Das neue Strategische Konzept der NATO – Das Kursbuch zur Perfektionierung zukünftiger Kriege

Unter dem Titel „Aktives Engagement, moderne Verteidigung“ haben die 28 Staats- und Regierungschefs der NATO-Staaten am 19. November 2010 in Lissabon das „Strategisches Konzept für die Verteidigung und die Sicherheit der Mitglieder des Nordatlantik-Pakts“ beschlossen.

Das Dokument enthält im Vergleich zum Strategischen Konzept der NATO von 1999 keine wesentlich neue Orientierung. Das neue „Strategische Konzept, „unser Kursbuch für die nächsten zehn Jahre“, wie es der NATO-Generalsekretär bezeichnete, ist allerdings um einiges konkreter, z.B. bei der Sicherung der Energieressourcen. Außerdem werden die Erfahrungen aus den bisherigen NATO-Interventionskriegen genutzt, um zukünftige Einsätze zu perfektionieren. Zu den Schwerpunkten der neuen Strategie gehört deshalb die Einbeziehung ziviler Akteure bei der Durchsetzung der Kriegsziele und der Aufbau lokaler Repressionsapparate für die dauerhafte Kontrolle über die Interventionsländer. Neu ist der Beschluss zur Aufstellung einer NATORaketenabwehr und die beabsichtigte NATO-Russland-Kooperation.

Alle Zitate aus: „Strategisches Konzept für die Verteidigung und die Sicherheit der Mitglieder des Nordatlantik-Pakts, Fassung der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der NATO. Die in Klammern gesetzten Zahlen entsprechen der durchnummerierten Absätze im Strategie-Dokument der NATO.

Das Märchen von der „Verteidigung“

„Die NATO konzentriert sich wieder auf Verteidigung“ titelte die Süddeutsche Zeitung am 20. November 2010, nachdem am Tag vorher das Neue Strategische Konzept der Militärallianz in Lissabon beschlossen worden war. „Die NATO“ schrieb die SZ, „besinnt sich wieder stärker auf ihre ursprüngliche Aufgabe der kollektiven Verteidigung“ und zitierte NATO-Generalsekretär Rasmussen, der Verteidigung inklusive atomare Abschreckung als „das Kerngeschäft der NATO“ bezeichnete. Tatsächlich versucht die NATO das Märchen von der „kollektiven Verteidigung“ aufrecht zu erhalten, ist doch das Recht auf Selbstverteidigung im Fall eines Angriffs die einzige vom Völkerrecht gedeckte Legitimation der NATO-Allianz. Verteidigung aber hat, auch wenn Militärinterventionen und Aggressionskriege so gerechtfertigt werden, in der Strategie und Praxis der NATO keinerlei Bedeutung.

Das „Kerngeschäft“

Das „Kerngeschäft“ der NATO ist nicht die Verteidigung der Mitgliedsländer und des Territoriums der NATO-Staaten, sondern die globale Absicherung der Wirtschafts- und Vorherrschaftsinteressen der USA und der EU-Staaten und insbesondere die Kontrolle über die Energieressourcen. So deutlich wird das natürlich nicht gesagt. Die NATO ist, und daran ändert auch das ausgiebig verwendete moralische Blendwerk nichts, der militärische Arm des neoliberalen Kapitalismus. Die NATO hat sich selbst zur globalen Ordnungsmacht erklärt und betrachtet die ganze Welt als ihr Hoheits- und Operationsgebiet.

Auch das neue „Strategische Konzept“ beginnt mit der folgendenden schönfärberischen Selbstdarstellung:

„Wir, die Staats- und Regierungschefs der NATO-Staaten, sind entschlossen, dafür Sorge zu tragen, dass die NATO weiterhin ihre einzigartige und wesentliche Rolle bei der Gewährleistung unserer

gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit spielt.“ (…) „Zwar ändert sich die Welt, doch bleibt die wesentliche Mission der NATO dieselbe: zu gewährleisten, dass das Bündnis eine beispiellose Gemeinschaft der Freiheit, des Friedens, der Sicherheit und gemeinsamer Werte bleibt.“ (Präambel) „Das grundlegende und unveränderliche Ziel der NATO“, heißt es dann weiter, sei es, „die Freiheit und Sicherheit all ihrer Mitglieder mit politischen und militärischen Mitteln zu schützen“. Heute sei das Bündnis nach wie vor „eine unentbehrliche Quelle der Stabilität in einer unberechenbaren Welt“. (Absatz 1)

