Gibt es heute noch Klassen? Noch Klassenkampf? Soziale Ungleichheit in den USA höchste seit über 100 Jahren – bei uns seit fast 80

2022 | Joe Piettehttps://www.flickr.com/photos/109799466@N06/, Flickrhttps://flic.kr/p/2mXssnt | https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/CC BY-SA 2.0

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen… moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt… Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen, sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proleten.“

So schwungvoll haben Marx und Engels im Auftrag des „Bundes der Kommunisten“ im Kommunistischen Manifest die historische Mission der Arbeiterklasse besungen[1].

Doch dies war vor 176 Jahren. Kann das, wenn es denn überhaupt je gültig war, heute noch gültig sein? Nach mannigfaltigen technologischen Revolutionen, nach Digitalisierung und HomeOffice, gibt es da noch die Arbeiterklasse, haben die Menschen nicht inmitten eines rasanten Klimawandels und unmittelbarer Kriegsgefahr und -realität ganz andere Sorgen als eine antikapitalistische Revolution?

Von Klassen zu reden, antworten die liberalen Publizisten, sei sowieso nur nostalgischer oder bösartiger Unfug, billige Legitimation für Terrorismus oder Krawallmacherei. Klassen gäbe es keine mehr, sie seien fragmentiert oder nivelliert. Die Klassengesellschaft sei längst abgelöst von einer Leistungs- oder einer Risikogesellschaft. In einem Sozialstaat wie Deutschland stünden jedem alle Wege nach oben offen. Klassengesellschaft, Marxismus gar sei eine Sache des 19. Jahrhunderts, gründlich blamiert im 20. mit dem Ableben des realen Sozialismus. Im 21. Jahrhundert gehe es vorrangig nicht mehr um Wirtschaftserträge für die Marktteilnehmer, sondern für alle um die Abwehr der Risiken wie Umweltverschmutzung, Atomkrieg, Epidemien. Klassenfragen interessierten nicht mehr, heute zählten Menschheitsfragen.

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Der Hinweis auf Menschheitsfragen ist richtig und wichtig. Immer mehr Konflikte entspringen nicht dem unmittelbaren Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital in den Wirtschaftssystemen, sondern dem der Profitlogik folgenden Wirtschaftssystem und seinen existenzbedrohenden Auswirkungen auf Natur, Umwelt und den Menschen. Es fragt sich aber, ob die Ausbeutung der Arbeiterklasse nicht auch während der Menschheitskrise beibehalten wird, ja sogar intensiviert wird. Es fragt sich auch, inwieweit die Menschheitsfragen, in deren Zentrum die rapide Ruinierung der natürlichen Lebensgrundlagen steht, nicht unmittelbar zusammenhängen mit der Klassenfrage, nämlich mit der rücksichtslosen Ausbeutung aller menschlichen und natürlichen „Rohstoffe“.

Hier wollen wir uns anhand der Daten von Thomas Piketty um die wachsende Ungleichheit in allen kapitalistischen Ländern kümmern, einer der Hauptfaktoren der Unterscheidung in Unten und Oben, in beherrschte und Herrschende Klasse[2].

Piketty hat die dort veröffentlichten Zahlen wieder verwendet in seinem neuen Buch „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“, München 2022, wo er die historische Entwicklung von Ungleichheit zu mehr Gleichheit und wiederkehrender Ungleichheit im Neoliberalismus beschreibt. Piketty will die schroffe Ungleichheit aktuell auf die USA beschränken, in Europa sieht er einen auf Gleichheit zustrebenden Sozialstaat am Werk. Tatsächlich kann, wie w.u. dargelegt wird, davon keine Rede sein. Die soziale Ungleichheit ist in der Coronazeit und jetzt in der Phase der Preisexplosion für die Güter des täglichen Bedarfs noch erheblich gewachsen.

