Kritik der Markttheorie, Kritik der Marktideologie

Der Begriff Kapitalismus ruft mittlerweile in der Bevölkerung mehr Abwehr als Zustimmung hervor. Dagegen sind Begriffe wie Markt und Wettbewerb in der Bevölkerung positiv besetzt, und dies bis hin zu kritischen Organisationen wie z.B. Greenpeace. Mit dem Begriff Markt verbinden sich Assoziationen zu Leistungsgerechtigkeit, Bürokratiefeindlichkeit, persönlicher Gestaltungsfreiheit, Staatsskepsis, freie Auswahl unter vielen Optionen.

Unter einem Markt verstehe ich nicht so sehr den konkreten Marktplatz oder das Kaufhaus, sondern ein Regelungsverfahren, mit dem Nachfrager und Anbieter einer Ware oder Dienstleistung oder der Ware Arbeitskraft miteinander in Beziehung treten können, um den Preis zu ermitteln und die Ware gegen Geld auszutauschen. Markt steht hier für den Austausch von individuell und ohne gesellschaftliche (Planungs- )Absprache erstellten Waren. Die Marktpreisbildung kann dabei – da sich die Individuen als Fremde, als Beziehungslose gegenüber stehen – grundsätzlich nur über die individuelle Nutzenmaximierung bzw. für die Unternehmen die Gewinnmaximierung erfolgen). Zum Kriterium der Gewinnmaximierung auf den Märkten passt – wie ein Zwilling zum anderen – das Privateigentum an Produktionsmitteln und Produktionsentscheidungen, die ebenfalls nur auf eine Gewinnmaximierung abzielen.

Märkte sind integraler Bestandteil des Kapitalismus, sie machen sein Wesen auf der Zirkulationsebene des Kapitals aus. Die neoklassisch-neoliberale Markttheorie ist die Kernideologie des Kapitalismus. Aus der Kritik des Kapitalismus folgt also die Kritik der Marktwirtschaft, aus der Kritik der Ideologie der kapitalistischen Wirtschaftsordnung folgt die Kritik der Markttheorie.

Ich verfolge mit meiner Kritik einen viel fundamentaleren Ansatz als die sonst übliche und häufige Kritik am realen Kapitalismus, bei der es gegen die Verzerrung, die Vermachtung von Märkten geht, gegen die Monopolisierung von Märkten. Und wo als Rezept dagegen das Aufbrechen von verkrusteten Märkten empfohlen wird, das Zerschlagen der Monopole, die Einführung einer Art ”fairen” Konkurrenz, wo auf die vielen kleinen strebsamen, produktiven, kreativen Einheiten gesetzt wird, wo die Kritik am Kapitalismus im Lob des Mittelstands kulminiert.

Der Grundgedanke der Markttheorie

Der zentrale Grundgedanke der Markttheoretiker ist, dass dieses Wirtschaftssystem von Natur aus zu einem optimalen und stabilen Gleichgewicht strebt, also ohne dass wir Menschen ein solches Gleichgewicht aktiv bewerkstelligen müssen. Der Wettbewerb der Millionen einzelner Marktteilnehmer auf den verschiedenen Märkten führt – quasi als Prämie zum individuellen Erfolg hinzu – zu einem bestmöglichen gesamtgesellschaftlichen Ergebnis. In diesem Gleichgewicht wird jeder nach seiner eingebrachten Leistung gerecht entlohnt (das ist die Verteilungsgerechtigkeit), es wird nichts vergeudet, weder Arbeitskraft noch Sachanlagen (das ist die Effizienz der Wirtschaft), das Gleichgewicht ist stabil und wird nach Überwindung äußerer Störungen gewiss wieder erreicht. Dieses Dogma von der Selbstregulierung hin zu einem Gleichgewicht ist nach den Markttheoretikern die zentrale und wichtigste Eigenschaft einer freien Marktwirtschaft.

Für die Erläuterung, wie man sich so eine Selbstregulierung vorstellen könnte, fand Adam Smith das bekannte Bild der unsichtbaren Hand. Der Wettbewerb auf den Märkten wirke wie eine unsichtbare Hand, wie eine höhere lenkende Kraft, die alles zum guten Ende führt. Damit ist jeglicher Bedarf an bewusster, gesamtgesellschaftlicher Wirtschaftsplanung hinfällig. Die Gesellschaft als Kollektiv, als Staat, braucht sich nur noch um die Einhaltung der Verkehrsregeln auf dem Markt zu kümmern. Der Stehsatz ”Wir müssen uns den Marktgesetzen unterwerfen; niemand kann sich ihnen entziehen” ist dann die Richtschnur des Handelns.

Aber welche Begründung steckt hinter dieser Behauptung? Die zunehmende Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, und vor allem die aufkommende marxistisch-sozialistische Klassenanalyse führten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Zweifeln an der Selbstverständlichkeit einer gleichgewichtigen Entwicklung. Es mussten also Beweise her. Das war die Geburtsstunde der so genannten Neoklassik.