„Die Mitgliedstaaten der NATO bilden eine einzigartige Wertegemeinschaft, die den Grundsätzen der Freiheit des Einzelnen, der Demokratie, der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist.“ (Absatz 2)

Die Neuigkeit im Lissabonner Dokument ist die Feststellung, dass heute „die Bedrohung durch einen konventionellen Angriff auf das NATO-Gebiet gering“ sei. (Abs.7) Die Wahrheit ist auch das nicht, denn: Diese Bedrohung ist nicht nur „gering“, der Feind, den die NATO abschrecken oder gegen den sie sich verteidigen müsste, existiert überhaupt nicht. Weit und breit ist schon seit Jahrzehnten kein einziges Land in Sicht, das auch nur daran denken würde, die USA und ihre europäischen Verbündeten zu bedrohen oder gar anzugreifen, weder mit konventionellen noch mit atomaren Waffen. Die in so blumigen Worten beschworene „gemeinsame Verteidigung“ ist mangels eines ernsthaften Gegners eine geradezu absurde Propaganda-Behauptung.

Tatsächlich sehen sich heute all jene Länder auf dem Globus von der NATO bedroht, die auf ihrer Souveränität bestehen und sich nicht den Wünschen der westlichen Großmächte fügen.

Feigenblatt Atomare Abrüstung.

Abschreckung heißt dem Strategischen Konzept zufolge: Drohung der NATO mit dem Einsatz von Atomwaffen. Zwar bekennt sich die NATO gleich in der Präambel zu dem „Ziel, die Bedingungen für eine Welt ohne Kernwaffen zu schaffen“, doch nach diesem wohlfeilen Lippenbekenntnis „bekräftig“ sie ihre unveränderte Position „dass die NATO ein nukleares Bündnis bleiben wird, solange es Kernwaffen in der Welt gibt.“ Im Absatz 17 wird ausdrücklich noch einmal betont: „Abschreckung auf der Grundlage einer geeigneten Mischung aus nuklearen und konventionellen Fähigkeiten bleibt ein Kernelement unserer Gesamtstrategie.“

Oberster Garant dafür seien die Atomwaffenarsenale der USA, Frankreichs und Großbritanniens, die weltweit über den Großteil aller Atomwaffen verfügen.

Und um das unmissverständlich klar zu machen, hat die US Regierung wenige Tage vor der Verabschiedung der Lissabon-Doktrin den Zehnjahres-Investitionsplan zur Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals von 80 auf 84,5 Milliarden Dollar aufgestockt. Das von Obama proklamierte Ziel „einer Welt ohne Atomwaffen“ ist nicht mehr als das Feigenblatt für die Fortsetzung der eigenen Nuklearaufrüstung und für die Aufrechterhaltung der globalen militärischen Überlegenheit der USA. Nicht einmal der Abzug der in Europa stationierten taktischen US-Atomwaffen wird von der NATO in Erwägung gezogen.

Außenminister Westerwelle, der sich mit dieser Forderung als Abrüstungskämpfer profilierte, zeigte sich trotzdem hoch zufrieden. „So viel Abrüstung war noch nie in der Nato“, erklärte er. (SZ, 20.11.2010)

Die Kernaufgaben im NATO-Strategie Konzept.

Im Absatz 4 des Strategischen Konzepts werden „drei wesentliche Kernaufgaben“ der NATO genannt, um die Sicherheit der Bündnismitglieder zu gewährleisten