Der Neoliberalismus hat uns in die alte Ungleichheit zurückgeworfen

Die Einkommensungleichheit in den USA ist so hoch wie 1910 und in Deutschland wie 1940[3]. Seit 1980 weist die Kurve der Ungleichheit in den USA steil nach oben. Die obersten 10% der Einkommensbezieher erhielten in den USA 1980 bereits rund 30% des Nationaleinkommens, 2015 waren es gewaltige 47%.

In Europa verzeichnete das oberste Dezil (Zehntel) 1980 rund 28%, 2015 rund 36%[4]. Das oberste 1% (Perzentil) verdoppelte in den USA von 1980 bis 2015 seinen Anteil von 10 auf 20%, und lag damit über den Rekordwerten von 1900 bis 1910. In Westeuropa war der Anstieg fast genauso steil: im Falle Deutschlands von 6 auf 10%[5].

Insgesamt reißt die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer weiter auseinander. Während der Anteil der Reichsten am Nationaleinkommen seit 1980 in aller Welt gestiegen ist, stagniert der Anteil der unteren 50%, oder sinkt. Seit 2018 sinkt er in allen Ländern der EU. In den USA ist der Anteil der unteren 50% der Einkommensbezieher von 20 auf 13 gesunken, während das reichste 1% den seinen von 13 auf 20% erhöhte[6]. Das Durchschnittsjahreseinkommen eines Angehörigen der obersten 1% der USA beträgt rund 1,3 Millionen Dollar, jenes der unteren 50% rund 16.000 $. Das wesentliche Kennzeichen der USA heute ist der Absturz der US-Mittelklasse, der auch unter Präsident Biden anhält. Die „populistische“ Reaktion darauf ist die Prominenz eines Donald Trump, der als Favorit der nächsten Präsidentschaftswahlen gehandelt wird. Würde Trump wieder Präsident, wäre die Welt an einem Schicksalspunkt angelangt. Trumps „America First“ ist eine faschistische Kampfansage an den Rest der Welt.

Soziale Ungleichheit in den USA höher als vor hundert Jahren – und sie wird, auch bei uns, immer größer

Nimmt man den Anteil der untersten 50% und dagegen den Teil der obersten 1% als Maß für die Ungleichheit in einzelnen Ländern, dann erhalten wir folgendes Bild der regionalen Ungleichheiten[7].

Die ungleichste Region ist der Nahe Osten, wo das oberste 1% fast 30% des Nationaleinkommens einstreicht, während die unteren 50% der Menschen mit 9% desselben auskommen müssen. Dem Nahen Osten folgen Europa und die USA – in Europa liegt der Anteil des reichsten 1% bei 11%, in den USA bei 13%, die untere Hälfte hat sich in Europa mit 21%, in den USA mit 15% zu begnügen. In China, der selbsternannten sozialistischen Gesellschaft, halten sich die Anteile der reichsten 1% und der unteren Hälfe der Bevölkerung die Waage – das reichste 1% erzielt 15 %, die untere Hälfte 16%.

Die Einkommensungleichheit prägt also in einem gewaltigen Ausmaß die globalen Gesellschaften. Wenn 1% fast das Doppelte verdienen wie 50%, dann verdient der einzelne Reiche im Durchschnitt das Hundertfache der unteren Hälfte seiner Mitbürger.

Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ist das gerecht? Ist das sozial? Natürlich nicht. Der Sozialdemokrat Piketty versucht zwar ständig, das soziale Plus der Europäer und ihres sozialdemokratischen „Sozialstaats“ herauszustellen, doch zeigt die Gegenüberstellung des 1% oben zu den 50% unten, dass Europa kaum besser abschneidet als die USA. Doch so zerrissen und ungleich die Gesellschaften sind – sind sie deshalb schon Klassengesellschaften? 

Ergibt der Klassenbegriff noch Sinn?