Die klassische Politische Ökonomie – Adam Smith und David Ricardo waren ihre ersten und herausragenden Vertreter – beschäftigten sich mit dem Wert von Waren, mit den Gründen für die vorgefundene Verteilung von Löhnen und Gewinnen, mit den Ursachen für den wachsenden Reichtum der Nationen nach Überwindung des Feudalismus. Marx und Engels revolutionierten die Politische Ökonomie und verunsicherten damit die bürgerliche Klassik zutiefst. Die Neoklassik antwortete mit einem völlig neuen Ansatz. Ihr Axiom: Alles, was einem Menschen Nutzen stiftet, hat von Natur aus einen Preis; der gezahlte Preis beweist den Nutzen eines Dinges. Knappheit und Nutzen sind natürliche Eigenschaften, also auch der Preis.

Der Mathematiker und Ökonom Léon Walras war um 1870 der Begründer dieses Theorieansatzes, dessen endgültige mathematische Ausformulierung bis in die 1950er Jahre dauerte. Walras konstruierte eine von ihm so genannte ”Reine Ökonomie” im bewussten Gegensatz zur ”Angewandten Ökonomie”: ”Die reine Ökonomie ist im Kern die Theorie der Bestimmung der Preise unter einem angenommenen [!] System einer perfekt freien Konkurrenz”. Das ist zentral: Es geht erstens nur um die Preisbestimmung (nicht mehr um Werte, Einkommen, Wohlstand, Verteilung) ), und es geht zweitens um ein ”angenommenes” System. Es geht Walras also nicht um wirkliche Wirtschaft. Die im Alltag auftauchenden Phänomene der Wirtschaft überlässt er der – wissenschaftlich nicht ergiebigen, also wenig interessanten – ”Angewandten Ökonomie”.

Damit hat sich Walras schon zu Beginn seiner theoretischen Überlegungen abgewandt vom Blick in die Wirklichkeit und von der Analyse der Bewegungen in der wirklichen Ökonomie, und er hat einen ganz eigenen Denkbereich ”Reine Ökonomie” geschaffen. Diese ”Reine Ökonomie” ist von Anfang an schon ein anderer Untersuchungsgegenstand als die wirkliche Ökonomie. Sie besteht aus einem abstrakten mathematischen Gebilde über Güter und Preise, Anbieter und Nachfrager – mehr brauchte Walras nicht in seiner Theorie – und beweist, dass unter bestimmten Annahmen ein Gleichgewichtspunkt mit den bekannt schönen Eigenschaften existiert. Damit beruht die Neoklassik also zur Gänze auf einem fundamentalen Widerspruch: Die eigentlich erstrebte Entdeckung von allgemein gültigen, exakten, unveränderlichen Gesetzen in der Ökonomie – analog den Naturgesetzen – erforderte die völlige Ausblendung der wirklichen Ökonomie).

Die Tücken der Mathematik

Der mathematische Kern der neoklassischen Gleichgewichtstheorie ist die Frage, ob und unter welchen Bedingungen ein System partieller Differentialgleichungen (das die wechselseitige Abhängigkeit aller Warenpreise und aller Nachfrage- und Angebotsmengen voneinander formulieren soll) zu einer stabilen Lösung führt, die dann den Gleichgewichtspunkt darstellt. Solche Systeme sind nur unter sehr einschränkenden und besonderen Bedingungen stabil.

Von der Mathematifizierung erwarten sich Bevölkerung und Volkswirte von vornherein ein hohes Maß an Wissenschaftlichkeit. Sie verleiht daher der Neoklassik eine hohe Überzeugungskraft. Aber die Mathematik hat ihre Tücken. Sie verlangt, dass 2 mal 3 exakt 6 ergibt und nicht irgendwas zwischen 5 und 7 und im Ausnahmefall auch mal 7½. Und so müssen auch die Voraussetzungen für den Gleichgewichtsbeweis exakt gegeben sein. Hier aber tun sich Welten auf zwischen den Voraussetzungen in der mathematischen Beschreibung der Pseudoökonomie und jeder auch nur vorstellbaren wirklichen Marktwirtschaft. Einige Beispiele:

  1. Die theoretischen Haushalte, die man sich als eine Art Computer zur Nutzenberechnung vorstellen muss, kaufen Konsumgüter, um ihren Nutzen zu maximieren. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie jederzeit exakt Bescheid wissen über alle Preisbewegungen und über alle sachlichen Eigenschaften von allen denkbaren Konsumgütern. Vollkommene Information nennen das die Volkswirte. Dasselbe gilt entsprechend für die Unternehmen. Ist das nicht der Fall, dann bricht der Gleichgewichtsbeweis definitiv zusammen. Bei der Finanzmarktkrise haben wir gesehen, wie prächtig die vollkommene Informationsverfügbarkeit wirkt: Wenn an der Markttheorie auch nur irgendwas Richtiges dran wäre, dann müsste die freie, unregulierte Finanz-Marktwirtschaft das Vorzeigeobjekt und der Paradebeweis der Theoretiker sein. Hier tummeln sich die studierten Ökonomen, die Experten, die Masters of the Universe; hier wirkt die ”Reine Ökonomie” ohne wesentliche Staatseingriffe ).
  2. Jedes Gut muss beliebig teilbar sein, wobei es seine Gütereigenschaften nicht verlieren darf. Die Hälfte eines Gutes hat denselben qualitativen Nutzen wie seine Verdoppelung. Das ist bei Milch gut vorstellbar. Aber auch ein halbes Auto muss fahrbereit sein und ein Viertel einer Glühbirne muss leuchten. Wenn nicht, dann bricht der Gleichgewichtsbeweis zusammen.
  3. Jedes Marktgeschäft darf Auswirkungen nur auf die beteiligten Käufer und Verkäufer haben. Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte (= externe Effekte) dürfen nicht vorkommen. Tatsächlich sind externe Effekte, insbesondere Umweltauswirkungen, ein fester Kernbestand der Wirtschaft. Sie zerstören den Gleichgewichtsprozess. Die Energieerzeugung und der Energieverbrauch sind vielleicht das Paradebeispiel dafür, wie mit fortschreitender technischer Entwicklung das Wirtschaften immer weniger eine aufs Individuelle beschränkte Angelegenheit ist, sondern eine mit gesamtgesellschaftlich höchst relevanten Auswirkungen, die weit über die direkt Beteiligten hinaus reichen und heute sogar Menschen in fernen Erdteilen und Menschen aus viel späteren Generationen betreffen. Aber gesteuert wird die Energiewirtschaft, seitens der privaten Energiekonzerne, ausschließlich nach dem Kriterium der individuellen Gewinnmaximierung. Marx nennt das den kapitalistischen Grundwiderspruch, den Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung.

Man kann lange Listen von, gemessen an der Realität, vollkommen abwegigen Voraussetzungen aufstellen (siehe isw-forschungsheft 4, S. 18 ff.). Besonders interessant ist aber der Kern der Theorie. Nämlich: Was sagt die Theorie, wie geht die Herstellung des Gleichgewichtes vonstatten? Walras hat zur Verdeutlichung die Vorstellung eines Börsenauktionators ins Spiel gebracht. Dieser ruft für die Aktien, die er verwaltet, Anfangskurse aus, sammelt dann die eingehenden Angebote und Nachfragen, die zunächst sicher ungleichgewichtig sind, ruft dann neue, korrigierte Preise aus, erhält dann neue Angebots- und Nachfragemeldungen. Diese werden immer noch nicht im Gleichgewicht sein, was eine wiederum neue Anpassungsrunde nach sich zieht usw., im Grunde eigentlich unendlich viele solche Runden. Dieses Vorgehen ist es, das durch die genannten Differentialgleichungen beschrieben werden soll.

Völliges Fehlverständnis wirklicher Marktprozesse

Diese Auktionator-Vorstellung ist ein schönes Bild, weil man an ihr zeigen kann, welch eigentlich unglaublich lächerliche Annahmen und welch abwegige Schlussfolgerungen diese auf Anhieb vielleicht plausible Vorstellung mit sich führt. Ich greife drei Punkte raus:

