report 37/38

0,00 

Weltwirtschaftskrise!?
erscheint: Oktober 1998
Umfang 50 Seiten
Kategorien: ,

Beschreibung

Der Boom hatte lange gedauert. Dann machte es an den Börsen wieder gewaltig „bumm“. Das war im Oktober 1997, fast auf den Tag zehn Jahre nach dem Crash 1987, dem bislang größten Aktiensturz nach dem „Schwarzen Freitag“ 1929. Gemessen an absoluten Indexpunkten übertraf der „Mini-Crash“ 1997 allerdings seinen Vorgänger. Bös erwischte es vor allem Kleinanleger und Späteinsteiger, die mit dem Ritt auf dem rasenden Bullen, dem Sinnbild für Börsen-Hausse, zur schnellen Mark kommen wollten. Sie erwachten aus ihren Geldphantasien nicht von brummenden Börsen, sondern vom Gebrumm des Bären, dem Patentier der Baisse. „Verdoppeln Sie Ihr Vermögen“ – mit diesem Aufmacher hatte die Geld-Journaille „Capital“ noch im August 1997 ihren Lesern und Westentaschen-Soros den Aktienkauf schmackhaft gemacht. Die „Emerging Markets“ galten bei den Finanzblättern als der heiße Tip beim Run auf das schnelle Geld.

Ebensowenig wie der IWF hatten die Anlage-Gurus gemerkt, daß die asiatischen Tiger- und Schwellenländer an der Schwelle zu Hochfinanz und Metropolen-Kapitalismus gestrauchelt waren. Als der Bauchplatscher beim großen Sprung zur entwickelten Weltwirtschaft offenbar wurde, scheute das kapitale Reh blitzschnell aus der Region. Die Weltbörsen gingen auf Talfahrt. Menetekel einer Wirtschafts- und Finanzkrise?

Zunächst nicht. Die Finanzmärkte und Geldgierigen erholten sich schnell von dem Schock und schluckten bereitwillig die dargebotenen Beruhigungspillen: „Notwendige Kurskorrekturen“ „Regionalkrise“, nur geringe Auswirkungen“ auf die ökonomischen Zentren, „keine Ansteckungsgefahr“ – „Kaufen, kaufen, kaufen!“

Der Bulle nahm den Bär auf die Hörner und raste davon. Dax und Dow Jones stürmten von Gipfel zu Gipfel: 5000 für den Dax im März 1998, 6000 im Juli … Der Wert der dreißig deutschen Blue Chips hatte sich in weniger als fünf Jahren – von Oktober 1993 bis zum 8. Juli 1998 – von 2000 auf 6000 Punkte verdreifacht. Eine 2000-Mark Einlage aut einem Sparbuch notierte nach der gleichen Zeit mit Zins und Zinseszinsen gerade mal 2.300 Mark. Ein Narr wer da nicht zum „Investor“ wurde, sein Geld mit redlicher Arbeit verdiente. Das „Managermagazin“ sah für das Jahr 2000 den „Dax auf 7500“ (Juli 1998), das Handelsblatt (9.7.98) phantasierte von „Mount Dax“ in MountEverest- Höhe (8872 Meter); der Dow Jones kletterte bereits in dieser Höhe und peilte die 10. OOOer Marke an. Kaum einen Monat später war die Party over. Katerstimmung machte sich breit. Die Kurse fuhren Achterbahn, Tendenz abwärts. Der „Jo-Jo-Effekt“ der Börsenkurse resultiert daraus, daß die institutionellen Großspekulanten und Insider ihren Schnitt mit Baissespekulationen machten, während die Kleinanleger bei täglich schwankenden Kursen in der Regel jeweils eine Phase zu spät ein- oder aussteigen. Was aber ist der realökonomische Hintergrund des globalen Finanz- und Börsenbebens? Wenn die Börse noch so etwas wie ein ökonomischer Indikator oder gar Konjunkturbarometer ist, dann läßt sich wohl als erstes folgendes lsw-reporl Nr. 37/38 sagen: Der Infektionsherd für die Börsengrippe im Oktober 1997 hatte seinen Ursprung in Asien. Die Wachstums- Wunder-Region steckte seit Monaten in einer Akkumulations- und Entwicklungskrise, die Renditeperspektiven für Investoren und institutionelle Anleger waren zumindest fürs erste vorbei. Der Schock aber wurde zunächst weggesteckt, noch florierten die Märkte in den anderen Schwellenländern, die Multis und Börsenfavoriten der Metropolen versprachen Spitzengewinne, die Konjunktur in USA und Europa brummte. Zu den bereits vorhandenen Geldfluten an den Finanzmärkten der Metropolen jetzt kamen die abgezogenen Milliardenströme aus den Tigerökonomien und trieben die Kurse erst richtig nach oben. Die Krise in Südostasien aber wurde zur „Regionalkrise“ heruntergestuft, der IWF versuchte, im asiatischen Hinterhof Brandmauern einzuziehen, die Beschwichtiger und Schönredner hatten ihre Stunde. Erst als der Brandherd in Südostasien im Frühsommer 1998 richtig aufloderte, andere Brennpunkte dazukamen, sich die IWF-Finanzfeuerwehr mehr als Brandstifter offenbarte, kam Angst vor einem globalen Flächenbrand auf. Das Gespenst einer Weltwirtschaftskrise geistert herum.

Inhalt

  1. Steigendes Krisenpotential in der Weltwirtschaft
  2. Südostasien: Wachstumsland- abgebrannt
  3. Japan: Von der „Herausforderung“ zur „Gefahr“
  4. China: Dämme gegen die Spekulationsflut
  5. Russisch Roulette
  6. Lateinamerika: An der Schwelle gestolpert
  7. Metropolen: Die Party ist over
  8. Ratlose Ratgeber und Feuerwehr als Brandstifter