Divergenz in der Eurozone: Wie wirkt eine Währungsunion?

 Zeichnung: Bernd Bücking, entnommen aus: isw report 29, S. 22
Zeichnung: Bernd Bücking, entnommen aus: isw report 29, S. 22

Neulich, im Autoradio, hörte ich die kurze Meldung, irgendein offizielles Gremium der EU habe einen Bericht vorgelegt, wonach sich die Hoffnung auf eine Angleichung der Lebensumstände in Europa durch die Einführung des Euro nicht erfüllt hat. Länder wie Spanien, Portugal und auch Italien konnten entweder nicht zu den reicheren Ländern aufschließen oder sind sogar zurückgefallen. Der Rest ging in leicht höhnischem Gelächter unter. Welch eine Überraschung!

Seit einiger Zeit häufen sich also auch in der „Fachwelt“ die Hinweise auf ein ökonomisches Auseinanderdriften in der Währungsunion. Wir erinnern uns aber noch gut, wie damals, bei der Euro-Einführung, die meisten Mainstreamökonomen ein rasches Zusammenwachsen prognostiziert hatten. Aber so ist das eben mit Vorhersagen der Mainstreamler. Grund genug, einmal weg zu gehen von aktuellen Griechenland-Dramen und der üblichen Banken- und Finanzmarktakrobatik und sich anzusehen, was denn nun eigentlich fundamental geschieht, wenn man eine Wirtschafts- und Währungsunion schafft.

Was Sie hier also nicht lesen werden, sind die üblichen „Analysen“ zum Thema Verschuldung und Verschuldungskrise, weil es sich dabei meistens nur um eine leider weitverbreitete Verwechslung von Ursache und Wirkung handelt.

Währungsunion

Was in einer Währungsunion passiert, ist erst einmal trivial: Die nationalen Währungen fallen weg und somit auch die Wechselkurse. Woraus wiederum resultiert, dass unterschiedliche Entwicklungen der Produktivität und der Preise nur durch Anpassung der Arbeitskosten ausgeglichen werden können. Was wiederum voraussetzt, dass es ausrausreichend flexible Löhne und Gehälter gibt, um eine rechtzeitige Anpassung zu ermöglichen.

Und so gehen auch alle mir bekannten Theorie-Modelle von einer schnellen, zeitgleichen Anpassung der Arbeitskosten aus. Ändert sich in so einem Modell das relative Verhältnis von Produktivität zu Arbeitskosten, reagieren die Arbeitskosten unmittelbar. (Siehe dazu etwa die Theorie des relativen Lohnes, in der sich ein relativer Gleichgewichtslohn mit einer stabilen Arbeitsteilung bei Vollbeschäftigunug herausbildet (vgl. Krugman/Obstfeld/Melitz: Internationale Wirtschaft, S. 77ff). Andernfalls könnte man auch schlecht von einem „stabilen Gleichgewicht“ sprechen.

Nun gibt es aber in der EWU keine Scala Mobile, mit der die Löhne an die Produktivitätsentwicklung der jeweiligen Volkswirtschaft gekoppelt wären. Zwar versuchen Gewerkschaften in ihren Verhandlungen Produktivitätsfortschritte einzupreisen, was aber nicht sagt, dass das gelingt. Und den Arbeitsmarkt wie einen Kartoffelmarkt zu betrachten, auf dem Angebot und Nachfrage mal schnell eine entsprechende Übereinstimmung herbeiführen könnten, ist eine seltsam unrealistische Vorstellung, auch dann, wenn ihr sämtliche Mainstreamökonomen regelrecht verfallen sind. Eine realistische Annahme über Lohnentwicklungen wäre es doch eher, dass sich Entwicklungen am Arbeitsmarkt, wie beispielsweise eine zunehmende Arbeitslosigkeit, zwar auswirken, aber zeitlich verzögert.

Und schon alleine dadurch entwickelt sich in einer Währungsunion etwas völlig anderes, als von den Mainstreamlern prognostiziert.

Unterschiedliches Produktivitätswachstum

Eine Grundannahme für alle weiteren Überlegungen lautet: In unterschiedlichen Ländern und Regionen der Eurozone existiert ein unterschiedliches industrielles Produktivitätswachstum. Begründet ist diese Annahme damit, dass in unterschiedlichen Regionen Wissenschaft und Forschung unterschiedlich entwickelt sind. Regionen mit einer hohen Wissenschafts- und Forschungsintensität unterstelle ich mehr Innovationen und ein schnelleres industrielles Produktivitätswachstum.