  1. Der Marktmechanismus, das Abstimmen von Preisen und Mengen braucht im realen Leben Zeit. Die Theorie lässt aber Käufe und Verkäufe nur zu Gleichgewichtspreisen zu – das sind Preise, bei denen Angebot und Nachfrage gleich groß sind. Bei den grundsätzlich unendlich vielen Anpassungsschritten) würde der Preisanpassungsprozess unendlich lange dauern, ein Güteraustausch käme also nie zustande. Daher stellt die Theorie die Voraussetzung auf, dass die gesamte Preisanpassung, also der gesamte gedachte Auktionatorprozess, mit unendlich hoher Geschwindigkeit abläuft – eine absurd unsinnige Vorstellung, gemessen an der Wirklichkeit. In diesem Fall benötigt die gesamte Preisanpassung eine Zeitspanne von Null. Im Augenblick des Beginns der Preisanpassung sind die Gleichgewichtspreise schon gefunden. In der Mathematik ist das kein Problem, weil es dort keine Zeit gibt, sondern nur logische Verfahrensschritte. Ob 2 mal 3 gleich 6 ist, ist keine Frage der Zeit. Aber es macht das völlige Auseinanderfallen von theoretischer und wirklicher Marktwirtschaft deutlich.
  2. Noch wichtiger ist ein zweiter Gesichtspunkt: Der Auktionator von Walras ist nur ein Vorstellungsbild. Aber es gibt ihn nicht wirklich. Die mathematische Logik materialisiert sich nicht in einer realen Instanz. Und daher gibt es auch niemanden, keine Instanz, die den Käufern und Verkäufern ein Signal gibt, wann Gleichgewichtspreise erreicht sind, wann sie endlich kaufen und verkaufen können. Der Wesenskern der Theorie ist aber, dass nur bei Gleichgewichtspreisen getauscht werden darf. In der Theorie ist das kein Problem, weil alle Marktteilnehmer vollkommene Information haben, also allwissend sind. In der Realität fehlt aber genau das entscheidende Gleichgewichts-Signal: der Hinweis, dass jetzt genau das Warten ein Ende hat, dass jetzt alle Preise im Gleichgewicht sind, und dass jetzt alle Käufe und Verkäufe vollzogen werden dürfen und auch müssen. Weil dieses Signal fehlt, können diejenigen Marktteilnehmer, die nicht mit vollkommener Information ausgestattet sind, unmöglich wissen, ob Gleichgewichtspreise erreicht sind bzw. wie weit man davon noch entfernt ist. Also bleibt den Marktteilnehmern in der wirklichen Welt, wenn sie denn überhaupt tauschen wollen, gar nichts anderes übrig, als bei Ungleichgewichtspreisen zu tauschen. Damit ist die Gleichgewichtslehre fundamental gebrochen. Und damit beginnt ein Ungleichgewichtsprozess.
  3. Ein Drittes, es ist das Allerseltsamste: Die Theorie (also die Stabilität der Differentialgleichungen) verlangt, dass sich während der Preisanpassung nicht nur die Preise ändern können – das ist das Bekannte –, sondern auch die nachgefragten und die angebotenen Mengen. Also auf dem Markt, während der Preisanpassung, ändern sich die Angebotsmengen. Das ist nun ein besonders markanter Widerspruch zwischen Realität und Theorie. Denn eine wirkliche Marktwirtschaft ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass Unternehmen erst nach der Produktion mit ihren Produkten auf dem Markt auftauchen und erst dort feststellen, ob ihre Produktion auf Nachfrage stößt. Dort, auf dem Markt, können sie aber gerade eben nicht mehr Menge und Art ihrer Produkte ändern. Das bedeutet, die ”Reine Ökonomie”, die eine Theorie der Marktwirtschaft sein will, verkennt hier vollständig das Prinzip einer Marktwirtschaft. So schwer vorstellbar es für Außenstehende sein mag, sogar die Theorie-Mathematiker, wenn sie ihre Ergebnisse mal interpretieren, sprechen davon, dass auf den Märkten nicht Güter, sondern stattdessen eine Art von Gutscheinen oder Produktionsversprechen gehandelt werden.

Die Ideologie: Gleichsetzung der Parallelwelt mit wirklicher Marktwirtschaft

Diese ”Reine Ökonomie” hat mit wirklicher Marktwirtschaft nichts zu tun; es handelt sich um völlig unterschiedliche Welten, trotz der gleichen Begriffe. Die Ideologie an der Sache ist nun, wenn die Neoklassiker und die Marktgläubigen ausdrücklich oder stillschweigend erklären: Wenn der Marktmechanismus in der Theorie zum Gleichgewicht führt, dann wird er in einer wirklichen Ökonomie zwar vielleicht nicht zum theoretisch Allerbesten führen, aber doch zum real Bestmöglichen. Diese Schlussfolgerung beruht auf der simplen Behauptung, dass diese ”Reine Ökonomie” einer wirklichen Marktwirtschaft ähnelt, dass die Theorie die Realität erklärt: eine total falsche Behauptung, wie ich erläutert habe und was man noch an vielen weiteren Punkten belegen kann. Unter dieser Behauptung werden Aussagen, Schlussfolgerungen und Rezepte aus der ”Reinen Ökonomie” umstandslos auf die wirkliche Marktwirtschaft übertragen. Wer intellektuell sauber argumentiert, der muss anerkennen, dass die neoklassische Markttheorie eben nicht die Theorie einer realen Marktwirtschaft darstellt. Sie bietet daher eben keinen Beweis für Gleichgewicht und Optimalität etc. einer realen Marktwirtschaft. Und die alltäglichen Erfahrungen mit der Wirtschaft sprechen in der Tat ja auch eine völlig andere Sprache als die theoretische Gleichgewichtsbeschreibung.

Das Ungleichgewicht ist das Wesen der wirklichen Marktwirtschaft

Die Unvermeidbarkeit eines Austausches bei Ungleichgewichtspreisen: Das ist der Ausgangspunkt für eine Untersuchung der tatsächlichen Bewegungen auf wirklichen Märkten.

