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Die arabischen Revolten und der Westen
erscheint: September 2011
Umfang 32 Seiten
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Beschreibung

Die Revolten in den arabischen Ländern haben nicht nur die Lage in den betroffenen Ländern, sondern auch die Statik der Geopolitik verändert und vielleicht auch unser Zutrauen in das revolutionäre Potenzial der Völker erhöht.

Werner Ruf stellt und beantwortet in seinem Beitrag kritische und weiterführende Fragen: Geht es wirklich um Revolutionen oder eher um Aufstände, die bisweilen Stammescharakter haben? Kann man von „arabischen“ Revolten sprechen? Wer ist der Träger dieser umstürzenden Prozesse in den arabischen Ländern? … Ein Schwerpunkt seiner Betrachtungen liegt in der Analyse der Reaktionen des Westens auf die neuen Bedingungen.

Wie Ruf stellt auch Magdi Gohary das Motiv „Würde“ in den Mittelpunkt seiner Analyse der Antriebskräfte des Widerstandes und der Revolten. Er untersucht genauer, wie die Revolten weitergehen werden; sein Hauptbeispiel ist Ägypten.

Die Autoren:

  • Magdi Gohary (69) kam vor 54 Jahren aus Ägypten nach Deutschland. Von Beruf Chemotechniker. Aktiv als Gewerkschafter und Betriebsrat. Besonders engagiert in der Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen. Referenten- und Seminartätigkeit vor allem zu den Themen Naher Osten und Apartheidsystem.
  • Werner Ruf (Jg. 1937), von 1982 bis 2003 Professor für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen an der Universität Kassel, Gastprofessuren an der New York University und der Université Aix-Marseille III. Vier Jahre Forschungsaufenthalte in Nordafrika.
    Arbeitsschwerpunkte: Friedensforschung, Sicherheitspolitik, Politik und Gesellschaft im Arabischen Raum, Politischer Islam.

Nicht zufällig nahm die Entwicklung ihren Anfang mit der „Yasmin-Revolution“ in Tunesien, bis dahin von der neoliberalen Propaganda als Musterland der Region gepriesen. Der damalige Chef des Internationalen Währungsfonds, Strauss-Kahn, lobte 2008 die Politik der tunesischen Regierung als „weise“, weshalb das Land sich auch in guter Verfassung befinde.

In seinem Beitrag stellt und beantwortet Werner Ruf kritische und weiterführenden Fragen: Geht es wirklich um Revolutionen oder nicht eher um Aufstände, die bisweilen Stammescharakter haben? Kann man von „arabischen“ Revolten sprechen – die Tunesier und Ägypter haben ihre Nationalfahnen geschwungen und ihre Nationalhymnen gesungen. Das panarabische Element, vor 50 Jahren prägend für die antikolonialistische Bewegung in den arabischen Ländern, war so gut wie nicht vorhanden. Abwesend waren auch, zumindest in den Anfängen, die islamistischen Bewegungen – welchen Einfluss haben sie in der weiteren Entwicklung gewinnen können. Ein Schwerpunkt seiner Betrachtungen liegt in der Analyse der Reaktionen des Westens auf die neuen Bedingungen. Die Revolten haben dem Westen, bisher der führende Partner in der Komplizenschaft mit den korrupten Macht-Eliten, demonstriert, dass „weichere“ Formen der Dominanz entwickelt werden müssen, um die politische Oberherrschaft und die geostrategische Kontrolle über die strategisch wichtige Region aufrecht zu erhalten. Die gebildeten Mittelschichten, tief unzufrieden mit ihrer Stellung und Perspektive in den alten Regimes, werden als Partner für den Aufbau eines bürgerlich-demokratischen politischen Systems mit marktwirtschaftlichen Prinzipien gesehen.

Eine Zäsur im internationalen politischen System fand anhand der Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates statt, die die militärische Einmischung in die inneren Angelegenheiten von missliebigen Staaten und Regierungen legalisiert. „Arabellion“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung das Geschehen zusammenfasste, hat den Westen zu erhöhter Vorsorge in seiner globalen Dominanz-Politik angetrieben. Wer ist der Träger dieser umstürzenden Prozesse in den arabischen Ländern? Werner Ruf wendet sich dem Begriff der „multitude“ von Hardt und Negri zu, wonach klassenund schichtenübergreifend die Menschen im Gegensatz zur herrschenden Ordnung stehen und diese gemeinsam überwinden wollen.

Einen ähnlichen Ansatz entwickelt Magdi Gohary. Der gebürtige Ägypter spricht vom „Volk“ als dem Subjekt der historischen Transformation und glaubt, in dieser Frage insbesondere Defizite der marxistischen Linken abbauen zu müssen. Wie Ruf stellt auch Gohary das Motiv „Würde“ in den Mittelpunkt seiner Analyse der Antriebskräfte des Widerstandes und der Revolten. „Brot und Würde“ als Gleichklang eines Verlangens nach menschlichen gesellschaftlichen Zuständen. Nur eine stabile materielle Basis sorgt für ein Leben in Würde. Das Verlangen nach Brot ist immer mehr als nur ein Aufschrei nach materieller Versorgung. Und vorenthaltene, unterdrückte Würde schlägt um in Kampf um neue materielle Verteilung. Gohary untersucht genauer, wie die Revolten weiter gehen werden. Sein Hauptbeispiel ist Ägypten, dessen Armee ein Hauptnutznießer der alten Ordnung war, aber sich dennoch nicht dem Regime, sondern der Gesellschaft gegenüber verantwortlich sähe. Goharys Fazit: Es gibt kein Zurück mehr.

Inhalt

  1. Vorbemerkungen (Werner Ruf)
  2. Der Schock von „Arabellion“ (Werner Ruf)
  3. Wo und wie alles anfing: West-Sahara, Tunesien, Ägypten (Werner Ruf)
  4. Würde (Werner Ruf)
  5. Regime Change Light? (Werner Ruf)
  6. Das libysche Desaster (Werner Ruf)
  7. Mehr als nur „Arabellion“? (Werner Ruf)
  8. Das Brot, die Würde und wir (Magdi Gohary)
    • Betrachtungen, Erlebnisse und Schlussfolgerungen aus dem arabischen Frühling