Oxfam-Bericht: Pandemie-Folgen und steigende Preise befeuern Ungleichheit

30.05.2022 | Walter Listl

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2019 | Marco Verch, Flickr | CC BY 2.0

Zeitgleich mit dem Schaulaufen der VertreterInnen der Wirtschaftsmächtigen beim Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht die Entwicklungsorganisation OXFAM alarmierende Zahlen und Fakten. Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass die Pandemie, die Klimakrise aber auch der Krieg in der Ukraine zu steigenden Lebensmittelpreisen und damit zu einer Verschärfung der Hungerkrise in vielen Ländern führen wird.

Während mehr als eine Viertelmilliarde Menschen gefährdet sind, im Jahr 2022 in extreme Armut abzurutschen, machen Konzerne und die dahinterstehenden Superreichen gigantische Gewinne.

Im Lager der Besitzenden könnte die Stimmung dagegen nicht besser sein: Seit 2020 ist die Zahl der Milliardäre um mehr als 570 auf 2.668 gewachsen. Besonders lukrativ erweist sich in letzter Zeit das Pharmageschäft. Hier machen Konzerne mit Impfstoffen einen Gewinn von über 1.000 US-Dollar pro Sekunde, so die Oxfam-Untersuchung. Der Bericht illustriert, wie obszöne Krisengewinne und zunehmende soziale Ungleichheit Hand in Hand gehen.

Beispiel Vermögensungleichheit: Zum Stichtag 11. März 2022 gab es 2.668 MilliardärInnen auf der Welt, 573 mehr als zu Beginn der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020. Diese MilliardärInnen verfügten zusammen über ein Vermögen von 12,7 Billionen Dollar – ein realer Anstieg von 3,78 Billionen Dollar während der COVID-19-Pandemie. Das Gesamtvermögen der Milliardär*innen entspricht aktuell 13,9 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP), gegenüber 4,4 Prozent im Jahr 2000.

Beispiel Lebensmittelsektor: Die weltweiten Lebensmittelpreise sind im vergangenen Jahr um 33,6 Prozent gestiegen, und für 2022 wird ein Anstieg um weitere 23 Prozent erwartet. Im März 2022 gab es den größten Sprung der Lebensmittelpreise seit Beginn der Aufzeichnungen der Vereinten Nationen (UN) im Jahr 1990. Milliardäre*innen mit Vermögensschwerpunkt im Nahrungsmittel- und Agrarbereich haben ihr kumuliertes Vermögen in den letzten zwei Jahren um 383 Milliarden Dollar (45 Prozent) gesteigert.

Beispiel Pharmasektor: Die Pharmakonzerne machen allein mit Impfstoffen einen Gewinn von über 1.000 Dollar pro Sekunde und verlangen von den Regierungen bis zum 24fachen des Preises, den die Herstellung kostet. Die Pandemie hat 40 neue Pharmamilliardär*innen hervorgebracht, die von den Monopolen ihrer Unternehmen auf Impfstoffe, Behandlungen und Tests profitieren. Infolge der Pandemie sind in ärmeren Ländern viermal mehr Menschen gestorben als in reichen.

Beispiel Transportsektor: Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd hat ihre Preise während der Pandemie um bis zu 1000 Prozent erhöht und 2021 einen Rekordgewinn von 9,3 Milliarden Euro eingefahren. Der zweitreichste Deutsche, Klaus-Michael Kühne, besitzt rund 30 Prozent der Hapag-Lloyd Aktien. Alleine er erhält in diesem Jahr voraussichtlich rund 1,9 Milliarden Euro Dividendenzahlungen.

Beispiel Geschlechtergerechtigkeit: Im Jahr 2021 waren weltweit 13 Millionen Frauen weniger erwerbstätig als 2019, während die Beschäftigung von Männern wieder das Niveau von 2019 erreicht hat. Das Ziel der Geschlechterparität bei Einkommen, also dass Frauen genauso viel verdienen wie Männer, rückt in immer weitere Ferne.

Beispiel Ungleichheit zwischen den Ländern: Vor der Pandemie nahm die Ungleichheit zwischen den Ländern ab – derzeit nimmt sie wieder zu, wobei die enorme Auslandsverschuldung die Erholung vieler Länder behindert. 60 Prozent der einkommensschwachen Länder stehen am Rande der Zahlungsunfähigkeit ihrer Schulden.

Die wachsende soziale Ungleichheit ist das Kardinalproblem in Europa und der ganzen Menschheit. Und die Coronapandemie hat die soziale Ungleichheit auch in Deutschland verstärkt. Das Vermögen der zehn reichsten Personen ist seit Beginn der Pandemie von 144 Milliarden US-Dollar auf 256 Milliarden Dollar gewachsen. Allein dieser Gewinnzuwachs entspricht annähernd dem Gesamtvermögen der ärmsten 40 Prozent, d.h. von 33 Millionen Deutschen. Währenddessen ist die Armutsquote in Deutschland auf einem Höchststand von 16,1 Prozent gestiegen. Diese wachsende Ungleichheit ist die Folge kapitalistischer- und imperialer Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Reichtum wie Armut entspringen kapitalistischen Eigentumsverhältnissen an den Produktionsmitteln und der damit verbundenen privaten Aneignung des Mehrwerts, den die Arbeitskraft hervorbringt. Verteilungs-Ungerechtigkeit hat seine Ursache in der Eigentums-Ungerechtigkeit. Deshalb muss in den sozialen Auseinandersetzungen die Eigentumsfrage nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet werden. In der Berliner Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“ ist das gelungen, weil im Sektor Mieten und Wohnen das privatkapitalistische Eigentum besonders deutlich als Problem hervortritt.

Ein marxistisches Verständnis der Eigentumsfrage geht davon aus, dass die Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, also das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln nicht das Ziel sozialistischer Politik sein kann, sondern „nur“ Mittel zum Zweck.

Der Zweck besteht in der dann möglichen Emanzipation der Menschen, einer Produktionsweise, die frei ist von Ausbeutung von Mensch und Natur, die den Planeten nicht weiter ruiniert und eine planetarische Gerechtigkeit zum Ziel hat. Eine solidarische Gesellschaft.