Erstens „kollektive Verteidigung“: Obwohl die Beistandsverpflichtung im Falle eines bewaffneten Angriffs nach Artikel V des NATO-Vertrags keinerlei reale Grundlage hat, wird dieser Gründungsmythos bis heute aufrechterhalten und Interventionskriege in entfernten Regionen der Welt als Akte der Verteidigung etikettiert. Zweitens „Krisenmanagement“: Das Wortungetüm der „nicht unter Artikel 5 fallenden Krisenreaktionseinsätze“ aus dem Vorgängerdokument von 1999, kommt im neuen Konzept nicht mehr vor. Stattdessen werden uns jetzt die NATO-Militärinterventionen rund um den Globus als „Krisenbewältigung“, als „Stabilisierungsmaßnahmen“ und als „Konflikt beendende Einsätze“ präsentiert. Drittens „Kooperative Sicherheit“: Unter diesem Begriff versteht die NATO die Einbindung anderer Staaten in die Militärstrategie der Allianz. „Partnerschaftsabkommen mit geeigneten Ländern“, mit internationalen Organisationen und die „Offene Tür“ für den NATO-Beitritt weiterer europäischer Staaten als „Krisenbewältigung“ getarnte Kriegseinsätze rund um den Globus.

Wie schon in den Vorgängerdokumenten werden zahlreiche Bedrohungen für das Bündnis, seine Sicherheit und seinen Wohlstand aufgezählt: „Instabile Staaten, Waffen- und Drogenhandel, Flüchtlingsströme, die Weiterverbreitung von Atomwaffen, Terrorismus, Ressourcen- und Wassermangel, Klimaveränderung“ und jetzt auch noch „Cyber-Attacken.“

„Krisen und Konflikte außerhalb der Grenzen der NATO“ heißt es im Strategischen Konzept „können eine direkte Bedrohung der Sicherheit des Gebiets und der Bevölkerungen des Bündnisses darstellen“. (Abs. 20) Besonders hervorgehoben wird, dass „in vielen Regionen und Ländern der Welt moderne substanzielle militärische Fähigkeiten beschafft“ würden, einschließlich „ballistischer Flugkörper, die eine reale und zunehmende Bedrohung für den euro-atlantischen Raum“ darstellen würden. (Abs. 8) „Die Verbreitung von Kernwaffen und ihrer Trägersysteme“ werde weltweit „unberechenbare Folgen für Stabilität und Wohlstand“ haben. (Abs.9)

Die NATO, heißt es im Strategischen Konzept, sehe es als ihre Aufgabe an, „Krisen zu verhindern, Krisen zu managen und die Lage nach einem Konflikt zu stabilisieren“. (Abs. 20) Die NATO verfüge „über einzigartige Fähigkeiten zur Konfliktbewältigung“, sie verfüge über die „beispiellose Fähigkeit, robuste militärische Kräfte im Einsatzgebiet zu stationieren und durchhaltefähig zu machen“ und sie verfüge über „eine einzigartige und robuste Palette politischer und militärischer Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit dem gesamten Krisenspektrum – vor, während und nach Konflikten“. (Abs. 4 und 23)

Die NATO werde deshalb „sofern dies zur euro-atlantischen Sicherheit beiträgt (…) eine geeignete Mischung dieser politischen und militärischen Instrumente einsetzen, um sich entwickelnde Krisen zu bewältigen, bevor sie zu Konflikten eskalieren; um bestehende Konflikte zu beenden und um dabei zu helfen, die Stabilität nach einem Konflikt zu konsolidieren“. (Abs. 4)

Erstmals werden Militärinterventionen und neokoloniale Besatzung bis ins Detail behandelt und die enge Verzahnung von zivilen mit militärischen Kapazitäten als wesentlicher Bestandteil für den Erfolg in den NATO-Protektoraten genannt. Im Strategie-Konzept heißt es dazu: „Die aus den NATOOperationen gezogenen Lehren, insbesondere in Afghanistan und auf im westlichen Balkan“, hätten gezeigt, „dass ein umfassender politischer, ziviler und militärischer Ansatz für ein wirksames Krisenmanagement erforderlich“ sei. (Abs. 21)

Die NATO werde deshalb „die integrierte zivil-militärische Planung im gesamten Krisenspektrum ausbauen; geeignete zivile Krisenmanagementfähigkeit einrichten, um mit zivilen Partnern wirksamer agieren zu können“. Die NATO werde „zivile Spezialisten aus den Mitgliedstaaten ausbilden, die für ausgewählte Missionen rasch eingesetzt werden können und die in der Lage sind, an der Seite unseres militärischen Personals und ziviler Spezialisten zu arbeiten“. (Abs. 25)