Die Unterschiede in der F&E-Intensität sind empirisch belegt und wohl nicht erstaunlich. Beispielsweise haben Länder wie Deutschland, Österreich und die Niederlande deutlich höhere F&E-Anteile am BSP als Italien, Spanien oder Portugal. Dementsprechend zeigen Daten über die Produktivitätsentwicklung der Industrie in den EWU-Ländern, dass Deutschland und die Niederlande, aber auch Frankreich, über dem EWU- Durchschnitt liegende Produktivitätssteigerungen aufweisen (vgl. auch: Internationaler Vergleich der Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung und Entwicklung von Wertschöpfung, Arbeitsinput und Produktivität).

Produktivitätsschere

Daraus entsteht ein „Anpassungsbedarf“, der, wie oben beschrieben, in Ermangelung eines Wechselkurses von den Löhnen erfüllt werden müßte. Empirisch deutet allerdings tatsächlich vieles darauf hin, dass die Anpassung der Arbeitskosten an Veränderungen des Arbeitsmarktes und der Produktivität verzögert, oft durch politische Eingriffe, oder gar nicht erfolgt.

Für die ökonomische Entwicklung bedeutet das Folgendes:

Eine relative Produktivitätserhöhung in Land X führt zu einem Preisvorteil bei den Produkten von X. X übernimmt Marktanteile des Auslands. X baut Exportüberschüsse auf und zerstört damit Arbeitsplätze im Ausland. Diese „Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ hat nichts mit der Realisierung komparativer Vorteile zu tun. Die Theorie des komparativen Vorteils geht von einer Arbeitsteilung bei ausgeglichenen Handelsbilanzen und bei Vollbeschäftigung aus. Also ungefähr vom Gegenteil des hier Skizzierten. (Wir kommen später noch einmal auf dieses Thema.) Dieser Prozess kommt auch dann noch nicht zum Erliegen, wenn die Lohnanpassungen an das Produktivitätswachstum erfolgt sind. Die bis dahin erzielten Preisvorteile bleiben bestehen und die Marktanteile hätten sich zugunsten von X verändert.

Kann dieses Szenario einer „nachhinkenden Lohnanpassung“ dauerhaft sein? Das würde bedeuten, dass das Wachstum der Produktivität dauerhaft über dem Lohnwachstum liegt. Empirisch müsste also das Produktivitätswachstum langfristig prozentual höher sein als das Lohnwachstum und sich eine „Produktivitäts-Lohn-Schere“ ergeben. Damit einher ginge ein Sinken der Lohnstückkosten. (In der Theorie käme kein relativer Gleichgewichtslohn bei Vollbeschäftigung und stabiler Arbeitsteilung zustande, sondern die relative Durchschnittsproduktivität von Land X über dem relativen Gleichgewichtslohn läge.) Einen Hinweis darauf, dass eine solche Konstellation möglich sein kann, liefern die Leistungsbilanzüberschüsse in der EWU und die Entwicklung der Lohnquote.

Trotz wackeliger Konzepte zur Messung der industriellen Produktivität liegen auch einige Studien vor, die diese Produktivitätsschere direkt nachweisen. So stieg zum Beispiel nach DIW-Wochenbericht 33/2014 die Bruttowertschöpfung der Industrie in Deutschland von 2003 – 2011 nominal um +2,6% p.a., die Arbeitsentgelte (Brutto + Sozialbeiträge ) um nur +1,8%.

Bereits seit Anfang der 1970er Jahre liegt in Deutschland das Wachstum der Stundenproduktivität teilweise deutlich über dem BIP-Wachstum. Zwar ist diese Differenz seit der Wiedervereinigung kleiner geworden, dürfte bei einer gesonderten Betrachtung der Industrie aber immer noch signifikant vorhanden sein. All diese Daten beschreiben eine „Produktivitätsschere“.

