spezial 9

09.01.1997 | Maria Lopez Vigil, Wolfgang Kreissl-Dörfler

Drucken

Ist Cuba eine Art kleines gallisches Dorf am Rande der USA, das letzte Widerstandsnest gegen die einzig verbliebene Weltmacht, oder ist es nur eine kleine, unbedeutende Insel, regiert von betagten Revolutionären, die die Parole “Socialismo o muerte” (Sozialismus oder Tod) wie eine Monstranz vor sich her tragen? Wer so denkt, wird weder dem Land noch seiner Bevölkerung gerecht.

Sicher, vieles in Cuba ist nicht so, wie es sein könnte oder sollte. Mancher Zug wurde vorbeigelassen, ohne auf ihn aufzuspringen. Manche Fehler wurden gemacht. Logische und unlogische. Jedoch, – ohne irgendetwas verklären zu wollen – gibt es in Cuba doch vieles, was wert ist, bewahrt zu werden und für das es sich zu kämpfen lohnt. Sei es das Bildungs- und Erziehungswesen, das Gesundheitswesen, um nur einige positive Bereiche zu nennen. Und wenn von vielen behauptet wird: “Aber was wollt ihr denn damit, Cuba ist mit seinem Weg gescheitert, da fehlt es doch an allen Ecken und Enden, kein Material, die Lehrer und Arzte unterbezahlt…”- so möchte ich nicht wissen, wie es in anderen Ländern aussehen würde, die seit 37 Jahren unter einem Embargo leiden. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage wollen die Cubanerlnnen, auch diejenigen im Land in der Opposition, selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll. Sie wollen weder von den USA noch von der Clique um Mas Canosa, dem kriminellen Hardliner der Exilcubaner in Miami, überrollt werden.

Ohne Zweifel, das Embargo schädigt Cubas Wirtschaft enorm. Und dennoch, es zwingt weder die Regierung, noch die Menschen in die Knie, da es von der großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird. Ganz anders verhielt es sich damals mit dem Embargo gegen den Apartheidstaat Südafrika, das ja von der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung und vom ANC mitgetragen wurde. Viele Länder und Unternehmen opponieren gegen das Embargo, das die USA im Frühjahr ’96 mit dem Helms-Burton-Gesetz noch verschärft haben. Jedoch nicht, weil sie Cuba unterstützen wollen, sondern aus reinen Geschäftsinteressen heraus.

Welches Wirtschafts- und Regierungsmodell in Zukunft auf Cuba herrschen wird, ist schwer vorherzusagen. Ob es ein Parteiensystem wie in Europa oder gar wie in den USA geben wird, oder ob eine Entwicklung hin zu einem demokratischen Sozialismus gelingt (wie in dem nachfolgenden Beitrag anklingt), wird von der cubanischen Bevölkerung abhängen. Denn darin sind sich alle einig. Sie wollen ihren Weg selbst bestimmen. Meiner Meinung nach sollte sich die Regierung auch gut überlegen, wie sie mit der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und der Frage der politischen Gefangenen umgeht. Sie hat es nicht nötig, Repressalien anzuwenden und Menschenrechte zu verletzen. Ich bin mir sicher, Cuba wird seinen Weg gehen, auch nach einem Abtritt Fidel Castros von der politischen Bühne. Und wenn ich mir betrachte, wie es den Armen in den USA und vielen Menschen in den sog. lateinamerikanischen Demokratien ergeht, so würde mancher wohl lieber in Cuba leben.