„einzigartigen Fähigkeiten“ genügen aber offensichtlich noch nicht für die zukünftigen Kriege. In Lissabon verpflichteten sich die NATO-Mitgliedstaaten, ihre militärischen Fähigkeiten für weltweite Militärinterventionen weiter auszubauen. „Wir wollen weniger Fett und mehr Muskeln“, sagte NATO-Generalsekretär Rasmussen in seiner Eröffnungsrede am 19. November in Lissabon und das Strategische Konzept bekräftigt, dass die militärischen Fähigkeiten der NATO gestärkt werden müssten, um „gleichzeitig sowohl große gemeinsame Operationen als auch mehrere kleinere Operationen für die kollektive Verteidigung und Krisenreaktion – auch in strategischer Entfernung

durchzuhalten“. (Abs.19) Zugleich werde die NATO „die Militärdoktrin und die militärischen Fähigkeiten für Expeditionseinsätze einschließlich von Operationen zur Bekämpfung von Aufständen sowie Stabilisierungs- und Wiederaufbaueinsätzen weiter entwickeln“, ebenso wie die Fähigkeit, „lokale Kräfte in Krisenzonen auszubilden und aufzubauen, damit die lokalen Autoritäten so rasch wie möglich in der Lage sind, die Sicherheit ohne internationale Hilfe aufrechtzuerhalten“. (Abs. 25) Zu den Lehren aus dem Krieg in Afghanistan gehört, dass Aufstandsbekämpfung zukünftig eine der zentralen Aufgaben in den NATO Protektoraten sein wird. Wesentlicher Bestandteil der neuen Strategie ist deshalb der Aufbau lokaler Sicherheitsapparate für die von den Besatzern installierten Regimes. Damit wollen sich die Interventionsmächte, bei Minimierung eigener Opfer ein Maximum an dauerhaftem politischen Einfluss sichern.

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich in Lissabon hoch zufrieden: „Die Nato macht hier den Schritt ins 21. Jahrhundert“ sagte sie „und zwar sowohl, was die Analyse der Bedrohungen anbelangt, als auch, was die Antworten des Bündnisses auf diese Bedrohungen anbelangt“.

Energie-Imperialismus

Zum Kerngeschäft der NATO gehört vor allem die Sicherung der Energieversorgung und ihrer Transportrouten. Im Vergleich zum Strategischen Konzept von 1999 wird dieses Thema in der jetzt beschlossenen NATO-Doktrin wesentlich genauer behandelt.

Im neuen „Strategischen Konzept“ heißt es dazu:

„Alle Länder sind zunehmend auf die lebenswichtigen Kommunikations-, Transport- und Transitwege angewiesen, auf die sich der Welthandel, die Energiesicherheit und der Wohlstand stützen. (…) Einige NATO-Staaten werden, was ihren Energiebedarf angeht, immer stärker von ausländischen Energieversorgern und in einigen Fällen von ausländischen Energieversorgungs- und Verteilernetzen abhängig.“ (Abs. 13)

Die NATO werde deshalb „die Fähigkeiten entwickeln, Energiesicherheit zu gewährleisten, einschließlich dem Schutz kritischer Energieinfrastrukturen, und von Transitgebiete und Transitrouten“. (Abs. 19)

Natürlich geht es der NATO nicht darum, „Energiesicherheit für alle Länder“ zu gewährleisten, sondern gerade darum, den globalen Konkurrenten den Zugang zu den knapper werdenden Ressourcen abzuschneiden und die Regionen mit den größten Öl- und Gasreserven unter westliche Kontrolle zu bekommen. Das war auch der eigentliche Grund für den Krieg gegen den Irak und das ist auch der Grund für den jetzigen Konfrontationskurs gegen den Iran. Irak verfügt über die drittgrößten und der Iran sogar über die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Im Iran liegen zusätzlich auch noch die zweitgrößten Gasvorkommen der Welt.

Mit den Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan und den Irak haben die NATO-Mächte vorexerziert, dass sie ihre Wirtschafts- und Vorherrschaftsinteressen nicht nur mit politischer und ökonomischer Erpressung durchsetzen, sondern auch jederzeit bereit sind, dafür Aggressionskriege zu führen.

Die Raketenabwehr – ein Freibrief für Angriffskriege.