Eine Marktwirtschaft ist gerade dadurch charakterisiert, dass die einzelnen Produzenten ohne Absprache, unkoordiniert mit anderen und in Konkurrenz zu anderen produzieren, und dass sie systematisch erst auf dem Markt erfahren, inwiefern ihre Produktion auf gesellschaftlichen Bedarf stößt, also verkauft werden kann. Eine wirkliche Marktwirtschaft ist also immer mit einem unsicheren Ausgang für jeden Teilnehmer geprägt. Wegen dieser grundsätzlichen Unsicherheit sind ja auch die Vorstellungen eines lenkenden Auktionators und der unsichtbaren Hand eines führenden Schutzengels so attraktiv. Was passiert nun wirklich auf den Märkten? Jeder Marktteilnehmer geht mit bestimmten Erwartungen hinsichtlich seiner Kauf- bzw. seiner Verkaufsabsichten auf den Markt. Da die Gabe der Prophetie nicht zu den menschlichen Standardeigenschaften zählt, gehört das Auseinanderfallen von Erwartungen und tatsächlichen Markterfolgen zu den Alltagserfahrungen. Dieses Auseinanderfallen setzt über Korrekturen der bisherigen Erwartungen eine Ungleichgewichtsdynamik in Gang, das glatte Gegenteil des neoklassischen Stabilitätsmechanismus. Stellt der Unternehmer auf dem Markt etwa fest, dass er zuviel produziert hat, dann wird er nicht auf seine Kosten kommen:

  1. sei es, dass er zu niedrigeren Preisen mit Verlust verkaufen muss;
  2. oder sei es, dass er bei seinen Preisen bleibt und daher einen Teil der Menge nicht verkaufen kann, also auf Lager produzierte.

In jedem Fall zeigen sich überflüssige Produkte, Verluste und Vermögensvernichtung. Der Unternehmer wird als Konsequenz seine Produktion nach unten korrigieren, den neuen Erwartungen anpassen. Er wird weniger Vorprodukte einkaufen, Beschäftigte entlassen, weniger oder gar nicht mehr investieren. Wenn das – im beginnenden Konjunkturabschwung – die überwiegende Erfahrung und Reaktion der Unternehmer ist, dann kommt ein sich selbst fortpflanzender Krisenprozess in Gang. Die weiteren Folgen sind uns vertraut: Arbeitslosigkeit, Unterauslastung, Verteilungsverzerrungen, die verstärkte Konkurrenz Starker gegen Schwache. Nicht Gleichgewicht, sondern Ungleichgewicht, die Dynamik eines sich verstärkenden Auf oder Ab, die Umkehrpunkte, wenn Überproduktionen manifest sind oder tiefste Stagnationen erreicht: dies alles gehört zum innersten Wesen einer wirklichen Marktwirtschaft.

Raubbau an Mensch und Natur

Die Überlebensanstrengungen in wirtschaftlichen Problemzeiten legen den großen Imperativ der Marktkonkurrenz frei: Besser sein als die Konkurrenten, und zwar: bestmöglich sein. Das allein sichert einem Unternehmen sein Überleben auf dem Markt, und das auch nur für den Augenblick. Besser sein bedeutet billiger produzieren als die Konkurrenz und/oder früher als die Konkurrenz mit neuen attraktiven Produkten auf den Markt kommen (Alleinstellungsmerkmal). Dies führt zu einem in früheren Gesellschaften nie da gewesenen Zwang,

  1. produktive neue Techniken und attraktive Produkte zu erfinden und weiter zu entwickeln: das ist in gewisser Weise die positive Seite der Entwicklung der Produktivkräfte, die von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest breit gewürdigt wurde,
  2. und zudem den Ausbeutungsdruck auf die Beschäftigten und auf die Natur (das sind für eine Marktwirtschaft die Bodenschätze als Materialquelle und die Umwelt als Müllsenke) höchstmöglich zu setzen.

Diese andauernd erhöhte Anspannung hat Folgen: In einem nie da gewesenen Ausmaß klagen die Menschen, auch schon die Schulkinder, über Stress. Die Angst zu versagen, die Angst, nicht mehr mithalten und die Anforderungen nicht mehr erfüllen zu können, die Angst vor der Arbeitslosigkeit und vor dem 5 Abrutschen beherrscht immer mehr Menschen. Diese Angst ist wohl begründet: in den meisten Ländern der Welt verschärft sich die Einkommensverteilung zugunsten der Reichen, zulasten der Armen. Einer vergleichbaren Überbeanspruchung wie die menschlichen Ressourcen unterliegen auch die Naturschätze. Weit über alle Regenerations- und Nachhaltigkeitsgrenzen hinaus plündert das kapitalistische Weltsystem die natürlichen Vorräte, von den Metallerzen und Energien über die Süßwasservorkommen und die Fischbestände in den – nur vermeintlich – unendlichen Weltmeeren bis hin zur natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Zurück bleibt ein zugemüllter Planet, bleiben riesige Kosten und Lasten für künftige Generationen. Extremausbeutung statt Gleichgewicht.

Ein Staat wird notwendig

Nun funktioniert also die reale Marktwirtschaft dermaßen entschieden anders als die harmonischen Optimalitätsvorstellungen der Markttheoretiker, und die wirtschaftliche Freiheit der Konkurrenzstarken wendet sich dermaßen massiv gegen Schwächere; die reale Marktwirtschaft führt zu dermaßen überbordenden Defiziten und Exzessen, dass die abstrakten marktwirtschaftlichen Prinzipien von einer Vielzahl an konkreten Maßnahmen überdeckt und beschränkt werden müssen, dass also ein Staat notwendig ist. Das soll keinesfalls heißen, dass der kapitalistische Staat ein ausreichendes Korrektiv darstellt für die Ergebnisse der kapitalistischen Wirtschaft, sondern dass ein gewisses Minimum an korrigierenden Maßnahmen unerlässlich ist, um die Funktionsfähigkeit dieses Wirtschaftssystems aufrecht zu erhalten.

