report 88

15.03.2012 | Franz Garnreiter

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Das weltweite Einkommen steigt – seit 1980 ist es statistisch um das Zweieinhalbfache angestiegen – und dennoch schafft es eine riesige Zahl von Menschen nicht, am wachsenden Wohlstand auch nur in einem bescheidenen Maß teilzuhaben. Die Gini-Werte, mit denen die Distanz zu einer Gesellschaft mit gleichmäßiger Einkommensverteilung gemessen wird, werden in fast allen Nationen größer.

Der Autor Franz Garnreiter hat die nationalen Einkommensverteilungen (Verteilung innerhalb der einzelnen Länder), die internationale Einkommensverteilung (Verteilung zwischen den Ländern) und die globale Einkommensverteilung (Verteilung auf die Weltbevölkerung) untersucht. Ergebnis: Eine Welt voll Ungleichheit, Risiken, Elend und maßloser Kapitalmacht. An einem Rechenbeispiel wird nachgewiesen: „Der Reichtum in der Welt, die Masse an produzierten Güternund Dienstleistungen, würde gut ausreichen, um Milliarden Menschen wenigstens aus dem bittersten Elend zu befreien, in das sie die kapitalistische Weltwirtschaft zwingt.“

Mehr als jeder dritte Mensch ist absolut arm, muss von weniger als 2 Dollar am Tag leben. In den einzelnen Gesellschaften reißt die Kluft zwischen Reich und Arm immer weiter auf. Die Gini-Werte, mit denen die Distanz zu einer Gesellschaft mit gleichmäßiger Einkommensverteilung gemessen wird, werden in fast allen Nationen größer. Was Einkommen – und Vermögen – anlangt, werden die Gesellschaften immer ungleichmäßiger. Dies gilt auch und gerade für die reichen OECD-Länder. Aber auch für China, das seit 1980 seinen Anteil am Welt-Sozialprodukt von 2 % auf 9,5 % steigerte, aber in demselben Zeitraum seinen Gini-Ungleichheitswert von 25 auf 42 hochfuhr, womit es in Sachen Ungleichheit in einer Liga wie Thailand oder die Türkei spielt.

In der internationalen Verteilung – dem Vergleich der nationalen Einkommen zueinander – gibt es dramatische Umbrüche. Wir haben es mit einer historischen Wende zu tun: Die Schwellenländer wachsen deutlich schneller als die etablierten Industrieländer und werden dazu von den Krisen der letzten Jahre weit weniger betroffen. Die Konkurrenz der Regionen um Märkte und Rohstoffe wird sich weiter zuspitzen. Schaut man sich die globale Einkommensverteilung an – nimmt man die gesamte Menschheit als Einheit, berücksichtigt also die nationalen und die internationale Verteilung gleichermaßen – stößt man auf einen zunächst paradox anmutenden Sachverhalt: Obwohl in den einzelnen Ländern die Ungleichheit weiter aufriss, hat sich die Verteilungskonzentration weltweit in den letzten Jahren verringert. Verantwortlich dafür ist vor allem China, dessen interne Ungleichmäßigkeit zwar galoppierend zunahm, dessen absolute Einkommensverbesserung aber den weltweiten Trend zu mehr Ungleichheit umkehrte. Seit 1980 hat sich die Einkommensungleichheit weltweit um fast 5 % verringert. Nimmt man China aus der Rechnung heraus, hat sie um gut 5 % zugenommen.

Die Welt bewegt sich schnell und rigoros in die falsche Richtung. Wie kann dies geändert werden? Die Wachstumsprediger, nach deren Credo Mängel, Armut und Krankheiten im Gefolge des Wirtschaftswachstums verschwinden würden, sind schon durch die Vergangenheit widerlegt. Die globale Wirtschaftsleistung steigt in 30 Jahren auf 250 %, aber Hunger und schlimmste Mangelerkrankungen bleiben in denselben horrenden Zahlen, in vielen Ländern fallen immer mehr Menschen hinter die schon erreichten Standards zurück. Will man wirklich das Los der unteren Zweidrittel, die heute oft existenzbedrohend zu kurz kommen, verbessern, dann müssen die Verteilungskriterien des Wohlstands – und die Entscheidungskriterien des Wirtschaftens – verändert werden. In der Studie wird ein einfaches, aber zwingendes Rechenbeispiel vorgeführt. Wenn weltweit niemand mehr Einkommen erhalten würde als der deutsche Einkommens-Median-Bürger, und wenn alles darüber liegende Einkommen – 22 % des Welt-BIP – frei würde zur globalen Umverteilung, dann würde das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der Afrikaner um 144 % zunehmen, das der Asiaten um 50 %. Fazit des Autors: „Der Reichtum in der Welt, die Masse an produzierten Gütern und Dienstleistungen, würde gut ausreichen, um Milliarden von Menschen wenigstens aus dem bittersten Elend zu befreien, in das sie die kapitalistische Weltwirtschaft zwingt.“