehen dem sofortigen Klimaschutz entgegen. Die Klimakrise und generell eine nachhaltige Zukunft erfordert schnelles und wirksames Handeln und keine vagen und potentiell gefährlichen Hoffnungen.