In „Z. Zeitschrift für Marxistische Erneuerung“ will Lothar Peter den Klassenbegriff möglichst gründlich zu Grabe tragen. Aus einer ökonomischen Klassenlage ergäben sich keineswegs „zwingend“ bestimmte Bewusstseinsformen und Handlungsziele. Eine Klasse bestimme sich aber nicht nur durch ihre gemeinsame ökonomische Lage. Dazu treten müssten eine gemeinsame soziale Lebensweise und ein gemeinsames kollektives Selbstbild und gemeinsame Wertorientierungen. Doch nur bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts seien objektive Klassenlage, kollektive Lebensweise und klassenspezifisches Differenzbewusstsein der Arbeiter deckungsgleich gewesen. Seitdem hätten sich die charakteristischen Merkmale bisheriger sozialer Klassen aufgelöst. Die Mehrheit der Gesellschaft stelle eine „schwer überschaubare Gemengelage von ökonomischer Konkurrenz, Ungleichheitsrelationen, Statuskämpfen und kulturellen Konflikten einander entfremdeter sozialer Gruppen und Segmente“ dar. Man müsse damit rechnen, „dass sozialer Atomismus, Entsolidarisierung und moralische Desintegration weiter fortschreiten“. Im Übrigen sei es Marx im „Kapital“ im Wesentlichen um die ökonomischen Voraussetzungen der Klassenbildung in der bürgerlichen Gesellschaft gegangen, „nicht jedoch um die Entfaltung eines Begriffs von Klassen als kollektiven Akteuren im Zusammenhang konkreter Klassengegensätze“.

Peter hat die seit Geiger und Simmel in der bürgerlichen Soziologie verhandelten Argumente der Zerrissenheit der Arbeiterklasse richtig wiederholt, sein Ansatz ist aber völlig falsch. „Klasse“ ist keine „deskriptive“ Kategorie, die eine vorhandene empirisch zu begreifende Realität beschreibt, sondern zunächst eine analytische Kategorie, die das objektive Interesse einer Personengruppe umreißt, das sich als Faktor des sozialen Konflikts auswirkt. So hat Ralf Dahrendorf in seiner „Konflikttheorie“ die Rolle der Arbeiterklasse beschrieben, die er als konfliktbereiter Sozialpartner für nötig und förderlich für den nötigen Klassenkompromiss[8]. 

Marx hat im „Kapital“ hingegen den antagonistischen Charakter des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, die Unversöhnlichkeit der Gegensätze der Arbeiterklasse zum mehrwertheischenden Kapital und die Brutalität und Unmenschlichkeit des Kapitalismus als systembedingt enthüllt. Der Kapitalist hat nur insofern Profit, als er dem Arbeiter einen Teil des von ihm erstellten Wertes vorenthält. Er verfügt über diesen immer größer werdenden Mehrwert, wie er auch dank seiner überragenden Stellung über das Was und Wie des Wirtschaftens entscheidet. Peters Versuch, Marx als „Theoretiker der ökonomischen Voraussetzungen der Klassenbildung“ von den konkreten Klassenkämpfen trennen zu wollen, ist der untaugliche Versuch, Marx als „reinen Theoretiker“ von den Praktikern der revolutionären Arbeiterklasse zu entfernen. Marx und Engels, die Verfasser des „Kommunistischen Manifests“, waren höchst aktive Mitglieder des geheimen „Bundes der Kommunisten“, deren erster Artikel ihrer Statuten lautete: „Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum.“[9]

Marx ging es also nicht nur „um die ökonomischen Voraussetzungen der Klassenbildung“, es ging ihm geradeso und in letzter Konsequenz um die „Herrschaft des Proletariats“. Die ökonomische, soziale und kulturelle Homogenität der Arbeiterklasse, die Peter verlangt, war nie gegeben, auch zu Marx‘ Zeiten nicht („Arbeiteraristokraten“ gaben in vielen Gewerkschaften und Betrieben auch damals den Ton an).

Zu den häufigst vorgebrachten Argumenten, dass die Klassen sich längst aufgelöst haben, gehören die Behauptungen, die soziale Mobilität sei so gewaltig, dass sich entweder eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ gebildet habe[10] oder dass jeder seines Glückes Schmied sei und sein könne, er sich also zu Recht an seinem Platz befinde.

