Resonanz auf report 75 in SoZ – Sozialistische Zeitung

Im folgenden eine am 11. November 2008 in SoZ – Sozialistische Zeitung veröffentlichte Resonanz auf den report 75:

Die Krise des Finanzkapitals

Das neue Heft des isw beleuchtet die Hintergründe und skizziert Alternativen

Unter dem Titel „Finanzkapital – Entwaffnet die Märkte!“ Spekulation-Krisen-Alternativen befasst sich das Münchner isw-Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. in seinem neuesten Report Nr. 75 mit den aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten und deren Hintergründen. Das Heft stellt einen gelungenen Versuch dar, die Krisenentwicklung seit gut 20 Jahren (auch mit vielen Tabellen und Grafiken) zu dokumentieren und die systemischen Zusammenhänge herauszuarbeiten. Da sich die (deutsche) Linke bei der Erklärung der tiefsten Verwerfungen des Kapitalismus seit 80 Jahren bislang nicht mit Ruhm bekleckert hat, muss man die Kenntnisse, den Fleiss und das Engagement der Autoren loben, die ein sehr nützliches Arbeitsinstrument für die politische Diskussion in Betrieb und Gewerkschaft, in der Öffentlichkeit und in Freundeskreisen veröffentlicht haben.

In der bürgerlichen Presse, deren Wirtschaftsredaktionen im Allgemeinen von neoliberalen Ideologen beherrscht sind, wird die Hypothekenkrise zumeist mit „Dummheit und Gier“ erklärt, die eine tiefgreifende „Vertrauenskrise“ ausgelöst hätten. Wenn das System „an sich“ in Ordnung ist, kann das Versagen natürlich nur bei den „Akteuren“ liegen. Massiv wird vor einer Ablehnung „der Globalisierung“ und des Kapitalismus gewarnt. Der isw-report hält demgegenüber fest, dass die entscheidende Ursache für die Krise in der „Überproduktion von Gütern und Dienstleistungen“ bzw. der „Unterkonsumption der Massen“ liegt – zwei Seiten derselben Medaille. Der Kapitalismus sorgt dennoch temporär für Absatz, indem er das (öffentliche und private) Kreditsystem immer weiter aufbläht.

Der Auslöser (aber eben nicht die Ursache) der Krise war die Schieflage von zwei Hedge-Fonds der US-Investmentbank Bear Sterns, die der Reihe nach immer mehr Finanzinstitute in den Strudel riss, so dass binnen eines Jahres eine tiefgreifende weltweite Finanzkrise entstand, die zunehmend auf die Realwirtschaft übergreift. Es droht eine weltweite Rezession von womöglich ungeahnter Tiefe. Marktfundamentalisten, die noch vor kurzem die Segnungen des deregulierten und liberalisierten Kapitalmarktes gepriesen haben, weil sie damit einen gigantischen Reibach machen konnten, allen voran der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, rufen nun lauthals und voller Angst nach der
Hilfe des Staate. Auf Kosten der Steuerzahler soll ein globalisierter Bankenkrach, ja möglicherweise die Kernschmelze des ganzen Systems, verhindert werden. In den USA werden weit über eine Billion Dollar, in Deutschland 600–700 Mrd. Euro mobilisiert, um das System zu stabilisieren. Doch selbst diese Summe konnte bislang den Crash, den Sturz ins Bodenlose bei Aktien, Fonds und Immobilien nicht wirklich aufhalten.

Der Report analysiert im ersten Teil unter Rückgriff auf die entsprechenden Kapitel über das „fiktive Kapital“ im dritten Bank von Marxens Hauptwerk die Herausbildung von Finanzblasen, deren notwendiges Platzen (z.B. Südostasienkrise 1997/98 usw.) und deren wirtschaftliche und soziale Folgen (Armut und Arbeitslosigkeit). Sodann stellt er mit einer Fülle von Daten und Fakten die Entwicklung des „modernen Finanzkapitals“ mit ihrem Sammelsurium „neuer Anlageformen“ als wesentlichen Bestandteil und Motor des Globalisierungsprozesses dar. In einem dritten Teil werden die (zumeist doch recht vagen) Vorschläge von Gewerkschaften und das „Statement zur Finanzkrise und demokratische Alternativen“ von attac kritisiert und Grundzüge für ein Programm der Vergesellschaftung des Bankensystems entworfen.