Überdies läßt sich auch kein auf ein „Gleichgewicht“ hinstrebender Prozess ausmachen, der diese Schere beseitigen würde. Ein solches Gleichgewicht würde sich unter unseren Annahmen dann einstellen, wenn die Löhne in den Ländern mit schwacher Produktivitätsentwicklung so stark sinken, dass die niedrigeren Arbeitskosten die Produktivitätsnachteile kompensieren würden. Allerdings: Es gibt keine Obergrenze für die Produktivitätszuwächse in den produktivitätsstarken Ländern, aber sehr wohl eine Untergrenze bei der Lohnsenkung in den schwachen Ländern, nämlich spätestens das Existenzminimum.

In den Theoriemodellen wird die rasche Gehaltsanpassung und Herstellung eines Gleichgewichts durch eine zunehmende Nachfrage nach Arbeit (in den Überschussländern) begründet. Auch diese Annahme ist nicht zwingend. Da industrielle Produktivitätssteigerungen immer auch „arbeitssparend“ wirken, kann sich dieser Effekt weitgehend aufheben.

Der zentrale Begriff dieser Überlegungen ist die „Produktivitätsschere“. Ich behaupte, dass Länder/Regionen mit hoher industrieller Produktivität (gebunden an einen hohen industriellen Kapitalstock) und hoher Produktivitätsdynamik (schnelles Produktivitätswachstum) in einer Währungsunion bessere Möglichkeiten und größere Spielräume haben, durch eine Lohn-Produktivitätsschere dauerhaft Wettbewerbsvorteile aufzubauen. (Deutschland, Österreich und die Benelux-Länder haben das getan!) Länder mit niedrigerer Produktivität und niedriger Produktivitätsdynamik haben diese Möglichkeit eher nicht.

Eine Anpassung durch flexible Arbeitskosten findet also nicht ausreichend statt. Kostenvorteile und Preisvorteile bleiben erhalten und führen zu langfristigen divergenten Entwicklungen.

Konkurrenzmuster und Arbeitsteilung in der Währungsunion

Preisvorteile gibt es nur bei gleichen Waren oder Warengruppen. Eine Firma, die Tomatenmark herstellt, kann einen Preisvorteil gegenüber einem anderen Tomatenmarkproduzenten haben, aber nicht gegenüber einem Hersteller von Aluminiumtüren. In der Preiskonkurrenz stehen zunächst einmal Unternehmen mit gleichen oder ähnlichen Produkten und in Folge davon Regionen mit einer ähnlichen Produktpalette. Zu welchen konkreten Resultaten unterschiedliche Produktivitätsentwicklungen in der EWU führen, hängt demnach von den Produktionsstrukturen und der industriellen Arbeitsteilung der europäischen Länder/Regionen ab.

Ein erster Blick auf die industrielle Struktur verblüfft: Auch Holland produziert Tomaten, auch Portugal exportiert Autos und Maschinen und in Italien gibt es neben Ferrari auch noch Textilproduktion. Eine deutliche Arbeitsteilung nach Produkten lässt sich nur schwer ablesen. Selbst Griechenland hatte übrigens bis vor kurzem noch einen Maschinenbausektor und stellt chemische und pharmazeutische Produkte her. Die Ansicht, Griechenland würde mit Deutschland in keiner ökonomischen Konkurrenz stehen und Deutschland deshalb mit der Griechenlandkrise nichts zu tun haben, ist demnach etwas wackelig.

In der EWU konkurriert jeder mit jedem. Sicherlich nicht in allen Produkten – bekanntlich stellt Griechenland weder Autos noch Flugzeuge her – aber jedes Land hat Produktgruppen, die auch in vielen anderen EWU-Ländern vorkommen.

Eine klassische Arbeitsteilung nach Ricardo (England produziert Tuch und Portugal Wein) gibt es in der EWU – bisher – nicht. Ich möchte das noch etwas illustrieren: In Ermangelung von exakten Angaben darüber, welche Produkte in jedem einzelnen EWU-Land hergestellt werden, nehme ich eine Aufstellung der EU-Kommission zu Hilfe, in der die „Revealed Comparative Advantages“ der Europäischen Länder aufgelistet werden. Bei Produkten mit einem RCA über 1 hat ein Land bei der Herstellung dieses Produktes eine messbare Spezialisierung. Dieser Aufstellung können wir entnehmen, dass Deutschland einen komparativen Vorteil bei beispielsweise Metallverarbeitung (metal products) hat. Spezialisierungen in diesem Bereich haben außerdem die Euroländer Österreich, Finnland, Italien, Luxemburg, Portugal, die Slowakei und Spanien. Auf pharamazetische Produkten spezialisiert sind neben Deutschland Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien und Lettland (EU Industrial Structure Report 2013/2015). Die Beispiele lassen sich fortsetzen.