Demgegenüber weisen Boise Rehbein et al. nach, „dass soziale Ungleichheit in Deutschland auf der Existenz unsichtbarer sozialer Klassen beruht und durch Klassifikation reproduziert wird“[11].

Rehbein hat keineswegs ein marxistisches Klassenverständnis, er teilt die Bevölkerung unterhalb der „enthobenen“ Oberklasse in vier Berufsklassen ein: Berufsklasse 1. Un- und Angelernte, 2. Fachkräfte, 3. Semiprofessionelle und 4. Professionelle[12]. Dann zeigt er, dass die Berufstätigen seines repräsentativen Samples eine hohe Korrelation nicht nur mit dem Beruf des Vaters, sondern auch des Großvaters aufweisen. Am stärksten ist diese Korrelation bei den Facharbeitern. 62% der Facharbeiter sind Söhne und 59% sind Enkel von Facharbeitern. Auch die Partnerschaften finden in der Regel innerhalb desselben Milieus statt. Rund 70% der Männer heiraten in ihrer Berufsklasse, nur in der obersten Klasse 4 heiraten 50% „nach unten“. Allerdings nur 2% Frauen der Klasse 1 und 40% Frauen der Klasse 3. Frauen heiraten mehr „nach oben“, allerdings in der Regel nur eine Berufsklasse höher. Rehbein und KollegInnen haben zwar nichts zur Marxschen Klassentheorie beizutragen, aber sie haben schlagend dokumentiert, dass die Arbeiterklasse nicht verschwindet, sondern dass sich ihr „Stamm“ relativ fest bis heute weitgehend fortsetzt, in Rehbeins Worten, dass „eine starke Reproduktion der sozialen Position über Generationen hinweg zu beobachten ist“[13]. Die fortschreitende Digitalisierung wird diesen Zustand besonders in den „unteren“ Berufsklassen nur wenig verändern können, wobei die Frage, in welcher abhängigen Berufsklasse man zu arbeiten hat, nur dann etwas an der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse ändert, wenn die Tätigkeit de facto unternehmerischen Charakter hat. So aufschlussreich Theorien und Studien zu Mentalitäts- und Milieutypen auch sind[14]. 

über die Zugehörigkeit zur Klasse des Kapitals oder der Arbeit, zur herrschenden Klasse oder zur beherrschten, entscheidet, ob der oder die Betreffende teilhat an der Ausübung der Kapitalherrschaft. Sei es, ob er oder sie Eigentümerin von Produktionsmitteln ist oder ob er sie an führender Stelle im Herrschaftssystem des Kapitals tätig ist, sei es als Manager, als Richter, als Staatssekretär, General, Theaterdirektor, Wissenschaftler, Chefredakteur oder ähnlich wichtiger unternehmerischer, beamtenmäßiger, militärischer, kultureller oder ideologischer Funktion.