Ein Großteil der bestehenden wirtschaftspolitischen Institutionen und Maßnahmen wurde dazu geschaffen, um die von der realen Marktwirtschaft erzeugten Probleme ”auszugleichen”. Dazu gehören eine Vielzahl von Überwachungsbehörden und Maßnahmen wie die Gewerbeaufsicht, Bauvorschriften, Arbeitsschutzvorschriften, Monopolgesetzgebung, Banken- und Börsenaufsicht, Preisüberwachung, Produktionsverbote und -vorschriften usw. Egal, wo wir hinschauen, die reale Marktwirtschaft erzeugt an allen Ecken und Enden politischen Regelungsbedarf angesichts der Lebensmittelskandale, Wohnungsnot, Bankengaunereien, der Zerstörung der Ware Arbeitskraft, Luftverpestungen durch Chemikalien und Autos usw. Nicht nur die davon betroffenen Branchen, auch der Gesundheitsbereich plus Pharmaindustrie, die Energiewirtschaft und Rohstoffausbeutung, die Altersvorsorge und -versorgung, der Außenhandel und die Außenwirtschaft: überall würde eine Marktwirtschaft ohne umfangreiche Regelungen und Zügelungen seitens des Staates zu einem gesellschaftlichen Chaos führen. Bei allem, was irgendwie wichtig ist in der Wirtschaft, braucht man einen Staat zur Kontrolle der Marktergebnisse. Wir kennen den Begriff der ”entfesselten Märkte”. Während die Theorie beweist, dass nur die völlig entfesselten, freien Märkte die besten, optimalen Ergebnisse zeitigen, stellen die ”entfesselten Märkte” – mit Recht – eine Schreckensvorstellung für die meisten Beschäftigten und Konsumenten dar. Nur wenn die Märkte gefesselt sind, werden ihre Ergebnisse für erträglich gehalten. Darüber hinaus haben die historischen Kämpfe der Arbeiterklasse Institutionen erzwungen, die im Widerspruch stehen zum abstrakten Ideal des Marktes, die daher permanent heftig umstritten sind, die andererseits aber auch das Funktionieren der realen Marktwirtschaft stabilisieren. Aber auch wenn die reale Marktwirtschaft mit ihrer wuchernden Bürokratie mit Hunderttausenden von Paragraphen) das absolute Gegenbild der regelungsmäßig einfachen theoretischen Marktwirtschaft darstellt: Die beiden Prinzipien

  1. der erstrangigen Bedeutung der individuellen = unternehmerischen Freiheit in der Wirtschaft
  2. sowie der maximal möglichen Zurückhaltung des Staates in der wirtschaftlichen Betätigung

stellen dennoch das Leitbild dar sowohl in der laufenden marktwirtschaftlichen Agitation von Schule bis Talk- Shows wie auch bei den permanenten Überlegungen, wie weit neue Bestimmungen gehen sollen und ob bestehende Regelungen zurück genommen oder ausgeweitet werden sollen.

Kapitalfreiheit gegen soziale Gerechtigkeit

Der Begriff der ”marktkonformen Demokratie”, den die Bundeskanzlerin geprägt hat, unterstreicht die vorrangige Bedeutung der Kapitalfreiheit, vorrangig gegenüber demokratischen Grundsätzen. In diesem Begriff wird deutlich: Die Märkte sind das Fundamentale, das Konstituierende in der Gesellschaft. Die Form des Staates – Demokratie oder nicht – ist dagegen das Aufgesetzte, das Abhängige. Das erste, vornehmste Interesse des Staates ist dann die Wahrung und der Schutz des Grundlegenden der Gesellschaft: also der kapitalistischen Marktwirtschaft. Politik ist dann nicht die Wahl zwischen Möglichkeiten, sondern die Exekutive der Bedürfnisse, der Erfordernisse der Märkte. Sachzwang ist dann die Begründung für Politik. Friedrich Hayek und Milton Friedman, die Gründerväter des Neoliberalismus, sagten klar, dass die aus ihrer Sicht ausufernde Demokratie die Kapitalfreiheit gefährde, und sie fanden dagegen beide den faschistischen 6 Pinochet-Putsch in Chile 1973 begrüßenswert, der den Vorrang der Kapitalfreiheit wieder sicher stellte. Ihr Verständnis von Freiheit als die Freiheit des Kapitals, als die Freiheit des starken Konkurrenten gegenüber dem schwachen, lässt sie zu der Konsequenz kommen, soziales Verantwortungsdenken als fundamental subversive Doktrin zu brandmarken. Der Glaube an die soziale Gerechtigkeit sei dann, laut Hayek, die schwerste Bedrohung einer freien Zivilisation.