Trotzdem kann es ja aber nicht sein, dass zwischen der portugiesischen (oder griechischen) und der deutschen Ökonomie keine Unterschiede und keine, wenigstens partielle, „Arbeitsteilung“ bestehen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Ressourcenausstattung: In Deutschland wird deutlich kapital-, technologie- und wissenschaftsintensiver produziert als in Portugal. Ein Indikator dafür ist die Kapitalausstattung pro Kopf. Während in Portugal einem Beschäftigten durchschnittlich 60.000 € Kapitalstock zur Verfügung stehen, sind es in Deutschland 140.000 €.

Nicht überraschenderweise stützt das nebenbei die Annahme, dass ein hohes Produktivitätswachstum mit einem hohem Kapitalstock einhergeht.

Kapital- und technologieintensive Produkte werden also vor allem von Ländern mit hohem Kapitalstock produziert. Da aber offensichtlich auch in den Bereichen der mittleren Kapital- und Technologieintensität konkurriert wird, entwickeln sich auch in diesen Produktsegmenten Preisvorteile für die kapitalreichen Länder.

Diese Konstellation führt zu einer partiellen Entindustrialisierung der Länder mit niedrigem Kapitalstock.

So hat sich die Industrieproduktion in Spanien zwischen 2000 und 2015 um rund 20% reduziert, in Portugal in einem ähnlichen Umfang. In Griechenland sank sie um rund ein Viertel, in Italien um rund 15%, in Frankreich um ca. 10%. In Deutschland, Österreich und in den Beneluxländern stieg die Indutrieproduktion im selben Zeitraum dagegen deutlich, in Deutschland beispielsweise um 22% (vgl. dazu Südeuropa: Industrieproduktion im September 2014, Eurozone: Industrieproduktion August 2014 und Westeuropa: Industrieproduktion im September 2014).

Eine Ausnahme dazu müssen wir anführen. Die Slowakei hat im den vergangenen Jahren Industrieproduktion nicht verloren, sondern aufgebaut. Sie ist ein Beispiel für eine ausgelagerte Werkbank. Deutsche, französiche und auch japanische KFZ-Hersteller haben in der Slowakei mit der Auslagerung von Teilproduktionen einen neuen internationalen Produktionsstandort der Automobilindustrie geschaffen. (Die Entwicklung von „Werkbänken“ möchte ich aus Gründen der Übersichtlichkeit der Argumentation hier vorerst nicht weiterverfolgen.)

Mit einer klassischen Arbeitsteilung nach Faktorproportionen und komparativen Vorteilen hat das alles nichts zu tun. Eine solche Arbeitsteilung würde eine ausgeglichene Handelsbilanz bei gegenseitiger Vollbeschäftigung beinhalten. Im guten alten „Samuelson“ steht dazu der Merksatz: Es „kann kein Land bei Freihandelsgleichgewicht bei allen Gütern unterboten werden“ (vgl. Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre, Band II, S. 392).

Ganz im Gegenteil dazu ist es in unserem Szenario sehr wohl möglich – zumindest im Bereich der handelbaren Gütern – ein Land bei allen Gütern zu unterbieten. Die Gründe dafür haben wir skizziert: Die Anpassungsmechanismen Wechselkurs und Lohnkosten fehlen. Wir haben in der Währungsunion also kein stabiles Gleichgewicht im Sinne der Theorie, sondern ein anhaltendes Ungleichgewicht mit Handelsbilanzüberschüssen und Defiziten mit Deindustrialisierung und mit Arbeitslosigkeit in den schwächeren Länder. (Dass die Handelsbilanzüberschüsse dabei schrumpfen müssen, ist logisch, führt aber nicht in ein Gleichgewicht.)

Zu den Wirkungen der „Produktivitätsschere“ treten außerdem positive Skalenertäge hinzu. Je mehr Marktanteile ein Land auf sich zieht, desto eher kann es positive Größeneffekte realisieren (siehe auch: Verdoorn-Zusammenhang). Nehmen im Verlauf der Marktkonkurrenz die industriellen Marktanteile des Landes X zu, würde das somit in einen stabilen Vorsprung vor anderen Ländern münden.