Als zentrale Aufgabe für die kommenden Jahre nennt die NATO den Aufbau eines flächendeckenden Raketenabwehrsystems für ganz Europa, an dem sich auch Russland beteiligen soll. Im strategischen Konzept, das von allen NATO-Mitgliedsländern gebilligt wurde, steht die knappe Feststellung: „Wir werden die Fähigkeit entwickeln, unsere Bevölkerungen und unser Territorium gegen einen Angriff mit ballistischen Flugkörpern zu verteidigen, was zur unteilbaren Sicherheit des Bündnisses beiträgt.“ Und: „Wir werden aktiv die Zusammenarbeit mit Russland und anderen euroatlantischen Partnern in der Raketenabwehr anstreben.“ (Abs. 19)

„Mehr als dreißig Länder“ hätten „heute schon die Fähigkeiten oder strebten danach, Raketen mit konventionellen oder nuklearen Gefechtsköpfen einzusetzen“, behauptete Rasmussen bereits einen Monat vor dem NATO-Gipfel in Lissabon. (SZ, 22.10.10) Der beschlossene Plan für die Raketenabwehr sieht vor, dass ab 2011 mobile Raketenabwehrsysteme auf Schiffen im östlichen Mittelmeer stationiert und später weitere fest installierte Systeme in Rumänien, Polen und anderen NATO-Staaten errichtet werden. Russlands Präsident Medwedjew versprach in Lissabon, das Kooperationsangebot zu „prüfen“, Moskau werde sich jedoch nicht mit der Rolle als „Juniorpartner“ begnügen. „Wir werden nicht das praktische Möbelstück im Salon der NATO sein“, erklärte Medwedjew auf dem NATO-RusslandGipfel in Lissabon.

Im „Strategischen Konzept“ wird Teheran zwar nicht erwähnt, doch in allen öffentlichen Äußerungen führender NATO-Politiker wird zur Rechtfertigung des Raketenabwehr-Systems in erste Linie der Iran genannt, der angeblich Europa mit Raketen und Atomwaffen bedroht. Dass die Raketenabwehr der Verteidigung dient, ist seit der Präsidentschaft Ronald Reagans ein von den USA verbreitetes Märchen, das jetzt von der NATO wieder aufgetischt wird.

Der Zweck der Raketenabwehr

Entgegen allen offiziellen Behauptungen dient Raketenabwehr nicht dem Schutz vor Raketen- oder Atomangriffen anderer Staaten, beispielsweise von Seiten Nordkoreas oder des Iran. Selbst wenn diese Länder über eine Handvoll Atomsprengköpfe und die entsprechende Trägewaffen verfügen würden, ein Angriff gegen Europa oder die USA wäre für sie glatter Selbstmord. Die Angreiferstaaten würden damit die totale Vernichtung ihres Landes durch das um mehrere hundert mal größere Atomwaffenpotential der NATO-Mächte heraufbeschwören. Einzige Aufgabe und Funktion der Raketenabwehr ist die Abwehr und der Schutz vor Gegenschlägen bei zukünftigen Angriffskriegen der USA oder der NATO. Eine funktionierende Raketenabwehr macht die NATO-Staaten und die im Ausland stationierten US-Truppen weitgehend unverwundbar. Der Raketenabwehrschirm garantiert damit die Freiheit zum Angriff gegen jeden denkbaren Gegner. Das ist ihr eigentlicher Zweck!

Mogelpackung: Truppenabzug der NATO aus Afghanistan.

In Lissabon kündigte die NATO für das Jahr 2014 den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan an. Ein vollständiger Truppenabzug ist damit jedoch nicht gemeint. NATO-Generalsekretär Rasmussen erklärte: „Wir werden so lange bleiben, wie es notwendig ist.“ Um das schon mal sicher zu stellen unterzeichneten Rasmussen und der afghanische Regierungschef Karsai in Lissabon einen Vertrag über das langfristige Engagement der NATO am Hindukusch. Der Vertrag hat den Vorteil, dass in Zukunft Sicherheitsrats-Resolutionen, wie derzeit für den ISAFEinsatz, nicht mehr erforderlich sind, um z.B. bei parlamentarischen Entscheidungen in Deutschland die Verlängerung des Einsatzes der Bundeswehr zu legitimieren.