Das Eigentum an Produktionsmitteln ist noch krasser ungleich verteilt

Schaut man sich die Vermögensverteilung in Deutschland an, was ja vor allem das Privat-Eigentum an den Produktionsmitteln einschließt, neigt man dazu, Marx und dem Klassenkonzept Recht zu geben. Zur Einkommensungleichheit tritt nämlich in Europa wie in den USA die Vermögensungleichheit. Das oberste Perzentil besitzt in den USA fast 40% des Gesamtvermögens, in Europa sind es knapp 20%. Das oberste Dezil (10%) nennt in den USA über 70% des Vermögens sein Eigen, die 10%-Oberschicht in Europa kommt auf 55%[15]. Das Vermögen ist nicht einfach das Geld auf der Bank oder das eigene Häuschen. Das Vermögen, 1990 noch 150 % des BIP, ist heute 400% des BIP wert[16]. Es setzt sich zusammen aus Finanzanlagen (90%), Immobilien (9%) und Bargeld (1%)[17]. Finanzanlagen bedeutet vor allem Aktien, Schatzbriefe und andere Wertpapiere – die Eigentümer der großen Finanzanlagen herrschen über die Wirtschaft, sie sind die Herren und Herrinnen über das Kapital, sie stellen das Gros der Kapitalistenklasse. Sie sind das Herz der herrschenden Klasse. Piketty hat einen quantitativen Entwurf für Frankreich versucht. Danach erhält die untere Hälfe der Bevölkerung nur 5 % der Kapitalerträge, knapp 30% fließen den nächsten 40% zu, die oberen 10% kassieren 65% der Kapitalerträge. Bei den Arbeitseinkommen erzielen die oberen 10 % 27%, die mittleren 40% knapp 50%, die unteren 50% nur24%[18]. Es sind die oberen 10%, die einmal über das Gros der Kapitalanlagen verfügen und deren Rendite einnehmen, und die auch weit höhere Arbeitseinkommen erhalten, also höhere Positionen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben bekleiden. Die oberen 10% in Frankreich verdienen an Arbeitseinkommen also schon mehr als das Fünffache der unteren 50%, an Kapitaleinkommen das Einundneunzigfache. Deutschland mag etwas „sozialer“ sein, aber die Grundtatsache ist klar: Wir haben es in den kapitalistischen Gesellschaften mit Klassengesellschaften zu tun, in denen die Eigentümer des Kapitals und die oberen hochentlohnten und dispositiven Berufe, die alsbald auch Vermögensbesitzer werden, die Klasse der Kapitalisten bilden. Mit ihrem finanziellen und beruflichen Einfluss formen sie die politischen und ideologischen Fragen der Zeit, können direkt eingreifen in Medien und Politik.

Die Unterschicht wird klar und grundsätzlich benachteiligt, sie ist das entschiedenste Gegenstück zur Kapitalistenklasse. Die 40%, die auf die untere Hälfte folgen, der obere und oberste „Mittelstand“, erzielen 45% der Gesamteinnahmen. Ihr oberer Teil ist bekanntlich zu Teilen anfällig für kapitalistische Leistungs- oder Risikogesellschaftsvorstellungen. Ihr Zustand wird genau zu untersuchen sein.

Die untere Hälfte steht zwar offenkundig in einem objektiven und krassen Gegensatz zur Kapitalistenklasse, aber subjektiv, in ihrem Bewusstsein haben die wenigsten diesen Gegensatz klar erkannt. Viele finden ihre Lage unerträglich, manche fangen an zu revoltieren, sie wenden sich gegen die „Eliten“ wie in den USA, gegen den „Staat“ und seine Repräsentanten, wie in Deutschland, doch nicht wenige der Mobilisierten rennen Typen wie Trump, Le Pen oder Höcke oder ähnlichen faschistischen Figuren hinterher.

Solange es keine nennenswerte linke, von Klassenpositionen ausgehende Gegenkraft gibt, wird die soziale Ungleichheit immer rapider zunehmen können, werden die nach unten Gedrückten, die Armen und Prekarisierten immer mehr – und wird ihre Not und ihr Unmut sich immer „rechtspopulistischer“ bis faschistischer äußern.

Ausblick

Unser Ziel ist, die Konturen dieser linken Gegenkraft zu zeichnen, die folgende Determinanten zu berücksichtigen hat:

  1. Sie muss global sein. Die modernen Gesellschaften sind eng miteinander verzahnt, die Produktionsketten sind global, die Hälfte der deutschen Produktion geht ins Ausland, der US-Finanzkonzern BlackRock ist Großaktionär aller deutschen DAX-Konzernen; wir brauchen eine moderne „Internationale“ gegen das globale Kapital. Während das Kapital längst global organisiert ist, ist dies für Gewerkschaften und Linke Bewegungen nur in Ansätzen der Fall. Hier liegt eine fundamentale Aufgabe der Linken.
  2. Sie muss feministisch sein. Frauen haben objektiv unter dem Kapitalismus am meisten zu leiden. Ihre Sorge-(Care-)Arbeit in den Familien bleibt unbezahlt, was sie ausbeutet und „zur Sklavin des Mannes“ (Marx) machen kann. Für die gleiche Arbeit bekommen sie in Deutschland 18% weniger Lohn. In großen Teilen des Südens wie des Westens der Welt sorgen die Frauen für die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens, immer mehr werden sie auch zu Personen, die den gesellschaftlichen Diskurs prägen.
  3. Die antikapitalistische Klassenformation muss die „Neuen Sozialen Bewegungen“ umfassen (die so neu nicht sind), die sich gegen die Zerstörung des Planeten durch Verschmutzung der Umwelt, Überhitzung des Klimas und ständiger Epidemien wegen rücksichtsloser Ausbeutung der natürlichen und menschlichen Ressourcen wehren. Der Profittrieb ist das Grundübel unserer Zeit. Solange die Maxime gilt: „Lass die tüchtigsten Profiteure ran, dann haben alle das Optimum“, nähert sich das menschliche Leben dem Ende. Der Ressourcenverbrauch der USA setzt eine fünffache Welt voraus, der Deutschlands eine dreifache. Wir haben aber nur eine. Der kapitalistischen Profitwirtschaft muss ein Ende gesetzt werden. Menschheits- und Klassenfragen sind heute eins.
  4. Im Zentrum der Bewegung in den entwickelten kapitalistischen Ländern muss die Arbeiterklasse stehen. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung gehört zum armen Teil der Klasse, objektiv einer schlimmen Ausbeutung unterworfen. Dies ins subjektive Bewusstsein zu rücken und den Widerstand gegen die Ausbeutung organisieren helfen, muss die Aufgabe der Linken sein. Darüber hinaus geht es darum, den ideologischen Kampf zu führen, so dass auch höher entlohnte „Unteroffiziere““ der Klasse einsehen, dass der Kapitalismus das Gegenteil eines zukunftsträchtigen Projekts ist. Diese Einsicht bleibt den „Offizieren“ Im Kapitalismus offenkundig versperrt, wie in Deutschland die FDP-Oberen Lindner und Kubicki demonstrieren, von BDA und BDI nicht zu reden. Es bleibt bei der Einsicht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die materiellen Interessen überwiegen bei den meisten Kapitalisten die Gebote der Menschheitsprobleme.
  5. Die 3. Internationale stand unter der Losung: „Arbeiter aller Länder, unterdrückte Völker, vereinigt Euch!“ Heute könnte die Losung für eine globale antikapitalistische Bewegung lauten: „Arbeiter und Frauen aller Länder, unterdrückt gehaltene Völker, vereinigt Euch!“

[1] Manifest des Bundes der Kommunisten, MEW 4, 424ff
[2] Thomas Piketty, Kapital und Ideologie. München 2020
[3] Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, S. 532
[4] ebd. S. 532
[5] ebd. S. 534
[6] ebd. S. 659f
[7] ebd. S. 619ff
[8] Ralf Dahrendorf in seiner Habilitationsschrift „Soziale Klassen und Klassenkonflikt, 1957
[9] MEW 4, S. 596
[10] So der Soziologen-Bestseller von Helmut Schelsky schon 1953: H. Schelsky: Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft
[11] Boike Rehbein: Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland. o.J., S. 11. Die Arbeit wertet Untersuchungen bis 2015 aus
[12] ebd. S. 22f
[13] ebd. S. 22
[14] Fortschrittliche Studien dieser Art gehen meist zurück auf Pierre Bourdieu, u.a. Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M 1982. Und: Sozialer Sinn. Frankfurt/M 1987. Und: B.P./Luic Wacquant, Reflexive Anthropologie. Frankfurt/M 1996. Bourdieu nimmt an, dass soziale Praxis aus einem Zusammenwirken von Habitus und sozialen Feldern entsteht. Das soziale Feld wird dabei wesentlich durch Macht und/oder Kapital definiert, während im Habitus die verinnerlichten sozialen Erfahrungen des Menschen zum Ausdruck kommen, die vor allem durch seine Herkunft geprägt sind.
[15] Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, S. 536
[16] ebd. S. 544
[17] ebd. S. 697
[18] ebd. S. 698