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Besser – Kürzer – Arbeiten. Die große Krise und die Zukunft der Arbeit
erscheint: Juli 2010
Umfang 32 Seiten
Kategorie:

Beschreibung

Das 18. isw-Forum im Mai 2010 in München war einem Thema gewidmet, das für die nächste und die weitere Zukunft der arbeitenden Menschen in Deutschland von entscheidender Bedeutung sein wird: Wird die anhaltende – und sich auf den Finanzmärkten noch verschärfende Krise – zu einer weiteren Verschlechterung der Leistungs- und Zeitstandards der Arbeit führen, oder kann die Krise umgekehrt zu einer Offensive für kürzere und mehr „gute Arbeit“ genutzt werden?

Die Referentin und die Referenten sprachen sich allesamt gegen einen selbstlähmenden Pessimismus à la „Schlechte Zeiten für Gute Arbeit“ aus. Der Behauptung des Mainstreams, in der Krise müssten von der Masse der Bevölkerung weitere Opfer gebracht werden, stellte Dieter Sauer die radikale These entgegen: Eine nachhaltige Bewältigung der Krise ist ohne eine grundlegende Verbesserung der Arbeitszeit- und Leistungspolitik gar nicht möglich. Die bisherige Produktionsweise, diktiert von angeblichen Markt-„Sachzwängen“ und Profitdiktaten der Finanzinvestoren, führt zum Ruin der Arbeitskraft. Kennzeichnend für die Arbeit im modernen Unternehmen ist die systematische und geplante Überlastung der Beschäftigten. Zu diesem ständigen Druck und der Versagensangst kommt die allgemeine Existenzunsicherheit sowohl für die prekär Beschäftigten wie für noch „Normalbeschäftigte“. Zunehmend machen die Menschen in den Betrieben, selbst die in den Leitungspositionen, für die Schwierigkeiten und die Zumutungen „das System“ verantwortlich. Doch führt diese Erkenntnis nicht zum Zünden von Aktionsbereitschaft, vielmehr ist sie gekoppelt mit einem Gefühl der Ohnmacht. Die Kernfrage heute lautet: Wie schaffen wir es von Enttäuschung, Angst und Wut hin zu Mobilisierung und Aktivität?

Steffen Lehndorff bewies den eindeutigen Zusammenhang von Verkürzung der Arbeitszeit mit der Sicherung und Ausweitung von Beschäftigung. Dass die Beschäftigung in Deutschland trotz eines Wirtschaftseinbruchs von 5 % fast auf dem alten Niveau blieb, war in erster Linie der politisch subventionierten Kurzarbeit zu verdanken. Diese Erfahrung – dass Arbeitszeitverkürzung Beschäftigung sichert – müsse jetzt in die gewerkschaftlichen Aktivitäten eingebracht werden, auch wenn sich die Konjunktur wieder belebe. Andernfalls droht ein erheblicher Arbeitsplatzverlust in der deutschen Industrie, die in den kommenden Jahren vor grundlegenden Umstrukturierungen steht. Lehndorff plädiert dafür, dass gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik sich an den unterschiedlichen Arbeitszeitwelten der einzelnen Beschäftigungsgruppen orientiert. Eine Forderung nach allgemeiner Arbeitszeitverkürzung sei ebenso problematisch wie die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Die Problemlagen und Interessen seien verschieden, doch müsse man aus dieser Vielfalt zu einer Einheit in der Arbeitszeitpolitik finden. Die Betonung der Unterschiede im Referat stieß in der lebhaften Diskussion auf eine kritische Reaktion.

In ihrem Bericht über die Entwicklung konkreter betrieblicher Kämpfe um „gute Arbeit“ auch in der Krise schälte die Soziologin Tatjana Fuchs wesentliche Kriterien für erfolgreiche gewerkschaftliche Arbeit heraus: Die Beschäftigten müssen von Beginn an die Aktionen planen und durchführen. Die Funktion von Gewerkschaft und Betriebsrat ist die von Helfern zum eigenen Tätigwerden, jedes Stellvertreter-Handeln ist vom Übel. Mit der Selbständigkeit wächst das Zutrauen zur eigenen Kraft, man weitet die eigenen Fähigkeiten aus. Dementsprechend definierte die Wissenschaftlerin auch das Kriterium für den Erfolg von Aktionen im Betrieb: Man kann ihn nicht allein daran messen, ob das maximale Ziel erreicht worden ist. Vielmehr sei es wichtig, welche Erkenntnisse in die Zusammenhänge und in die eigene Kraft dabei gewonnen wurden. Entscheidend ist, dass man auch nach einer Niederlage wieder aufsteht und neu angreift.

Inhalt

  • Dieter Sauer: Die Krise zu einer Wende in der Zeit- und Leistungspolitik nutzen!
  • Steffen Lehndorff: Arbeitszeitpolitik nach der Kurzarbeit
  • Tatjana Fuchs: Mehr „gute Arbeit“ im „Tatort Betrieb“ – erfolgreiche arbeitspolitische Ansätze auch in Krisenzeiten