Durch die Produktivitätsschere gewonne Wettbewerbvorteile setzen sich also durch. Sie führen zur Entindustrialisierung der schwächeren oder teureren Länder.

Kapitaltransfer, Investitionen

Dieses Bild vervollständigt sich bei einer Betrachtung der Investitionsquoten: Der Kapitalfluss von Produktivkapital in die Länder mit niedrigem Kapitalstock ist offensichtlich qualitativ und quantitativ begrenzt und unzureichend. Zwar floss seit Beginn der EWU viel Kapital in die schwächeren Länder, aber in der Regel nicht in produktive Anlagen. Die Kredite wurden eher für konsumtive Zwecke und Infrastrukturen verwendet. Warum aber fließt nicht, wie von der Mainstreamtheorie erwartet, massenweise Produktivkapital in diese Länder und Regionen?

In der herkömmlichen Theorie kann man betriebswirtschaftlich oder auf Grundlage der Wachstumstheorie argumentieren:

  • Kapital fließt in kapitalärmere Regionen, weil dort die Löhne niedriger sind. Wenn also eine Investition wahlweise im Hochlohnland oder im Niedriglohnland getätigt werden kann, wäre sie im Niedriglohnland immer profitabler. Voraussetzung: Gleiche Technik, gleiche Qualifikation, vergleichbare Infrastrukturen.
  • Das Gegenargument ist simpel: In der Realität bestehen durchaus Unterschiede in Qualifikation und Infrastrukturen. „Produktivitätsinseln“ funktionieren in aller Regel nicht besonders produktiv.
  • Außerdem: Niedrige Arbeitskosten führen dazu, (betriebswirtschaftliche Produktionsfunktion) dass mit einem höheren Anteil an Arbeit und einem niedrigenen Anteil an Kapital oder mit technisch weniger modernem Kapital produziert wird.

Daraus ergibt sich aber wiederum, dass der Kapitalfluss in den Süden begrenzt ist und nicht zur Konvergenz führt. Neue Produkte mit neuen Technologien werden unverändert im Norden mit qualifizierter Arbeit hergestellt. Hier wird der in der Außenwirtshaftstheorie von J. Viner formulierte Zusammenhang wichtig, dass bestimmte Produkte eine bestimmte Relation von Arbeit zu Kapital erforderen. So ist es etwa schlecht möglich, ein modernes Auto mit viel billiger Arbeit unter Zuhilfenahme von Hammer, Amboss und Blasebalg zu produzieren.

Anders formuliert, werden Investitionen in Niedriglohnländer in die Herstellung von Produkten mit einem hohen Lohnkostenanteil und einer niedrigeren technischen Komplexität fließen. Die Annahme, dass niedrige Arbeitskosten zu hohen Investitionen führen kehrt sich damit um: Gerade weil die Löhne niedrig sind, wird wenig investiert.

Zusätzlich ergeben die oben beschriebenen Konkurrenzmuster, dass auch Teile der Produktion auf mittlerer technischer Ebene der Konkurrenz unterliegen und die kapitalärmeren Regionen trotz niedrigere Löhne auch hier zunehmend Konkurrenznachteile haben. Wenn die Absatzerwartungen der spanischen Metallverarbeitung zurückgehen, weil die deutsche oder österreichische Konkurrenten kostengünstiger sind, kann niemand einen Investitionsboom in dieser Branche erwarten. Hier spielt die Währungsunion ihre Rolle: Bei Märkten, die einen Importschutz durch die Existenz eines eigenen Wechselkurses haben, sind die Möglichkeiten, intern Kapital zu erschliesen, eindeutig besser. Der Schutz des Wechselkurses, die Möglichkeit der Abwertung, würde den Konkurrenzdruck mildern und Investitionen rentabler machen. Was die wiederum die Annahme stützt, dass sich in der Währungsunion eine ungleichgewichtige Arbeitsteilung in technisch hochwertige und technisch niederwertigere Poduktionen ergibt, bei denen die Länder mit niedrigerer Produktivitätsdynamik Teile ihrer bisiherigen Industrieproduktion, die dort ab den 1970er Jahren aufgebaut wurde, wieder verlieren.

