report 71

15.09.2007 | Frank Deppe, Hans-Jürgen Urban, Juri Hälker, Claudius Vellay, Hubert Thiermayer, Tatjana Fuchs

Drucken

Seit der Endphase des „Fordismus“ und des dazu gehörigen „Sozialstaates“ befinden sich die Gewerkschaften in der Defensive. Im Zuge der Neoliberalisierung wurde gewerkschaftliche und betriebliche Interessenvertretung weithin ins Co-Management mit der Konzernpolitik einbezogen. Das 15. isw-forum befasste sich daher mit dem Thema „Zukunft braucht Gegenmacht – Erneuerung der Gewerkschaften und Aufbau eines gesellschaftlichen Bündnisses gegen den Neoliberalismus“.

Frank Deppe untersucht die Frage: Befinden wir uns mitten in einem Prozess, worin die Tendenzen zur Überwindung der Krise der Gewerkschaften stärker sind als jene Tendenzen, die in den letzten Jahren als Faktoren neoliberaler Hegemonie festgestellt wurden? Seine Ausgangsthese: Die Gewerkschaften profitieren derzeit von der Konjunktur und der Entspannung auf den Arbeitsmärkten wie auch von der Wahrnehmung der „Gerechtigkeitslücke“ bei den Lohnabhängigen und den subalternen Klassenfraktionen insgesamt. Die Strukturprobleme einer Erneuerung seien indes längst noch nicht gelöst, meist seien sie in den innergewerkschaftlichen Diskursen noch nicht einmal angekommen.

Hans-Jürgen Urban analysiert den Zusammenhang zwischen der Etablierung des neuen, neoliberalen Finanzmarkt-Kapitalismus und der gewerkschaftlichen Defensive. Für ihn gilt dieser Zusammenhang aber auch in der umgekehrten Richtung. Dies bedeute, dass die Rückgewinnung gewerkschaftlicher Offensivkraft ein erfolgreiches Einwirken auf die neue Kapitalismusformation voraussetze. Deshalb verlangt Urban von den Gewerkschaften die Herausbildung einer gesellschaftlichen Reformstrategie und eine entsprechende Praxis. Die Durchsetzungsmacht der Gewerkschaften basiere aber nach wie vor auf der Verankerung unter den Lohnabhängigen in den Betrieben. In diesem Sinn fordert Urban einen „integrierten Strategieansatz“.

Juri Hälker und Claudius Vellay kommen bei der Untersuchung der Entwicklung der Gewerkschaften auf internationaler Ebene zu einem überwiegend negativen Ergebnis. Während die Kapitalseite international und insbesondere europäisch aufgestellt sei, gehöre zu den Schwächen der Gewerkschaft ihre weitgehende nationale Beschränktheit. Zu den Mängeln dieser Position zähle auch das bisherige Fehlen eines gewerkschaftlichen Gegenentwurfs zum europäischen Einigungsprozess. Sie kritisieren die Strategie eines Lobbyismus auf der Basis freundschaftlichen Einvernehmens mit der Europäischen Kommission und fordern stattdessen eine neue Kapitalismuskritik und die Bildung autonomer Gegenmacht.

Tatjana Fuchs und Hubert Thiermeyer zeigen Wege zur Erneuerung gewerkschaftlicher Handlungsfähigkeit, insbesondere in den Betrieben, auf. Notwendig seien eine Abkehr von der bisherigen Stellvertreterpolitik und eine Hinwendung zu einer Kultur der permanenten Beteiligung und Handlungsorientierung der Belegschaften. Wichtige Eckpfeiler der neuen Strategie sind Elemente des Organizing-Modells, die Weiterentwicklung der Kampagnenarbeit und der Ausbau von sozialen Netzwerken und gesellschaftlicher Bündnisarbeit. Wie sie am Beispiel des Einzelhandels entwickeln, lasse sich so auch in Betrieben mit einem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad ein Druckpotenzial zur Durchsetzung der Interessen der Beschäftigten aufbauen.