Auch Deutschlands Militärminister Guttenberg machte sogleich deutlich, dass sich eine Truppenreduzierung nicht an einem Datum, sondern an der Lage orientiere. Insofern sei „eine Jahreszahl natürlich immer daran zu messen, ob es auch verantwortbar geschehen kann“. Es sei wichtig, „dass eine Reduzierung der Truppen an Ergebnisse gebunden“ sei und dass „diese Ergebnisse auch belastbar erscheinen“. (Web-Seite des Bundesministeriums für Verteidigung)

Die neue NATO-Russland-Kooperation.

Die Einladung an Russland, sich an der NATO-Raketenabwehr zu beteiligen, könnte der Einstieg für eine langfristig angestrebte „Strategische Partnerschaft“ mit Russland sein, die schon seit längerem von den Herrschaftseliten in der EU, insbesondere in Deutschland befürwortet wird. „Die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland ist von strategischer Bedeutung“, wird im Strategischen Konzept festgestellt. Und weiter: „Wir wünschen uns eine echte strategische Partnerschaft zwischen der NATO und Russland, und wir werden entsprechend handeln, wobei wir von Russland Gegenseitigkeit erwarten. (Abs. 33) Deshalb wolle man die politischen Beratungen ebenso ausbauen wie die praktische Zusammenarbeit.

Die angestrebte Zusammenarbeit hat, neben der Einbindung Moskaus in die Globalstrategie der NATO, vor allen Dingen auch den Zweck, ein mögliches Bündnis zwischen Russland und China zu verhindern. Moskau zeigt seinerseits schon seit längerem Interesse an einer engeren Kooperation mit den NATO- und EU-Staaten. Der russische Präsident Medwedjew hatte bereits 2009 einen „Euro-Atlantischen Sicherheitsvertrag“ vorgeschlagen, der von Vancouver bis Wladiwostok reichen soll. Daran sollten sich alle NATOStaaten, alle europäischen Staaten und Russland beteiligen. Auf der letzten „Münchner Sicherheitskonferenz“, im Februar 2010 sagte der russische Außenminister Lawrov zur Erläuterung der Moskauer Initiative: „Wir können ein festes Fundament errichten für ein gemeinsames Vorgehen der USA, der EU und Russlands in den internationalen Angelegenheiten“. Damals wurde dem Plan Moskaus durch US-Außenministerin Clinton eine deutliche Abfuhr erteilt, ansonsten stieß er auf freundliches Desinteresse. Inzwischen hat sich Blatt offenbar gewendet. „Eine echte strategische Partnerschaft“, wie in Lissabon verkündet, kommt den Wünschen der russische Führung, die mit der NATO und der EU gemeinsame Sache machen will sehr weit entgegen.

Perspektivisch soll nach den Vorstellungen Moskaus die NATO durch den „Euro-Atlantischen Sicherheitsvertrag“ ersetzt werden. Im Ergebnis wäre dann zwar die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung zwischen der NATO und Russland beseitigt, der Rest der Welt sähe sich jedoch durch einen NATO-EU-RUSSLAND-PAKT noch weit mehr bedroht als bisher. Schon heute demonstriert Moskau seine Bereitschaft, der NATO entgegen zu kommen. So hat Russland z.B. im sogenannten Atomkonflikt mit dem Iran nicht nur den von der US-Regierung initiierten Sanktionsbeschlüssen zugestimmt, sondern auch die vertraglich vereinbarte Lieferung von Luftabwehrraketen an den Iran gestoppt.

Auch im Afghanistankrieg begibt sich Russland an die Seite der NATO. Einerseits mit dem in Lissabon erweiterten Transitabkommen, das den Nachschub für die NATO-Truppen sichert und andererseits durch die Lieferung von Hubschraubern an die von der NATO am Leben erhaltene Afghanische Marionettenregierung. Diese Unterstützungsleistungen Moskaus tragen aber weder zu einer Lösung im Atomstreit mit dem Iran noch zur Beendigung des Afghanistankrieges bei. Ein möglicher NATO-EU-RUSSLAND-PAKT wäre deshalb, auch wenn er sich „Euro-Atlantischer Sicherheitsvertrag“ nennt, mit Sicherheit keine erstrebenwerte Alternative zur NATO.