Die eher volkswirtschaftlich-wachstumstheoretische Argumentation des Mainstreams bezieht sich auf abnehmende Grenzerträge bei zunehmendem Kapitaleinsatz und folgert daraus, dass die höheren Grenzerträge im Süden Kapital dorthin fließen lassen. Diese Argumentation hat mich verblüfft, da früher, wie ich mich dunkel erinnere, in den meisten VWL-Lehrbüchern durchaus kritisch angemerkt wurde, dass dieser Ansatz ohnehin nicht aufrecht zu erhalten ist. Wenn ich die arg zurechtkonstruierte Grenznutzentheorie jemals richtig verstanden habe, funktioniert diese Erklärung selbst innerhalb des Theoriegebäudes nur dann, wenn man Kapital rein wertmengenmäßig versteht: In Land A hat der durchschnittliche Arbeiter 60.000 € Kapitalausstattung, im Land B 120.000 €. Wenn sich Kapital aber nicht nur wertmäßig, sondern auch technisch-qualitativ unterscheidet, muss es keinen abnehmenden Grenzertrag mehr geben. Wenn die 120.000 € Kapital die Einführung neuer Technologen beinhalten, dann kann das Grenzprodukt auch steigen.

Womit wir wieder bei der economy of scales wären. Oder anders formuliert: Der EU-Binnenmarkt führt zu einer Konzentration von Industriekapital in einigen Zentren des Nordens. Das hat wenig mit „schlechter Wirtschaftspolitik“ in den Südländern zu tun, sondern ist die Gesetzmäßigkeit eines gemeinsamen Marktes und einer Währungsunion mit unterschiedlichen Produktivitätsgraden und Produktivitätsentwicklungen.

Fazit und offene Fragen

Ein erstes Fazit lautet also:

Die weitgehend deregulierten Märkte in der Eurozone ermöglichen Lohn-Produktivitätsscheren zugunsten von Ländern mit vergleichsweise hoher Produktivität und hohem industriellen Produktivitätswachstum. Auf Basis der Produktions- und Spezialisierungsstruktur in der Eurozone führen die dadurch erzielten Preisvorteile zu einer (teilweisen) Deindustrialisierung der schwächeren und teureren Länder. Dieser Verlust an industrieller Wettbewerbsfähigkeit zieht einen niedrigen Kapitaltransfer, niedrige interne Investitionsquoten und einen unzureichenden Technologietransfer nach sich. Dadurch werden die Divergenzentwicklungen in der Währungsunion strukturell verstärkt.

Fragen

Bleibt die Frage, wo dieser Prozess haltmacht. Ich habe oben die Ansicht geäußert, dass es kein „Gleichgewicht“ gibt, in dem die Produktivitätsschere aufgehoben wird. Aber natürlich gibt es Endpunkte eines Deindustrialisierungsprozesses – er ist schlimmstenfalls dann beendet, wenn es im Land/in der Region Y keine Industrie mehr gibt.

Allerdings beinhaltet die Divergenzentwicklung der Währungsunion Handelsbilanzungleichgewichte und damit zusammenhängend Auslandsverschuldung. Regionale Deindustrialisierungsprozesse sind theoretisch auch ohne Handelbilanzungleichgewichte vorstellbar – in der Praxis waren sie bisher allerdings damit verbunden. Kreditfinanzierte Handelsbilanzdefizite sind aber dauerhaft nicht aufrechtzuerhalten. Wo und wie genau sich eine Art “stabiles Ungleichgewicht“ herausbildet, ist eine offene Frage.

Ebenfalls nicht in dieser Skizze enthalten ist das Thema „Werkbänke und Wertschöpfungsketten“. Und ebenso fehlt die Betrachtung der Eurozonen-Außenbeziehungen. In einigen Aufsätzen kritischer Ökonomen findet sich die Einschätzung, dass die Deindustrialisierunge der europäischen Südländer viel mit der Billiglohnkonkurrenz aus Asien zu tun hat. Und damit, lieber Leser und kritischer Ökonom, würde ich Dir gerne den Auftrag erteilen, darüber nachzudenken und uns zu sagen, wo das alles noch hinführt.

Dr. Roland Charles Pauli, Wirtschaftswissenschaftler. isw-Mitarbeiter von 1990-1998.