Eine aggressionsfördernde Ideologie: was macht die Marktideologie im Kopf?

Die Markttheorie geht von einem rationalen wirtschaftlichen Verhalten des Menschen aus, vom so genannten homo oeconomicus. Rational sein bedeutet in diesem Konzept: nur den eigenen Nutzen und Profit zum Ziel haben, radikal egoistisch sein. Diese Wirtschaftsordnung tut in der Tat alles, was in ihrer Kraft steht, um in der Psyche des Menschen Gier und Egoismus, Konkurrenzstreben und Aggressivität zu erzeugen, zu fördern und so dominant wie möglich gegenüber anderen Gefühlen zu machen.

Die Rechtfertigung der Konkurrenzwirtschaft kulminiert in einer Grundgewissheit: Nur durch das Niederkonkurrieren und das Niederhalten des Konkurrenzgegners (der weit davon entfernt ist, als Wirtschaftspartner wahrgenommen zu werden) kann der eigene Wohlstand, das eigene Vorankommen gesichert werden.

Die Vorstellung, dass eine Ökonomie denkbar sein könnte oder gar sein sollte, in der man auskömmliche Lebensbedingungen für alle gemeinsam bereitstellt ohne Sieg-Untergang-Konkurrenz: das kommt den Rechtfertigern nicht in den Sinn. Es entspräche in der Tat ja auch keinerlei marktwirtschaftlichen Realität. Wünsche dahingehend werden als abwegig, illusionär, durchgegangene Phantasie, nie da gewesen … zurück gewiesen, diffamiert und lächerlich gemacht.

Wirtschaftliche Vernichtungskonkurrenz wird fälschlicherweise oft mit sportlichem Wettbewerb verglichen. Bei letzterem ist das Ziel die Feststellung der Reihenfolge Bester, Zweitbester … Es gibt aus dem Sport heraus kein weiteres Interesse an Zerstörung. Ganz anders als im Sport reicht es in der Marktwirtschaft bei der Konkurrenz um Marktanteile nicht, Erster zu sein. Je größer der Abstand zum Zweiten ausfällt, desto ertragreicher fällt der Konkurrenzsieg aus. Vollkommen wird der Sieg, wenn alle anderen Konkurrenten ausgelöscht sind. Hierzu gibt es keinerlei Parallelen im Sport. Anders als der Sport ist es der Krieg, in dem mit (fast) allen Mitteln mit dem Ziel der Vernichtung des Gegners gerungen werden darf und muss. Hier sind die Parallelen zur Marktwirtschaft viel deutlicher. Ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vor einiger Zeit zur Lage der Autoindustrie benötigte fünfmal das Wort Krieg / Wirtschaftskrieg; daneben ist noch vom erobern, hinrichten, verseuchen die Rede. Richard Fuld, Chef von Lehman Brothers, sprach noch im Sommer 2008, ein Vierteljahr, bevor er seine Firma in der Finanzkrise zerstört hatte: ”Wir werden alle Menschen besiegen, die uns im Weg stehen. Es gilt, unsere Gegner zu zermalmen.“ Der Begriff der ”Ellbogengesellschaft” ist ein wahrer Euphemismus angesichts solcher Programme.

Demokratie gegen Marktwirtschaft

Zum Schluss hier ein Ansatz, aus der Kritik der Markttheorie und -ideologie drei zentrale Punkte für einen Gegenentwurf zur Marktwirtschaft heraus zu destillieren, für eine demokratisch aufgebaute Wirtschaft.

1. Wer bestimmt über die Produktion? Das ist die Kernfrage.

Der gesellschaftliche Charakter der Produktion, die wechselseitige Abhängigkeit der Produzenten, ist heute unübersehbar. Die Befriedigung der gemeinsamen gesellschaftlichen Interessen, die als externe Effekte in einer Marktwirtschaft immer den Kürzeren ziehen, wird immer wichtiger für das gesellschaftliche Zusammenleben. Damit wird auch die Forderung immer drängender, dass das WER, WAS, WO und WIE der Produktion nicht mehr nach dem Kriterium des Maximalprofits entschieden werden darf, sondern dass sich das nach gesellschaftlichen Bedürfnissen richten muss. Die einzelnen Individuen müssen sich also ihrer gemeinsamen Interessen bewusst werden – gerade auch im Umgang mit der Natur, mit den Rohstoffen und mit den Exkrementen der Produktion – und diese in bewusst gemeinsam geplanter Organisation bewältigen. Das bedeutet insbesondere, dass Produktionsmittel und Rohstofflager vergesellschaftet betrieben werden.

2. Wie bestimmen wir über die Produktion? Die reale Marktwirtschaft funktioniert ganz anders als die tolle Vorstellung der theoretischen Marktwirtschaft; das individuelle Profitmaximum geht gerade nicht Hand in Hand mit einem gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsmaximum. Sonst stünden wir nicht vor dem Risiko des Klimakollapses und wir bräuchten nicht Unsummen Steuergelder in die Sanierung der Finanzmärkte hinein zu pumpen.

Das Land braucht also eine neue Methode für das Finden, das Erörtern, das Beschließen und das  Kontrollieren und Überwachen der wirtschaftlichen Produktionsvorhaben. Diese neue Methode kann nur ein ausgeprägt demokratisches Verfahren sein unter Einbeziehung aller Interessierter und aller Personen, die davon betroffen sind. Die Demokratie muss also auf den Bereich der Wirtschaft ausgedehnt werden. In einem demokratischen Gemeinwesen muss auch für die Wirtschaft gelten, dass jeder Bürger die gleichen Möglichkeiten der Mitgestaltung der allgemeinen Angelegenheiten hat. Solidarität einzuüben und Mitbestimmung zu lernen ist ganz sicherlich ein anstrengender Prozess. Die beschränkt demokratischen Verhältnisse in unserer Gesellschaft lassen das Wahlvolk nur einmal alle vier Jahre kurzzeitig aktiv werden. Im Vergleich zu dieser erzwungenen Nichttätigkeit wird sich die (interessierte) Bevölkerung viel mehr mit Sachfragen auseinander setzen müssen und mit Mitbestimmungsverfahren: Verfahren, wie konfligierende Interessen ausgehandelt, geregelt und weiterführende Kompromisse gefunden werden können; wie die gemeinsamen Interessen in der Menge der einzelnen Interessen zu erkennen und zu bewerten sind.

3. Das langfristig vielleicht Wichtigste: die Veränderung des Bewusstseins. Mehr als alle anderen Gesellschaftsformen erzeugt die kapitalistische eine tief verwurzelte Abhängigkeit vom Warenbesitz. Hervorgerufen und verstärkt wird diese Abhängigkeit durch zwei Ursachen:

Die Kommerzialisierung aller menschlichen Beziehungen. Die tiefe Entwurzelung der Menschen in dieser Gesellschaft, ihre Zurichtung hin zu einem homo oeconomicus, zu einer isoliert lebenden und gegen alle konkurrierenden Nutzenmaximierungsmaschine, bewirkt als eine menschliche Reaktion darauf eine Sehnsucht nach Wertschätzung, Eingebundensein und Zugehörigkeit, die von der Warenwerbung zwar versprochen wird, aber von den Waren natürlich nicht gehalten werden kann, so dass die Enttäuschung neue Sehnsucht hervorruft.

Der Verlust an Selbstwertgefühl: er ist bedingt durch die intensive Erfahrung, einer ausgeprägten Hierarchie und autoritären Kontrollen – vor allem in Schule und Betrieb – unterworfen zu sein. Und er ist auch bedingt durch die Erfahrung, einer oft als bedrückend bis hoffnungslos empfundenen Konkurrenz gegen alle ausgeliefert zu sein. Diese Erfahrungen rufen das Verlangen hervor, wenigstens im Konsumbereich das Selbstwertgefühl durch Warenbesitz wieder etwas aufzupolieren.

Diese Mechanismen erzeugen ein Verhalten und verstärken es auch, das umweltfeindlich ist, weil konsummaximierend. Moralische Appelle und bloße Anmahnungen von umweltgerechterem Verhalten werden nicht viel nützen. „Diese Forderung, das Bewusstsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es … anzuerkennen“. Mit diesem Satz weist Marx den Ansätzen, das Bewusstsein unabhängig von den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten zu ändern, eine faktisch systemstabilisierende Funktion zu. Nachdem Bewusstsein und Verhalten vom objektiven Sein der Gesellschaft geprägt sind, und nachdem eine menschlichere und umweltgerechtere Gesellschaft nur über bewusstes Handeln für dieses Ziel erreichbar ist, müssen Änderungen der Gesellschaft parallel laufen und einhergehen mit Änderungen des Bewusstseins und des Verhaltens. Um eine nachhaltige Wirtschaft zu erreichen, wird sich das Bewusstsein allerdings mit Sicherheit sehr stark verändern müssen – weg von der marktwirtschaftsgeprägten, rein auf das Individuum konzentrierten Nutzenmaximierung.

Mehr zum Thema:

  • Franz Garnreiter: Der Markt. Theorie – Ideologie – Wirklichkeit. Eine Kritik der herrschenden Wirtschaftsideologie, isw-forschungshefte 4, Juli 2010 (https://www.isw-muenchen.de/forschungshefte40.html)
  • Franz Garnreiter: Gleichgewicht und Selbstregulierung – die Ideologie und Zwangsvorstellung der Markttheorie, in: WASG: Was ist eigentlich neoliberal?, März 2011 (https://wolfgang-abendrothstiftungsgesellschaft- wasg.de/attachments/File/Neoliberalismus_Broschuere.pdf)
  • Franz Garnreiter: Mit ”grüner” Marktwirtschaft zu einer naturverträglichen Wirtschaft? isw-Kommentare, November 2012 (https://www.isw-muenchen.de/download/gruene-mw-fg-20121130.pdf)